»Unsere Grammatik widerspricht dem Grundgesetz«

Für die Linguistin Luise F. Pusch ist das Deutsche eine Männersprache. Ein Gespräch über gewonnene Kämpfe und ihre verlorene Karriere, über ihr beschwerliches Coming-out und die Liebe ihres Lebens.

Jeden Morgen macht Luise F. Pusch einen Spaziergang in der Eilenriede, dem Stadtwald von Hannover.

SZ-Magazin: Sie gelten als Mitbegründerin der feministischen Linguistik in Deutschland. Auf Sie aufmerksam geworden bin ich durch ein grammatikalisches Problem im SZ-Magazin. Ich hatte geschrieben: »Als Kind und Jugendliche wäre mir das nie passiert.« Unsere Schlussredakteurin korrigierte: »Als Kind und Jugendlicher wäre mir das nie passiert.« Wieso muss da »Jugendlicher« stehen? Ich bin doch eine Frau.
Luise F. Pusch: Grammatikalisch gesehen hatte Ihre Schlussredakteurin recht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel zum Verständnis: »Das wäre mir als jugendlicher Delinquentin nicht passiert.« Das »Jugendlicher« ist in Ihrem Satz ein substantiviertes Adjektiv im Dativ. Der Dativ klingt gern etwas männlich, es heißt ja sogar: »Gib der Mutter einen Kuss!«

Ich war erschrocken, als ich mich im Heft männlich bestimmt sah. Ein Kollege sagte daraufhin, das sei nun mal die Grammatik, und die kenne keine Moral.
Und ob sie die kennt! Die Grammatik gerade im Deutschen ist ein System struktureller Gewalt gegen Frauen. Und da die wenigsten Menschen in dieser Weise über Sprache nachdenken, wissen das die wenigsten und stören sich auch nicht daran.

Das müssen Sie erklären.
Die Grammatik des Deutschen ist männersprachlich organisiert. Das merken Sie schon, wenn Sie versuchen, über Frauen zu sprechen oder zu schreiben. Für Männer gibt es einen größeren Formenreichtum: der Vater, des Vaters, dem Vater, den Vater, das sind vier Formen. Die Mutter, der Mutter, der Mutter, die Mutter, das sind nur zwei verschiedene Formen für die Frau. Es gibt für Frauen vermutlich nicht genügend Formen, weil nicht genügend über sie geschrieben wurde. Meistens wurde über sie geschwiegen, oder sie wurden mit dem generischen Maskulinum gleich aus der Sprache getilgt.

In Ihren Aufsätzen schreiben Sie von der »Vernichtung der Frauen« in der Sprache. Was bedeutet es, als Frau nur mitgemeint zu sein?
Das hat mit Identität zu tun, mit Respekt, Würde, Mitsprache und Anerkennung. All das ist für Frauen immer noch nicht selbstverständlich, und dass all das zunächst mal dem Mann zukommt, wird durch die Sprache garantiert. Dabei geht es natürlich nie nur um Sprache, die Sprache bildet auch gesellschaftliche Verhältnisse ab.

Wie wirkt das generische Maskulinum?
Nehmen wir die Frage: »Wer wird der nächste Bundespräsident?« Eine Kandidatin wie Gesine Schwan wird hier schon durch die Formulierung ausgeblendet. Es ist durch Studien erwiesen, dass die meisten Menschen bei dem Maskulinum nicht an Frauen und Männer denken, sondern nur an Männer. Somit ist »Wer wird der nächste Bundespräsident?« eine klassische Suggestivfrage, weil sie durch das generische Maskulinum keinen Raum lässt für den Gedanken an eine Frau. Dieses Konzept kann man auf die ganze Sprache übertragen. Die deutsche Sprache ist eine suggestive Sprache, die immer nur den Mann nahelegt und die Frauen selbst aus ihrer eigenen Vorstellung hinausdrängt. Durch diese Grammatik haben die Männer einen enormen Wettbewerbsvorteil. Die Firma Mann muss überhaupt kein Geld für Werbung ausgeben, das erledigt bereits die deutsche Grammatik für sie – und dass die weibliche Konkurrenz außen vor bleibt. Aber das generische Maskulinum ist auch nicht mehr das, was es mal war.

Wie meinen Sie das?
Selbst die stursten Machos wissen, dass viele das nicht mehr hören wollen. Und dass sie einen Preis für diese Sturheit zahlen. Sie brauchen sich nur den nächstbesten Politiker anzuhören, die sprechen nur noch in der Doppelform. Sie wollen ja auch von den Wählerinnen gewählt werden, und wenn sie nur Männer ansprechen, dann mögen die Wählerinnen das nicht, die finden das unhöflich. Ich habe den Frauen immer erklärt: Sagt nicht, dass ihr das generische Maskulinum frauenfeindlich findet. Sagt, ihr findet es unhöflich. Denn frauenfeindlich zu sein macht den meisten Männern nichts aus. Aber unhöflich will kein Mann sein.

Wo sehen Sie noch Fortschritte?
An der Verbreitung des »glottal stop«, auf Deutsch auch Knacklaut genannt, also dieser gesprochenen Pause zwischen Stamm und Endung: Schreiber – innen, Benutzer – innen. Wegen Corona höre ich viel mehr Nachrichten als früher, meistens den Deutschlandfunk, und die sprechen häufig den Knacklaut, manche benutzen gleich das Femininum in Zusammenhängen, wo alle gemeint sind. Ich habe 1986 das umfassende Femininum vorgeschlagen. Als Reaktion auf die ganze Häme, die wir mit der Doppelform, also »Lehrerinnen und Lehrer«, geerntet hatten. Da haben wir dann gesagt, das ist richtig, es ist zu lästig, die Männer immer mitzuerwähnen, wir reden jetzt nur noch von Lehrerinnen, die Männer sind herzlich mitgemeint. Dieses Argument entwickelte sich, und schon damals schlug ich vor, das Binnen-I als »glottal stop« auszusprechen. Es sind weitere 40 Jahre ins Land gegangen, jetzt kommt die Queer-Community mit ihrem Sternchen statt des Binnen-I, und die haben offenbar mehr Lobbypower als die Feministinnen. Die Sprache ändert sich gerade grundlegend. Bald müssen wir im Fremdsprachenunterricht aufklären und den Chinesinnen, die Deutsch lernen, sagen, dass es Chines*innen heißt.

Trotzdem ist das generische Maskulinum weit verbreitet. Erst kürzlich wies das Bundesverfassungsgericht einBeschwerde von Marlies Krämer ab, die seit Jahren darum kämpft, von der Sparkasse als »Kundin« angesprochen zu werden.
Ich kenne Marlies Krämer gut, ich habe ihren jahrzehntelangen Kampf begleitet – erst um das Wort »Inhaberin« im deutschen Pass, nun um das Wort »Kundin«. Sie hat natürlich recht. Unsere Grammatik widerspricht dem Grundgesetz. Deshalb muss unsere Sprache so geändert werden, dass sie dem im Grundgesetz verankerten Anspruch auf Gleichberechtigung endlich genügt.

Das Grundgesetz selbst steht im ­generischen Maskulinum.
Das wird ja häufiger geändert, das Wort »Rasse« soll vielleicht gestrichen werden, dann können sie sich das generische Maskulinum auch gleich vornehmen.

Woher kommt das generische Maskulinum eigentlich?
Das hat mit dem Patriarchat zu tun, man müsste also fragen: Woher kommt das Patriarchat? Diese Frage ist bis heute nicht beantwortet. Interessant sind die Kreolsprachen, Verkehrssprachen, die im Kontakt zwischen zwei Sprachen entstehen. In diesen Sprachen bilden sich meistens zuerst neutrale Formen aus, Männer und Frauen werden also mit derselben Bezeichnung beschrieben. Sobald die Kreolsprache sich weiterentwickelt, wird diese ursprünglich für alle Geschlechter genutzte Bezeichnung nur noch für Männer und für beide Geschlechter, also als generisches Maskulinum benutzt, und für Frauen gibt es eine abgewandelte Bezeichnung. Historisch gesehen hat der Mann immer das Vorrecht auf das Allgemeinmenschliche. Das Prinzip Mann galt als Norm, die Frau als eine Abweichung von der Norm.

Gibt es Wörter, bei denen es andersherum ist?
Nur bei Tieren: die Ente, der Enterich, die Enten. Hier wird das Maskulinum aus dem Femininum abgeleitet, und so geht es dem Enterich wie den Frauen. Sprachlich sind wir das abgeleitete Geschlecht. In der Linguistik nennen wir das Movierung. Etwa mit der Endung »-in« für Frauen. Aber auch damit gibt es ein Problem: England ist ein Land, ein Engländer ist jemand, der aus England kommt – und was ist eine Engländerin? Eine, die aus einem Engländer kommt? Oder eine, die etwas mit einem Engländer hat? Durch die Endung »-in« wird eine Abhängigkeit ausgedrückt, das ist extrem diskriminierend. Deshalb habe ich schon in den Achtzigern gesagt, dass beide Geschlechter das Recht auf den Wortstamm haben. Wenn es »der, die, das Arzt« hieße, hätten wir uns die ganzen Diskussionen um das Gendern sparen können. Aber das war nicht durchzusetzen: Die Frauen wollten sichtbar werden und erst mal ihre eigene Endung forcieren.

Es gibt Frauen, die sagen, dass sie sich am generischen Maskulinum nicht stören.
Sprache ist ein Gegenstand, über den viele nicht nachdenken. Sprache ist wie Luft, über die denken wir ja auch nicht nach. Jedenfalls so lange nicht, bis uns die Luft ausgeht. Zudem ist die Frau dazu erzogen, den Mann als höherwertig anzuerkennen, das legt ihr schon unsere Sprache nahe, durch das generische Maskulinum, aber auch durch die Reihenfolge »der, die, das«.

Wie im Grundgesetz. Da heißt es: Männer und Frauen sind gleichberechtigt.
Zuerst kommt immer der Mann. Maria ist eine Ausnahme, man sagt »Maria und Josef«. Aber dann: »Jesus, Maria und Josef«. Die Reihenfolge drückt die Rangordnung aus.

Das generische Maskulinum ist nur eines Ihrer Themen. Welche Probleme sehen Sie noch?
Die Indefinitpronomen für Personen, also »man«, »jemand«, »niemand«, die sind alle maskulin. Früher habe ich selbst gesagt, das Wort »man« sei nicht so schlimm, aber ein Problem ist, dass es maskulin ist und deshalb männlich gebeugt wird.

Das führt zu absurden Sätzen: »Wenn man seine Menstruation hat« oder »Wenn man sein Kind stillt«. Wie ersetzen Sie es? Mit »frau«?
In den genannten Beispielen ja. Aber »man« hat im Deutschen ungefähr 25 verschiedene Funktionen, deshalb lässt es sich nicht so leicht ersetzen. Es markiert den Verzicht auf das Subjekt und rückt so die Tätigkeit in den Vordergrund. Deshalb ist auch der Vorschlag, sich persönlicher auszudrücken und »ich« zu sagen, zu simplistisch. Wenn ich sagen will: »In Italien liest man andere Bücher als in Deutschland«, kann ich nicht sagen: »In Italien lese ich andere Bücher als in Deutschland.« Das bedeutet etwas völlig anderes. Das Wort »frau« ist recht gut, weil es ein generisches Femininum ist.

Werden so nicht Männer diskriminiert?
Bullshit! Zumal die männliche Form im generischen Femininum vorhanden ist, in dem Wort »Lehrerin« steckt der »Lehrer« drin. Im Scherz rede ich von der weiblichen Grundform und der männlichen Schwundform. Aber beim Thema Geschlechtergerechtigkeit denke ich eher in Richtung Reparationen.

Meinen Sie Entschädigungszahlungen?
Ich würde von kompensatorischer Gerechtigkeit sprechen. Wir können es mit dem Fall der Schwarzen in den USA vergleichen, da wurde immer gesagt, die Bevorzugung der Schwarzen bedeute eine Benachteiligung der Weißen, das sei ungerecht. Aber wenn Gerechtigkeit nicht anders hergestellt werden kann als dadurch, die extrem benachteiligte Gruppe eine Zeit lang zu bevorzugen, dann muss das als politischer und gesellschaftlicher Wille akzeptiert werden.

So wie mit der Frauenquote. Es gibt Aktienunternehmen in Deutschland, die als Zielgröße für Frauen im Vorstand bis jetzt immer null angaben. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es eine hundertprozentige Männerquote gibt.
Die Regisseurin Helke Sander pflegt zu sagen: Ich komme nur, wenn 50 Prozent Männer da sind. Was das bedeutet, wird den Männern meist erst später klar! Wenn die Gesellschaft Gerechtigkeit will, muss sie tätig werden und den Männern vom Sockel helfen.

Einer Ihrer frühen Aufsätze heißt: Der solidarische MannEine Idylle. Wie sehen Sie die Männer heute?
Ich habe kürzlich eine Radiosendung über Menstruation gehört, da wurden drei junge Männer interviewt, die kannten sich gut aus. Einer sagte, er habe immer was im Badezimmer, für den Fall, dass »menstruierende Menschen zu Besuch kommen«. Die waren wirklich auf Höhe der Debatte, das wäre vor 30 Jahren nicht so gewesen. Einiges spricht dafür, dass die jüngere oder jüngste Männergeneration ein bisschen was kapiert hat.

Kommen wir zur Großbaustelle Gendern: Wofür sind Sie? Binnen-I? Sternchen?
Mein derzeitiger Vorschlag, auch um die Wünsche der Queer-Community miteinzubauen, ist der Genderstern am Ende des Feminimums, also: Lehrerin*, Regentinnen*. Der Stern zeigt an, dass alle Geschlechter gemeint sind, weiblich, männlich, nicht-­binär. Grammatisch funktioniert es wie das generische Maskulinum, ohne Doppelformen, Schrägstriche und sonstige Verrenkungen.

Wieso setzen Sie den Stern ans Ende?
Weil der Stern in der Mitte das Wort zerreißt. Mir kommt es vor allem darauf an, dass die schöne feminine Anmutung nicht zerstört wird, deshalb bin ich für den Stern am Ende.

Wie oft haben Sie das Gefühl, am Kampf um eine feministische Sprache zu verzweifeln?
Früher mehr als heute. Man muss sehr dicke Bretter bohren, bis frau da weiterkommt. Die Sprache ändert sich im Wortschatz sehr schnell, aber in der Grammatik ändert sie sich nur in geologischen Zeiträumen, das dauert eigentlich Jahrhunderte. Wenn wir diese Rechnung zugrunde legen, haben wir mit der feministischen Änderung der Grammatik, dem Binnen-I, dem Knacklaut, der Forcierung der Endung »-in« und der Doppelnennung in Windeseile ganz viel Erfolg gehabt. Zumal wenn man bedenkt, dass die feministische Bewegung eingebettet ist in die patriarchale Hauptströmung, den Mainstream. Während wir ein Gramm Feminismus produzieren, wird zeitgleich tonnenweise patriarchalische Ideologie produziert. Der Kampf um eine gleichberechtigte Sprache ist weiter ein Kampf um Privilegien, die lassen sich die Männer nicht einfach wegnehmen.

Sie haben viele Kämpfe in Ihrem Leben gewonnen, einen haben Sie verloren: den um einen eigenen Lehrstuhl. Sie denken, dass Ihnen dieser aufgrund ihres feministischen Engagements verwehrt wurde. Was spricht aus Ihrer Sicht dafür?
Ich hatte mich 1984 auf eine Syntax-Stelle an der Uni Bielefeld beworben, für die ich von meinen Schriften her hoch qualifiziert war. Zudem war ich Heisenberg-Stipendiatin, was von den Männern gern als Genie-Stipendium bezeichnet wird. Trotzdem wurde ich nicht eingeladen, ich landete auf Platz 35, was lächerlich war, denn bevor ich Feministin wurde, war ich immer eingeladen worden. Normalerweise sind diese Vorgänge geheim, mir wurde das von zwei Studentinnen zugetragen, die in der Berufskommission saßen. Sie ließen ein Gegengutachten anfertigen, das sagte: Die Frau muss eingeladen werden.

Wie ging das aus?
Ich wurde eingeladen und hielt meinen Vortrag, am Ende war ich auf Platz zwei. Das war nun sehr gefährlich, denn Hans Schwier, der Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, hatte damals gesagt, er wolle mehr Frauen auf Professuren sehen, und wenn er eine Frau auf einem der ersten drei Plätze entdecke, würde er sie berufen. Das hat die Herrschaften von der Fakultät nun sehr beunruhigt. Durch allerlei Gekungel bekamen sie mich auf Platz drei. Inzwischen gab es einen neuen Minister, und der sagte, er könne doch den armen Mann auf Platz eins nicht wegen seines Geschlechts dis­kriminieren. Mich über Jahre auf diese Weise nicht zu berücksichtigen, hatte System und richtete sich klar gegen mein feministisches Engagement. Es wurde unglaublich viel ­gemauschelt. Das ist rechtens, das ist die sogenannte Freiheit der Wissenschaft, und das wird mit unliebsamen Kolleginnen immer noch gemacht.

Haben Sie je bereut, sich für die feminis­tische Linguistik eingesetzt zu haben, wo klar war, dass Sie ihretwegen keine Uni-Karriere machen können?
Eigentlich nicht, aber es tut mir sehr leid, dass ich keine Schule ausbilden konnte, dass ich keine Studentinnen promovieren konnte, dass es den Männern gelungen ist, das Ganze im Keim zu ersticken. Indem sie die beiden führenden Frauen in der feministischen Linguistik, Senta Trömel-Plötz und mich, an der Uni quasi mit Berufsverbot belegt haben. Zeitweise war ich auch wirtschaftlich sehr prekär und habe mich gefragt, was mache ich bloß mit meiner 20-jährigen Ausbildung, ich bin hoch qualifiziert und komme in meinem Beruf nicht an.

Womit haben Sie Geld verdient?
Meine finanzielle Unabhängigkeit verdanke ich meinen Rücklagen. Als Heisenberg-Stipendiatin bekam ich fünf Jahre lang ein richtiges Gehalt, ich glaube, es waren insgesamt über 300 000 D-Mark. Das meiste habe ich in Index-Fonds und US-Aktien angelegt, Apple-Aktien kosteten damals 13 Dollar, die haben sich gut entwickelt. Was ich immer begrüßt habe: Die Börse ist nicht sexistisch. Ich kann schreiben, was ich will, das kümmert die Börse nicht.

Wenn Sie nach Ihrem Beruf gefragt werden, was sagen Sie? Linguistin? ­Feministin?
Feministin ist ja kein Beruf. Ich bin Sprachwissenschaftlerin und beschäftige mich schon lange mit feministischer Sprachkritik. So würde ich das formulieren. Aber die Sprachwissenschaft kann frau nicht am Markt verkaufen, das geht nur an der Uni. Also musste ich mir was anderes ausdenken und habe mich auf Bio­grafien verlegt und auf das Glossenschreiben für Zeitschriften wie Courage und Emma, weil ich das Gefühl hatte, mit Humor ist das Thema am besten behandelt. So entwickelten sich schriftstellerische, herausgeberische, allround-feminis­tische Tätigkeiten, die mit Schreiben und Büchern zu tun haben, ich wurde Frauenforscherin, so würde ich das wohl nennen.

Sie haben das Online-Portal FemBio ­gegründet, für das Sie 12 000 Datensätze über Frauen zusammengetragen haben.
Offline sind es 32 000 Datensätze.

Wie kamen Sie auf die Idee?
Das geht zurück auf das Jahr 1982, da stöhnten die Frauen über das Goethe- und das Joyce-Jahr. Und ich sagte, ihr müsst euch nicht beschweren, ihr müsst Virginia Woolf feiern, die ist im selben Jahr geboren und gestorben wie James Joyce. Woolfs Lebensdaten waren den Frauen nicht bekannt, es gab keine Briefmarken oder Feuilletonsendungen über sie. Also habe ich die Datenbank angelegt und Kalender gemacht mit Gedenktagen von Frauen, die Redaktionen nutzen konnten. Ich habe die bedauernswerte Lücke entdeckt, dass es in der Gedenkkultur der deutschen und westlichen Welt kein Gedenken an Frauen gibt. Uns wird vermittelt, dass es keine erwähnenswerten Frauen gab, aber das ist gelogen.

Was muss passieren, damit sich das­ändert?
An den Schulen muss die Geschichte der Frauen endlich gleichberechtigt unterrichtet werden mit der Männergeschichte, die bisher als Menschheitsgeschichte gelehrt wird. Außerdem wäre jetzt der Moment, die Straßennamen aufzuräumen. Nicht zögerlich, wenn eine neue Sackgasse entsteht, sondern flächendeckend. Jede Stadt hat ihre Goethestraße, wieso sollte nicht jede Stadt ihre Bettina-von-Arnim-Straße haben? Frauen gehören zur deutschen Kultur, und deshalb wollen wir gefälligst an sie erinnert werden.

Welche Schwierigkeiten ergaben sich in der biografischen Arbeit über Frauen?
Ich habe drei Bände herausgegeben: Schwes­tern berühmter Männer, Mütter berühmter Männer und Töchter berühmter Männer, und wurde von den Frauen dafür fast beschimpft. Wieso denn immer der Bezug auf die berühmten Männer? Das ist ja widerlich! Da sagte ich, das ist wohl wahr, aber das ist häufig die einzige Form, in der Wissen über Frauen überlebt hat. Weil die Männer für die Biografen interessant waren, waren auch ihre Ehefrauen, Schwestern, Mütter interessant. Das war mein Zugang, Forschung an den Originalquellen wäre viel zu teuer gewesen.

Manche der von Ihnen beschriebenen Frauen waren zu Lebzeiten sehr berühmt, im Italien des 17. Jahrhunderts etwa die Malerin Artemisia Gentileschi. Wieso ist sie vielen dennoch unbekannt?
Weil sich in der nächsten Generation kein Mann mehr für sie interessiert hat und das ­Wissen nach ihrem Tod nicht oder falsch  weitergegeben wurde. Die Männer waren die Gatekeeper. Außerdem existieren wir nach dem Tod in Form von Sprache und Namen, und da viele Frauen gezwungen waren, den Namen ihres Mannes anzunehmen, und oft unter seinem Vor- und Nachnamen beerdigt wurden, finden wir sie gar nicht wieder. Männer sind ein Leben lang mit sich identisch: Karl Müller ist Karl Müller, von der Geburt bis zum Tode. Bei den Frauen ist es wie bei den Sklaven, die bekamen auch die Namen ihrer Besitzer.

Gerade werden viele Künstlerinnen neu entdeckt, Gabriele Tergit, Hilma af Klint, Marlen Haushofer. Mit dem Beigeschmack, dass ihnen der Erfolg zu Lebzeiten verwehrt wurde. Wie sehen Sie das?
Es hat schon ein wenig was von Leichenfledderei. Deswegen finde ich gut, dass auch die Lebenden nun wahrgenommen werden: Helga Schubert, die mit 80 Jahren in Klagenfurt den Bachmannpreis gewonnen hat, oder Elke Erb, die mit 82 den Büchnerpreis bekommen hat. Das liegt auch daran, dass viele Jurys nun paritätisch besetzt sind.

Mit welchem Frauenbild sind Sie auf­gewachsen?
Meine Mutter war schnell geschieden und zog uns als Sekretärin allein groß. Das Besondere an ihr war, dass sie von Frauen immer mehr gehalten hat als von Männern, sie traute Frauen mehr zu. Ich weiß nicht, ob das meinen Brüdern nicht echt geschadet hat.

Wie kam sie darauf?
Das waren ihre Erfahrungswerte, sie hatte ihren Mann, einen naiven Patriarchen, zum Teufel geschickt. Und sie hat den Sexismus der Männer selbst erlebt. Sie war bei der englischen Besatzung tätig, und einer von denen hat sich an mich herangemacht.

Was hat er getan?
Ich war vielleicht sieben, er hat mir das Schwimmen beibringen wollen, mich zwischen den Beinen festgehalten und da herumgespielt. Das habe ich abends meiner Mutter erzählt, der Mann flog umgehend raus. Sie war davon überzeugt, dass Männer auch Schweine sind.

Hat Ihre Mutter Ihr feministisches ­Engagement noch erlebt?
Ja, sie hat das sehr unterstützt. Aber dieser lesbische Aspekt, den konnte sie nicht verknusen. Da war sie zu christlich und glaubte, die Bibel gegen mich verteidigen zu müssen. Damit hat sie mich sehr enttäuscht.

Wie alt waren Sie da?
Das ging von Anfang 20 bis Mitte 30, bis zu meiner Habilitation. Schließlich habe ich uns drei Jahre Sendepause verordnet. Mein Psychoanalytiker hatte mir dazu geraten, ein guter Rat. Danach haben wir uns wieder versöhnt und uns eher wie Schwestern verhalten.

Im Vorwort zu Ihrem Buch Sonja schreiben Sie von der »unerträglichen Schwierigkeit, vor, während und nach der 68er-Sexualrevolution lesbisch zu sein«. Warum steht Sexualrevolution in Anführung?
Zu der Zeit wurde eine Sexualrevolution behauptet, die für unsereine in keiner Weise zutraf. Eine Revolution gab es nur für die Bedürfnisse der Männer, die hatten jetzt freizügigen Zugang zu Frauen. Für Frauen war das nicht unbedingt befreiend, einige haben gesagt, sie müssten durch die Pille nun ständig zur Verfügung stehen. Homosexuelle waren überhaupt kein Thema dieser sogenannten Revolution, die mussten sich später selbst befreien. Den Lesben gelang das mithilfe der Frauenbewegung. Bis dahin war es eine schwere Sünde gewesen, lesbisch zu sein, nun waren die Lesben die Crème de la Crème – die echte Feministin schläft nicht mit dem politischen Gegner. Die Werte wurden völlig auf den Kopf gestellt. Das war ein nie gekanntes Gefühl, dass unsereine etwas wert war und sich nicht verstecken musste.

Mussten Sie sich vorher verstecken?
Ich war immer im Versteck oder undercover. Ich musste immer etwas anderes darstellen, um zu überleben. Wenn ich in eine Mitschülerin verliebt war, bestand die Leistung darin, mir nichts anmerken zu lassen. Sonst hätte ich sie verloren. Von meinen besten und innigsten Gefühlen durften diejenigen, denen sie galten, nichts erfahren.

Über schwule Kindheiten sind wichtige Bücher erschienen, etwa von Didier Eribon. Über lesbische Kindheiten ist nur wenig bekannt. Warum?
Weil Schwule Männer sind. Das Patriarchat schlägt da voll durch. Deshalb schreibe ich gerade meine Erinnerungen an diese Kindheit auf. Für Lesben war es so: Nirgendwo stand geschrieben, das ist alles verboten, aber es war allgemein bekannt. Mit 13 Jahren wusste ich, dass es schlimmer ist, nicht das richtige Geschlecht zu lieben, als einen Mord zu begehen.

Ein extremer Vergleich.
Ich wusste auch, dass es besser wäre, tot zu sein, als eine Frau zu lieben. Damit groß zu werden ist eine unerträgliche Belastung für ein Kind. Das war mein täglich Brot. Zu Zeiten der Corona-Ausgangsbeschränkungen habe ich mich gefragt, wieso macht mir das so wenig aus? Da ist mir aufgefallen: Die Gesellschaft war für mich immer schon gleichbedeutend mit Bedrohung. Sicher war ich nur zu Hause. In der Öffentlichkeit konnte ich mich jederzeit verraten, ich wusste nicht, was wissen die anderen? Ich bin darüber sehr krank geworden und hatte eine massive Angstneurose.

Wie hat die sich geäußert?
Ich brach ständig in Angstschweiß aus. Ich schwitzte nur nicht, wenn ich zu Hause war.

So wie die Hauptfigur in Sonja, Ihrem Roman von 1981 über eine lesbische Liebe, die mit dem Suizid der Geliebten namens Sonja endet.
Das war kein Roman, das war eine Biografie und Autobiografie. Es sind einige Namen geändert, aus rechtlichen Gründen. Aber anders als die meisten halte ich dieses Buch für mein wichtigstes.

Warum?
Die linguistischen Schriften haben viel bewirkt, aber dieses Buch hat auf einem Gebiet viel bewegt, das mir noch mehr am Herzen liegt als die Sprache. Ich wollte zeigen, dass Lesbischsein ganz anders ist, als immer gesagt wird. Dass wir keine Monster sind, sondern oft genug arme Lehrerinnen in Orten mit vierstelliger Festnetznummer. Zudem habe ich mich durch das Schreiben selbst therapiert. Die Trauer ist dadurch erträglich geworden, auch die Schuldgefühle.

Welche Schuldgefühle?
Ich hatte damals noch eine sehr absolute Vorstellung von Liebe und Treue. Aber diese Beziehung war wie ein Gefängnis, mit den ständigen, sehr glaubwürdigen Selbstmorddrohungen von Sonja. Ich wurde ihr untreu, sie nahm sich das Leben, das konnte ich mir nicht verzeihen. Erst nach dem Schreiben und mithilfe meiner Freundinnen und natürlich meines Psychoanalytikers.

Gab es viele Suizide unter Lesben?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nur aus der Statis­tik, dass die Zahl der Jugendlichen, die sich umbringen, unter Lesben und Schwulen sehr viel höher ist als unter Heteroveranlagten. Wenn man die Jugend lebend übersteht, kann eine so schnell nichts mehr umhauen.

Haben Sie Ihre Einsamkeit je abgelegt?
Ja, mit 41 habe ich eine Partnerin gefunden, mit der ich das konnte. Das ist wirklich eine Beziehung wie aus dem Märchen.

Was ist so märchenhaft daran?
Die Übereinstimmung, die seelische, intellektuelle. Ich hatte immer das Problem, keine ebenbürtigen Beziehungen zu haben. Daraus ergaben sich viele Konflikte. Aber die Beziehung zu Joey (gemeint ist die US-Germanistin Joey Horsley, Anm. der Redaktion) ist wirklich die vollkommene Beziehung, und das seit 35 Jahren, das finden wir alle beide. Wir gratulieren uns quasi in jedem Gespräch zu dem großen Glück, das wir gehabt haben.

Haben Sie einen Tipp, was man tun kann, damit dieses Glück so lange hält?
In der Therapie habe ich gelernt, Dinge möglichst offen anzusprechen. Wenn Probleme da sind, nicht vor sich hinköcheln, sondern sie bald aus dem Weg räumen. Aber behutsam und nicht auf die teutonische Art! Für Heterofrauen, in deren Beziehungen die Geschlechterhierarchie immer miteingebaut ist, würde ich sagen, es ist wichtig, auf den eigenen Rechten zu bestehen. Sonst entwickeln sich Ressentiments, und Sie werden den Mann, der Ihnen seine Ansprüche aufzwingt, bald nicht mehr mögen.