»Kein Schlüssel Deines Werkzeugkastens passte auf meine Welt«

Der Journalist und Schriftsteller Arno Frank wendet sich an seinen manischen Vater: ein Brief voll Schmerz und Aufrichtigkeit an einen, der seit dreißig Jahren verschollen ist.

Der Schriftsteller Arno Frank

Foto: laif

Liebster Vater,

»Liebster Vater« ist natürlich ein Witz, damit geht’s schon los. Hast Du gleich gemerkt, oder? Du bist kein »liebster Vater«, weder mir noch meinen Geschwistern. Die Anrede habe ich mir von Franz Kafka ausgeliehen. Aus der Affäre ziehen kann ich mich damit nicht. Wie spreche ich Dich an? An wen wende ich mich womit, wohin – und warum?

Immerhin mein Vater warst Du, das ist biologisch und bio-grafisch nicht von der Hand zu weisen. Wobei Dir vermutlich

Du lehntest in der Tür, ich stand schon neben dem laufenden Motorrad, meinem Fluchtfahrzeug, und setzte mir gerade den

Ich habe es mir zu Herzen genommen. Anders, als Du es Dir vielleicht gewünscht hast. Aber zu Herzen genommen

Wie viele sind es inzwischen? Dreißig Jahre sind es inzwischen. Mehr als 10 000 Tage, da wir nichts voneinander wussten.

Du bist nicht vermisst, nur verschollen. Das ist ein Unterschied. Wer vermisst wird, der hallt nach und gespenstert als

Am Anfang war das Geld. Es ist immer das Geld, nicht wahr? Ich stelle mir vor, wie 300 000 Mark

Und das haben wir dann bekommen. Ganz plötzlich, von heute auf morgen aus dem Alltag in den Untergrund gerissen,

Heute gäbe es therapeutische Angebote für Kinder, die von einem manischen Vater und einer depressiven Mutter in Geiselhaft gehalten

Als Kafka seinem Vater In der Strafkolonie zu lesen geben wollte, sagte der nur abfällig: »Leg’s auf den Nachttisch!« Als ich Dir mit zwölf Jahren ein Manuskript von 80 Seiten (Krieg der Sterne Teil 4: Die roten Jedi-Ritter) auf den Nachttisch legte, verschwand es ungelesen unter Taschenbüchern von Frederick Forsyth und Robert Ludlum. Mein Schreiben war Dir peinlich. Ebenso gut hätte ich in Ballettkleidung vor Dir täppische Pirouetten drehen und ausrufen können: »Vater! Ich muss tanzen, tanzen, tanzen! Ich will ans Bolschoi!« Geschenkt.

Weil aber nach dreißig Jahren die Rating-Agentur meiner Seele das »schwere Trauma« irgendwann zu einem »guten Thema« herabgestuft hat,

Möglich, dass Du

Nur deshalb kann ich Dir, meinem Vater, beim Verklingen in der Vergangenheit nachlauschen. Nur »deshalb kann ich mit ihm heute machen, was ich will. Ich kann ihn mir in der Tiefe von zwei Metern auf dem Westfriedhof von Kaiserslautern vorstellen, schweigend. Im Nieselregen vor einer Trinkhalle in Pirmasens, schwafelnd. Unter einem Sonnensegel an Deck seiner Hatteras im Hafen von Saint-Tropez, schlummernd, während ihm eine leichte Brise höflich die Seiten der Auto, Motor & Sport umblättert – das am liebsten. Ich kann mit ihm machen, was ich will«.

Ich kann mit

Und was war

Ich habe davon

Wobei man so

Manche dieser Zufallsväter

Dies wären meine

Und jetzt?

Leg’s

A.