Nicht immer nur die Guten

Deutsche lieben Krimis – und die Kommissarinnen und Kommissare, die zur Not auch mal ein paar Regeln brechen. Das trübt den Blick auf die dunklen Seiten der Polizeiarbeit. Dabei müsste man über Gewalt und Rassismus bei der Polizei dringend unvoreingenommen reden.

Das Gesetz bin ich: Harry Callahan, besser bekannt als »Dirty Harry«, mit seiner 44er Magnum (im Film Dirty Harry von 1971, Regie: Don Siegel).

Foto: imago images/Prod.DB/Warner Bros.

Vor einigen Tagen machte ein früherer SPD-Politiker einen scheinbar kontroversen Vorschlag: »Wie wäre es mal mit einer Button-Aktion unter dem Motto Wir sind Polizei?«, fragte Sigmar Gabriel: »Ich wäre dabei.« Vielen erschien dieser Anstecker-Vorschlag angesichts der aktuellen Diskussion über rassistische Polizeigewalt in den USA und ihre Parallelen in Deutschland ablenkend und unpassend. Vor allem aber ist er überflüssig, weil so ein Button eine Tatsache ausspräche, derer wir uns nur nicht so ganz bewusst sind: Wir sind längst Polizei. Im Fernsehen, im Kino und aus Kriminalromanen haben wir gelernt, zu denken, zu schauen und vor allem zu fühlen wie die Polizei.

Krimis, so gut wie immer aus Polizei-Sicht erzählt, sind beliebter als Sportübertragungen und Fernsehshows. Mehr als 130 aktuelle Krimiserien gibt es zurzeit allein an Eigenproduktionen des deutschen Fernsehens. Die Masse der ausgestrahlten Folgen ist kaum zu überblicken, schon vor ein paar Jahren waren es im Ersten und im ZDF zusammen gut 5000 pro Jahr, Tendenz steigend. Und da sind die internationalen Übernahmen und die Prestige-Polizeidramen von Netflix und Amazon nicht eingerechnet.

Dieser Bilderflut stehen die Handykamera-Aufnahmen realer Polizeigewalt entgegen. Etwa

Wenige Tage nach dem Tod von George Floyd schrieb die Kritikerin Kathryn VanArendonk auf vulture.com über die Allgegenwart von Polizeiserien im US-Fernsehen. »Cops sind immer die Hauptfiguren«, befand sie, vom Fernsehen werde eine geschönte Innensicht auf Polizisten und ihre Arbeit verbreitet. Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Beck von der Universität Mannheim, Autorin eines Standardwerks über den deutschen Kriminalroman, bestätigt diese These: Wir vor dem Fernseher würden, erklärt Beck in einem Beitrag für 54books, »buchstäblich auf das heimische Sofa gebannt«, wo wir uns dann in einer Ergebenheitshaltung ein ums andere Mal anschauen, wie es den Polizistinnen und Polizisten geht, mit denen wir uns durch die Perspektive und die Schwerpunkte unserer Krimis identifizieren. Wir seien in unserer Vorstellung »Teil des Polizeikorps, seiner Geschichten und seines Wertekosmos«. Beck nennt die klassischen Polizeiserien deshalb »eine Schule der Empathie«.

Wir gehen also sozusagen regelmäßig im Fernsehzimmer in die

Man möchte einwenden: Die Polizeifiguren sind vielschichtig, sie haben Abgründe, sie haben Zweifel, im Krimi wird das Polizeipersonal ja gerade nicht idealisiert. Aber Beck sagt, dass gerade diese Vielschichtigkeit zum Mit­gefühl einlädt. Das Fernsehpublikum lernt von einem Tatort zum anderen jahrein, jahraus Empathie mit der Polizei, vor allem durch die ständige Vermischung von Privatem und Beruflichem. Weil wir die einzelnen Kommissare als vielschichtige Identifikationsfiguren empfinden, identifizieren wir uns auch mit der Organisation, der sie angehören. Und entwickeln Verständnis für die Grenzverletzungen, die spätestens seit Schimanski auch in Deutschland Prinzip der Polizeiarbeit im Fernsehen sind.

Vor allem im Kontext der Diskussion über rassistische Polizeigewalt birgt dieser Gewöhnungseffekt ein zusätzliches Problem. Denn indem wir Empathie mit der Polizei lernen, nehmen wir einen Blickwinkel ein, der ganz überwiegend weiß ist, denn, auch darauf weist Beck hin, die große Mehrzahl von Ermittlerinnen und Ermittlern im Fernsehen, im Kino und in Krimis sind Angehörige der weißen Mehrheitsgesellschaft, von den Macherinnen und Machern ganz zu schweigen.

So lernen wir Mitgefühl mit Krimi-Figuren, die uns wieder und wieder zeigen: Erfolgreiche Polizeiarbeit gibt es nur, wenn man Regeln bricht. Und dafür muss man auch mal zulangen. Die Vorschriften machen den ohnehin schon gequälten Identifikationsfiguren das Leben zusätzlich schwer und verhindern Gerechtigkeit, von den lästigen Rechtsbeiständen der Verdächtigen ganz zu schweigen. Niemand würde sich gern von einem wütenden Polizisten die Fresse polieren lassen, aber Millionen haben Horst Schimanski begeistert dabei zugeschaut, wie er es bei anderen tat, dabei dem Beispiel von Clint Eastwoods Dirty Harry folgend, dem bis heute bewunderten Urvater aller brutal durchgreifenden Cops.

Polizeigewalt und Rechtsbrüche schlucken sich leichter, wenn der Kommissar, dessen Ermittlungsweg ich verfolge, im Privatleben ähnliche Probleme hat wie ich oder Menschen, die ich kenne. Scheidung, Alkohol, Übergewicht, psychische Probleme, pubertierende Kinder. »Die Schwelle, um ein Hineinversetzen auszulösen, ist nicht allzu hoch«, schreibt der Autor und Biologe Werner Siefer in seinem Buch Der Erzählinstinkt über Erkenntnisse der Empathieforschung. Und durch die ständige Wiederkehr und Wiederholung der immer gleichen Figuren verstärkt sich dieser Effekt: »Je bekannter uns eine Person ist, desto leichter stellt sich Identifikation ein.«

Und wer wäre dem deutschen Fernsehpublikum vertrauter als die sonntäglich wiederkehrenden Polizistinnen und Polizisten in Tatort und Polizeiruf 110? Jedes Bundesland, jede größere Stadt entsendet ihr – immer unangepasstes, immer belastetes – Personal in die große Zuschauer-Polizeischule der Bundesrepublik, von den grüblerisch ergrauten Batic und Leitmayr bis zu Nick Tschiller mit der Panzerfaust. Wie eine Wochenlosung empfangen wir so am Sonntagabend unsere Empathiepackung, ein Schmiermittel für die Weltsicht, dass die Gesellschaft kaputt ist, aber von der Polizei mit hin und wieder außerlegaler Mühe und privater Not zusammengehalten wird.

Sind die Reaktionen deshalb so empört, unsachlich und überrascht,

Ich schreibe Krimis. Ich gehöre also zu den Leuten,

Im Krimi taucht Polizeigewalt im Allgemeinen auf, um den handelnden Personen mehr Tiefe zu geben. Ihre Darstellung ist damit aus meiner Sicht Teil dessen, was die ­Literaturwissenschaftlerin Sandra Beck »das Ausloten der Tiefen der Ermittlerseele« nennt. Ziemlich typisch hierfür ist die Tatort-Folge»Macht und Ohnmacht« von 2013. Die Polizeigewalt, mit der Batic und Leitmayr hier konfrontiert werden, entsteht durch die Erfahrung, dass Verdächtige immer wieder straflos ausgehen: Sie ist sozusagen ein Ventil, das der gewalttätige Polizist sich sucht, weil mangelhafte Vorschriften und Gesetze ihn dazu zwingen, und sie ermöglicht Batic und Leitmayr, sich an einem individuellen Fall abzuarbeiten, ohne Gewalt womöglich als grundsätzliches Problem des Systems zu analysieren. Nach dem Zuschauen bleibt die Erkenntnis: Puh, die haben’s echt nicht leicht.

Klar, es gibt Ausnahmen von der mitfühlenden Polizeiperspektive, aber sie bestätigen im Grunde die These. Moderne Thriller, in denen es um die Psychologie der (möglichst abscheulichen) Tat geht, finden die Ursachen fast immer in einem kindlichen Trauma oder einer psychischen Krankheit. Serien wie The Shield, die Polizeigewalt von der ersten bis zur letzten Einstellung analysieren und kritisieren, verherrlichen sie zugleich, weil sie sie so ausführlich zeigen. Das Serien-Musterkind The Wire, das scheinbar den Kriminellen und ihren sozialen Umständen gleichberechtigten Raum lässt, endet doch damit, dass die Verbrecher tot oder gescheitert sind, während der fälschende, lügende, betrügende Cop Jimmy McNulty, unsere Identifikationsfigur, am Ende ungeschoren davonkommt. Selbst Serien, die das Verbrechen in den Mittelpunkt stellen, funktionieren besser, wenn wir zusätzlich mit einem Polizisten mitleiden: Walter Whites Schwager Hank in Breaking Bad, oder der Ehemann der Geldwäscherin Ruby im aktuellen Hit Good Girls.

Das war nicht immer so. Es habe, sagt Beck, einen Blickwechsel gegeben: Im 18. und 19. Jahrhundert sei es in der »Verbrechensliteratur« darum gegangen, die Beweggründe, die sozialen Umstände und die Psychologie »des verbrecherischen Herzens« zu analysieren, im Sinne der Aufklärung: Der Täter, die Täterin muss verstanden werden. Besonders eindrücklich geschieht dies in Dostojewskis Schuld und Sühne, ganz aus der Seele des Täters erzählt. Seit Sherlock Holmes aber rückt die Aufklärung der Tat immer mehr in den Vordergrund, bis hin zum Boom der jüngsten Zeit.

Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen? Die Polizei

Womöglich hat sich durch den Tod von George Floyd nun etwas gewandelt. Die Demonstrationen reißen nicht ab, die Diskussionen dauern länger als nur ein paar Tage, Serien wie das langjährige US-Realityformat Cops wurden abgesetzt. Aber wenn sich wirklich etwas ändern soll, müsste sich auch etwas in der Entstehung von Krimis ändern. Die Autorinnen und ­Autoren, auch ich, müssten die Muster, die das Genre lange getragen haben, hinter sich lassen und versuchen, Geschichten zu erzählen, die nicht nur die Ängste der großen Mehrheit spiegeln, sondern auch die Lebensrealität der Marginalisierten. Es reicht nicht, dass wir uns mit den letzten acht Minuten und 46 Sekunden im Leben eines Menschen beschäftigen. Der Krimi müsste anfangen, von den Opfern nicht erst zu erzählen, sobald ihnen Leid widerfährt oder wenn sie in der Pathologie auf dem Tisch liegen. Der Krimi könnte das Wort »Opfer« aus der Schimpfwortecke holen und ihm seine Würde zurückgeben. Mit großen Geschichten und Bildern, in denen wir endlich jene zu Wort kommen lassen, die sonst mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden. Wir müssen nicht alle Polizei sein.