Unter Viren-Beschuss

Amtliche Dokumente versprühen selten Magie. Die Impf-Bescheinigungen, die unser Kolumnist in einem alten Ordner entdeckte, aber schon.

Illustration: Dirk Schmidt

Im ältesten Aktenordner, den ich besitze, habe ich mein Zeugnisheft aus der Grundschule gefunden, darin die Bemerkungen über mein Verhalten in der ersten Klasse: »Axel ist ruhig und zurückhaltend, aber recht eifrig. Das Lesen ist sehr gut.« Gleich hinter dem Dokument finde ich, vor meiner Geburtsurkunde, eine Klarsichthülle mit Zetteln und amtlichen Bescheinigungen. Eine davon – sie stammt vom 25.1.1956, da war ich fünf Tage alt – weist meine erste Impfung überhaupt nach, gegen Tuberkulose. Sogar die Nummer des Impfstoffs

Diese Zettelsammlung scheint ziemlich vollständig zu sein. Mein Vater hat alles, was ­irgendwie amtlich war, aufgehoben, ich tue das auch. Mehrere Polio-Impfscheine sind da, 1962 gab es die Schluckimpfung gegen Typ I, 1963 gegen Typ II und 1964 gegen Typ III. Der Slogan, mit dem für diese Impfung geworben wurde, lautete Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam. Wir bekamen in der Schule ein Stück Zucker, darauf wurde das Vakzin geträufelt, ein unvergessliches Erlebnis, noch dazu, weil ich 1962 zu den ersten Kindern in der Bundesrepublik gehörte, die auf diese Weise geimpft wurden.

Was den Pockenschutz angeht, so hat Vater nicht nur den Impfschein von 1968 (gezeichnet Dr. Möhle, Stadtärztin) aufgehoben, sondern sogar die vorausgehende Aufforderung zur öffentlichen Pockenschutz-Wiederimpfung; bei Pocken galt ja die Impfpflicht, was dazu beigetragen hat, das Virus weltweit auszurotten, als einziges bisher.

Unser Leben hatte seine Ordnung, und so kann ich auch beweisen, dass ich 1960 wegen einer Stirnplatzwunde eine Injektion von »1500 Einheiten Tetanus-Serum vom Pferd« bekam. Nur der Name des Pferdes fehlt. Ich war auf die

Bei der Bundeswehr bekam ich 1974 mein erstes Impfbuch, das Impfbuch Bw, ein irreführender Begriff, denn es handelt sich um ein 45 Zentimeter langes, faltbares Stück dicken Papiers. Oben steht: Sorgfältig aufbewahren! Jawoll, Herr Hauptmann, Befehl ausgeführt! Es ist ziemlich schmuddelig, wer weiß, wie oft ich damit in Uniform durch den Dreck gerobbt bin. Aber immerhin kann ich ihm entnehmen, dass ich der Blutgruppe 0 angehöre, das hatte ich vergessen. Ich glaube, bei Covid-19 ist das ein kleiner Vorteil, immerhin.

Mein richtiger Impfpass stammt von 1979, wobei, gerade sehe ich: Korrekt heißt das gelbe Heft Impfbuch gemäß § 16 Bundes-Seuchengesetz. Vor etlichen Jahren hatte ich das Ding verlegt und bekam vom Arzt ein neues, diesmal aber gemäß § 22 Infektionsschutzgesetz. Nun habe ich zwei, quasi eine doppelte Impfbürgerschaft. Auf beiden aber steht vorn World Health Organization. Bruno, mein alter Freund, sagt, für ihn besitze der ­Ausweis eine große Magie, weil damit so ­Ab­straktes wie Forschung, Fortschritt, Gesundheitspolitik und Seuchenbekämpfung greifbar werde und beweise, dass all das ihn tatsächlich sein Leben lang geschützt habe. Außerdem sei der Impfpass zurzeit ein weit bedeutenderes Dokument als der Reisepass. Der liege unbenutzt in der Schublade.

Ich habe nachgeschaut: Auf Seite 20 steht Indikations- und Reiseimpfungen, da hat der Arzt die Immunisierung gegen FSME und Hepatitis A sowie B notiert. Ich nehme an, da kommt dann auch Covid-19 hin.