Schärfer, bitte!

Ein kulinarischer Spaziergang durch Bangkoks Märkte, Restaurants und Straßenküchen: Unser Autor hat chinesische Zaubertränke gekostet, nach der feurigsten Suppe gesucht - und eine Frucht gekostet, die vielerorts verboten ist.

Scharf, süß oder salzig schmeckt die thailändische Küche, und manchmal alles zusammen: Shrimps mit Banane in Reismehl gebacken. Gibt es in einem hundert Jahre alten Dessert Shop. Erst riechen, dann essen, hieß der erste Tipp unseres Food guides durch Bangkoks Straßenküche, aber wie soll man den scharfsalzigen Shrimp im süßen Reismehl bitte schön erriechen?

Die Sinne sind ständig überfordert in Bangkok. Mein Englisch auch. Was hat unser Food guide gleich noch mal gesagt, wie sie heißt? Ben oder Benz? Der Franzose hat sie auch nicht verstanden. Die Tuktuks auf der Straße machen einen Riesenlärm. Und dann diese Hitze auf dem Markt.

Ich bin mir nicht zu blöd, viermal nachzufragen. Bei allem an diesem Vormittag. Unser Food guide heißt wirklich Benz. Wie Mercedes - und auch wegen eines Mercedes'. Das erste Auto von Benz' Vater war eben ein Benz, deshalb hat er seine erstgeborene Tochter so genannt. Im Thailändischen tut man sich mit Zischlauten schwer, deshalb spricht man Benz wie Ben. Auf der Rückseite ihres T-Shirt steht: Wenn du Essen liebst, folge mir. Benz Jindamon, 29, isst selbst gern, das sieht man.

Das zweite Auto ihres Vaters war übrigens ein BMW, so heißt Benz' jüngere Schwester. Der drittgeborene Bruder trägt einen eher langweiligen Namen: Bank. Wie die Deutsche Bank. Benz' Vater war ein großer Fan deutscher Autos wie auch generell des ganzen Lands, das er einmal sogar besucht hatte. In Thailand geht man mit Vornamen recht unorthodox um. Shrimp ist ebenfalls gebräuchlich. Aber nicht etwa, weil die Mutter während der Schwangerschaft besonders viel Shrimps aß. Nein, Shrimp ist ein Kosename für Frauen. Benz erwähnt auch eine populäre Schauspielerin namens Shampoo. Was der Name über deren Mutter verrät? Rätselhaftes Thailand.

Benz hat morgens um zehn an der Skytrain-Station Saphan Taksin am Ufer des Chao Phraya gewartet, südlich vom hohen Turm des Lebua-Hotels. Hotelboote legen am Pier an, ich kam mit dem vom Ramada Plaza zwei Kilometer südlich. Drei Franzosen plus Baby gehören zur Gruppe, ein Elternpaar aus der Normandie, das bei ihrem Freund zu Besuch ist, der bei der UNO arbeitet. Sein Büro ist gleich um die Ecke, erzählt er, aber die kleinen versteckten Märkte am Rande der Häuserschluchten hat er bisher nie besucht. Dabei kennt er den Veranstalter, Benz' Boss, schon länger: ein Amerikaner, der die Food guide Touren in Bangkok vor zwei Jahren auf die Beine gestellt hat. Unsere Gruppe ist klein, an Wochenenden buchen mehr Leute, bis zu 15 Personen laufen dann mit.

Erste Station: Frühstück vom Leiterwagen, Sticky Rice im Bananenblatt, dazu orangefarbener Tee mit Kondensmilch. Das Baby strahlt. Wie auch bei der nächsten Station, dem Dessert-Shop. Wir lernen: Straßenküche ist die echte Küche (wenig überraschend). Thailändisches Essen ist oft scharf, aber nicht immer (schon erstaunlicher).

Village of Love Tour nennt der Veranstalter den Gang durch das Viertel Bangrak, in dem Moslems, Thais und Chinesen zusammenleben. Schweinefleisch gibt es nur auf dem Thai-Markt, alle haben sie von Mitternacht bis Mittag geöffnet.

Scharf wird es endlich auf dem Fischmarkt bei der Frau, die Curry-Paste für die grüne Curry-Suppe herstellt. Mit Anchovis als Salzersatz, und mit kleinen Chilis; Grundregel: je kleiner, desto schärfer. Sogenannte Vogel-Chilis aus dem Umland von Bangkok sind mit die schärfsten in Thailand. Wenn man den panierten Fisch am Spieß nur ganz vorsichtig in die Paste tunkt, darf man sie ohne weiteres probieren.

Aber das war's dann schon mit der Schärfe. Ich stehe nicht auf Süßigkeiten, und deswegen bin ich etwas enttäuscht: Die morgendliche Food guide Tour durch die angebliche schärfste Straßenküche der Welt ist gar nicht scharf. Oder sie wurde für uns entschärft. Stattdessen gibt es einen Zaubertrank im chinesischen Lebensmittelladen Wa Tow. Ich wähle Roselle, schmeckt wie Traubensaft und man soll schlagartig Gewicht verlieren. Der Franzose von der UN hat Pech: Seine Mischung gegen gebrochenes Herz schmeckt nach Schlamm. Die gebratene Ente auf Nudeln im chinesischen Lokal drei Häuser weiter ist überhaupt nicht scharf. Genausowenig das vornehme Restaurant, das den Abschluss der dreistündigen Tour bildet: Thanying. Man sitzt angeblich auf ehemaligen Palast-Möbeln, auf der Toilette liegen frische Zitronenscheiben im Urinal und an der Wand hängen Ölgemälde mit dem Besitzer darauf, ein Schauspieler und Freund eines Sohnes einer der drei Prinzessinen.

Königliche Thai-Küche ist nicht scharf, weil der König nicht schwitzen soll beim Essen. Auch sein Kollege aus Schweden kehrte hier wiederholt ein. Man erzählt, Karl XVI Gustav habe nach dem Essen stets noch ein paar Portionen Grüner Curry-Suppe für Zuhause mitgenommen.

Mein kulinarischer Höhepunkt an diesem Vormittag ist ein Lokal mit vier Tischen, in dem wir zuvor Lemongras-Salat mit Erdnüssen und Salat mit Schweinefleisch, Zwiebeln und Thai-Dill probierten. Scharf, großartig, hab ich nie zuvor gegessen.

Ich will mehr. Deswegen abends die zweite Tour des Veranstalters: durch China-Town, das zwischen dem Chao Praya und dem Thailands Hauptbahnhof Hua Lamphong liegt. Hundert Jahre ist er alt, eine Stahlkonstruktion im Stil der italienischen Neorenaissance mit bunten Glasfenstern.

Ich treffe Benz draußen vor einem Ausgang. Wir gehen allein. Kostet nicht mehr, wahrscheinlich genieße ich als Journalist allerdings eine Vorzugsbehandlung. Ich habe ihr gesagt: Ich mag es wirklich scharf, und sie hat genickt. Benz ist Halbchinesin, sie lebt mit ihrer Mutter und den beiden Geschwistern in einem Vorort, eine Stunde mit der Bahn. Sie weiß, was wirklich scharf ist und wo es das gibt: Wir laufen nur ein paar Meter vom Bahnhof zu einer Suppenküche auf der Straße. Sie heißt: Yen Ta Fou Wat Tri für Roter-Suppen-Laden. Wir setzen uns an einen Tisch, die rote Suppe kommt von einem blechernen Leiterwagen. Eine wunderbare Nudelsuppe mit wenigen Fischbällchen, Morning Glory (eine Art Spinat, der im Wasser wächst), Tofu, Knoblauch und viel rotem Chili.

Ein Ladyboy bedient uns. Ich erkenne ihn nicht als solchen. Benz hilft mir auf die Sprünge. Er ist der Bruder des Suppenlokal-Besitzers. Mein vorlauter Mund brennt. Ich höre ihr minutenlang zu. Reis hilft nur wenig.

Benz erzählt von den reichen Chinesen in Thailand (unter den zehn reichsten Thailänder sind sieben chinesischer Abstammung) und von der angesehenen gesellschaftlichen Stellung der Ladyboys. Sie hätten es oft viel leichter als Frauen, einen Job zu bekommen, in allen möglichen bürgerlichen Berufen, nicht nur im Sex-Gewerbe. Die meisten Eltern würden es dennoch bedauern, wenn ihre Söhne sich einmal entschlössen, eine Frau zu werden. Man unterscheidet drei Stufen auf dem Weg: Schminke, künstliche Hormone, Operation - oben und unten. Unser Ladyboy ist bereits an den Brüsten operiert, weiß Benz.

Hinter dem großen Tempel darf ich eine Durian probieren, eine Frucht, die aussieht wie eine Riesenlitschi mit Geschwüren. Thailänder lieben ihren Geschmack, aber man darf sie weder in Hotels mitbringen noch im Taxi, Bus oder auf den Booten transportieren, weil sie selbst ungeschält in der Plastiktüte noch entsetzlich riechen. Überall in Thailand sieht man die Verbotsschilder. Meine Zunge brennt immer noch von der Suppe, ich schmecke und rieche nichts von der Stinkfrucht.

Ich esse noch in Schweinefett gebratene Austern mit Rührei und einer scharfen Sauce, deren Rezept die Ladeninhaberin nicht verraten will. Eine Cholesterinbombe. Ein Taxifahrer stoppt vor dem Laden, um sich eine Portion zum Mitnehmen zu kaufen. An der Wand hängt das Bild einer Prinzessin, die hier regelmäßig isst. Alle drei Prinzessinnen sind in den Straßenlokalen von Chinatown sehr beliebt, ein Foto des Prinzen hab ich nirgendwo gesehen.

Ich esse Dim Sum, sehr scharf. In China bekommt man die gefüllten chinesischen Teigtaschen nur morgens oder mittags. In Bangkok isst man alles zu jeder Zeit. Leider sogar Haiflossen, Bärentatzen oder Affenhirn. Benz kennt die geheimen Adressen in Chinatown. Chinesen, Indonesier, manchmal auch Europäer fragen danach. Benz taucht mit Flasche und liebt Haie. Sie lehnt alle solche Anfragen ab.

Spätnachts lösche ich den Suppenbrand endlich mit Singha Bier.

Essen: Die Food Tours von Taste of Thailand kosten jeweils umgerechnet etwa 32 Euro. Anmeldung über www.tasteofthailandfoodtours.org.
Weitere Veranstalter über: www.thailandtourismus.de

Übernachten: Ramada Plaza Menam Hotel, DZ ab 110 Euro.

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