Wartezimmer ohne Ausgang

Wir warten, warten, warten. Kann man dieser, nun ja, Tätigkeit auch etwas Gutes abgewinnen?

Illustration: Dirk Schmidt

Unser Leben ist ein Warten geworden. Warten auf die nächste Welle. Warten auf Impfstoff. Warten aufs Ende der Pandemie. Immer warten, warten, warten.

Warum ist das Warten so schwer?

Es muss mit der Machtlosigkeit zu tun haben, die Wartende verspüren. Wo gewartet werden muss, ist von irgendwas zu wenig da. Die DDR war ein Warteland, weil es von fast allem kaum etwas gab, zu wenige Autos, zu wenige Wohnungen, von Südfrüchten nicht zu reden. Vor Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in London

Wer wartet, muss Mangel erdulden. Das hat keiner gerne, aber manchmal kann man nichts machen. Das ist ein wichtiger Punkt: dass man nichts machen kann. Wer warten muss, der kann nichts machen. Oder doch? Die Regisseurin Doris Dörrie hat gerade in einem lesenswerten Gespräch mit der Zeitschrift Zeit Wissen erzählt, in ihrem Leben habe es eine Zeit gegeben, in der sie viele Stunden an Bushaltestellen in Mexiko verbrachte, wartend. »Es gab keine Fahrpläne, keinen Handyempfang, nix zu tun. Und das zwang mich, mit den Leuten zu schnacken, die da mit mir herumgesessen sind.« So habe sie durch Herumsitzen das Land »viel besser begriffen als durch Bewegung oder durch digitale Recherche«.

Man kann daraus lernen, dass Sinnlosigkeit oft nur ein vermeintliches Problem ist. Man kann auch dem Warten einen Sinn geben, in diesem Fall durch Reden. Warten ist eine Kulturform, man kann wartend etwas über sich selbst lernen oder über die Welt, je nachdem. Man muss das allerdings wollen. Jeder Künstler weiß

Das soll nicht den Blick darauf verstellen, dass Warten eine Machtfrage ist. Nicht durch Zufall ist der Kellner im Englischen der waiter, ein Wartender; schon im Begriff steckt die Hierarchie. Jemanden gezielt warten zu lassen, ist eine Demonstration: Ich verfüge über deine Zeit! Derlei gehört zum Einmaleins gewisser Direktoren, die schon aus Gewohnheit andere herumhocken lassen, weil sie nur so die eigene Bedeutung spüren. In der Gestaltung von Warteräumen drücken sich Respekt oder Verachtung für die Wartenden aus. Je hässlicher es dort ist, desto niedriger muss man sich die Empfindungen der Leute hinter den Türen vorstellen.

Der moderne Kapitalismus versucht, das Wartegefühl zum Verschwinden zu bringen. Mit dem Warten selbst gelingt es ihm noch nicht. Wer ein Paket erwartet, wird mit einem Code ausgestattet, der ein Nachsehen erlaubt, wo die Sendung gerade ist. Da wartet man zwar immer noch, hat aber das Empfinden, die Sache im Griff

Das große Warten dieser Tage. Jetzt haben wir uns lange erfolgreich in Geduld geübt, wie man so sagt. Nun ist der Punkt erreicht, den man aus Wartezimmern kennt: Man denkt, es sei an der Zeit, beim Pförtner mal Bescheid zu geben. Bloß: Wo sitzt bei einer Pandemie der Pförtner?