Nal Melne aul aller Leln

Zur Eindämmung der Pandemie müssen wir uns auch mit Dingen beschäftigen, auf die bisher niemand geachtet hat. Etwa mit den Aerosolen in unserer Aussprache.

Illustration: Dirk Schmidt

Nach den aktuellen Schließungen der Theater und anderer Kulturstätten habe ich einen Zukunftsplan zur Reform insbesondere des mich betreffenden Bereichs, der öffentlichen Lesung, entwickelt. Es konnte so nicht weitergehen. Gerhard Polt hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Seuche ihren europäischen Ursprung im Ischgler Opernhaus nahm. Mir ist bekannt, dass sich ungezählte Menschen auch bei den vielen Tiroler Après-Ski-Literaturlesungen infiziert haben.

Zu den Maßnahmen gehört die Realisierung des von mir so getauften Pla-Plans. Ein französischer Physiklehrer namens François Pla, als Autor ganz unbekannt, hat ihn ent­wickelt und auf Youtube vorgestellt. Inzwischen gibt es dort eine deutsche Version von Norma Cassau, die unter anderem zu den Übersetzerinnen von Houellebecq gehört.

Der Pla-Plan sieht die Abschaffung aller Konsonanten vor, bei deren Aussprache besonders viele Speicheltröpfchen (im Französischen heißen die lustigerweise postillons) er-zeugt werden. Weg mit allen Reibe-, Zisch- und Explosivlauten, in der Fachsprache Plosive, Frikative und Affrikaten oder vielleicht besser Spuckbuchstaben genannt! Sie werden ersetzt durch weitgehend aerosolfreie Laute. Das geht so: t und d werden zu n; p sowie b zu m; k und auch g zu ng; schließlich f, v, w, s, z und ts zu l.

Stellen wir uns also vor, Thomas Mann würde unter diesen Bedingungen aus den Buddenbrooks lesen, einem Roman, der nun Munnenmroongl hieße. Das Buch beginnt mit einem Stammeln: »Was ist das. – Was – ist das …« Mann läse heute: »Lal iln nal. – Lal – iln nal …« Die Sache bringt eine gewisse Nasalisierung der Sprache mit sich, aber so ist das nun mal. Unser Leben ist anders geworden, wir berühren einander nicht mehr, der Kuss ist so tot wie der Händedruck. Nun ist die Sprache dran.

Pla hat seinen Plan auf vier Wochen angelegt, danach müsste unser Reden aerosolfrei sein; ich vermute, es könnten fünf Wochen werden. Jedenfalls endet die Vorstellung seiner Vorhabens mit dem Ausruf: Vive la République …, pardon: Rire la Rémumligne! Rire la Rrance! (Aber, Monsieur, muss es nicht Lile la Rranle heißen? Gut, da rire eben lachen heißt, musste man eine Ausnahme machen.)

Mir ist die Sache nicht radikal genug. Ich hatte mir überlegt, Texte mit dem Rücken zum Publikum vorzutragen, das seinerseits

So gelangte ich zur Auffassung: Der Begriff Lesung muss neu interpretiert werden. In diesen Zeiten hat sie in aller Stille stattzufinden, aber sie könnte so wenigstens stattfinden. Zu unser aller Schutz werde ich ein Plakat hochhalten, auf dem steht: Lesung der Seiten eins bis zwölf, vielleicht werden ich auch flüstern: Lelunng ner Leinen einl mil llöll. Danach werde ich mich setzen, mein Buch aufschlagen und die Seiten still lesen. Die Zuhörer (die keine Zuhörer sind, sondern Selbstlesende), werden ihre eigenen Bücher an den entsprechenden Stellen öffnen und lesen.

Natürlich darf nicht gelacht werden, das würde auch das tiefgehende meditative Gemeinschaftserlebnis stören. Leserinnen, die an bestimmten Stellen unbedingt lachen

Wir müssen vorsichtiger werden, was die Kultur angeht. Sie ist einfach zu gefährlich.