Im Hundehimmel

Natürlich ahnt sie, dass der Hund fehlen wird. Aber wie tief die Trauer um das Tier sein würde, darauf war die Autorin nicht gefasst.

Diese Illustrationen entstanden, nachdem die Künstlerin bei Freundinnen beobachtet hatte, wie groß die Zuneigung zwischen Mensch und Tier ist. Und wie die Hunde ihnen in schweren Zeiten halfen.

»Leid kommt, wenn es eintrifft, in nichts dem gleich, was wir erwarten«, schreibt Joan Didion in Das Jahr magischen Denkens. Es ist ein Buch, in dem sie die Trauer um ihren Ehemann verarbeitet, mit dem sie vierzig Jahre lang verheiratet war, und jetzt ist natürlich der erste Reflex, meiner auch, zu sagen, ja klar, er war ihr Mann, sie waren vierzig Jahre verheiratet, wie kannst du mit diesem Zitat von dieser Ausnahmeschriftstellerin einen Text über den Tod deines Hundes anfangen? Doch genau darum geht es, in diesem Zitat und in diesem Text.

Ich war sehr gut darauf vorbereitet, dass mein Ringo sterben würde. Er wurde sechzehneinhalb Jahre alt, und das ist sogar für einen kleinen Hund toll. Zum Schluss war er blind und taub, hatte Arthrose und manchmal Nasenbluten. Wahrscheinlich ein Tumor in der Nase, aber wir haben ihn nicht mehr in ein MRT geschoben, er hätte eine Operation kaum mehr überlebt. Die letzten Wochen seines Lebens verbrachte er wie unter einer Glocke, manchmal war er gar nicht mehr zu erreichen. Zwanzig,

Die Unruhe war neu, und sie ging nicht mehr weg. Eines Nachts tigerte er durch die Wohnung, hin und her, ich dachte, er muss raus, hob ihn hoch, denn Treppen fielen ihm schwer, im Hof stieß er gegen einen Gartenstuhl, ich war zu langsam, er tat so, als ob nichts gewesen wäre, obwohl es ihn unendlich frustrieren musste, sich nicht mehr allein zurechtzufinden, oben tigerte er weiter herum, an Schlaf war nicht zu denken, wieder runter, wieder hoch, er nieste

Ich wusste also, es geht zu Ende. Und ich kannte mich: Wenn Tiere in Büchern und Filmen starben, musste ich heulen, manchmal mehr als um die Menschen, um jedes Pferd, das im Western nach einer Verfolgungsjagd wegen eines gebrochenen Beines erschossen wurde (und das waren viele), um jeden Hund in Jack Londons Romanen Der Ruf der Wildnis und Wolfsblut (das waren auch viele), und dann diese Szene im Buch Winter in Maine, in der der Hund Hobbes offenbar mit Absicht, doch ohne ersichtlichen Grund erschossen wird, eine Stelle, die ich ungläubig wieder und wieder lesen musste. Hobbes’ Besitzer dreht vor Schmerz durch, und zwar richtig.

Also: Ich bin sentimental. Tiere können mich extrem rühren. Doch selbst ich habe mich, als mein Ex-Freund seinen Hund verlor und betrauerte, manchmal gefragt, wie lange noch? Selbst ich habe gedacht, ja, war ein toller Hund, aber letztlich auch nur ein Hund. Und dann das: Nach Ringos Tod fühlte es sich wochenlang an, als würde etwas zutiefst nicht stimmen in meinem Leben. Die Stelle im Flur, wo sein Körbchen gestanden hatte, konnte ich kaum anschauen. Mir war flau im Magen,

Wenn ich morgens aufwachte, war eine Nanosekunde lang alles gut. Dann erinnerte ich mich, denn eigentlich hätte ich jetzt sofort in die Stiefel und mit ihm runtergemusst, und mir wurde schrecklich schwer ums Herz. In den letzten Wochen hatte ich ihn im Schlaf gehört, wie eine Mutter ihr Baby. Ich war unruhig gewesen, wenn er nicht bei mir war, hatte ständig bei meinen beiden Freundinnen angerufen, die sich dann um ihn kümmerten, wie geht es Ringo, wie war sein Tag?

Ich konnte mir meinen Kummer also erklären, einerseits. Andererseits fragte ich mich schon, ist das noch normal? Er fehlte so sehr. In Anja Rützels Buch Schlafende Hunde: Berühmte Menschen und ihre Haustiere lese ich, dass König Friedrich II. über den Tod seiner Hündin Biche im Brief an seine Schwester schrieb: »Ich war beschämt, dass der Tod eines Hundes mir so nahegeht, aber das häusliche Leben, das ich führe, und die Treue des armen Tieres hat es mir ans Herz wachsen lassen. Soll man hart sein? Soll man fühllos sein? Ich glaube, ein Mensch, der gegen ein treues Tier gleichgültig sein kann, wird gegen seinesgleichen nicht dankbarer sein, und wenn man vor die Wahl gestellt wird, ist es besser zu empfinden, als hart zu sein.«

In den vergangenen zehn Jahren hat die Hundeforschung eine kleine Umwälzung erlebt. Alte Studien wurden neu beleuchtet, mithilfe der Psychologie, aber auch moderner Methoden und Technologien aus Neurowissenschaft und Genetik. Eine Erkenntnis: Nicht die Intelligenz hebt Hunde von anderen Tieren ab, sondern ihre Fähigkeit zu lieben. »Hunde besitzen eine überhöhte, überschäumende und vielleicht sogar exzessive ­Fähigkeit, von Zuneigung geprägte Beziehungen zu Angehörigen anderer Spe­zies einzugehen«, schreibt der Verhaltensforscher Clive Wynne in seinem Buch … und wenn es doch Liebe ist? »Diese Fähigkeit ist derart stark, dass wir sie, würden wir sie an einem Mitmenschen feststellen, für recht seltsam oder sogar krankhaft halten würden.« Er spricht von Hypersozialität. Das führe so weit, dass sich der Herzschlag von Hund und Halter synchronisiere, wenn beide zusammen seien.

Ich rufe Kurt Kotrschal an, einen österreichischen Biologen und Verhaltensforscher, dessen Spezialgebiet der Hund, der Wolf und ihre Beziehung zum Menschen ist. Kotrschal sagt: »Menschen behandeln ihre Hunde meis­tens fürsorglich wie ihre eigenen Kinder. Allerdings erziehen sie ihre Kinder zur Selbstständigkeit, ihre Hunde nicht. Der Hund soll mitdenken, aber immer in enger Zusammenarbeit mit seinen Menschen.« Er bezeichnet Hunde als eine Art erweitertes Ich des Menschen. Die Frau des US-Dramatikers Eugene O’Neill beschrieb die Beziehung zu ihrem Hund Blemie einmal

Mein Sohn Johnny bekam den Hund zum zehnten Geburtstag. Ringo war ein Baby, zwei Monate alt, zart und verschüchtert, allerdings nur einen Tag lang, dann war er ange­kommen. Vier Wochen später schaute ich ihn verzückt an und dachte, irre, da haben wir ein Lebewesen gekauft, und nun lieben wir es, so schnell und so einfach. Als Ringo starb, war mein Sohn 26 Jahre alt und wohnte schon lange nicht mehr zu Hause. Der Hund war bei mir geblieben.

Josef Reichholf, Zoologe, Evolutionsbiologe, Ökologe und Verfasser des Buchs Der Hund und sein Mensch, sagt am Telefon: »Wenn man einen Hund von klein auf hat, ist dessen ganzes Leben mit seinem Menschen verbunden, es gibt kein anderes Leben für ihn.« Und so sehr das stimmt, ist für den Menschen auch ein ganzes Stück Leben mit dem Hund verbunden. Ringo kam am 3. Oktober 2003 zu uns und ging am 23. Dezember 2019. Dazwischen lagen: die Schulzeit des Kindes, Pubertät, Abitur, Jobwechsel, Umzüge, Liebesgeschichten, Ringo überlebte zwei Autos und zwei Sofas, wurde in Hotels und in Büros geschmuggelt, wurde Vater und Großvater, saß brav wie ein Dressurpony im Fahrradkörbchen und machte sich im Wald viel zu oft selbstständig. Manchmal blieb er ewig weg, auch bei zehn Grad unter null, wir waren wütend und hatten kurz danach schreckliche Angst um ihn. Wenn er zurückkam, fix und fertig, aber kein bisschen schuldbewusst, verziehen wir ihm sofort, so froh waren wir, ihn wiederzuhaben.

Der

Hunde

Reichholf und Kotrschal wissen heute: Nicht die Menschen haben die Wölfe gezähmt, die Wölfe haben sich den Menschen angepasst und zu Hunden entwickelt. So sei diese Anpassung, schreibt Kotrschal in seinem Buch Hund & Mensch – Das Geheimnis unserer Seelenverwandtschaft, »letztlich Spiegelbild unseres eigenen Wesens, denn die evolutionäre Gussform für den Hund war der Mensch. Wie Hunde heute sind, bildet daher ab, wie Menschen in den letzten Jahrtausenden mit ihnen umgegangen sind (…) Wir forschen am Hund und finden die Natur des Menschen. Dabei vermenschlichen wir die Hunde.«

Das

Nach

Die Schriftstellerin Sigrid Nunez erbt eine bereits alte Harlekin-Dogge von ihrem besten Freund. Es ist kein leichtes Leben mit der Dogge, auf der letzten Seite ihres Buchs Der Freund stirbt der Hund. »Ich möchte deinen Namen rufen«, schreibt Nunez, »aber das Wort bleibt mir in der Kehle stecken. Oh, mein Freund, mein Freund.«

In

bettete.

Wie

Zwei

»Alle Haustierhalter machen das durch«, schreibt Sigrid Nunez in Der Freund. Sie meint die Hilflosigkeit angesichts des Leidens und des Sterbens eines Tieres, das nicht sagen kann, wie es leidet, was ihm wehtut. »Der unerträgliche Gedanke, dass dein Hund, der dich für Gott hält, glaubt, dass du die Macht hast, den Schmerz zu beenden, es aus unerfindlichem Grund (hat er dich irgendwie verärgert?) jedoch nicht tust.«

Die

Man

Als

Mein

Der chilenische Dichter Pablo Neruda war Atheist. In seinem Gedicht Mein Hund ist tot schrieb er: »Und ich, ein Materialist, der nicht / an den versprochenen blauen Himmel glaubt / für keinen Mensch / für diesen Hund, für jeden Hund / glaube ich an den Himmel, ja, an einen Himmel / den ich nicht betreten werde, aber wo er auf mich wartet / mit seinem Fächerschwanz wedelnd / damit ich einen Freund habe, wenn ich ankomme.«

Ich