Endlich aussteigen

Schon der Name! Altmühltal. Klingt wie ein fast vergessenes Stückchen Erde. Unsere Autorin fährt seit Jahren mit dem Auto daran vorbei und wusste immer: Einmal im Leben muss ich hier rechts rausfahren und die Reise auf dem Wasser fortsetzen.

Erstens: Irgendwann machte in meiner Heimatstadt jeder Teenager eine romantische Bootstour zu zweit auf dem See im Stadtwald. Bei mir tat das Boot, was es wollte, drehte sich ständig um sich selbst und schlingerte im Zickzack über den See.

Ich bin dann nicht mehr rudern gewesen. Es war mir zu peinlich, mich so blöd anzustellen. Und es war mir zu blöd, mich auf die Jungs zu verlassen. Aber schade fand ichs schon, mich auf dem Wasser kaum bewegen zu können.

Zweitens: Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten 15 Jahren auf der Autobahn von München nach Norden gefahren bin. Ich weiß aber, dass ich fast jedes Mal gedacht habe: »Das Altmühltal soll ja so schön sein.«

Das Altmühltal also, nach dem Flüsschen benannt, das sich mittendurch schlängelt, liegt näher an Ingolstadt als an Nürnberg, es ist einfach zu nah an München, um dort Pause zu machen. Oder gar Urlaub. Ich bin nie da gewesen. Aber schade fand ichs immer.

Jetzt war ich endlich dort. Denn auf der Altmühl, heißt es, kann man sehr schön eine Bootsreise machen. Also rudern lernen, ein für alle Mal, dachte ich. In einem Zwei-Tage-Crash-Kurs, nur autodidaktisch, etwas mehr als 30 Kilometer in zwei Tagen: von Treuchtlingen über Solnhofen bis nach Dollnstein.

Wobei mir erst einmal beigebracht werden musste: Man rudert nicht auf der Altmühl. Man paddelt. Der Unterschied zwischen Rudern und Paddeln: Gerudert wird rückwärts und gepaddelt vorwärts. Gerudert wird in Booten, gepaddelt wird in Kanus und Kajaks, und ich hatte Kanus vorbestellt, eines für mich, eines für den Fotografen.

Sven, der uns die Boote morgens nach Treuchtlingen brachte, von wo wir aufbrechen wollten, merkte natürlich schnell, wie ahnungslos ich war. Ich hatte mir nämlich auch vorgestellt, dass wir jeder ein Kanu fahren würden. Sven, belustigt: »Wie geübt seid ihr denn?« Kopfschütteln. »Wenn ich euch eins empfehlen darf: Nehmt nur ein Boot. Es ist ziemlich anstrengend, ein Kanu allein zu fahren. Man muss mit dem Paddel ja ständig die Seiten wechseln.«

Wir nehmen ein Boot. Gleichzeitig mit einer Horde Abiturienten 2012, die sich und mehrere Kästen Bier auf ein paar Kanus verteilen und einander ständig rammen, als wären sie im Autoscooter, sausen wir los, jeder mit einem Paddel, man taucht es immer abwechselnd ein. Bald schon entwickeln wir sportlichen Ehrgeiz, überholen vier Kanus, fühlen uns super, paddeln ist ja viel leichter als rudern. Hundert Meter weiter setzt das Kanu zum ersten Mal auf. Wir stochern hilflos mit den Paddeln herum, hoffentlich sieht uns keiner. Irgendwann kommen wir weiter und haben gelernt: Da, wo sich das Wasser an der Oberfläche kräuselt, fließt die Altmühl nicht plötzlich schneller, auch wenn es so aussieht. Da ist sie nur ganz besonders flach.


Bei Indianern

Die Altmühl ist der langsamste Fluss Bayerns, also hatte ich gedacht, sie würde sich besonders gut eignen, um das Bootfahren zu erlernen. Das stimmt auch, einerseits, denn man muss sich jeden Meter hart erarbeiten. Andererseits würde manchmal ein bisschen Strömung nicht schaden. Bei Gegenwind hat man das Gefühl, der Fluss würde rückwärts fließen. Ab und zu danken wir Sven für seinen sehr, sehr guten Rat mit dem einen Kanu.

Nach einer Weile kommen wir in eine Art meditativen Durchhaltemodus. Die vielen Kanus vom Morgen haben sich so gut verteilt, dass es niemanden mehr zu überholen gibt. Also entwickeln wir neuen sportlichen Ehrgeiz: den Takt zu perfektionieren, einigermaßen synchron zu paddeln und die Paddel immer leiser einzutauchen, indianermäßig.

Wir reden immer weniger. Ich erinnere mich an ein Buch, das ich gelesen haben muss, als ich es so gerade konnte, und an das ich nie wieder gedacht habe: Ein deutsches Mädchen landet mit ihrem Mops (den ich damals total süß fand) auf abenteuerliche Weise bei den Indianern. Erst natürlich am Marterpfahl, doch weil sie so kühn ist, wird sie zur Häuptlingstochter. Und sie lernt, wie alle richtigen Indianer, aus einem Baumstamm ein Kanu zu schnitzen und lautlos zu paddeln. Damals wäre ich auch gern zufällig mitten im Abenteuer gelandet, bei den Indianern.

Aber ich komme nicht auf den Titel. Ich weiß nur noch, dass es ein Buch aus der Reihe »Kinder lieben Schneider-Bücher« war. Ich nehme mir vor, es nach der Reise zu googeln (ich habe es gefunden, es heißt Delia, die weiße Indianerin).

Wir paddeln und paddeln. Ziehen vorbei an Entenfamilien, springenden Fischen, silbergrünem Schilf, Wasserlilien, Libellen in Blaumetallic, Feldahorn und Trauerweiden, deren Äste idyllische Torbögen formen. Ein Wasserreiher flüchtet, dann liegt rechts die Burg Pappenheim. Das ist mehr als die halbe Strecke für den ersten Tag.

Pause in Pappenheim: Forelle, Müllerin Art, im »Goldenen Hirschen«. Dann paddeln wir zügig weiter, damit gar nicht erst Müdigkeit aufkommt. Abends am Campingplatz in Solnhofen deponieren wir das Kanu, trinken im Biergarten nebenan ein Radler, sind so kaputt, dass wir kaum noch sprechen wollen und verstehen plötzlich, warum Bauern nach getaner Arbeit wortlos ihre Suppe löffeln. Zum Glück tritt zufällig ein Musiker auf, WilderPilger ist sein Name, er trägt Geheimratsecken und Zopf und spielt Coverversionen von Don’t Let Me Be Misunderstood und Like a Prayer. Der Applaus ist spärlich, also scheißt er die Leute zusammen: »Ich weiß, ›passt schon‹ ist das Äußerste der Gefühle für die Franken.« Ob Beleidigtsein zum Erfolg führt?

Wir müssen zum Glück kein Zelt aufbauen, sondern gehen ins Hotel. Der Wirt im »Adler« ist auch Althippie. Er kommt aus dem Böhmerwald, und er sagt, dass er die Gäste genauso behandelt, wie er selbst gern behandelt werden möchte. Das kann dazu führen, dass er einem am Morgen noch vor dem Kaffee ein Rührei mit Kräutern und ordentlich Knoblauch vor die Nase stellt.

Die Dörfer im Altmühltal sind so, wie man sie sich vorstellt: ganz hübsche Häuser da und dort, etwas Fachwerk, weinberankt, aber alles in allem ist hier der Hund begraben. Wir paddeln richtig synchron, trauen uns sogar einmal, durch ein Stückchen Wildwasser zu steuern statt das Kanu um die Schleuse herum zu tragen.

Nach ein paar Stunden sind wir in Dollnstein. Dort steigen wir in den Zug und fahren die ganze Strecke, die wir gepaddelt sind, zurück. Das dauert 17 Minuten und könnte total frustrierend sein – wenn ich jetzt nicht paddeln könnte, und zwar im Schlaf.

KANU LEIHEN
Kanuzentrum AktivMühle, www.aktivmuehle.de. Das Kanu wird zum Start gebracht und am Ziel wieder abgeholt, was sehr praktisch ist.

ÜBERNACHTEN
Hotel »Adler«, Pappenheimer Str. 5, 91807 Solnhofen, www.adler-solnhofen.de. Herzlicher, kauziger Wirt, der einen Riesendinosaurier ins Treppenhaus gebaut hat. DZ 79 Euro.

Fotos: Julian Baumann; Illustration: Daniel Egnéus

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