Österreich

Beim ersten Mal war drei Mädchen kotzübel und sie ekelten sich vor dem Klo in der Hütte. Beim zweiten Mal war zum Glück nur dem Hüttenwirt schlecht.

Die Gaststube in der Erzherzog-Johann-Klause ist fast leer. Die zwei Bauern am Stammtisch erkundigen sich nach unserer Wanderung im strömenden Regen. Dann heben sie ihre Bierkrüge und prosten uns zu! Meine Güte, die Bierkrüge. Sie müssten inzwischen ja mindestens hunderttausend Mal gewaschen worden sein, seitdem ich und meine Familie sie vor mehr als dreißig Jahren zweckentfremdeten. Wenn es überhaupt noch dieselben sind. Also: Prost, Willi, Prost, Stanislaus!

Im Sommer 1973 waren wir eine echte Bergsteigerfamilie, zäh wie Stiefelleder. Wenn meine Freundinnen faul in Lignano im Sand lagen, marschierte ich samt Familie stramm von Hütte zu Hütte. In jenem August fingen wir uns auf der Rotwandhütte Kolibakterien ein. Am nächsten Tag fühlten wir uns zwar schwach, wanderten aber trotzdem sechs Stunden zur Erzherzog-Johann-Klause, was blieb uns schon anderes übrig. Dort sanken wir um: Vater, Mutter, drei Schwestern, zwölf, elf und acht Jahre alt; die mittlere ich. Wir kotzten wie auf hoher See. Und zwar in die Bierkrüge. Die ganze Nacht lang. Es gab nur ein einziges Klo und das stank kriminell. Nach dieser Nacht schwor ich mir, nie wieder eine Hütte zu betreten.

Jetzt bin ich, viele Jahre später, trotzdem wieder da, nicht ganz freiwillig. Alrun, mein siebenjähriges Patenkind, will mit ihrer Freundin endlich mal in einer richtigen Hütte übernachten, mit Fluss und karierten Vorhängen, »wie Heidi«. Alruns Eltern haben keine Ahnung von den Bergen. Also frage ich meine Mutter. »Warum denn nicht die Erzherzog-Johann-Klause?«, ruft sie begeistert, als wäre nie was gewesen, »ideal für Kinder! Die Strecke ist abenteuerlich – und es gibt einen tollen Fluss!« Also gut.

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Alrun und Pauline gefällt es auf der Hütte, das Wandern langweilt sie eher. Am liebsten würden sie mit dem Auto vor die knarzende Holztür fahren. Auf der Fahrt brüllen die beiden den DJ-Ötzi-Klassiker »McDonald’s, McDonald’s, Kentucky Fried Chicken and a Pizza Hut!«. Ich habe in ihrem Alter Volkslieder singen müssen. Als ich rufe: »Guckt mal, die Berge!«, antwor-tet Pauline, eine zarte Waldorfschülerin, schroff: »Der Opa von meiner Freundin ist einmal vom Berg gefallen, da war er tot.«

Wir starten am Forsthaus Valepp. Höchs-tens zwei Stunden – mehr schaffen Kinder in diesem Alter nicht, haben mich die Mütter gewarnt. Es regnet, bald gießt es. Über glatte Holzplanken geht es scharf an Schluchten entlang, einmal rutscht Pauline einen halben Meter den Hang hinunter; die Rettung gelingt, aber die Mädchen können gar nicht mehr aufhören zu heulen, weil sie jetzt wieder an den Opa aus dem Auto denken müssen. Keinen Schritt wollen sie weiter. Bis sie auf die Idee kommen, Esel zu spielen, die einen weiten Weg zum Stall haben. Das finden sie viel besser, als Kinder zu sein, die einen weiten Weg zur Hütte haben – sie trotten und trotten, ab und zu muss man sie mit Bonbons und Schokolade füttern, bis wir die Erzherzog-Johann-Klause endlich erreichen. Dick und schwer liegt sie da. Blumen am Balkon, »Schuhe immer reinigen. Euer Toni«, steht auf einer Schiefertafel.

Unsere Reservierung hat man vergessen, aber das macht nichts, denn wir sind sowieso die Einzigen, die übernachten wollen. Erleichtert zähle ich im Erdgeschoss sieben moderne Klotüren. Dann hinauf, ins Matratzenlager! »Ich stürzte direkt in meine Jugend hinein« – besser als Strindberg kann man es nicht sagen: Genau diese lausige Hühnerleiter sind wir zum Klo hinuntergewankt, klamm vor Übelkeit und Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, in genau diese rustikale Kammer zogen durchs Fenster Zwiebelschwaden aus der Küche, genau wie jetzt auch. Mir geht die Vergangenheit nach, die Mädchen haben derweil ihre Klamotten auf den Boden geworfen, barfuß und in Unterwäsche jagen sie die Treppe rauf und runter. Hütte ist toll: Alles rot-weiß kariert, der Fluss tost, draußen bimmeln die Glöckchen der Schafe.

Nur der Wirt ist komisch – aber was stört einen ein komi-scher Wirt, wenn man im Vollbesitz seiner Kräfte ist? Er guckt grimmig, als wir in der Stube Platz nehmen – so als würden wir sein privates Wohnzimmer besetzen. Ein asiatisches Mädchen huscht mit der Speisekarte herein. Schweigend auch sie. Stanislaus und Willi wissen, was der Toni hat: einen Kater. Dass so was vorkommt, bestätigt das Gästebuch. Gegen 22 Uhr beginnt Tonis Saisonkraft Frühstücksgeschirr zu verteilen. Unser Wirt macht keinen Hehl daraus, dass er seine Gäste jetzt gern los hätte; widerwillig trinken die beiden Almbauern ihr Bier aus. Ich klettere die Hühnerleiter hinauf, der Mond scheint durchs Fenster. Die Mädchen schlafen selig. Kein Magengrummeln, keine Bierkrüge. Alles ist gut.

ANREISE Die Erzherzog-Johann-Klause liegt südlich vom Spitzingsee und nördlich von Brandenberg/Tirol im Tal der Grundache auf 814 m. Mit dem Auto von München auf der A8 nach Holzkirchen, auf der B 318 nach Tegernsee, über Rottach-Egern, weiter auf der Mautstraße Richtung Forsthaus Valepp. Nach 14 km auf einem der zwei Parkplätze bei der Brennerklamm parken. Anschließende Gehzeit: eine Stunde.

HÜTTE Geöffnet von Anfang Mai bis Ende Oktober. Kein Ruhetag. Tel. 0043/53 37/ 83 46 oder 0043/663/583 36. Übernachtung mit Frühstück: rund 20 Euro.

AUSFLÜGE Zum Bayerischen Schinder, 1796 m (hin und zurück: fünf bis sechs Stunden). Zum Hinteren Sonnwendjoch, 1986 m (hin und zurück: acht Stunden). Oder zur Guffertspitze, 2195 m, Übernachtungsmöglichkeit in der Gufferthütte (Aufstieg: etwa sechs Stunden, teils Schwierigkeitsgrad 1).