»Stellte ich Jack zur Rede, hieß es: Das war doch nur ein Mitleidsfick«

Die Schauspielerin Anjelica Huston über ihre stürmische Beziehung mit Jack Nicholson und die Frage, ob John Huston ihr einen schweren Vaterkomplex eingebracht hat.

Luft anhalten: mit Bill Murray und Cate Blanchett in Wes Andersons Die Tiefseetaucher, 2004. (Foto:dpa)

Schokolade, Sonntage im Bett und Reality-TV - größeren Sünden geht Anjelica Huston nach eigenen Angaben heute nicht mehr nach.

SZ-Magazin: Ihr Vater John Huston war Regisseur, Schauspieler, Drehbuchautor, Reporter, Maler, Kunstsammler, Großwildjäger, Boxer, Glücksspieler, dazu ein großer Trinker und Frauenheld, der es auf fünf Ehen brachte. Wie hat dieser Hemingway des Kinos auf Ihre Geburt reagiert?
Anjelica Huston: Die Nachricht erreichte ihn mit zwei Tagen Verspätung, weil er in Uganda mit Katharine Hepburn und Humphrey Bogart African Queen drehte. Als ihm ein Bote das Telegramm gab, soll er nur gesagt haben: »Es ist ein Mädchen.« Dann arbeitete er weiter.

Als Kind haben Sie Ihren Vater angehimmelt.
Wir lebten auf einem großen Gut im Westen Irlands. Wenn er uns wegen Dreharbeiten für Monate verlassen wollte, umklammerte ich seine Beine, um ihn am Fortgehen zu hindern. Wenn er weg war, hielt ich meine Nase in den Humidor, in dem er seine Zigarren verwahrte. Auf diese Weise fühlte ich mich ihm nah. Es war eine Liebe, die durch Abwesenheit verklärt wurde.

Als Sie 14 waren, warf Ihr Vater Ihnen vor, allzu verführerisch zu tanzen. Darüber kam es zu einem Streit, der Ihre Beziehung für immer veränderte.
Er ließ mir ausrichten, ich solle in sein Arbeitszimmer im Herrenhaus kommen. Ich sah, dass er aufgebracht war, begriff aber nicht, was an meiner harmlosen Tanzerei provokant gewesen sein sollte. Plötzlich holte er aus und schlug mir zweimal ins Gesicht, mit voller Wucht. Seit diesem Tag hatte ich immer ein bisschen Angst vor ihm und vermied es, ihm zu nahe zu kommen. Es hat dreißig Jahre gedauert, bis ich mich traute, mit ihm darüber zu sprechen. Er lag mit einem Emphysem im Krankenhaus und brauchte Schläuche mit Sauerstoff in der Nase, um nicht zu ersticken. Er hatte die Geschichte vollkommen anders in Erinnerung und leugnete, mich geohrfeigt zu haben. Es war, als hätte er ein Drehbuch umgeschrieben. Ich hätte insistieren können, aber welchen Wert hätte es gehabt, einen alten, schwer kranken Menschen, der durch die Hölle geht, mit einer Episode aus meiner Kindheit zu quälen?

Was ist Ihre lebendigste Erinnerung an Ihre Kindheit?
Mein Vater auf der Fuchsjagd. Ich sehe dieses Bild in Technicolor, Rot auf Grün. Das Rot ist das Jackett meines Vaters, das Grün ist die herrliche irische Landschaft. Mein Vater galoppiert an der Spitze, ich bin zwölf Jahre alt und reite ein paar Meter hinter ihm. Und dann gibt es natürlich die Erinnerungen an die Hausgäste meines Vaters: Carson McCullers, Marlon Brando, Peter O’Toole, Montgomery Clift, Gregory Peck. John Steinbeck spielte für uns den Weihnachtsmann.

Wenn Sie etwas ändern könnten an der Art, wie Sie erzogen wurden: Was wäre das?
Ich hätte gerne mitgeredet, als es um die Auswahl von Gouvernanten und Hauslehrern ging. Zu meinen frühesten Erinnerungen gehören Erzieher, die ich nicht mochte. Als ich mit sieben in die Klosterschule der Barmherzigen Schwestern kam, wurde es nicht besser. Ich war eine einsame Tagträumerin, die in Büchern lebte und bis zum zehnten Lebensjahr am Daumen lutschte.

Ihre Mutter, die Balletttänzerin Enrica Soma, war die vierte Ehefrau Ihres Vaters. Als sie 1969 mit 39 bei einem Autounfall starb, waren Sie 17.
Meine Mutter wollte die Muse meines Vaters sein, aber sie merkte sehr schnell, dass er sie fortwährend mit anderen Frauen betrog. Später tat sie es ihm gleich und hatte ebenfalls viele Affären. 1962 bekam mein Vater einen unehelichen Sohn, zwei Jahre später bekam meine Mutter eine uneheliche Tochter. Als sie starb, war sie angeblich auf dem Weg zu ihrem Liebhaber. Unbewusst gab ich meinem Vater die Schuld an ihrem Tod, weil er sie verlassen hatte.

Ihre erste Beziehung hatten Sie mit 18, mit dem 24 Jahre älteren Modefotografen Bob Richardson, dem Vater des heute berühmten Fotografen Terry Richardson. Ihr Freund litt unter Halluzinationen und war in einer Zwangsjacke in eine Gummizelle gebracht worden, weil er sein Studio zertrümmert hatte. Warum sind Sie vier Jahre mit ihm zusammengeblieben?

Ich hielt es für meine Aufgabe, ihn zu retten, weil ich mich dafür verantwortlich fühlte, was mit ihm vorging. Er war manisch-depressiv und schizophren. Ich wollte ihn vor seinen Dämonen schützen und mit ihm durch Licht und Schatten gehen. Aber Sie können sich noch so sehr anstrengen, Schizophrenie ist mit Liebe und Fürsorge nicht zu heilen.

Die Arme von Richardson verrieten, dass er mindestens fünf Suizidversuche hinter sich hatte. Hätte Sie das nicht warnen müssen?
Ich war zu naiv, um die Gefahrenzeichen zu begreifen. Die Wunden an seinen Armen waren verheilt, deshalb glaubte ich, auch er sei geheilt.

Aus Richardson wurde ein zahnloser Penner, der am Strand von Venice lebte. Wusste Ihr Vater, an wen Sie geraten waren?
Er hielt Bob für ein wandelndes Pulverfass, aber Männer dieser Sorte kannte er viele, deshalb hielten sich seine Sorgen in Grenzen. Erst als Ingrid Sischy im New Yorker über Bobs Tragödie schrieb, wurde das ganze Ausmaß klar.

Ab 1973 führten Sie 17 Jahre lang eine On-off-Beziehung mit Jack Nicholson, der wegen seiner zahllosen Frauengeschichten und seines Killerlächelns den Beinamen »Hollywood’s baddest boy« hatte. Was hat Sie nach den ersten Wochen an ihm überrascht?

Dass er auch schlichte Seiten hatte. Samstags saß er mit seinen Kumpeln den ganzen Tag mit Bier und Hotdogs vorm Fernseher und guckte Baseball und Basketball. Und wehe, man störte ihn. Da konnte er cholerisch werden.

In Ihren gerade auf Deutsch erschienenen Memoiren (Anjelica Huston, Das Mädchen im Spiegel, Rowohlt, 24,95 Euro) schreiben Sie, Nicholson habe während Ihrer gemeinsamen Zeit erfahren, dass die Frau, die er bis dahin für seine Schwester gehalten hatte, in Wirklichkeit seine Mutter war. Hat ihn das zum Zyniker gemacht?
Nein. Jack konnte schon vorher ziemlich zynisch sein.

Sie haben Nicholson zwei Mal vorgeschlagen zu heiraten. Er wollte nicht. Wann begriffen Sie, dass er chronisch untreu war?
Ich wollte die Liebe seines Lebens sein, ihn heiraten und Kinder von ihm bekommen, aber meine Mädchenträume waren schnell dahin. Jack gab sich nicht mal besondere Mühe zu verheimlichen, dass er mit anderen Frauen schlief. Auch meine Freundinnen waren nicht tabu für ihn. Wenn ich ihn weinend zur Rede stellte, hieß es: »Ach, das war doch nur ein Mitleidsfick.« Manchmal fand ich bei uns ein Schmuckstück, das eine seiner Affären vergessen hatte. Wenn wir ausgingen, trug ich es, um zu sehen, ob jemand Anspruch darauf erheben würde. Ich wollte aber nie wissen, wie oft er mich betrog, denn wer keine Fragen stellt, bekommt auch keine unliebsamen Antworten.

Hatte Nicholson Ihnen Treue versprochen?

Nein, aber man kann seinem Herzen nicht befehlen, mit dem Hoffen aufzuhören – vor allem, wenn man noch in den Zwanzigern ist.

Als Sie Ihrem Vater von Nicholsons Affären erzählten, sagte er mit entnervtem Blick: »Hör auf zu heulen. Das ist doch völlig unwichtig. Männer machen so was, das bedeutet rein gar nichts. Warum nimmst du dir das so zu Herzen?«
Ich fauchte ihn an, dass ich mich wegen Jacks Betrügereien verachtet fühlte, aber für meinen Vater gehörte Fremdgehen zur Natur des Mannes. Er fand, was in den Genen liege, verlange keine Entschuldigung.

Sie hatten dann auch Affären.

Ich wiederholte das Muster, das ich von meiner Mutter kannte: Wie du mir, so ich dir.

Wie reagierte Nicholson, als Sie ihn wegen Ryan O’Neal für eineinhalb Jahre verließen?
Äußerlich hat er sich nichts anmerken lassen. Er hatte deswegen auch nie Streit mit Ryan. Allerdings hörte ich später von Freunden, es habe ihn ziemlich schockiert, von einer Frau verlassen zu werden. Das war Neuland für ihn.

Haben Sie ihn nach seinen Gefühlen wegen O’Neal gefragt, als Sie zu ihm zurückkehrten?

Sie meinen, ich hätte fragen sollen: »Sag mal, Jack, warst du wenigstens eifersüchtig, als ich mit Ryan auf und davon gegangen bin?« Niemals! Unter keinen Umständen! Bei so etwas verliert man als Frau den Stolz.

»Filmstars gehören der Vergangenheit an, es gibt sie nicht mehr.«

Luft anhalten: mit Bill Murray und Cate Blanchett in Wes Andersons Die Tiefseetaucher, 2004. (Foto:dpa)

Ihre Beziehung endete, als die Schauspielerin Rebecca Broussard ein Kind von Nicholson erwartete. Zum Abschied bekamen Sie von ihm ein mit Perlen und Diamanten besetztes Armband, das Frank Sinatra einst Ava Gardner geschenkt hatte. Auf der Karte stand: »Dies sind Perlen von deinem Schwein.« Wie ist heute Ihr Verhältnis?
Es gab Jahre der Distanz, aber inzwischen sind wir verlässliche Freunde.

Können Sie erklären, warum Sie zeitlebens mit Männern liiert waren, die dramatisch älter waren als Sie?
Die Psychologen, die in Talkshows per Ferndiagnose die Probleme anderer Leute in neunzig Sekunden erklären, würden wahrscheinlich von einem schweren Vaterkomplex sprechen. Ich sehe das anders. Ich mag ältere Männer, weil sie Erfahrung haben, weil sie Entscheidungen getroffen haben, weil sie keine Wischiwaschi-Typen sind, die heute dies und morgen das wollen. In einem Satz gesagt: Ich mag Männer erst, wenn sie wirklich erwachsen geworden sind. Und ist es nicht so, dass viele Männer mit fünfzig tausendmal schöner sind als mit zwanzig?

Die Männer, die in Ihren Memoiren auftauchen, jagen wie besessen Frauen hinterher, die zwanzig, dreißig Jahre jünger sind. Verstehen Sie das?

Wollen Sie sagen, dass die Männer, die nicht in meinen Memoiren auftauchen, etwas anderes tun? Es scheint für Männer ein genetischer Imperativ zu sein, jungen Mädchen nachzusteigen und sie zu schwängern. Dieses Naturgesetz ist nicht auf die menschliche Rasse beschränkt. Meine Katzen sind genauso. Manchmal scheint mir, das Streben nach Jugend sei der größte Quell männlicher Inspiration.

Seit Demi Moore und Ashton Kutcher ist es en vogue, dass Frauen mit bedeutend jüngeren Männern liiert sind.
Demi Moore ist nicht mein Kompass. Sie hat eine Mode ausgelöst, aber die Beziehung zwischen Menschen sollte keinen Moden folgen.

Tom Cruise lässt sich Gesichtsmasken mit Nachtigall-Exkrementen anmischen, an Demi Moores Körper saugen Blutegel, das israelische Model Bar Refaeli pflegt ihr Gesicht mit Goldpaste. Werden Sie lässig alt?
Ich warte meinen Körper so, wie man ein in die Jahre gekommenes Auto wartet, das einem lieb und teuer ist. Man sollte allerdings darauf achten, dass man mehr Zeit mit dem Fahren verbringt als mit der Wartung.

Wenn Sie auf die Siebziger und Achtziger zurückschauen: Wie hat sich das Star-Leben verändert?

Jack und ich hatten nicht das Gefühl, unter einem Mikroskop zu leben. Wir mussten auch nicht fürchten, von Kamera-Drohnen ausgespäht zu werden. Twittern, um Publicity zu kriegen? Das hätten wir stillos gefunden. Heute teilen uns Schauspieler so viel Intimes über sich mit, dass sie uns nach ein paar Wochen nicht mehr interessieren.

Schaut man sich auf Bahnhöfen oder Flughäfen die Auslagen der Kioske an, könnte man meinen, zwei Drittel aller Zeitschriften haben Filmstars auf dem Cover.
Von welchen Filmstars sprechen Sie? Filmstars gehören der Vergangenheit an, es gibt sie nicht mehr. Heute geht es um zwei Fragen: Wie viele Menschen kennen dich? Und wie viele wollen dich kennenlernen? Ich verstehe ja, dass man auf der Titelseite ein bekanntes Gesicht zeigen möchte, aber warum müssen es immer dieselben vier, fünf Gesichter sein? Ist jemand weg vom Fenster, hört man nie wieder etwas über ihn. Nehmen Sie Demi Moore. Haben Sie über die in letzter Zeit etwas gelesen? Nichts! Seit Ashton Kutcher sie verlassen hat, ist sie ein Niemand. Das ist ganz schön traurig, denn sie ist keine schlechte Schauspielerin. Und jetzt gibt es sie auf einmal nicht mehr, nur weil ein junger Kerl sie verlassen hat? Das ist hässlich!

Wie hat sich das Gesellschaftsleben in Hollywood entwickelt?
Es gibt in Hollywood kein Gesellschaftsleben mehr. Das Einzige, was es noch gibt, sind kleine, intime Dinnerpartys in Privathäusern. Oder möchten Sie zu einer Party gehen, die von Firmen gesponsert wird? Der Gezeitenwechsel begann 1993 mit dem Tod von Irving Lazar. Unter Swiftys Herrschaft trafen sich Alt und Jung, Superstars und Wannabes, altes und neues Geld. Man kam in einen Raum und sah Fred Astaire mit David Hockney und Frank Sinatra zusammenstehen. Es gab Intelligenz, Bildung, Eleganz, Manieren. Wir reden hier von Menschen wie Mike Nichols, Billy Wilder, Elia Kazan und William Wyler. Großartige Zeiten!

Wie verbringen junge Hollywoodschauspieler die Abende?

Keine Ahnung. Erzählen Sie’s mir. Ich liege dann schon lange im Bett. Es hat den Anschein, diese Leute verbringen ihre Abende damit, auch dann noch Auto zu fahren, wenn sie’s besser sein lassen sollten. Ständig sieht man Bilder, wie diese Leute wegen Alkohol oder Drogen verhaftet werden. Ich verstehe nicht, wieso die sich keinen Chauffeur nehmen.

Sie stehen seit 48 Jahren vor Kameras. Wie hat sich die Atmosphäre am Set verändert?
Der Respekt unter Kollegen ist deutlich kleiner geworden, weil es heute so viele übersteuerte Egos gibt. Beim Dreh von Der Kindergarten Daddy legte Eddie Murphy höchsten Wert darauf, stets als Letzter am Set zu erscheinen. Da es sehr heiß war, fragte ich ihn, ob wir nicht gleichzeitig unsere klimatisierten Wohnwagen verlassen könnten. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Ladies first.«

Es gibt Schauspieler, die sich nur lebendig fühlen, wenn sie das Rotlicht einer Kamera sehen. Gehören Sie dazu?

In meinen Dreißigern hätte ich jetzt vielleicht genickt, heute nicht mehr. Die Schauspielerei ist für mich keine Notwendigkeit mehr, denn die Rollen, die man mir anbietet, sind nicht gerade aufregend – Herzklopfen ist etwas anderes. Deshalb schreibe ich Drehbücher und werde wieder als Regisseurin arbeiten.

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich wache früh auf. Ob von selbst oder weil meine Hunde wach werden, weiß ich nicht. Nach dem Frühstück gehe ich zum Yoga, anschließend mache ich Workout. Am Nachmittag stehen Meetings und Telefonate an. Wenn das erledigt ist, nehme ich mir ein Drehbuch vor.

Wann stehen Sie auf?

Um sieben.

Für Los Angeles ist das spät.
In den Jahren mit Jack bin ich zwischen halb elf und elf aufgestanden. Das können Sie spät nennen.

Was sind Ihre guilty pleasures?
Schokolade, den Sonntag im Bett verbringen und Reality-TV. Sündiger wird’s nicht.

Was hätten Sie im Rückblick gern anders gemacht?
Ich wünschte, ich hätte mehr Energie gehabt, um zupackender zu sein und mehr aus meinem Leben rauszuholen. Keine Ahnung, wie man es schafft, mehr Energie zu haben, aber ich bewundere zum Beispiel Menschen, die mal hier und mal dort leben. Dieser Aufbruchswille hat mir immer gefehlt. Ich bin eher wie ein ängstlicher Krebs, der sich in sein Gehäuse verkriecht.

Haben Sie etwas versäumt?
Es wäre Masochismus, mit über sechzig zu sagen, ich hätte an bestimmten Punkten rechts statt links abbiegen sollen. Wer weiß, vielleicht hätte rechts etwas ganz Fürchterliches auf mich gewartet. Heute bin ich ein Haus mit vielen Zimmern. Einige Türen führen in dunkle Räume mit Verlust, Schmerz und Einsamkeit. Andere Türen öffnen den Blick auf treue Freunde und meine Ranch mit meinen Tieren.

1992 haben Sie mit 39 den mexikanischen Bildhauer Robert Graham geheiratet. Seit 2008 sind Sie Witwe.
Mein Mann litt an einer seltenen Nierenkrankheit. Die Ärzte fanden kein Mittel, das half. Als er starb, heilte die Zeit gar nichts. Es gab nur noch identische Stunden. Ich fühlte mich wie in einer Einzelzelle, deren Wände aus Spiegeln bestehen. Früher trugen Witwen einen Schleier. Das war ein kluger Brauch. Man möchte nicht, dass einem jemand ins Gesicht schaut, weil man sich hautlos fühlt.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie keine Kinder bekommen konnten. Ist das eine offene Wunde?
Nicht mehr.

Suchen Sie einen Partner, oder ist das Heilmittel gegen Einsamkeit Alleinsein?
Ich hoffe nicht, dass die Einsamkeit das letzte Wort hat. Es gibt da einen Mann, fast schon ein Jahr lang. Es ist aber noch zu früh, um sagen zu können, ob wir ein Paar sind.

Anjelica Huston
Mit 16 wurde sie vom Vater für »Eine Reise mit der Liebe und dem Tod« vor die Kamera gestellt. Ein Kritiker schrieb daraufhin, sie habe »das Gesicht eines erschöpften Gnus«. Nach zehn Jahren als erfolgreiches Model verkündete Anjelica Huston mit 28, Schauspielerin werden zu wollen. Kommentar des Vaters: »Schätzchen, bist du dafür nicht schon etwas zu alt?« Sechs Jahre später gewann sie unter seiner Regie für »Die Ehre der Prizzis« einen Oscar. John Huston hatte 1948 mit »Der Schatz der Sierra Madre« zwei Oscars gewonnen (Regie und Drehbuch), sein Vater Walter bekam für denselben Film den Oscar für die beste Nebenrolle. Oben: Anjelica Huston in einer ihrer beliebtesten Rollen - als Morticia Addams in »Die Addams Family in verrückter Tradition«, 1993.
(Foto:dpa)

Foto: Patrick Swirc

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