Das Beste aus aller Welt

Unser Autor verzweifelt daran, dass er, ausgelöst durch ein traumatisches Erlebnis aus frühester Kindheit, auch heute noch panisch vor großen Tieren flüchtet.

Zu meinen frühesten Blamagen zählt eine Geschichte, bei deren Erleben ich ungefähr sieben Jahre alt war. Ich verbrachte zu dieser Zeit die Sommerferien stets auf dem Bauernhof meines Onkels. Der Onkel züchtete Schweine, weshalb er einen Eber hatte, ein riesiges Vieh, in meiner Erinnerung so lang wie ein Mittelklassewagen, ein Opel Eber sozusagen. Dieser Eber brach regelmäßig aus dem Stall aus und verschwand in den Weidegründen des Hofes, nach der großen Freiheit suchend. Mein Onkel stapfte dann wütend hinter ihm her, einen großen Knüppel in der Faust, und trieb das Tier wieder in den Stall zurück.

Eines Tages nun stand ich mitten auf dem Hof, als der Onkel mit dem Eber von den Feldern zurückkam. Der Eber strebte, vom Knüppel geschlagen, Richtung Stall, doch als er mich erblickte, änderte er die Richtung und eilte auf mich zu. Ich wurde von Panik erfasst, rannte zum Wohnhaus, drückte die Tür auf, raste die Treppe hinauf, den Eber-Atem im Nacken fühlend (reine Einbildung natürlich!), riss die Toilettentür auf, schloss sie von innen und schob einen Stuhl vor dieselbe, immer noch den tobenden Eber draußen wähnend, der in Wahrheit längst im Stall war. Das war aber nicht die Blamage! Eine Woche später kam meine Großmutter zu Besuch. Die Schweine wurden an diesem Tag von einem Stall zum anderen getrieben, ein Ereignis, dem auch Großmutter und ich beiwohnen wollten, weshalb ich mit einem Stock bewaffnet auf die Schweineparade wartete. »Keine Angst, Oma!«, sagte ich. Doch kaum steckte das erste Schwein den Rüssel aus der Stalltür, rannte ich davon – mit der Folge, dass mir im Familienkreis mein Leben lang diese Geschichte wieder und wieder erzählt wird.

Vor einigen Monaten waren wir im Zirkus Krone, nicht in der Vorstellung, sondern in der Tierschau, gleich neben dem Zirkusgebäude. Man sah dort sehr schöne Pferde in ihren Boxen, ein bedauernswertes Nilpferd in einem kleinen Becken – und wenn man draußen an den Ställen vorbeiging, schob einen plötzlich ein barscher Zirkusdiener beiseite und mürrische Elefanten trotteten vorbei, auf dem Weg zum Job.

In einem Gitterwaggon warteten die Tiger auf ihren Auftritt. Plötzlich kamen etliche Zirkusleute aus dem Hauptgebäude, um einen Tiger nach dem anderen in vollvergitterte Rollwägelchen zu verladen, so ähnlich, wie sie bei Tengelmann für die Ware Verwendung finden, nur eben, ich sagte es schon, rundum vergittert. Scheppernd wurden diese Karren übers Pflaster geschoben, ein absurdes Bild: diese Tengelmann-Tiger zwischen all den Besuchern, die sie anstarrten…

Ich hatte Sophie an der Hand. »Keine Angst, Sophie!«, sagte ich, aber Sophie hatte doch Angst und wollte weg. Wir waren schon etwa fünfzig Meter entfernt von den Tigern, als wir plötzlich die Arbeiter aus dem Gebäude schreien hörten, ich konnte nicht verstehen, was, irgendwas halt, und das laut.
Und was tat ich?
Rannte davon, mit Sophie an der Hand, wie einst beim Onkel, einen der Tiger in Freiheit wähnend.

»Wo wolltest du hin?«, fragte lachend Paola, als wir uns draußen wieder trafen. »Die Männer hatten nur das Problem, dass sie einen dieser Wagen über eine Schwelle heben mussten. Da haben sie sich Kommandos zugerufen.«
»Ich habe ein Eber-Trauma«, sagte ich.

Leserin K. aus München teilt mit, sie arbeite in einem Münchner Tagesheim für Kinder. Dort habe der zehn Jahre alte Hannes kürzlich sehr schmutzige Hände gehabt, weshalb sie ihm empfohlen habe: »Du könntest dir mal deine Hände waschen. In Zeiten der Schweinegrippe wäre das kein Fehler.«
Darauf Hannes, mit besonderer Betonung: »ICH, ich habe dieses Jahr noch kein Schwein angefasst!«

Illustration: Dirk Schmidt