Brett Piet

So schön, dass sie es ins Museum geschafft haben: Mit Möbeln aus Altholz ist der Holländer Piet Hein Eek zum Designstar geworden. Besuch bei einem, der viel mehr ist als nur ein Recycling-Held.

Irgendetwas kommt einem hier bekannt vor in Piet Hein Eeks Verkaufshallen im holländischen Eindhoven: Besucher stromern durch Möbelwelten, lassen sich federnd in Betten fallen, gehen an Küchenzeilen vorbei oder begutachten staunend die Schließtechnik von Kleiderschränken. Kinder tollen umher. Paare planen mit rudernden Armbewegungen ihr junges Wohnglück. Hier gibt es alles, von der Nachttischlampe bis zum Festtagsgeschirr. Auch ein Restaurant gleich neben den Verkaufshallen, in das man einkehren kann, falls man vom vielen Bummeln in Unterzucker gerät. Und über allem liegt der süßliche Duft von Sägemehl.

Und doch könnte Piet Hein Eeks – ja was eigentlich?– Manufaktur, Operationsbasis, Erlebniskaufhaus nicht weiter weg sein von jenem schwedischen Warenhaus, das die Welt um preiswerte Einwegmöbel bereichert hat. Der holländische Designer geht den entgegengesetzten Weg – seit über 20 Jahren macht er Möbel aus dem, was andere entsorgen: Altholz, Industriereste, ausrangierte Türen oder rostige Fahrradrahmen.

Schroff sehen sie aus, irgendwie ungehobelt und doch von einer ganz eigentümlichen Schönheit und Würde: Stühle aus bunten Holzplanken, Kommoden mit Porzellanschüben, verwitterte Patchwork-Schränke und raumfüllende Lüster aus Vintage-Glaslampen. Einige Stücke haben es schon bis ins Museum of Modern Art in New York geschafft, viele erzielen bei Sammlern hohe Preise.

»Eek-Möbel sind modern, ohne modisch zu sein, kraftvoll und poetisch«, sagt Birgit Lakke, eine von fünf Möbelhändlern in Deutschland, die seine Produkte vertreiben. Zwar gebe es auch immer wieder Hobbytischler in ihrem Laden, die sich über die sichtbaren Schrauben und unbearbeiteten Kanten mokieren, doch: »Ich habe aufgegeben, mich darüber aufzuregen.«

Eek lässt alles bei sich in der angeschlossenen Manufaktur herstellen, jedes Stück ein Unikat. Was den Lärmpegel erklärt, der hier herrscht, auch in seinem Büro. Es ist ein stetiges Fräsen, Kreissägen und Hämmern. Eek, Mitte 40, sitzt an einem kleinen Schreibtisch wie ein Handwerker, der gerade aus dem Bett aufgestanden ist, und erzählt davon, warum er hier in diesem alten Industrieareal nahe dem Eindhovener Zentrum sein Glück gefunden hat: »Wenn es dir gut gehen soll, musst du dir eine Umgebung schaffen, die dich inspiriert. Ich habe hier alles unter einem Dach: Design, Produktion, Vertrieb und Laden. Diese einfache Struktur ermöglicht völlige Kontrolle darüber, was wir machen und wie viel. Keiner redet uns rein. Wir wissen genau, was wir wollen, wir wissen nur nicht immer, was dabei herauskommt.«

Schaut man durch die hohen Fabrikfenster, sieht man Bauarbeiter in Regenmänteln durch Morast stapfen. Bagger heben Baugruben aus. Hier sollen Wohnkomplexe entstehen. »Sie bauen um uns herum Häuser für unsere künftigen Kunden. Wunderbar«, sagt Eek. Er selbst richtet sich gerade ein leer stehendes Gebäude in Sichtweite ein. »Ich sehe keinen Sinn darin, weit weg von meiner Arbeit zu wohnen. Wenn ich fertig bin, lasse ich meine Frau entscheiden, ob sie hierher will.«

Vor einem Jahr erst ist er mit seinen rund 90 Mitarbeitern in diesen alten Klinkerbau gezogen, in dem einst der Elektrokonzern Philips sein Keramikwerk betrieb, bevor er es in ein Billiglohnland verlegte. Und so wie Eek allem, was andere nicht mehr brauchen, eine zweite Chance gibt, so hat er auch dieses ausgediente Gebäude zu neuem Leben erweckt. Er hat einfach fast alles so gelassen, wie es war, und seine Möbel hineingestellt. Von den Verkaufsräumen im ersten Stock kann man hinunterschauen in die Werkshallen, wo Männer an Schränken hantieren oder Holz zuschneiden. »Die Menschen wollen heute wissen, wie was hergestellt wird und wo«, sagt er, »wir haben unsere Prozesse so optimiert, dass wir nicht in Billiglohnländern produzieren müssen und trotzdem gute Preise anbieten können.«

Was nicht heißt, dass Eek-Möbel billig sind. Sie sind so preiswert wie möglich. Ein Hocker kostet um die 150 Euro, Auftragsarbeiten wie aufwendige Schrankwände oder große Tafeln können aber schnell fünfstellige Beträge erreichen. Dafür bekommt man etwas, was lange Zeit nicht zu kriegen war: Unverwechselbarkeit; selbst in Kleinserien gleicht kein Stück dem anderen. Am teuersten sind die Arbeiten seiner »99 %-Serie«, die aus Resten seiner eigenen Produktion stammen. Hunderte von Arbeitsstunden lässt er in Tische aus geschichtetem Altholz investieren, lässt sie wieder und wieder lackieren, bis sie wie verglast aussehen. Es ist seine Art, der Handarbeit ein Denkmal zu setzen. »Ich dachte, das kann man nicht verkaufen, weil es das Gegenteil von Wirtschaftlichkeit darstellt. Doch schon als ich sie das erste Mal auf einer Messe vorstellte, waren alle binnen Stunden weg.«

Als Eek 1990 seine erste Schubkommode aus Altholz baute - es war seine Abschlussarbeit für die Designakademie in Eindhoven -, war das eine ästhetische Revolution, ein Veto gegen den Perfektionseifer und die Technikverklärung im Design, die uns zwar viele schöne Massenprodukte brachte, aber eben auch den Verlust von Charakter und Exklusivität. »Ich wollte zeigen, dass auch unpolierte, unperfekte Dinge unseren Sinn für Schönheit und Funktionalität ansprechen können. Ich habe Rohstoffe genommen, die alle als wertlos ansahen, und sie behandelt, als wären sie wertvoll.« Er fand sie in Altholzkontoren, die in Holland weit verbreitet sind. Dort werden Abfälle und Reste aus der Bauindustrie und von Abrissarbeiten gesammelt. Bevor Eek diese Nische entdeckte, kauften dort Bastler ihr Holz für Hundehütten oder Gartenlauben. Heute ist er einer der Hauptabnehmer, und der Nachschub, heißt es, droht langsam knapp zu werden.

Mit den anderen holländischen Designern seiner Generation, die in den Neunzigerjahren unter dem Label »Dutch Design« bekannt wurden, verbindet Eek wenig. Während Hella Jongerius oder das Kollektiv Droog mit intellektuellen Spielereien von sich reden machten oder die Wohlstandsgesellschaft hinterfragten, ging es bei ihm immer recht handfest zu. »Ich will einfach nur einen guten Stuhl machen. Mir geht es ums Material, ganz gleich ob Altholz, Eisen oder Kunststoff, um Maschinen und Prozesse und wie ich sie optimieren kann.« Womit er natürlich viel gesellschaftsrelevanter ist, als er tut.

Mit seinem Wiederverwertungswillen ist Piet Hein Eek wie gemacht für eine Zeit, in der alle Müll trennen und endlich über Nachhaltigkeit nachdenken. Als Ökodesigner will er trotzdem nicht gesehen werden: »In dieser Ecke wollte ich nie sein. Ich werfe einfach ungern Dinge weg. Bin ich jetzt ein Held? Sollte das nicht das Normalste auf der Welt sein? Das Problem ist: Wir wollen unsere Lebensweise nicht wirklich ändern. Wir bauen uns lieber ein neues energieneutrales Haus, als einfach die Heizung runterzudrehen und einen Pullover anzuziehen.« Für Florian Hufnagl, Leiter der Neuen Sammlung in München, ist Piet Hein Eek trotzdem ein grüner Vorreiter: »Eek hat einen klaren Platz in der Designgeschichte. Er war der Erste, der sich den Themen Recycling und Nachhaltigkeit mit allem Nachdruck widmete: Themen, die uns heute immer noch beschäftigen und auf die wir leider noch keine gültige Antwort gefunden haben.«

Eek ist ein Konservativer im Wortsinne und gleichzeitig ein Rebell, weil er die Logik der Wegwerfgesellschaft durchbricht, die ihr einziges Glück im endlosen Konsum von Neuem sieht. Dabei ist er noch etwas anderem auf der Spur, etwas, was vielleicht die Magie seiner Möbel am besten erklärt: »Vieles, was industriell gefertigt wird, hat keine Seele. Es vermittelt mir nichts. Viel spannender aber ist doch der Versuch, Perfektion von Hand zu erreichen, das Annähern und letztlich das Scheitern – das erzählt mir etwas über das Leben.« So wie die kruden Vasen und Krüge aus Keramik, die aussehen, als hätte jemand Metallplatten zusammengeschweißt. Die Idee dazu kam ihm, als er seine Kinder im Atelier seiner Frau bei dem vergeblichen Versuch beobachtete, mit gewalzten Keramikresten ein Gefäß zu basteln.

Fotos: Monika Höfler

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