Zurück zu den Wurzeln

Sean Sherman wuchs in einem Sioux-Reservat in South Dakota auf. Er wurde Spitzenkoch. Dann fiel ihm auf, dass ihm etwas fehlte – die Rezepte seiner Vorfahren, der Ureinwohner Nordamerikas. ­Seitdem ist er auf einer Mission.

Sherman in einem der vielen Parks von Minneapolis – wo er schon viele Jahre wohnt, aber lange nicht ahnte, was dort alles wächst.

Sean Sherman wird oft nach dem Geschmack seiner Kindheit gefragt. Am Rande der Buffets, die er zubereitet, der Vorträge, die er hält, in Signierstunden und kürzlich auf der Straße in Minneapolis, der Stadt, in der er wohnt, als ihn eine Frau erkannte, die ihn im Fernsehen gesehen hatte. In dieser Frage, sagt Sherman, stecke immer auch eine Erwartung: »Als müsste ich von Bisons erzählen, die ich mit Pfeil und Bogen gejagt habe!«

Doch Sean Sherman, dessen Name in der Lakota-Sprache Wablí Wathˇákpe (Angreifender Steinadler) lautet, vom Stamm der Oglala, die zur Familie der Sioux-Indianer gehören, muss die Leute jedesmal enttäuschen. Er leitet zwar das Cateringunternehmen »The Sioux Chef« und erinnert mit den Rezepten in seinem Kochbuch The Sioux Chef’s Indigenous Kitchen an vergessene Zutaten und Gerichte der indigenen Bevölkerung Nord­amerikas vor der Ankunft der europäischen Besatzer. Freilebende Bisons aber gab es längst keine mehr auf den feuchten Wiesen und den staubigen Hügeln seiner Heimat, als er mit sieben Jahren lernte, ein Jagdgewehr zu bedienen – höchstens Hirsche. Und die Rinder des Großvaters, auf dessen Farm Sherman mit seiner kleinen Schwester und den Eltern lebte.

»Ich wuchs verhältnismäßig wild auf«, sagt Sherman, der 1974 im Pine-Ridge-Reservat in South Dakota geboren wurde, dem ärmsten Fleck der USA. Ein Jahr vorher hatte dort die militante Gruppe American Indian Movement die Ortschaft Wounded Knee besetzt. Dort, ­unter den Sioux unvergessen und in den meisten Schulbüchern unerwähnt, hatte 1890 das 7. US-Kavallerieregiment 300 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, massakriert und den letzten Widerstand gegen die Weißen gebrochen. Die Besetzung 1973 wurde nach 71 Tagen von FBI und Nationalgarde beendet, bei dem neuen Kampf um Souveränität starben zwei Besetzer und ein FBI-Beamter. Auf der Ranch der Shermans blieb der Stolz ungebrochen. Die Großeltern unterhielten sich auf Lakota, dieser Sprache, die wie ein Gesang klingt, den nur noch wenige beherrschen. Und zu besonderen Anlässen kochten die Frauen traditionell Taniga, ­einen breiigen Eintopf, und Wojape, Suppe aus Beeren.

Trotzdem erinnert sich Sherman, wenn er zurückdenkt, nicht an die schöne Säure der Choke Cherries, auf Deutsch: Virginische Traubenkirschen, oder an die trockene Würze der Prärie-Rüben, die entdeckte er erst später für sich. Seine Kindheit schmeckte wie fast jede im Mittleren Westen der Nachkriegsjahrzehnte, vielleicht noch etwas eintöniger: nach Weißbrot, grellgelben Industriekäsescheiben und blassem Schinken, der Mais kam aus der Dose, wie die Erbsen, die Möhren – und der Lachs, den er liebte.

Mehr als fünf Millionen Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner

An diesem Donnerstagmorgen, der letzten Pause vor einem

Gerade wurde bekannt, dass ihm dieses Jahr der James Beard Foundation Leadership Award verliehen wird, ein Oscar für Spitzenköche. Sherman ist erfolgreich wie nie. Gerade wurde auch bekannt, dass die Trump-Regierung plant, ein historisches Privileg der Native Americans abzuschaffen. Bislang können die Nachfahren der Ureinwohner, unter denen die Arbeitslosenquote doppelt so hoch ist wie in der sonstigen Bevölkerung, auch dann die öffentliche Krankenversicherung für Alte, Einkommensschwache und Behinderte in Anspruch nehmen, wenn sie ohne Beschäftigung sind oder waren. Das soll bald vorbei sein. Als wäre die Schuld beglichen – oder spiele keine Rolle mehr. »Wir stehen noch ganz am Anfang«, sagt Sherman. »Gerechtigkeit wird es nie geben, aber vielleicht ein Bewusstsein für unser Schicksal!« Er ist so wütend wie immer. Ohne diese Wut wäre er nie so weit gekommen. 

Dass Sean Sherman Koch wurde, lag daran, dass es keine ande­ren Jobs gab für einen Dreizehnjährigen in Spearfish, 11 000 Einwohner, deutlich mehr Touristen, am Rande der Black Hills. Der Gebirgszug wurde den Lakota 1877, nach der Schlacht am Little Bighorn, entzogen. Ihnen waren die Black Hills – für sie: Paha Sapa – heilig, als das spirituelle Zentrum der Erde. Den Siedlern waren sie auch heilig, des Goldes wegen, das darunter lag.

Shermans Mutter war mit den beiden Kindern dorthin

Die Mutter, noch sehr jung, musste neben dem

Als die Restaurants, in denen Sherman nach der

Mit Anfang zwanzig ging er nach Minneapolis. Die

Dort passierte es. Am Strand von San Pancho,

Es kam ihm plötzlich lächerlich vor: Er war

562 indigene Stämme hatten sich einst über dieses riesige Land verteilt, in allen Klimazonen, im Flachen, auf den Höhen, am Wasser und in der Wüste. Jeder Stamm muss anders gelebt, gesprochen, gejagt, gegessen haben. »Und doch werden auf den wenigen Powwows, die es in all den Reservaten gibt, auf den Festen, immer nur zwei Gerichte verkauft«, sagt Sherman: »Indian Tacos, die in Wahrheit nichts ­anderes sind als mexikanische Tacos, Hackfleisch, Käse, Salat. Und Fry Bread, flaches, frittiertes Teigbrot, das in den USA als typisch indianisch gilt.« Nur: Bevor die Schiffe angelegt hatten, gab es in Nordamerika kein Weizenmehl, auch keinen raffinierten Zucker, keine Milchprodukte, kein Rindfleisch. Warum, fragte sich Sean Sherman, wusste er nicht, was seine Vorfahren gegessen hatten? Er spürte, dass er es heraus­finden musste. Vielleicht würde er sich dann selbst wiederfinden.

Zurück in den USA, zog sich Sean Sherman

Und Sherman fand zweitens heraus: Dass dieses Wissen

2014 war er so weit. Er kehrte nach

Bald werden Dana und er am Fluss in Minneapolis ein indige­nes Restau­rant eröffnen, mit einer Ausbildungsküche für junge Leute aus den Reser­vaten. Und Sherman will von dort aus ­Natives ­unterstützen, die in ihren Reservaten Geschäfte eröffnen wollen, kleine Läden, Cafés, Food Trucks. So, hofft er, könnte ein neues Essens-Netzwerk entstehen, eine neue Verbindung, zum Land, zum Essen, zueinander. »Aber das ist noch so weit weg«, sagt Sherman, »ihr habt ja keine Vorstellung …« Er sagt, wir müssten nach Pine Ridge fahren, um zu verstehen. Gleich morgen. Er selbst kann nicht, bald steht das nächste große Dinner an.

Sherman empfiehlt, für die Fahrt nach Pine Ridge das Hörbuch The Journey of Crazy Horse: A Lakota History herunterzuladen, gut zehn Stunden, das passe genau, er habe das auch gehört auf seiner vorigen Fahrt nach Hause. Es geht dann zum monotonen Klang des dramatischen Lebens dieses Oglala-Anführers durch die monotone Weite von Minnesota und South Dakota, die gelegentlich von großen Wassertanks und noch größeren Outlet-Centern unterbrochen wird. Bis das Navi nach Süden lotst, hinein in die Badlands, einen Nationalpark, dessen unwahrscheinliche Felsformationen, mal matschig, mal staubig, mal in allen Ockertönen, mal schreiend blau und grün, an ein opulentes Buffet von Sean Sherman erinnern, die Täler schimmern wie tönerne Schüsseln voll pürierter Natur. Vielleicht liegt es daran, dass der Tag sich dem Ende neigt, vielleicht daran, dass das Hörbuch sich dem grausamen Tod von Crazy Horse, dem Hoffnungsträger, nähert, aber als der Eingang zum Reservat erreicht ist, verdüstert sich alles. Der endlose ­Horizont sieht nicht mehr nach Freiheit aus, sondern nach Haltlosigkeit. Ein einsames Pferd grast angebunden, wie stehen gelassen. Einige verschmutzte Trailer, vor denen Kinder spielen, reihen sich entlang staubiger Buckelpisten ins Nichts. Pine Ridge ist eine Landschaft, die aus den Fugen geraten ist.

Von den Reservatsbewohnern leben 97 Prozent unterhalb der

Ob dieser Tag zu Ende geht oder beginnt,

Red Cloud zeigt auf die löchrige Wand des

Auf einmal bekommt die vom Whiskey schlingernde Stimme

Aber Timothy Red Cloud ist noch nicht fertig. »Ich bin ja Medizinmann!«, ruft Timothy Red Cloud. »Ich gebe das Wissen auch an meine Kinder weiter.« Er springt auf und holt vom ­Küchenschrank ein staubiges Bündel Sweetgrass und erklärt, wie man es bei Zeremonien verbrenne. Und noch was! Red Cloud holt aus dem Kühlschrank zwei Plastikbeutel. Im einen sind eingefrorene Choke Cherries, im anderen bunte Maiskörner, in jedes einzelne davon, sagt Red Cloud, habe der Sonnengott seine Kräfte gesteckt. »Das ist unser Essen, daher kommt unsere Stärke!«, ruft Red Cloud. Sie haben die Plastikbeutel lange nicht hervorgeholt, wer soll hier kochen … Aber Timothy Red Cloud muss die Kirschen und den Mais nicht auspacken. Er sagt, er brauche sie sich nur anzuschauen. Es beruhige ihn, sie in seinem Kühlschrank zu wissen. Da ist etwas. Etwas aus der Vergangenheit, die er nicht mehr erleben durfte, und der Zukunft, die er sich nicht mehr vorstellen kann. Es ist nicht viel.

Nur ein Geschmack.