»An Mahlzeiten lässt sich ablesen, ob eine Beziehung glücklich ist«

Die Ernährung spielt in der Liebe eine zentrale Rolle, meint die Paartherapeutin Heike Melzer. Sie erklärt, warum Essen und Sex so viel miteinander zu tun haben, warum das eine oft mehr und das andere oft weniger wird und wie aus einem gewöhnlichen Abendessen ein besonderes Ritual wird.

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SZ-Magazin: Es klingt etwas ausgelutscht, aber Liebe geht wirklich durch den Magen, oder?
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eike Melzer: Essen ist Ausdruck der liebevollen Zuneigung, die man bei Eltern-Kind-Beziehungen genau wie bei Liebespaaren beobachten kann. Wenn ich einen Besuch in meiner Heimat ankündige, fragt meine Mutter mich immer, was sie mir kochen kann. Meine Mutter tischt die Gerichte auf, die ich als Kind schon gern mochte. Das ist eine Botschaft, die zeigen soll: Ich denke an dich, ich möchte, dass es dir gut geht, und wenn du krank bist, mache ich dir den Apfel-Möhren-Salat mit frischer Zitrone. So ist das auch in Partnerschaften. Gerade wenn die Leidenschaft und die Triebhaftigkeit nachlassen, gewinnt der gemeinsame Genuss von Nahrungsmitteln an Relevanz.

Aber ist es wirklich so einfach: Weniger Sex, mehr Essen? 
Sowohl das Liebesspiel als auch der Genuss von Lebensmitteln sind sinnliche Erfahrungen, die das Paar miteinander teilen kann. Frischverliebte vergessen vor lauter Freude am anderen oft den Hunger. Bei einem Paar, das schon länger in einer Beziehung ist, kann sich die Liebe zueinander eben verändern. Das ist auch in Ordnung. Beispielsweise gehen Paare, die keinen Sex mehr haben, häufiger in Restaurants essen. Sie tun sich etwas Gutes, genießen gemeinsam und bedienen so ihr Belohnungssystem im Gehirn.

Wie genau funktioniert das?
Dopamin ist der Transmitter, der als Botenstoff positive Gefühle auslöst und wie eine Währung funktioniert. Traktiert wird er am stärksten beim Sex, gleich danach beim Essen. Das kann man bei einer funktionalen Kernspintomografie sehen. Deswegen sind die beiden Themen auch ganz eng miteinander verknüpft.

Von Alfons Schuhbeck gibt es ein Sexgewürz.
Das ist natürlich ein Marketing-Gag. Aber es gibt tatsächlich Gewürze, die eine aphrodisierende Wirkung haben. Bei Chili läuft einem der Schweiß von der Stirn. Wenn er genügend brennt, schlägt das Herz ein bisschen schneller, und der Kreislauf wird angeregt. Ein Stück weit ist es das gleiche Gefühl wie beim Sex. Genauso ist es bei erotischem Essen. Warum ist eine Auster sexy? Warum eine Banane? Weil das Schlürfen bei uns Assoziationen weckt, wir denken an Oralsex, beispielsweise bei der Banane an einen Blowjob.

Einer der wichtigsten Kriterien für den Lebensmitteleinkauf ist der Geschmack. Welche Rolle spielt er bei der Partnerwahl?
Ob sich zwei schmecken oder riechen können, finden sie durch das Küssen heraus. So wird geprüft, ob der Partner biochemisch, also genetisch, zu einem passt. Vieles lässt sich gar nicht kognitiv erfassen. Aber wenn man zehn Frauen oder Männer küssen würde, dann würde man an dem Geruch oder Geschmack schon den richtigen Kandidaten herausfischen. Geschmack und Geruch hängen ganz dicht miteinander zusammen. Wer nicht riechen kann, schmeckt normalerweise auch nicht richtig. Ähnlichkeiten sind sympathisch, wie beim Musikgeschmack oder Modeempfinden – das gilt natürlich auch bei der Essensauswahl.

Die israelische Soziologin Eva Illouz schreibt in ihrem Buch »Warum Liebe endet« von einer Frau, die von ihrer Lebenspartnerin wegen ihrer Glutenunverträglichkeit verlassen wurde. Illouz beschreibt: »Körper, Persönlichkeit und Geschmäcker sind Gestand kontinuierlicher Bewertung und Übergangspunkte für den Beginn und die Beendigung von Beziehungen«. 
Die Partnerwahl könnte man schon im Supermarkt treffen. Wenn man an der Kasse sieht, was da für Einkäufe liegen, weiß man schon, wer vor einem steht. Es gibt mittlerweile Partnerbörsen, die sich über vegetarische, vegane oder basische Ernährung vermitteln. Denn es gibt natürlich die Vegetarier, die sagen, dass sie mit einem Partner, der Fleisch isst, nicht zusammen sein wollen. Und umgekehrt suchen sich die Fleisch-Liebhaber vielleicht nicht gerade einen Veganer. Der Lifestyle spielt eine Rolle, besonders bei Menschen, die eine starke Besonderheit ausgeprägt haben.

Wie konfliktträchtig ist Essen in der Liebe? 
Es gibt Paare, die sich bei einer Ernährungsumstellung unterstützen, beispielsweise wegen einer Allergie, und so ihre Bindung stärken. In meiner Praxis habe ich ein Paar behandelt, bei der einer von beiden keinen Zucker mehr zu sich nehmen sollte. Beide haben fortan darauf verzichtet, obwohl es nur einer machen musste. Wenn die Unterschiede so gravierend sind, dass sich keine Schnittmenge für gemeinsame Mahlzeiten findet, dann leidet die Beziehung.

Inwiefern? 
Ein Patientenpaar hatte unterschiedliche Tagesrhythmen. Er war Frühaufsteher, sie hat gern ausgeschlafen. Sie haben nebeneinander her- und sich deswegen auseinandergelebt. Doch eine Beziehung besteht die meiste Zeit aus Alltag. Es ist wichtig, dass die Paare auch ohne Wellnessurlaub eine schöne Zeit miteinander verbringen. Und das können Rituale sein wie ein gemeinsames Abendessen. Ein Paar aus meiner Praxis, das mittlerweile über zwanzig Jahre verheiratet ist, hat jeden Freitagabend ein Date zu zweit als Liebespaar. Vorher speisen sie ihre drei Kinder ab, bringen sie ins Bett, und danach kochen sie zusammen. Solche regelmäßigen Erlebnisse müssen nicht aufwendig sein. Es reichen stimmungsvolle Musik, ein aufgeräumter Esstisch, eine Kerze beim Essen und ein langer Blick in die Augen des Partners.

In der Ernährungsstudie einer gesetzlichen Krankenkasse gab mehr als ein Drittel der Befragten an, dass sie ohne Begleitung essen – ob Single oder nicht. Sind Paare, die miteinander essen, glücklicher? 
Das Essverhalten innerhalb einer Beziehung können Sie mit einem Tanz vergleichen. Sie können sehen, ob das Paar harmonisch ist, welcher Partner führt und ob beide Spaß daran haben. Wie an dem Tanz lässt sich an den gemeinsamen Mahlzeiten ablesen, ob die Beziehung glücklich, sogar ob sie leidenschaftlich ist. Je nachdem, wie sich Paare auf das Essen einlassen. Ist es etwas Schönes, etwas Sinnliches, wird sich Zeit genommen, sich gegenseitig Aufmerksamkeit geschenkt – oder läuft es nur nebenbei, während der Fernseher an ist und die News auf dem Smartphone gecheckt werden?

Im Film »Die Braut die sich nicht traut« mag Maggie, gespielt von Julia Roberts, die Frühstückseier so zubereitet wie die Männer, mit denen sie gerade zusammen ist. Ändert sich das Essverhalten wirklich mit einem neuen Partner? 
Bei einem neuen Partner passe ich mich an viele Dinge wie die Wohnungseinrichtung, die Urlaube an. Essen ist etwas, das wir adaptieren. Das hat etwas mit Offenheit und Kompromissbereitschaft zu tun, und kann ja auch bereichernd sein. Denken Sie an interkulturelle Beziehungen – oder auch schon regionale Unterschiede. Ich habe als Assistenzärztin aufgehört, Fleisch zu essen, aber seit ich meinen Mann kenne, esse ich hin und wieder auch ein Stück schwäbischen Zwiebelrostbraten.

Bedeutet der Braten, dass Ihr Mann die dominantere Rolle in Ihrer Beziehung einnimmt? 
Nein, in der Realität lassen sich Machtverhältnisse nicht so einfach ablesen. Doch obwohl die meisten Frauen heute berufstätig sind, hinkt die Rollenverteilung zuhause dem Arbeitsmarkt hinterher, denn das Kochen ist immer noch größtenteils Frauensache. Ich bin beispielsweise die, die in meiner Familie kocht, und habe natürlich mehr in der Hand, was es zu essen gibt. Doch das bedeutet nicht, dass ich automatisch die dominante Rolle innehabe. Oft ist dieselbe Person, die bestimmt, was auf den Teller kommt, auch die, die den Tisch wieder abräumt. Sich um das Essen zu kümmern ist eine dienende Handlung. Ein Bekannter von mir schenkt seiner Frau zu Weihnachten, dass er sich zwei Monate allein um das gesunde Kochen und Einkaufen kümmert.

Obwohl eine aktuelle Ernährungsstudie zeigt, dass Paaren gesundes Essen wichtiger ist als Singles, ist ganz gut belegt, dass Männer und Frauen in Beziehungen zunehmen. 
Die zusätzlichen Kilos kommen oft nach der Hochzeit. Ich hatte einen Patienten, der sich an dem Gewicht seiner Frau gestört hat und sie nicht mehr attraktiv fand. Er hat mir ein Foto gezeigt, als sie damals geheiratet hatten – in den Jahren danach sind 20 Kilo dazugekommen. Die Frau war von der Ablehnung ihres Mannes verletzt, weil er ihr böse Kommentare reingewürgt hat. Das ist der falsche Weg, wenn Sie Ihre Ehe nicht auflösen wollen. In meiner Praxis versuche ich, gemeinsame Weg zu finden, beispielsweise rate ich, den Partner bei einer Diät zu unterstützen, zum Sport zu motivieren, indem man zusammen joggen geht oder zusammen die Ernährung umstellt. Denn ein gemeinsames Projekt stabilisiert die Beziehung zusätzlich.