Papa, warum hast du Mama umgebracht?

Im Streit erwürgt ein Familienvater seine Ehefrau. Den Kindern erzählt er, die Mutter habe ihn verlassen. Jahrelang entdeckt niemand das Verbrechen - bis der Tochter Zweifel kommen. 

Das Unglück der Familie Paulus begann vermutlich lange vor dem 14. Februar 2008. Wer weiß das schon? Die Nachbarn jedenfalls ahnten nichts. Die Ehe galt als vorbildlich. Oft sah man das Paar Händchen haltend durch das Dorf spazieren.

Sicher, es gab ab und zu Streit. Der Mann, sagte die Frau, arbeite zu viel und kümmere sich nicht genug um die Kinder. Die Frau, sagte der Mann, habe Ansprüche, und irgendwoher müsse das Geld für teure Kleider und Möbel schließlich kommen.

Doch zu Handgreiflichkeiten kam es nie im Haus der Familie Paulus. Brauste die Mutter auf, gab der Vater schnell klein bei. »Er war immer ruhig, nett, freundlich«, wird sein Sohn später vor Gericht aussagen.

Nach zwanzig Jahren Ehe, nach einem Streit am Morgen eines Februartages vor sieben Jahren, erwürgt der Mann seine Frau. Er betoniert die Leiche im Keller ein, in den Sockel eines Weinregals, dessen Bau sie noch zusammen geplant haben. Den gemeinsamen Kindern, 15 und 18 Jahre alt, erzählt er, die Mutter habe ihn verlassen. Bei der Polizei erstattet er Vermisstenanzeige, zwei Mal.

Dann passiert fünf Jahre nichts.

Die Nachbarn glauben ihm. Die Polizei glaubt ihm. Die Kinder glauben ihm – was bleibt ihnen auch übrig?

Das Leben geht weiter. Die Kinder werden erwachsen. Der Mann heiratet wieder. Er hat eine Leiche im Keller.

Er kümmert sich jetzt mehr um die Kinder. Vor allem zur Tochter entwickelt sich ein enges Vertrauensverhältnis. Der Vater sei fünf Jahre lang »ohne Wenn und Aber« für sie da gewesen, sagt die Tochter. Ganz anders als früher. Da habe der Vater so viel gearbeitet, dass er kaum Zeit für die Familie hatte.

Kann man das, will man das glauben? Ist es zu fassen, dass ein Mann zum guten Vater wird, nachdem er die Mutter ermordet hat? Dass er es schafft, den Mord zu vertuschen und ein Lügengebäude zu errichten, in dem er fortan mit seinen Kindern lebt, als wäre nichts geschehen?

3500 Einwohner hat Ittenbach bei Königswinter. Einfamilienhäuser, hingewürfelt zwischen grüne Hügel am Rhein. Spießige Vorstadtidylle, heile Welt. Hier kennt jeder jeden – glauben die Leute wenigstens.

Bei der Kinderkirmes hängen die Dorfbewohner jedes Jahr eine Stoffpuppe an den Maibaum. »Um die bösen Geister zu vertreiben«, erklärt Christina Junghans, die Tochter von Gerd und Sigrid Paulus. Junghans sitzt im Garten ihrer kleinen WG in einem Nachbarort von Ittenbach und raucht. Sie war 15, als der Vater ihr und ihrem Bruder erklärte, die Mutter sei verschwunden. Die Kinder sind damals schon auf der Heimfahrt im Schulbus, als sie der Vater anruft: Sie sollen vorher aussteigen und in einem Restaurant zu Mittag essen. An der Haltestelle wartet der Vater allein auf sie.

»Papa, wo ist Mama?«, fragt die Tochter.

»Mama ist abgehauen.«

Gerd Paulus wirkt weder außergewöhnlich traurig noch aufgebracht. Er spielt seine Rolle perfekt, wie immer in den nächsten Jahren.

»Ich dachte, sie hat vielleicht einen Kerl kennengelernt, der Kohle hat«, sagt Christina Junghans.

Heute ist sie 22, und sie hat einiges gelernt in der sehr kurzen Zeit, die sie zum Erwachsenwerden hatte. Zum Beispiel, dass manchmal alles von einem selbst abhängt und man nie aufgeben darf, nach der Wahrheit zu suchen. Selbst wenn einem der eigene Vater und die Polizei erklären: Gib’s auf, es ist sinnlos.

Es stimmt: Die Mutter hatte Ansprüche. Den Kindern sollte es gut gehen. Deswegen stritten sich die Eltern oft über Geld. Vielleicht kann ein Kind von 15 Jahren sogar schon verstehen, dass die Mutter den Vater wegen solcher Dinge verlässt. Aber dass die Mutter auch das Kind verlässt, das kann und will ein Kind nicht verstehen.

»Ich habe mich immer gefragt«, sagt Junghans, »ob ich daran schuld gewesen bin. Warum hat sich die Mutter nicht einmal gemeldet, wenn wir Geburtstag hatten oder Weihnachten war?«

Während der Vater im Keller das Weinregal zubetoniert, baut er darüber sein Lügengebäude, als wäre es ein Eigenheim. Er will sie beschützen vor der Wahrheit, dass ihr Vater die Mutter umgebracht hat. Und er ist zu feige, ein Geständnis abzulegen.

Zwei Wochen nach der Tat erfindet der Vater wieder eine Lüge. Die Mutter, erzählt er den Kindern, sei zurückgekommen, als sie in der Schule waren. Zwei Männer mit einem Lieferwagen hätten ihr geholfen, ihre Sachen fortzubringen.

In Wirklichkeit verkauft der Vater heimlich die Habseligkeiten der Mutter. Der Schmuck geht an den Juwelier zurück, ihr Handy, eine Damenhandtasche und ein Paar Schuhe versteigert er bei Ebay. Er fälscht die Unterschrift seiner Frau und überweist Geld von ihrem Konto, um die Schulden der Familie zu bedienen. Er ist ein guter, ein fürsorglicher Lügner. Auch auf dem Kindergeldantrag für seine Tochter fälscht er die Unterschrift der toten Mutter.

Niemand außer den Kindern scheint die Mutter zu vermissen. »Wir haben Weihnachten so gefeiert, als wäre sie nie da gewesen«, erzählt Christina Junghans.

Nur eine Schwester der Mutter habe den Vater einmal angeschrien: Du hast sie umgebracht und im Garten vergraben! Aber das war auf einer Feier, die Tante war betrunken, und keiner nahm sie ernst.

Der Vater baut sein Lügengebäude aus. Er zimmert, malt und mauert, wann immer eine Ecke darin einzustürzen droht. Die Polizei fahndet nicht nach der Frau. »Erwachsene, die im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte sind, haben das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen, auch ohne diesen den Angehörigen oder Freunden mit-zuteilen«, heißt es lapidar auf der Internetseite des Bundeskriminalamts. Es sei nicht Aufgabe der Polizei, Aufenthaltsermittlungen durchführen, wenn keine Gefahr für Leib oder Leben vorliege.

Immer am 14. Februar backt die Tochter Apfelstrudel. Der Tag, an dem die Mutter verschwand, wird ihr Muttertag.

2009 dann ein Hoffnungsschimmer. Auf der Polizeiwache teilt man der Familie Paulus mit, die Personalien einer Frau namens Sigrid Paulus seien bei einer Verkehrskontrolle in Düsseldorf aufgenommen worden. Doch die Spur läuft ins Leere. Weitere Informationen über die Person gibt es nicht. Der Vater hält es für einen Wink des Schicksals. Nun steht sein neues Haus auf festem Fundament.

Wenig später lernt er eine neue Frau kennen, die Ende 2010 zu ihm zieht. Christina zieht aus, bald darauf heiratet sie. Dass sie selbst zu ihrer Hochzeit kein Lebenszeichen von der Mutter erhält, kann sie nicht verstehen. Sie kann es sich nicht mehr anders erklären: Der Mutter muss etwas zugestoßen sein.
Sie wendet sich an RTL und bittet den Sender, dem Verschwinden ihrer Mutter nachzugehen. Der Vater widersetzt sich nicht. Falls die Wahrheit herauskommt, soll es so sein. Ende 2012 leitet die Polizei endlich Ermittlungen ein – weil die Tochter hartnäckig bleibt und sich nun auch das Fernsehen für den Fall interessiert.

Die Familie tritt in mehreren Sendungen auf, und der Vater erklärt unter Tränen, wie seine Frau verschwand. Einer Boulevardzeitung sagt er, die Polizei habe ihn darüber informiert, dass der Ehemann meistens der Verdächtige sei: »Aber wenn ich ein reines Gewissen hätte, meinten sie, müsse ich mir ja keine Sorgen machen.«

Wenn die Tochter und ihr neuer Ehemann zu Besuch sind, geht Gerd Paulus mit dem Schwiegersohn in den Keller, um Wein zu holen. Er lässt sich dabei nichts anmerken.

Der Verdacht ist ein Puzzle mit tausend Teilen. Es dauert lange, bis sich alles zu einem Bild zusammenfügt. Man braucht Geduld und Ausdauer. Christina Junghans ist zwanzig Jahre alt, als sich ihr Vater im Frühjahr 2013 vor dem Amtsgericht Königswinter von seiner seit fünf Jahren verschwundenen Ehefrau scheiden lässt, um seine neue Partnerin heiraten zu können.

Aber die Tochter traut sich jetzt, Dinge zu denken, die sie früher nicht ausgehalten hätte: Vielleicht ist die Mutter tot, vielleicht hat sie jemand umgebracht. Aber wer? Im Mai geht sie zum ersten Mal zur Mordkommission. Als ihr die Beamten sagen, dass ihr Vater verdächtig sei, will sie es zuerst nicht glauben. Das Puzzle ist noch nicht fertig. Aber sie arbeitet weiter daran. Die Staatsanwaltschaft Bonn leitet ein Verfahren gegen Unbekannt ein. Im Oktober zieht sie nach der Trennung von ihrem Mann wieder in das Haus des Vaters – in ein Zimmer direkt neben dem Keller, in dem der ihre Mutter einbetoniert hat. »Mein Vater hat gesagt: Warum willst du ausgerechnet in den Keller? Da ist es kalt und feucht. Komm doch nach oben.«

Doch Christina Junghans lässt zum ersten Mal den Gedanken zu, dass ihr Vater die Mutter ermordet haben könnte.

Hat er sie vielleicht im Garten begraben? An der Stelle, wo der Hund immer gescharrt hatte, worauf der Vater dort einen Steingarten anlegte? Die Tochter geht wieder zur Mordkommission.

»Mein Vater hat sich früher nie für den Garten interessiert«, sagt Junghans und zündet sich noch eine Zigarette an. Etwas über ein Jahr ist es her, aber sie wirkt gefasst, während sie von dem Moment berichtet, in dem ihr Leben zusammenbrach.

Sie ist allein zu Hause, als am Morgen des 30. Oktober 2013 Polizeibeamte mit schwerem Gerät und einem Durchsuchungsbefehl anrücken, um den Garten mit Leichenspürhunden abzusuchen. Als der Vater wenig später in Begleitung eines Polizisten erscheint, umarmt er seine Tochter wortlos. Dann führt er die Beamten in den Keller und zeigt auf das Weinregal.

Christina Junghans blinzelt jetzt nachdenklich in die Sonne. An einer Kette um ihren Hals hängt der Ehering, den die Gerichtsmediziner am mumifizierten Leichnam der Mutter fanden. Die Wahrheit, so schrecklich sie ist, kann auch befreiend sein. »Heute weiß ich, dass meine Mama mich nie verlassen hat.«

Das Geld für das Begräbnis der Mutter muss sich Christina Junghans zusammenbetteln. Einige Dorfbewohner spenden. Am Tag der Bestattung wetten die Boulevardreporter, wer als Erster ein Foto von der Tochter schießt.

Sie ist die Tochter des Opfers, aber im Dorf behandeln sie alle als die Tochter des Täters. Wenn sie in den Supermarkt geht, tuscheln die Leute hinter ihrem Rücken. »Alle fragen immer nur: Wie geht’s dem Vater?«, erzählt Junghans. »Am liebsten würde ich einen Gedenkstein auf den Marktplatz stellen, damit die Leute sich erinnern: Da war auch mal eine Frau!«

Ein Drittel aller Gewaltopfer hat mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen. Doch die Chancen stehen besser, wenn sie innerhalb von 24 Stunden therapeutische Unterstützung bekommen. Christina Junghans hat das Glück, gleich nach Entdeckung der Tat auf den Notfallseelsorger Albrecht Roebke zu treffen, einen 47-jährigen Geistlichen, der Motorrad fährt und Ohrringe trägt.

Als er Junghans besucht, rauchen sie erst mal eine. Der Seelsorger findet einen Draht zu der traumatisierten Tochter – und ist beeindruckt von ihrer Kraft. »Ich habe sie sofort als sehr starke Person erlebt«, sagt Roebke. »Sie wusste, wo sie Hilfe braucht, und hat sie sich gezielt geholt.«

Mitunter können Menschen an persönlichen Katastrophen auch wachsen. Psychologen sprechen dann von posttraumatischer Reife. »Aber das dürfen die Betroffenen nicht zugeben«, sagt Roebke. »Die Leute erwarten ja, dass man daran zerbrechen muss.«

Schon im November macht Christina Junghans wieder beim rheinischen Karneval mit. Sie hat sich vorgenommen, nicht zu zerbrechen. Schließlich hat sie schon immer geahnt, dass die Mutter sie nicht einfach verlassen hat. »Aber sie musste erst erwachsen werden, um den Gedanken zulassen zu können, dass ihr Vater der Mörder der Mutter ist«, sagt Roebke.

Den Kontakt zum Vater hat sie trotz allem nie abgebrochen. Es stimmt ja, sie ist auch sein Kind. »Wenn irgendjemand anders meine Mutter getötet hätte, wäre das leichter.«

Sie hat ihm ins Gefängnis geschrieben: »Ich bin jetzt Vollwaise.« Aber sie hat ja auch noch Fragen an den Vater. Zum Beispiel: »Papa, warum hast du Mama umgebracht?«

Der Vater schreibt zurück: »Das ist das, was ich mich selbst auch immer frage … Aber auch ich weiß es nicht und werde wohl auch für mich nie eine Antwort finden. Und somit auch nicht für Dich. Es tut mir leid!«

Als er aufgewacht sei, habe vor ihm seine tote Frau gelegen.

Das Erste, was einem an Gerd Paulus auffällt, sind die gepflegten Hände. Es sind Kellnerhände, dienstfertige Hände, die Fingernägel perfekt manikürt. Ungewöhnlich für den Insassen einer Haftanstalt. »Die Hände sind das Erste, was der Gast sieht«, sagt Gerd Paulus, in einem früheren Leben Gastronom, Ehemann, angesehener Familienvater.

Der 53-Jährige ist bei Mithäftlingen und Wärtern in der Justizvollzugsanstalt Köln beliebt, weil er verlässlich ist und keine krummen Dinger dreht. Er hat sich schnell eingelebt und macht als Hilfsarbeiter bei der Essenausgabe mit. Er arbeitet gewissermaßen wieder in seinem Metier. Anders als Berufskriminelle neigen Affekttäter hinter Gittern weniger zu Straftaten. »Sie gelten bei der Knastleitung als zuverlässig, denn sie haben genug«, erklärt Paulus.

Wen man auch fragt, die Leute, die Gerd Paulus persönlich kennen, beschreiben ihn als stillen, freundlichen Mann. Keine Drogen, kein übermäßiger Alkoholkonsum. Einer, der immer hart gearbeitet hat und der, wenn es Probleme gab, noch härter arbeitete.

Er ist kein Mensch, der aus sich herausgeht. »Als Kinder mussten wir viermal sagen ›Wir lieben dich‹, bis er es auch sagte«, erinnert sich seine Tochter Christina.

Ganz anders Sigrid Paulus. Die temperamentvolle Frau hat Ansprüche und zögert nicht, diese gegenüber dem Mann geltend zu machen. Gleichzeitig gilt sie als Familienmensch und liebevolle Mutter. Sie ist immer für die Kinder da.

Als Sigrid und Gerd 1988 heiraten, gibt Gerd Paulus seine gut dotierte Stellung in Düsseldorf auf, weil Sigrid in ihre Heimat nach Bonn zurück will. 1989 ziehen sie nach Ittenbach und machen sich mit einem Restaurant selbstständig. Erst wohnen sie in einer Zweizimmerwohnung über dem Betrieb. Als 1990 der Sohn geboren wird, zieht die Familie auf Drängen der Frau in eine teure 180-Quadratmeter-Wohnung. Sie zahlen jetzt 2800 Mark Miete bei einem Verdienst von rund 3500 Mark. Aber der Mann will seiner Frau eine ansprechende Umgebung bieten, sie kaufen Möbel und andere Einrichtungsgegenstände. Die Frau sucht aus, er zahlt. Er will keinen Streit. Wenn er nur härter arbeitet, wird das Geld schon reichen, glaubt Gerd Paulus.

Wenn sie sich aufregt und ihm Vorwürfe macht, versucht er sie durch Entgegenkommen zu beruhigen. Doch das Restaurant läuft nicht wie erhofft. Die junge Familie gerät zum ersten Mal in finanzielle Schwierigkeiten, als die Bank den Kredit nicht mehr verlängert. Der Mann arbeitet jetzt 15 bis 16 Stunden täglich. 1992 wird Christina geboren. Die Frau ist unzufrieden, weil sie mit den Kindern allein ist, während der Mann arbeitet. So hat sie sich das nicht vorgestellt.

Nach der Pleite des Restaurants hält der Mann die Familie über Wasser, indem er mehrere Jobs gleichzeitig ausübt. Sechs Tage die Woche ist er nicht zu Hause, oft muss er auch an Feiertagen arbeiten.

Die Familie ist ihm wichtig. Auch nach Nachtschichten steht er um sechs Uhr auf, um den Kindern das Frühstück zu bereiten, bevor er sich wieder ins Bett legt. Einen Tag in der Woche hält er sich immer für die Familie frei.

1998 zieht die Familie Paulus zur Miete in ein günstigeres Haus am Dorfrand. Doch so hart der Vater arbeitet, die Schulden wachsen. Die Gastronomie ist ein hartes Gewerbe. Viele Neueröffnungen schließen innerhalb eines Jahres schon wieder.
Auch mit einem neuen Restaurant geht Gerd Paulus pleite – auch weil er immer wieder Geld aus dem Geschäft zieht. Die Frau, die aus wenig begüterten Verhältnissen kommt, legt Wert auf das Erscheinungsbild der Familie. Die Kinder sollen Markenkleidung tragen, und der Familienwagen muss ebenso standesgemäß sein wie die Einrichtung des Hauses.

Dem Vater steht das Wasser längst bis zum Hals, als er zu tricksen beginnt. Dreimal wird er von 2004 bis 2007 wegen Betrugs und Urkundenfälschung verurteilt.

Die Kinder und Nachbarn haben von all dem keine Ahnung. Seine Frau aber gibt dem Mann die Schuld für die beruflichen Fehlschläge. Wenn die Post unbezahlte Rechnungen und Mahnungen bringt, macht Sigrid Paulus ihrem Unmut Luft und beschimpft ihren Mann. Am Ende belaufen sich die Schulden auf 80 000 Euro.
Er lässt sich nicht anmerken, in welchen Schwierigkeiten die Familie steckt. Nach außen bleibt er fröhlich und zuvorkommend, »wie man in der Gastronomie halt ist«. Seine eigenen Gefühle stellt der Vater zurück, seine Unzufriedenheit schließt er in sich ein. Wenn er überhaupt etwas kritisiert, dann sachlich.

Seine Frau hingegen macht ihm auch vor den Kindern immer wieder lautstarke Vorwürfe und droht ihm einmal auch mit Scheidung. Gerd Paulus nimmt das nicht ernst. Schließlich liebt er seine Frau und die Kinder und kann sich unmöglich vorstellen, dass sie ihn verlässt. Wenn die Frau wieder einmal schimpft, versucht er zu beschwichtigen. Streit ist ihm zuwider, erst recht vor den Kindern. Lieber gibt er nach.

Schließlich muss auch Sigrid Paulus eine Arbeit aufnehmen. Beide Eheleute heuern bei einer Leiharbeitsfirma an, die Eventshows anbietet. Im Jahr vor dem Mord arbeiten Sigrid und Gerd Paulus gemeinsam auf einem Rheinschiff, das Krimi-Dinner anbietet. Die Schichten sind lang, der Mann ist Vorgesetzter seiner Frau. Als Sigrid Paulus ihren Mann um Urlaub für ihren Geburtstag bittet, lehnt der ab. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Obwohl sie hart arbeiten, erdrückt sie die Schuldenlast.

Doch was sie auch versuchen, Gerd und Sigrid Paulus scheinen kein Glück zu haben. Anfang 2008 geht der Veranstalter pleite, und die beiden sind wieder arbeitslos.

Nun sitzen sie 24 Stunden täglich zu Hause. Die letzten Gehälter stehen noch aus, die Ersparnisse reichen nur für ein paar Wochen. Gerd Paulus muss sich schnell einen neuen Job suchen, was im Winter nicht leicht ist in der Gastronomie. Seine Frau macht ihm Vorhaltungen: Er gebe sich nicht genug Mühe, eine angemessen bezahlte Stelle zu finden. Er sei ja noch nie in der Lage gewesen, seine Familie anständig zu ernähren.

Am 14. Februar 2008, Valentinstag, steht der Vater wie immer um sechs Uhr auf und macht Frühstück für die Kinder. Danach legt er sich wieder zu seiner Frau und schläft weiter. Um neun Uhr stehen beide auf und gehen ins Bad.

Während Gerd Paulus vor dem Waschbecken steht, macht seine Frau ihm lautstarke Vorwürfe. Er müsse jetzt endlich eine neue Arbeit finden, aber dazu sei er wohl unfähig.

Der Mann bleibt ruhig und wendet ihr den Rücken zu. Wie oft hat er das schon gehört. Aber als seine Frau aus der Dusche tritt, schimpft sie weiter und stößt ihn von hinten an.

»Sie kam aus der Dusche raus, es war wieder irgendwas«, erklärt Gerd Paulus später. »Sie brüllte und machte Terz, und dann hat es bei mir Klick gemacht. Ich wollte einfach nur meine Ruhe haben, ich konnte das Gebrülle einfach nicht mehr hören.«

Der Mann dreht sich um – »Warte doch mal!« – und stößt die Frau von sich. Sigrid Paulus rutscht auf dem nassen Badezimmerboden aus und schlägt sich den Hinterkopf an der Dusche an. Wütend springt sie auf und packt seine Oberarme.

Ein Streit, ein Unfall – dabei hätte es bleiben können. Sigrid Paulus hätte ihren Worten Taten folgen lassen und die Scheidung einreichen können. Gerd Paulus hätte seine Frau festhalten und beruhigen oder das Badezimmer verlassen können.

An die Tat habe er keine Erinnerung, sagt der Vater: ein Blackout. Als er aufgewacht sei, habe vor ihm seine tote Frau gelegen.

Kann man einem Menschen glauben, dass er sich für einen Moment in jemand ganz anderen verwandelt und wie in Trance eine Tat verübt, die ihm niemand zutraut? Die Rechtsprechung kennt die verminderte Schuldfähigkeit bei Tätern, die im Wahnsinn oder Rausch handeln.

Der Gerichtsmediziner aber stellt fest, dass Gerd Paulus den Hals seiner Frau drei Minuten lang zugedrückt hat – so brutal, dass er ihr dabei den Kehlkopf zerquetschte. »Nachdem der Angeschuldigte keinerlei körperliche Reaktionen mehr wahrgenommen hatte«, vermerkt das Gerichtsprotokoll, »fühlte er nach ihrem Puls und verblieb, ohne einen Notarzt oder die Polizei zu verständigen, nach seinen Angaben noch etwa dreißig Minuten im Badezimmer und überlegte, wie er den leblosen Körper aus dem Badezimmer verschwinden lassen könnte.«

Der Sachverständige vor Gericht kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Keine Affekthandlung, der Angeklagte ist voll schuldfähig. Am 17. März 2014 fällt das Urteil: acht Jahre Freiheitsstrafe wegen Totschlags. Das Gericht hält Gerd Paulus sein Geständnis zugute und glaubt ihm, dass er seine Frau spontan im Streit erwürgt hat – deswegen keine Verurteilung wegen Mordes.

Wie soll eine junge Frau nun damit umgehen, dass sie den Mörder ihrer Mutter hasst, aber den Vater nach wie vor liebt? War er nicht ein guter Vater die vergangenen sechs Jahre lang und hat sich immer um sie gekümmert? Sie schreibt ihm wieder, fragt, ob er das nur aus schlechtem Gewissen getan habe. Der Vater antwortet: »Ich habe seit der Tat nie etwas für dich getan, gekauft, besorgt oder versucht, weil ich mich von meiner Schuld freikaufen wollte.«

Die Tochter will die Zeit mit der Mutter, die ihr der Vater geraubt hat, wenigstens etwas nachholen. Welche Lieblingsfarbe hatte die Mutter, welche Blumen gefielen ihr, was war ihr Lieblingslied?

Der Vater antwortet auf alles und schreibt dann: »Ich habe Deine Mutter geliebt, als ich sie geheiratet habe … Und habe sie geliebt bis über meine Tat hinaus.«

Ist das Unglück der Familie Paulus doch nicht so einzigartig, wie wir denken? Vielleicht versteckt sich hinter dem Entsetzen über die Tat auch die Angst, dass sie überall geschehen könnte.

»Die Leute halten die Ohnmacht nicht aus, dass man sich nicht davor schützen kann«, sagt Albrecht Roebke und zuckt mit den Schultern. »Deshalb schimpfen sie über den Mörder und wundern sich, dass er nicht im schmutzigen Unterhemd da sitzt und man es ja immer geahnt hat.«

Jeder könne in einer bestimmten Situation zum Mörder werden, glaubt der Notfallseelsorger. Das einzige Mittel dagegen: »In den Spiegel schauen und erkennen: Das hätte ich sein können.«

Es gehört viel Kraft dazu, sich der Wahrheit zu stellen. Wann immer sie die Kraft findet, setzt sich Christina Junghans ins Auto und fährt an ihrem alten Elternhaus vorbei, in dessen Keller der Vater die Mutter vergraben hatte. Vor einigen Monaten ist dort wieder eine Familie eingezogen und hat sich in der Idylle am Dorfrand eingerichtet. Im Vorgarten spielen die Kinder in der Nachmittagssonne, und ein Mann läuft lächelnd über den Rasen.

Liebe mit Todesfolge
Der kriminalistische Fachbegriff für den Mord unter Sexualpartnern lautet Intimizid. Zwei von drei Intimiziden geschehen in langjährigen, festen Beziehungen, wie sie Gerd Paulus mit seiner Frau Sigrid führte. Das ergab 2007 eine Studie von Andreas Marneros, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Halle-Wittenberg. Marneros untersuchte 80 Intimizide. In vier von fünf Fällen war ein Mann der Täter und eine Frau das Opfer. Zur typischen Vorgeschichte der Morde gehörte, dass der Täter sich stark über die Beziehung definierte – und dass diese Beziehung zu scheitern drohte.

Foto: Heide Prange

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