»Beziehungs­arbeit ist wie Gartenarbeit«

Hildegard und Bernhard Raiser sind seit 67 Jahren ein Paar. Wie haben sie das geschafft? Wie hat sich ihre Liebe verändert? Und wie beantworten sie die große Frage, was das Leben nun eigentlich ausmacht? 

Eine Kleinstadt eine halbe Stunde­ südwestlich von Stuttgart, ein Stück weiter fängt der Schwarzwald an. Ein Einfamilienhaus in einer Sackgasse. Jägerzaun, gestutzte Rosen. Hildegard und Bernhard Raiser sitzen am Ess­tisch, über Eck. Auf dem Tisch ein paar Kekse, diverse Tablettenschieber in drei Stapeln, frische Blumen in einer Vase, an den Wänden ge­rahmte Ölgemälde. Das Pflegebett von Bernhard steht so, dass er von da aus in den Garten schaut.

SZ-Magazin: Wie war das, Kennenlernen in der Nachkriegszeit?
Bernhard: Ich war 17, als der Krieg zu Ende war. Heißt: Die Sturm- und Drangzeit habe ich als Luftwaffenhelfer und Soldat verbracht, ich habe erst mit zwanzig Abi gemacht. Wir waren ausgehungert nach Vergnügen. Kennen­gelernt haben wir uns, als ich in den Semes­terferien 1952 bei Bosch ein Praktikum gemacht habe. Da war diese junge Dame, eine technische Zeichnerin...
Hildegard: Scheibenwischerkonstruktio­nen hab’ ich gemacht!
Bernhard: Sie also das Mädle im weißen Kittel, mit ihren hochhackigen roten Schuhen – mit denen ist sie schon aus dem Rahmen ge­fallen! Wir haben dann beim Mittag­essen geblinzelt.
Hildegard: Er hat immer versucht, es so hinzudrehen, dass wir gemeinsam raus sind aus der Kantine.
Bernhard: Irgendwann haben wir uns zum Spaziergang auf dem Hoppenlau-Friedhof getroffen in der Mittagspause. Aber immer per Sie!
Hildegard: Manchmal haben wir am Wochen­ende einen Fahrradausflug gemacht. Ins Kino konnten wir selten, wir hatten ja kein Geld.
Bernhard: Ich habe am Wochenende abends Lotto­scheine ausgewertet, 1,17 Mark pro Stunde gab es da. Das war dann das Taschengeld für die Woche.
Hildegard: Aber manchmal haben wir uns ein Croissant geleistet. Im Café »Metten­leiter« (sagen beide gleichzeitig).
Bernhard: Viel Zeit hatten wir ja nicht, damals hat man samstags noch gearbeitet.
Hildegard:  Aber ich hatte eine eigene Wohnung. Die Toilette musste ich mir mit der Vermieterfamilie teilen, aber immerhin.
Bernhard: So konnte man auch mehr Sex haben. Die anderen Mädchen, die ich vorher so vierteljahresweise hatte, haben wie ich noch zu Hause gewohnt.

Er hat in den vergangenen Monaten dreißig Kilo abgenommen. Aber seine Stimme klingt fest und zuversichtlich. Weder er noch Hildegard tragen eine Brille.

War es Liebe auf den ersten Blick?
Hildegard: Auf den ersten Blick – nö. Er war ja jünger als ich. Aber mir war schnell klar, das ist der Mann meines Lebens. Ich wollte nur dich! Und da war ich dann die treibende Kraft. Er hat lange gezögert, zwischendurch war auch mal Schluss, weil seine Mutter keine Berlinerin als Schwiegertochter wollte.
Bernhard: Nein, das stimmt so nicht! Meine Mutter wollte, dass ich mich aufs Lernen kon­zentriere. Und ich habe mich schon auch gefragt, ob ich mich so früh binden muss.
Hildegard: Das war eine harte Zeit für mich. Aber irgendwann klingelte mein ­Telefon im Büro. Er war dran und sagte ­einfach: »Na, wollen wir’s noch mal ver­suchen?«
Bernhard: Sie war ja keine schlechte Partie. Und da habe ich abgewogen: Wenn nicht mit ihr, mit wem dann? Also habe ich mich für sie entschieden. Als wir uns zwei Jahre kannten, bekam ich Nieren-Tuberkulose, lag monatelang flach, war quasi ein Pflegefall. Aber die Hildegard hat sich nicht abschrecken lassen. Sie ist geblieben. Das rechne ich ihr hoch an.
Hildegard: Und das, wo deine Mutter behauptet hat: Die Tuberkulose hast du doch von der!
Bernhard: Ach komm!
Hildegard: Doch! Das vergesse ich nicht!
Bernhard: Du mit deinem Elefantengedächtnis!

Heute sind Schwaben in Berlin nicht sonderlich beliebt – wie war es damals umgekehrt?
Hildegard: Jeder, der von irgendwo nördlich von Mainz kam, war in Stuttgart nicht gern gesehen. Im Büro fielen Sprüche wie: »Hier stinkt’s, da muss ein Berliner sein!« Aber ich hatte Glück: Ich hatte einen schwäbi­schen Mann, der auch Salzkartoffeln mag. Aber Spiel, Tanz – dazu war er nicht zu ­bewegen.
Bernhard: Na ja, ich bin halt praktisch und technisch veranlagt. Sie ist eher der Künstlertyp.

Bald verliert er sich in Geschichten von früher, der erste Job, die erste Wohnung, das erste Auto. Sie winkt ab: Komm, das interessiert doch ­keinen. Er erzählt immer zu lang!

Sie scheinen recht verschieden zu sein, war das gut oder schlecht für die Beziehung?
Bernhard: Ich glaube schon, dass es gut ist, wenn man sich ergänzt, zumindest rückblickend sehe ich das so. Aber die fehlenden gemeinsamen Interessen – das hat man schon manchmal vermisst.
Hildegard: Er ist ein Vereinstyp, ich gar nicht. Ich habe lieber meine Ruhe.
Bernhard: Ich rede gern und habe gern Leute­ um mich. Ich strahle, wenn es bimmelt, und wenn’s nur das Telefon ist. Bei ihr geht die Klappe runter, wenn Besuch vor der Tür steht.
Hildegard: Du vergisst, wie oft ich zehn, zwölf Gäste bewirtet habe. Das schaffe ich nicht mehr.
Bernhard: Ich kann auch nicht mehr fünf Stunden sitzen und Gaudi machen. Aber ich freue mich über Geselligkeit. Wenn Hildegard allein bei unserem Hausarzt ist, jammert sie, dass sie überfordert ist, weil ihr Mann so »wepsig« ist.
Hildegard: Was erzählst du denn da!
Bernhard: Der Arzt hat mir angedeutet, ich soll meine Bedürfnisse runterschrauben und Rücksicht nehmen. Und ich akzeptiere ja deinen Wunsch nach Ruhe. Aber da sind schon auch Mentalitätsunterschiede zwischen ihr als Berlinerin und mir als Schwaben. Sie stöhnt so oft über meine Sturheit. Aber sie ist schon auch dankbar, dass ich so strukturiert denke.
Hildegard: Sicher gibt es vieles, was ich gern ­anders gehabt hätte, mehr Leichtigkeit, mehr Freude am Leben. Unser erster Urlaub ist so ein Beispiel, ein Wanderurlaub in Gütenbach im Schwarzwald. Das war schon etwas Besonderes, das erste Mal ­wegfahren – und dann auch noch zu­sammen.

Bernhard: Eine Woche, fleißig zusammengespart vom Praktikantengehalt bei Bosch.
Hildegard: Bei einem Ausflug jedenfalls habe ich vor Glück Purzelbäume geschlagen. »Mach mit!«, habe ich gerufen, aber er meinte nur: »Nee, das kann ich nicht.« Mein Mann sagt immer: »Was sagen die Leute …« Sich einfach mal gehen lassen, aus dem Moment heraus was machen, das war nicht so angesagt. So was wie eben die Purzelbäume. Da habe ich mich oft unterbuttern lassen. Um des Friedens willen. Ach. Komm, hol uns einen Sekt.

Während Bernhard in die Küche geht, nimmt Hildegard eine Flasche »Aperol« aus dem Schrank.

Bernhard: Vor einem halben Jahr haben wir unsere Konzert-Abos aufgegeben. Hildegard war’s zu viel. Und da habe ich mich angepasst.
Hildegard: Wir sind nicht überglücklich, aber zufrieden.

Gab es überglückliche Momente?
Hildegard: Die Geburten der beiden Kinder. Wenn man nach dem Gebären das Baby im Arm hält – das ist unbeschreiblich. Aber das ist ja auch kein Dauerzustand.
Bernhard: Ich habe keine Sehnsüchte, die mich plagen. Ich bin da aber auch pragmatisch: Ich weiß, dass ich vieles nicht mehr kann, allein körperlich. Aber ich glaube, dass sie das Gefühl hat, etwas versäumt zu haben.
Hildegard: Das weißt du doch gar nicht!
Bernhard: Sie hat so eine blauäugige Grundeinstellung.
Hildegard: Ich wäre gern mal mit einem Wohnwagen durch die USA gefahren. Einfach mal was anderes, raus aus der Komfortzone, was erleben, das Unbekannte wagen. Da schlägt er nur die Hände zusammen.
Bernhard: Nein, das wäre mir viel zu viel Un­sicherheit gewesen.
Hildegard: Ach komm, mein Alter. (Sie nimmt seine Hand.) Kalte Hände hast du!
Bernhard: Die Unterschiede, der Erklärungs­bedarf – das zieht sich durchs ganze Leben.

Sprechen Sie im Lauf der Jahre mehr oder weniger miteinander?
Bernhard: Wir waren nie die großen Diskutierer, wir haben viel in stiller Übereinkunft geregelt. Wir kennen uns so gut, da muss man nicht immer druckreif sprechen. Ich bin da auch eher mundfaul. Bevor ich über das Wetter rede, rede ich lieber gar nicht. Vielleicht fehlt uns da auch was, kann sein. Früher war das kaum auffällig, da haben die Kinder für Trubel gesorgt. Und jetzt sitzen wir morgens da, lesen Zeitung, hören Radio und kommentieren das. Ansonsten gibt es nicht so viel Gesprächsstoff, von außen dringt nicht mehr so viel an uns ran. Wir haben ja auch kaum noch getrennte Termine.
Hildegard: Wir sprechen wirklich nicht viel. Er schon – aber nur mit anderen. Auch diese Gegensätze schälen sich erst im Alter deutlich raus. Am meisten haben wir immer auf unseren Reisen gesprochen: Da hatte man ein Thema. Da konnte man seine Eindrücke teilen und hatte den Kopf frei.
Bernhard: Es ist schon ein wundersames Ding, dass sich zwei Menschen finden, die aus ­unterschiedlichen Verhältnissen kommen und auf Dauer zusammen funktionieren.

War Fremdgehen mal ein Thema? Oder Trennung?
Hildegard: Klar habe ich im Streit mal gedroht: »Ich lass mich scheiden!« Aber das war nie ernst gemeint.
Bernhard: Fremdgehen ist in meinem Alter kein Thema. Man sieht im Fernsehen, wie die ­alten Knacker auf die jungen Weiber los­gehen, und denkt: Nein, das interessiert mich alles gar nicht mehr.
Hildegard: Ach komm, du bist manchmal auch neidisch!
Bernhard: Nein, stimmt doch gar nicht. Ich bin so veranlagt, dass ich nicht forsch mit verschlossenen Augen in irgendwas reingehe. Ich habe schon immer die Konsequenzen mitgedacht: Also, wenn ich mit einer Jüngeren losziehen würde, gäbe es doch früher oder später ein Altersproblem. Ich meine, dann bin ich neunzig und sie siebzig. Und außerdem: Was hätte das für einen Wirbel gegeben!
Hildegard: Wie jetzt, du hast dir das ernsthaft mal überlegt?
Bernhard: Ach, schon mein Deutschlehrer hat gesagt: Nur nichts übers Knie brechen, außer man trifft auf die Iphigenie. Das hat mich schon geprägt: Warte, bis die Richtige kommt, und dann bleib bei ihr. Es gab Impulse, klar. Und vielleicht wäre ein Seitensprung rückblickend gar nicht so schlecht gewesen. Einfach, um so was mal erlebt zu haben. Aber ich habe keinen zu bieten. Selbst wenn: Hätte ich mit einer anderen Frau neu angefan­gen – das wäre ja auch bald Tagesgeschäft geworden. Vielleicht hat man sich mal angeschmust, aber die Frau hätte heute auch Falten! Und was wäre dann besser gewesen? Dann ist man doch wieder an Punkt null. Und kann für den Kick wieder nach einer Neuen suchen.

Wäre ein Seitensprung verzeihlich ­gewesen?
Hildegard: Das war nie ein Thema für mich. Und ich will und kann mir das gar nicht ­vorstellen.
Bernhard: Ich glaube, sie hätte gedroht, sich scheiden zu lassen, wäre rausgerannt und nach zwei Tagen wiedergekommen. Aber letztlich bin ich doch froh: Betrügen macht keinen Sinn. Ich glaube, es ist aber auch eine Frage der Erziehung. Bloß nichts Uneheliches, das ist mir eingetrichtert worden.
Hildegard: Ich verstehe nicht, warum Leute heiraten und sich nach ein paar Jahren wieder trennen. Ich bin nicht religiös, aber ich habe ihm lebenslange Liebe und Treue versprochen. Und das Versprechen halte ich. Ich habe immer darauf vertraut, dass er es auch so hält. Er war ja geschäftlich viel unterwegs, allein, wochenlang in Brasilien. Aber das war nie ein Thema für mich. Ich hatte den Garten,­ die Kinder, den Hund, Tennis mit Freundinnen. Und ich war immer schon auch gern allein. Es gab bei uns jederzeit großes Vertrauen und Ehrlichkeit – ohne die man auch keine haltbare Beziehung schafft.

In welchen Momenten spüren Sie Ihre Liebe am heftigsten?
Hildegard:
Wenn es Todesfälle gibt und man sich nicht vorstellen mag, wie es wäre, allein zu sein.
Bernhard: Wir haben es gerade hautnah miterlebt, als der Mann unserer Tochter gestorben ist. Wie es einen plagt, wenn man allein nach Hause kommt, und da ist keiner mehr. In solchen Momenten spürt man eine große Dankbarkeit und Liebe, dass man zu zweit sein darf.

Hildegard schaut auf ihre Uhr: Es ist lang nach zehn, du hättest längst deine Tabletten nehmen müssen! Den Hinweis brauche ich nicht von außen, sagt er.

Lieben Sie einander nach 67 Jahren anders als am ersten Tag?
Hildegard: Vielleicht kann man Beziehungs­arbeit mit der Gartenarbeit vergleichen. Es gibt Jahreszeiten, in denen sich der Garten verändert. Mal muss man das einpflanzen, dann das. Mal blühen die Rosen, dann muss man sie wieder zurückschneiden.
Bernhard: Und die Witterung draußen spielt auch eine Rolle. Wenn der Haussegen schief hängt, das ist, wie wenn es draußen aus ­Kübeln schüttet, dann wird es schwer mit der Gartenarbeit. Aber sowie es wieder aufhört zu regnen, haben wir uns immer auch schnell wieder vertragen. Eigentlich war das ein ungeschriebenes Gesetz: Abends nicht ins Bett gehen, ohne dass die Dinge geklärt sind. Ich bin da mit meinem Sternzeichen Jungfrau eher überlegt und kann nachtragend sein, ohne laut zu werden. Hilde­gard ist impulsiv, dann kocht kurz was hoch – aber spätestens nach einem Tag baut sie wieder eine Brücke für uns.

Gab es mal einen richtig schlimmen Streit ohne solche Brücken?
Bernhard:
Eigentlich nicht. Kleine Sachen. Das Autofahren ist ein Thema.

Als Hildegard aufsteht, um neue Kekse zu holen, sagt er: Sie sollte nicht Auto fahren! Sie hat da keine Einsicht, dass sich was ändern muss! Bernhard selbst darf schon wegen der Tabletten nicht mehr fahren.

Wie einschneidend waren Umbrüche, zum Beispiel der Beginn des Rentner­lebens?
Hildegard: Das dauert Jahre, bis man sich zusammenrauft.
Bernhard: Andererseits: Als ich raus war aus dem Beruf, habe ich direkt noch zwölf Jahre als Berater gearbeitet und dann zehn Jahre aktiv Vereinsarbeit gemacht. Also gab es da gar keinen so harten Schnitt.

Und als die Kinder ausgezogen sind?
Hildegard:
Eigentlich war das auch kein großer Umbruch. Ich hatte nie Langeweile, ich habe viel im Garten gemacht. Fünfzig Jahre lang habe ich hier gepflanzt und geharkt. Wenn er heimkam, meinte er immer, schön! Aber die Arbeit dahinter hat er nicht gesehen.

Bernhard spielt mit den Tablettenschiebern. Plötzlich steht Hildegard auf, setzt sich auf seinen Schoß, verliert kurz das Gleichgewicht und legt den Arm um seine Schulter.

Hildegard: Ich habe auch gemalt. Wenn ich eine Ausstellung hatte, das war immer eine große Freude für mich. Aber er hat es nicht so gern gesehen, dass ich meine Bilder immer wieder ausgestellt habe. Du warst nie glücklich mit den Ausstellungen.
Bernhard: Du warst ja auch keine Künstlerin, die Bilder zu Geldanlagen macht. Hier, diese Blumenbilder an der Wand – das wollen die Leute doch nicht, das ist und war nicht zeitgemäß!
Hildegard: Die Ausstellungen waren immer ein voller Erfolg!
Bernhard: Die Sachen sind handwerklich blitzsaubere Arbeit, aber entsprechen nicht mehr dem Geschmack der Zeit, und zu Ausstellungen kamen doch nur Freunde. Ich wollte vermeiden, dass sich die Freunde unter Druck fühlten, etwas zu kaufen. Aber klar, wenn da dieses rote Verkauft-Schildchen auf den Bildern war, war das ein Erlebnis und eine Belohnung für die Schinderei, auch für das Rahmen und Hängen.

Das klingt aber nach einer schwierigen Situation.
Hildegard:
Ach, ich wusste ja, dass er mich nicht verletzen wollte. Aber jetzt geht das alles ­leider nicht mehr. Ich habe nicht mehr die Feinmotorik. Vielleicht könnte ich noch großflächige Sachen malen. Aber das liegt mir nicht, ich bin ja Zeichnerin.

Heißt Altsein immer auch Eingeschränktsein?
Bernhard: Körperlich auf jeden Fall. Ich bin schon draußen im Gestrüpp gelegen und nicht mehr allein hochgekommen. Seit zwei Jahren macht mein Knie Probleme. Dann die Bauchspeicheldrüse, und die Prostata, inoperabel wegen des Alters – der PSA-Wert ist total versaut. Und man ist angewiesen auf andere. Es nervt, wenn man als Frühaufsteher um sechs wach ist, die Pflegekraft aber erst um acht oder neun kommt und beim Duschen und Abtrocknen hilft und aufpasst, dass man nicht ausrutscht. Das ist eine Abhängigkeit, die ist gewöhnungsbedürftig.
Hildegard: Malen geht nicht mehr, morgens mit dem Hund eine Runde gehen auch nicht. Nicht mal mehr im Garten kann ich was machen. Höchstens noch Rosen abschnippeln. Aber die Tage werden auch immer kürzer, die Zeit rennt einem davon: Alles dauert furchtbar lang. Schon das Anziehen morgens. Und Auto fahre ich nur noch die zwanzig Minuten nach Sindelfingen, ins Einkaufszentrum. Man sagt ja: Gut essen und trinken ist der Sex des Alters. Aber selbst das Essen ist mühsam geworden! Mengenmäßig geht nicht viel rein. Der Appetit ist auch nicht mehr so da. Dabei koche ich alles noch selbst. Heute hatten wir Hasenschlegel, den hatte Bernhard sich am Wochenende auf dem Markt gewünscht, und es war noch was übrig. Dazu Rosenkohl und Kartoffeln, wie es sich gehört. Und einen Salat dazu. Manchmal frieren wir die Reste ein oder kochen einen Grießbrei. Aber das werden wir wahrscheinlich auch bald runterfahren müssen: Kochen, Einkaufen, Spülen, das ist so viel Arbeit, ich weiß nicht, wie lange wir das noch leisten können.

Und fehlt Ihnen mit über neunzig die Körperlichkeit, der Sex?
Bernhard: Das schleicht sich so ein, oder weg – und fehlt einem nicht wirklich. Bei Hildegard war irgendwann das Interesse nicht mehr so groß, und bei Männern wird es mit dem ­Alter ja rein physiologisch schwerer. Es war schon toll, wenn man früher im Bett gelegen ist und geschmust hat. Das würde mir ­immer noch sehr gefallen. Aber wir schlafen ja in getrennten Betten, wegen des Schnarchens, und man wird empfindlicher mit dem Alter, dass es einen auch stört, wenn der andere noch lesen will. Aber auch sonst ist das ­Körperliche nicht mehr so wichtig. Es gibt auch kein Küssen mit Zunge mehr, nur Küsschen.

Was bleibt dann noch?
Bernhard:
Händchenhalten beim Fernsehen. Eigent­lich immer am Abend. Nach den Sieben-Uhr-Nachrichten im Zweiten gibt es Abendbrot, Rührei, Aufschnitt. Manchmal schneide ich einen Rettich auf, als Ziehharmonika. Danach geht es um 20.15 Uhr mit dem Hauptprogramm weiter, meist landen wir im Dritten. Hildegard mag diese investigativen politischen Sendungen nicht so, wir schauen eher Dokumentar- und ­Naturfilme.
Hildegard: Und dienstags immer die Krankenhausserie.
Bernhard: Das ist nicht so meins, aber ich setz mich dazu, das gehört halt zum Feier­abend.
Hildegard: Leider ist er keine Spielernatur. Ich könnte stundenlang Canasta und Schach spielen. Früher habe ich mir immer vor­gestellt, wie wir als altes Paar vor dem Kamin sitzen, Rotwein trinken und Schach spielen.
Bernhard: Wir haben nicht mal einen ­Kamin! Und ich darf keinen Alkohol mehr trinken wegen der Tabletten.
Hildegard: Was ich auch sehr vermisse, ist eine richtig intime Freundin, mit der man sich treffen und reden kann und sich auch mal ausheulen. Aber so was kann man ja nicht aus dem Boden stampfen. Nicht mehr. Schade ist, dass sogar meine lang­jährige Canasta-Runde sich auflöst – wir werden eben alle alt. Aber das Komische am Altwerden ist: Man fühlt sich immer jünger, bis heute. Ich fühle mich mindestens zehn Jahre jünger. Manchmal denke ich: 93 Jahre! Ich? Wie geht das denn?! Das Alter schleicht sich ein. Ich würde gern noch so viel machen und er­leben. Da ist eine Sehnsucht nach ­Berlin. Wobei – wahrscheinlich gäbe das auch eine Ernüchterung. Man glorifiziert Erinnerungen ja oft. Und vergisst, wie nass, grau und anstrengend Berlin sein kann. Aber wenn ich an Heimat denke, denke ich an den Norden. Das ist erst im Alter so gekommen.
Bernhard: Ich habe lange gar nicht über das Alter nachgedacht. Man hatte so lange den Krieg im Kopf, da wollte man einfach nur mitnehmen, was ging, es schön haben. Hildegard: Was bleibt, sind auf jeden Fall die schönen Erinnerungen. Alles andere ­vergisst man. Zum Beispiel, als wir nach ­jahrelanger Wohnungssuche und Zwist mit Nachbarn in Mietshäusern endlich in unser eigenes Haus gezogen sind, mit dem Garten. Dieses Ankommen hat mir sehr viel bedeutet. Aber auch die Erinnerungen an Berlin. Das können sich die Schwaben nicht vorstellen, wie in Berlin getanzt wurde!

Was macht das Leben in Ihren Augen aus? Braucht man eine Liste mit Dingen, die man im Leben gemacht haben will?
Hildegard: Also, erst mal sind da auch Dinge, die man im Nachhinein vielleicht anders machen würde. Wir haben unsere Kinder sehr streng erzogen, das war ein Fehler aus heutiger Sicht. Da war viel: »Das gibt’s nicht, das dürft ihr nicht.«
Bernhard: Dass sie die Letzten in der Klasse waren, die eine Jeans gekriegt haben, werfen sie uns heute noch vor. Andererseits finde ich es ein Unding, wenn ich sehe, wie Kinder heute verzogen werden, dass die im Wirtshaus rumtoben und sich nicht benehmen können. Unsere Kinder haben immer gehorcht!
Hildegard: Das klingt vielleicht banal, aber: Lebe dein Leben so, dass es dir lebenswert erscheint! Nicht zu viel nach vorn und hinten denken. Ich glaube, ich habe zu spät verstanden, dass man Wünsche nicht aufschieben darf, solange sie realisierbar sind. Wenn ich alleinstehend gewesen wäre – ich wäre auch noch mit 75 nach Berlin gezogen.
Bernhard: Wenn man nur die Zukunft plant und an ihr rumdenkt – das ist nur belastend. Wir sind ja keine Zauberer. Ich glaube, die kleinen Dinge machen das große Leben aus. Die schönsten Stunden waren oft, wenn wir einfach in ein Lokal gegangen sind und es uns haben gut gehen lassen. Oder wenn sie mal wieder so toll gekocht hat. Ihre legendären Putenessen für zehn, zwölf Leute!
Hildegard: Ich habe so vieles nicht gesehen. Da ist eine Weltsehnsucht, mit der ich nichts mehr anfangen kann. Oder ist das einfach das Leben – dass man sich abgibt?
Bernhard: Aber du hast doch so viel gesehen! Wir waren in Afrika, in Brasilien, in New York.
Hildegard: Ja, das waren Höhepunkte meines Lebens. Immer wenn ich nicht schlafen kann, nehme ich mir eine unserer Reisen vor und gehe sie noch mal durch, Namibia zum Beispiel, wo wir im Etosha-Nationalpark waren. Die Elefanten dort! Aber es gibt immer noch viel, was ich nicht gesehen habe. Nicht einmal für die Elbphilharmonie in Hamburg hat’s gereicht. Stattdessen haben wir einen zweiten Rollator gekauft.

Haben Sie Ziele?
Bernhard: Wir hier brauchen keine Ziele mehr. Oder doch! Nicht über den Teppich stolpern und hinfallen. Das wäre fatal, man bricht sich in unserem Alter ja alles. Eigentlich geht es nur darum, Tag für Tag heil zu über­stehen.
Hildegard: Der Tag fordert uns von morgens bis abends, da kommt man nicht zum Nach­denken.
Bernhard: Die Herausforderungen hören nicht auf. Jetzt habe ich hier diese ganzen neuen Medikamente, die ich zu verschiedenen Zeiten nehmen muss. Die sortiere ich noch verlässlich für sieben Tage im Voraus. Das ist doch auch noch was!

Werden Träume und Ziele durch Furcht ersetzt vor dem, was kommen könnte?
Bernhard: Im Moment sind wir einfach froh,dass wir zu zweit sind. Das erleichtert das Aufstehen. Denn man ist schon morgens beim Aufwachen müde – körperlich und seelisch.
Hildegard: Dann gemeinsam die Zeitung lesen, diese kleinen Dinge, die helfen. Gleichzeitig wissen wir natürlich, dass sich die Situation von jetzt auf gleich drehen kann.
Bernhard: Dass der Moment kommt, in dem ­Hildegard den Haushalt zum Beispiel nicht mehr schafft. Dann müssen wir uns überlegen, wie man das überbrücken kann. Aber ohne Trauer.­ So ist das eben.
Hildegard: Und der Krieg hat uns geformt, das wirkt nach. Man ist härter im Nehmen. Wir haben schon Schlimmeres geschafft, jetzt sich bloß nicht verrückt machen. Andererseits ist das Alleinsein nach so einem gemeinsamen Leben nicht mehr vorstellbar. Sicher habe ich da Angst. Am besten wäre es, wenn wir irgendwo auf der Autobahn zusammen sterben könnten.

Und was kommt am Ende?
Hildegard: Beerdigt werden wollen wir hier in der Stadt. Man will den anderen besuchen am Grab. Wir wollen ein Grab übereinander, ein schmales Grab mit einer Platte drauf. Wir wollen uns nicht verbrennen lassen, ­damit wir zusammen sind im Tod.
Bernhard: Außerdem macht Grabpflege viel ­Arbeit, das soll unseren Kindern erspart ­bleiben.