Gib Stoff

Natalie Massenet ist die mächtigste Frau der Modewelt. Um das zu schaffen, hat sie die Branche erst einmal aus der Fassung gebracht - mit ihrem Internethandel Net-A-Porter.

Eigentlich wollte Natalie Massenet ihren Internethandel »Whats New, Pussycat?« nennen. Als der Anwalt ihr davon abriet, wurde daraus eben Net-A-Porter.

Lenny Kravitz? Natalie schaute zum Fernseher. Hm, ist er es? Er trägt so wilde Haare, eine abgerockte Lederhose. Ihren Lenny hatte sie anders in Erinnerung: schluffig-schräg, meistens in Safari-Klamotten, er trug sogar einen Safari-Helm. Vier, fünf Jahre waren vergangen seit ihrem gemeinsamen Sommer. Sie waren 18, 19 Jahre alt, arbeiteten Anfang der Achtziger zusammen in einem Klamottenladen im Beverly Center, Los Angeles. Der erste Job nach der Schule. Er hatte keinen Führerschein. Sie nahm ihn in ihrem alten gelben Honda mit. Er wohnte um die Ecke, im selben Block. Tag für Tag fuhren sie zusammen zur Arbeit, und er legte Musikkassetten ein. Seine Musik. Sein Künstlername: Romeo Blue.

»Ich werde ein Star«, sagte Romeo Blue immer wieder zu ihr. »Du wirst sehen, ich werde ein Star.« Und sie sagte: »Yes, great«, und schwieg und lauschte. Sie mochte seine Musik. Noch mehr aber mochte sie diesen Satz: »Ich werde ein Star.«

Was würde sie mal werden? Was war ihr Traum? Ihr Vater war Journalist, ihre Mutter Model – Coco Chanel schneiderte Kleider auf ihren Leib. Und irgendwie liebte Natalie nichts mehr als diese zwei Dinge: Zeitschriften und Mode. Ja, sie würde Modejournalistin werden. Natürlich nicht irgendeine: Natalie Massenet, Chefin der American Vogue.

Aber wie weit weg war sie davon, damals, 1987, als sie auf den Fernseher schaute, MTV, die Hochzeit der Schauspielerin Lisa Bonet mit – einem gewissen …

Kann es zwei Lenny Kravitz geben? Sie schaute und schaute: Nein, er war es. Nur nicht mehr versteckt hinter Safari-Hut und Künstlernamen. Er hatte es geschafft.

Aus dem Modemädchen von damals ist eine 49 Jahre alte Frau geworden. Sie sieht müde aus. Die Augen klein, die Nase blass, keine Schminke, raue Lippen, feines dunkles Haar. Dünn ist sie. Jeans, schwarzes Top, ein schlichter Armreif, was man eben trägt, wenn man zur Arbeit geht. Sie sitzt in einem kleinen Kasten mit Glasfront, im Blick ein Großraumbüro in den Maßen einer Lagerhalle, alles schwarz und weiß, an der Decke kristallene Kronleuchter, am Boden Schreibtische in enger Reihung: das Herz ihres Firmenreiches, heute umwabert vom Londoner Nebel.

Natalie Massenet will etwas sagen, da ertönt hinter ihrem Rücken, hinter einer dünnen weißen Wand, ein Hämmern, Bohren und Sägen. Sie winkt ab. »Noch mal 20 000 Quadratmeter dazu«, sagt sie. Im vergangenen Jahr haben sie allein in England 542 neue Leute eingestellt. Die kleinen Kabinen für die Vorstellungsgespräche sind ständig belegt.

Sie ist Unternehmerin geworden, Gründerin von Net-A-Porter, einem Internetgeschäft für Mode. Nicht so saucool wie Lenny, der Rockstar, nicht so glamourös wie Anna Wintour, der »Teufel in Prada«, scheint es. Zumindest nicht auf den ersten Blick.

Im Großraum erscheinen auf einem Bildschirm ständig Röcke, Schuhe, Hemden – Kleidung, die Net-A-Porter gerade verkauft. Alle paar Sekunden leuchtet eine rote Zahl auf: der Tagesumsatz. Um 13.30 Uhr: 1 495 575 Pfund. Alle fünf Minuten kommen ein paar Zehntausend hinzu. 70 000 Kunden shoppen immer zugleich, in jeder Minute des Tages.

»So, how extraordinary. You do e-commerce«, sagte die Queen zu Massenet, als sie ihr im Jahr 2009 dafür den Orden »Member of the Order of the British Empire« ans Kleid heftete, die Auszeichnung für verdiente Briten.
»Yes, Your Majesty. And I am sure we can even deliver to the palace.«
»Oh, how extraordinary«, antwortete die Queen, mit sehr spitzer Stimme. Kleider aus dem Internet?

Ja, gerade die alte Welt hatte lange ihre Schwierigkeiten mit Natalie Massenet. Doch die Außenseiterin, die irgendwas mit E-Commerce machte, ist in den vergangenen Jahren zur neuen Macht in der Modewelt aufgestiegen. »Viele waren skeptisch«, sagt Diane von Fürstenberg. »Aber sie hat gewonnen. Im großen Stil.«

Barack Obama lädt Massenet nun zum Dinner ein. Und das Time Magazine hat sie dieses Jahr in seine Liste der hundert einflussreichsten Menschen aufgenommen – neben Wladimir Putin, Jeff Bezos und Edward Snowden. Lenny Kravitz und Anna Wintour stehen nicht drauf. Das Magazin nennt Massenet eine Pionierin. »Sie gehört zu den wenigen Menschen, die Dinge sehen, bevor sie da sind«, sagt Jenna Lyons, Creative Director der Modemarke J. Crew.

Massenet gehört in der Tat zu einer seltenen Gründer-Spezies: Sie hat die Modewelt verändert, sie hat den E-Commerce verändert, und nun greift sie die Medienwelt an. Sie ist eine Zerstörerin. Und sie strebt nach Macht.

»Wir wollen eine ganze Kategorie besitzen«, sagt sie. »Anders als Amazon, dieser Platz, an dem man alles bekommt, wollen wir der Ort für Mode sein.« Amazon, Apple, das sind die Firmen, an denen sie sich misst.

Als Natalie ein Mädchen war, verließ ihre Mutter sie und ihren Vater. Sie versteht das bis heute noch nicht. Ihre Mutter blieb in Paris, ihr Vater nahm sie mit nach Los Angeles. Er hatte als Journalist die Welt bereist, erzählte gern davon, wie er Franco getroffen oder mit Ava Gardner auf dem Tisch getanzt hatte. Sie dürfe vor nichts Angst haben, lehrte sie ihr Vater. Oft hatten sie in ihrem Haus bekannte, ungewöhnliche und schrullige Leute zu Besuch, etwa einen Psychologen, der ab und zu bei der verlassenen Tochter vorbeischaute und ihr Ratschläge gab. Im Leben, sagte er, musst du vorangehen. Du musst ein Leader sein, eine Anführerin.

Sie merkte es sich gut. Als Teenager griff sie sich Vaters Zeitungen und blätterte sie durch, auf der Suche nach Helden, Leuten, die etwas erreicht hatten. Sie schnitt ihre Bilder aus. Wie sehr bewunderte sie Tracy Austin. So alt wie sie und schon ein Tennisstar. Das wollte sie auch. Die Beste sein! Es allen zeigen. Der Mutter, dem Vater, der Welt. »Ich habe immer in großen Maßstäben gedacht.«

Nach dem Sommer mit Lenny studierte sie, ging nach Tokio, um Japanisch zu lernen, und modelte nebenbei – das war besser bezahlt, als Nachhilfe zu geben. Sie kehrte zurück, jobbte bei Universal, lernte Bryan Adams kennen und freundete sich mit J. J. Abrams an. Offenbar konnte Natalie mit ihrer lustigen spitzen Nase, die auf Fotos so oft stumpf geleuchtet wird, Prominenz und Exzellenz riechen, Chance und Gelegenheit.

Für das Magazin Moda, ihr erster Job bei einer Zeitschrift, rückte sie als Assistentin die Stars bei Shootings ins rechte Licht. Aber da blieb sie nicht lange. »Ich wollte ja nicht eine Magazinjournalistin werden, sondern die Magazinjournalistin. Mein Ziel war es das Magazin W oder die amerikanische Vogue zu übernehmen.« Sie wechselte zur, wie ihr Vater sie nannte, Bibel der Magazine: Women’s Wear Daily. Sie schrieb über Hollywood und freundete sich mit Kate Moss an. Es waren die frühen Neunziger.

Massenet liebte ihre Arbeit, aber in ihr drängte diese Unruhe. Lernte sie erfolgreiche Kollegen kennen, schätzte sie deren Alter und setzte sich das Ziel, in dem Alter genauso erfolgreich zu sein. Aber die 30 rückte näher, und sie kam nicht recht voran. Das nagte an ihr. Sie überlegte, nach New York zu gehen. Doch dort gab es keinen Job für sie. Also nach London, als Sprungbrett. Aber auch dort kein Weiterkommen.

Sie wechselte zu Tatler. Aber sie passte nicht zu dem ehrwürdigen englischen Blatt. Die Kollegen sollten sie trotzdem nie vergessen: »Eines Tages kam sie von einem Promi-Shooting aus L.A. zurück. Sie hatte diese alte bestickte Strickjacke aus Kaschmir dabei«, erzählt Lucy Yeomans, damals Massenets Kollegin, später die England-Chefin von Harper’s Bazaar. »Wir wollten alle auch eine solche Strickjacke haben. Also besorgte Natalie welche. Für zehn Dollar. Und wir zahlten dafür Hunderte Pfund.«

Aufgeregt rief sie ihren Mann an. »Honey, ich werde Geschäftsfrau.«

Nachdem sie Tatler wieder verlassen hatte, war sie über 30, sie sah, wie sie ihre Ziele verfehlte, ganz klein war sie auf einmal neben ihren Promi-Freunden: Sie war nicht mal mehr die Promi-Journalistin von Women’s Wear Daily oder Tatler, sie war nur noch sie selbst. »Ich brauchte lange, bis ich bei Partys ganz einfach sagen konnte: ›Hallo, ich bin Natalie.‹ Ohne einen Jobtitel hinterherzuschieben.«

Was nun? Sie saß in einem Apartment in Chelsea, sie hatte einen Investmentbanker geheiratet, Arnaud Massenet, sie führte den Haushalt, ging shoppen, wurde schwanger, traf Freundinnen.

Bei einem dieser Girl-Lunches sprach sie mit drei Freundinnen über das Internet, diese neue Technik, wo man das Telefon ausstöpselte, um sich über ein Modem einzuwählen. Sie trieb sich gern darin herum. Damit kann man doch Mode verkaufen, sagte Natalie: Ihr schreibt drüber, ich besorge und verkaufe es, wie damals die Kaschmir-Strickjacken. Die Freundinnen schauten nur. Natalie aber fand die Idee gut. Auf dem Heimweg, bei Barclays, sah sie einen Werbespruch: »Are you an entrepreneur?« Und sie sagte: Yes! Sie nahm den Flyer, las ihn durch und sagte Yes, Yes, Yes, Yes: Haben Sie neue Ideen? Bringen Sie andere dazu, zu tun, was Sie wollen? Haben Sie eine Idee? Und ein klares Bild, wie Dinge später mal sein sollen?

Oh ja, das hatte sie. In ihrer Welt aus Shopping und Modemagazinen gab es eine Sache, die sie störte: Sah sie in einem Heft ein Kleid, das ihr gefiel, konnte sie es nicht kaufen. Sie musste in den Laden gehen und der es auch vorrätig haben. Dieser Mangel, erkannte Natalie, ließe sich beheben. Im Internet konnte man gleichzeitig lesen und kaufen.

Aufgeregt rief sie ihren Mann an. »Honey, ich werde Geschäftsfrau.«

Große Unternehmer gibt es wenige, so wie es wenige große Komponisten, Politiker und Fußballer gibt, Leute vom Schlag eines Benz, Miele oder Zuckerberg. Und diese Unternehmer haben eine seltene Gabe: Sie sehen Dinge, die Menschen brauchen, die es aber noch nicht gibt. Sie denken nicht darüber nach, wie sie Kutschen bequemer machen können, sie träumen von einem Automobil. Sie programmieren keine Datingbörse für ihre Uni, sie schaffen einen Treffpunkt für die ganze Welt. Sie verändern das Leben der Menschen.

Für diese Unternehmer gibt es ein Fachwort. Kreative Zerstörer werden sie genannt, nach einem Begriff des Sozio-Ökonomen Joseph Schumpeter. Zerstörer sind dabei nicht nur Leute wie Miele, der mit der Erfindung der Waschmaschine den Waschbrettherstellern ihr Geschäftsmodell zerschlug, es sind auch Menschen, die alte Regeln brechen, den Marktführern ihre Führung streitig machen, die Märkte umstürzen, sodass nichts mehr ist, wie es war.

Meistens kommen kreative Zerstörer nicht aus der Branche selbst. Es war nicht die Post, welche die Eisenbahn erfand, sie hatte genug mit ihren Postkutschen zu tun und keinen Antrieb, sich selbst Konkurrenz zu machen. Und es waren eben auch nicht die Modefirmen, die zu Beginn sahen oder sehen wollten, wie sich durch das Internet ihre Welt wandeln würde.

Die einen glaubten, das Internet wäre bloß ein Vertriebsweg. Sie stellten ihre Kleidung online, senkten dazu gern den Preis, und das war’s. Ihr Verhalten war so geistlos wie das der Radiomacher, als das Fernsehen kam. Die glaubten, das Konzert, das sie vorher im Radio übertragen hatten, könnten sie nun mit Bild dazu genauso senden. Die Zuschauer schliefen dabei ein – und das spannende Fernsehen erfanden andere.

Luxusmarken sahen im Internetverkauf sogar eine Geschäftsschädigung: Niemals wollten sie ihre Kunden mit dieser Hässlichkeit und Flüchtigkeit behelligen. Es war die Zeit, in der eine E-Mail noch als unhöflich galt. Ihre Welt blieb eine andere: Geschäfte auf den Prachtmeilen, den Kunden die Tür aufhalten, goldene Broschüren versenden und die Briefe dazu mit einem »Meisterstück« von Montblanc signieren.

Es brauchte also eine Außenseiterin, eine, die nicht den Vertrieb verfeinern wollte, nicht in Strukturen klebte. Eine Mode-Verrückte, die schwanger, mit dem alten Laptop ihres Mannes in Chelsea saß und ein Mode-Verkaufs-Magazin im Internet machen wollte. Und vorwegnahm, wie Luxuswerbung ein Jahrzehnt später funktionieren sollte: unaufdringlich, ganz nebenbei, verpackt in Geschichten, im Fachdeutsch auch »Content« genannt.

Natürlich half es, dass sie einen Mann an der Seite hatte, der, nachdem er sich die Sache dann mal genauer angehört hatte, ihr als Investmentbanker sehr helfen konnte bei dem, was ein Unternehmer eben auch tun muss: Businessplan schreiben, Finanzkonzept erstellen, Geld sammeln.

Viel kam nicht zusammen. Die meisten Investoren wiegten die Köpfe. Sicher, es klang frech, dieses »Hey, ich mache ein Internet-Magazin, bei dem man gleich einkaufen kann.« Luxus online? Diesen Markt gab es doch noch nicht.

Eben, sagte Massenet. Und im Juni 2000, während des Dotcom-Crashs, ging sie online – einen Monat nachdem boo.com aufsehenerregend pleitegegangen war, die größte Modehoffnung jener Zeit, die zu früh dran war und zu einfallslos, eben kein »shopable magazine«, nur ein Webshop, finanziert von Benetton, JP Morgan, Goldman Sachs und dem Luxus-Unternehmer Bernard Arnault, mit insgesamt 120 Millionen Euro. Massenet hatte gerade mal eine gute Million gesammelt.

Angst? Nein. Ihr Vater hatte sie doch Mut gelehrt, Vorangehen. Außerdem: »Ich hatte nichts zu verlieren. Ich hatte keinen Job, ich hatte ja sonst nichts zu tun.« Ihre Kontakte in die Modewelt, ihre Freundschaften mit Promis wurden zu ihrem wichtigsten Startkapital. Tamara Mellon, die Besitzerin von Jimmy Choo, machte mit und der Burberry-Designer Christopher Bailey und erstaunlich viele mehr. Sie hofften auch darauf, dass Massenet den Markt nach unten öffnen würde, neue Kunden gewinnen: Zu sehr waren viele Luxusmarken gefangen in den Grenzen
ihrer übersättigten, goldgepuderten Klientel.

Es waren die Jahre von Sex and the City, Natalie Massenet selbst sah aus wie eines dieser Mädels, und schnell fiel ihre Internetseite auf: aufstrebende Designer, die gar nicht so verrückt teuer waren, dazu Geschichten wie in Women’s Wear Daily und Vogue, aber so, dass auch erklärt wurde, wozu die einzelnen Kleider passen, dass sie in einer Größe drüber besser sitzen oder perfekt sind für ein Frühlingspicknick im Hyde Park – und daneben der Bestellbutton. Lieferung am selben Tag in eleganten Tüten, die Kleider und Schuhe verpackt wie Bonbons.

Aber wie sah es aus mit den Kunden und Designern der alten Welt? Ohne sie würde Net-A-Porter scheitern. Lanvin, Balenciaga, Yves Saint Laurent waren nicht dabei. Zum Glück hatte Massenet sehr früh die Burberry-Prorsum-Linie, die es fast nirgendwo zu kaufen gab. Der Durchbruch kam dann 2002, als Chloé ihr erlaubte, eine Handtasche für 1000 Dollar zu verkaufen. Massenet bestellte 50. Und hatte bald 2000 Kunden auf der Warteliste. Net-A-Porter wurde offizieller Web-Shop von Chloé.

Von nun an flog das Geschäft: Monat für Monat Tausende neue Kunden +++ 2004 Break-even +++ Lanvin und Yves Saint Laurent werden Geschäftspartner +++ Karl Lagerfeld verkauft eine Linie ausschließlich über Net-A-Porter +++ 2010 Verkauf an den Luxuskonzern Richemont, für 350 Millionen britische Pfund, davon geschätzte 50 Millionen für Natalie Massenet, die als Chefin im Amt bleibt +++ Umzug in die neue Firmenzentrale +++ Große Investitionen in die Töchter The Outnet und Mr Porter für Herrenmode.

Die Net-A-Porter-Gruppe hat heute 2500 Angestellte. Zentralen in London, New York, Hongkong, Shanghai. 650 Marken. Jede Woche ein neues Internet-Magazin. Im Schnitt acht Millionen Besucher im Monat. Versand in 170 Länder. Einen Firmenwert von 1,5 Milliarden Euro.

Die Vogue adelt Massenet als »die Frau, die unsere Art des Shoppens verändert hat«.Und das Establishment, das sie einst nicht haben wollte, hat sie zur Vorsitzenden des British Fashion Council gemacht: zur Chefin der London Fashion Week.

Ganz oben. Mehr Macht geht kaum. Sicher, nicht wenige in der Branche denken bei der mächtigsten Frau noch immer an Anna Wintour. Doch der Generationswechsel hat längst begonnen. Wintour ist eine Grande Dame, ist die alte journalistische Macht. Massenet aber ist die neue Welt, die Zukunft. Sie ist viel mehr als eine Autorität, sie ist Gestalterin. Und Net-A-Porter ist viel mehr als Mode, es ist auch ein Technikkonzern, mit 356 angestellten Entwicklern.

Es gibt nur 25 Menschen, schreibt der renommierte Autor Simon Waldman in seinem Buch Creative Disruption, die das Internet zu dem gemacht haben, was es ist. Er nennt die Namen Bezos, Page, Zuckerberg – und Natalie Massenet.

Modeschauen, sagt Massenet, wird es nicht mehr geben, jedenfalls keine herkömmlichen.

UNTER KRONLEUCHTERN Die Firmenzentrale Das Herz von Net-A-Porter: In den Fluren probieren Mitarbeiter Schuhe und Jacken an und bereiten die Shootings vor. Auf Bildschirmen laufen die Tagesumsätze. 15.40 Uhr: 2,02 Millionen Pfund. 15.50 Uhr: 2,07 Millionen (Foto: net-a-porter)

Und so nebenbei ist Net-A-Porter auch ein Medienhaus. Vor einem halben Jahr hat Massenet die gedruckte Zeitschrift Porter herausgebracht, geführt von Lucy Yeomans, der früheren Chefin von Harper’s Bazaar. Eine Schrulle? Weil Massenet es nicht zur Chefin der Vogue geschafft hat? Falsch.

Es ist die nächste Attacke von Massenet – gegen Zeitschriftenverlage. Ein weltweites Magazin. Mit Models, von denen andere träumen, 20 Seiten Lady Gaga und in der aktuellen Ausgabe, 16 Seiten Cate Blanchett, dazu Geschichten von Pulitzer-Preisträgern – und ganz offen: auch Einkaufstipps. »So wie Apple mit seinen Geschäften Tempel für seine Produkte gebaut hat, machen wir es mit Porter

Einige Verlage packt bereits die Angst. Einer hat freien Fotografen gedroht, die für Porter arbeiten: Man würde ihnen keine Aufträge mehr geben. Die Fotografen scheint es wenig zu kümmern. Massenet noch weniger. Sie lächelt nur. Diese Leute aus der alten Welt wollen ihr was?

Wir stehen am Tag eins des Internets, sagte der Amazon-Gründer Jeff Bezos vor einigen Jahren. Da stehen wir immer noch, alles ändert sich, ständig. Und genauso sind wir am Tag eins der kreativen Zerstörung. Wie wird es weitergehen?

Die Modewelt wird in wenigen Jahren zumindest wieder eine ganz andere sein. Modeschauen, sagt Massenet, wird es nicht mehr geben, jedenfalls keine herkömmlichen, wo Redakteure und Einkäufer zu Gericht sitzen. Es wird ein Ort für Kunden sein, die sofort kaufen werden.

Und die Zyklen? Frühling, Sommer, Herbst, Winter? Unsinn, sagt Massenet. Sie hat Kunden auf der ganzen Welt, irgendwo ist immer Sommer. Und wie dumm ist es eigentlich, im Januar eine große Schau zu machen für etwas, was man im Sommer erst kaufen kann? Die Designer haben diese Botschaft verstanden. Gerade hat Esteban Cortazar, laut Vogue ein »Wunderkind« der Mode, verkündet, er gebe Kollektionen nun laufend heraus – die Idee habe er von Net-A-Porter.

»Das System ist gebrochen«, sagt Massenet. »Auch wenn die Industrie es noch nicht wahrhaben will.«

Das Gerechte an der kreativen Zerstörung ist, dass sie niemanden verschont. So wie Natalie Massenet von außen kam, nichts zu verlieren hatte, die Großen angriff, so werden andere kommen und sie angreifen, die neue Größte, und eines Tages werden sie Net-A-Porter verändern, vielleicht zerstören. Massenet weiß das. Sie sagt ihren Leuten immer: Tut so, als würdet ihr gerade bei Starbucks sitzen und einen Businessplan schreiben, der Net-A-Porter vernichten soll.

Wie verrückt stellt sie Techniker ein, alle zwei Tage sitzt sie derzeit mit ihnen in ihrem kleinen Glaskasten und versucht, in die Zukunft zu schauen. »Es hört nie auf«, sagt sie. »Nie ist es gut genug.« Und, natürlich: »Wir wollen die Besten sein.«

Ist das ein Leben, das glücklich macht? Wie es der Psychologe, ihr Vater ihr geraten haben?

Vor Kurzem, 30 Jahre nach ihren sommerlichen Fahrten im gelben Honda Civic, hat Massenet ihren alten Freund Lenny wiedergetroffen. Sie besuchte ihn bei einem Konzert. Backstage kam er zu ihr: Toll, sagte er, was du erreicht hast! Und sie dachte einfach nur: Great.

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Net-A-Porter (NAP)
Aufbau der Firma

Net-A-Porter
Mit einem Luxus-Shop für Frauen fing alles an - der Shop listet heute 350 Designer. Über den Umsatz der Gruppe schweigt NAP, es sind geschätzt 550 Millionen Euro. Regelmäßig gibt es Übernahmegerüchte, der Wert der Firma wird auf 1,5 Milliarden Euro geschätzt.

The Outnet
Die vermeintliche Billigtochter illustriert, wie sich NAP von den Konkurrenten unterscheidet. Während die Konkurrenz meistens auf den Preis setzt, auf Flash Sales, sammelt The Outnet erst über Social Media Informationen über das Klientel - und sucht dazu passende Marken. Die Preise sind höher - und auch die Margen.

Mr Porter
Männern geht es vor allem um Stilsicherheit, sagt NAP. Und tritt auf der Internetseite als Ratgeber auf: Was ziehe ich zur Arbeit an? Im Club? Was hätte Sean Connery getragen? Mr Porter tut sich im Vergleich zu NAP schwer, hat aber zwei Millionen Besucher im Monat.

»Porter«
Das Print-Magazin ist ein Angriff auf Verlage. Es ist das erste weltweite Magazin, und es mischt offen journalistischen Inhalt mit Kauftipps. Die verkaufte Auflage ist noch nicht bekannt.

Fotos: Erik Torstensson

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