»Wir machen alle großartige Dinge - und dumme«

Die Schauspielerin Sissy Spacek ist ein bisschen aus der Zeit gefallen. Und das macht sie glücklich.


SZ-Magazin: Es gibt in Ihrer neuen Serie Bloodline eine Szene, in der Sam Shepard Ukulele spielt und Sie dazu singen. Es klingt wirklich professionell.

Sissy Spacek: Oh, danke! Ja, lange bevor ich Schauspielerin wurde, war ich Sängerin, aber leider nicht sehr erfolgreich. Heute singe ich öfter die Background-Vocals für meine Tochter Schuyler ein, sie ist Folksängerin. Und sonst ist es so: Wenn ich von irgendwoher Gesang höre, steige ich immer mit ein, und manchmal trägt es mich davon.

Wohin?
Das ist schwer zu beschreiben. Es ist ein zeitloser Zustand, den ich auch vom Schauspielen ­kenne, die Szene spielt mich und nicht ich sie. Manchmal sagen dann Regisseure: »Toll, kannst du das genau so noch einmal machen?« Und ich: »Was denn? Ich erinnere mich an nichts.« Es ist eine ­außerkörperliche Erfahrung, absolut zauberhaft, ein Flow. Oft passiert aber auch nichts. Dann singe ich – und verliere mich nicht.

Haben Sie eine Technik, wie Sie diesen hervorrufen ­können?
Ich muss ihn mir meistens schon erarbeiten. Eine Szene Schritt für Schritt durchgehen, Sätze Wort für Wort. Dann finde ich eine Schiene, an der ich entlanglaufe – ich weiß, irgendwann wird der Zug kommen, der mich mitreißt. Erwische ich den richtigen ­Moment, springe ich auf, und es trägt mich davon. Verpasse ich ihn, überrollt mich der Zug, und die Szene ist ­kaputt.

Sie sind seit gut vierzig Jahren mit dem Setdesigner Jack Fisk verheiratet und wohnen seit 1982 auf einer Farm in Virginia. Ist das Geheimnis Ihrer Ehe, nicht in Los Angeles zu wohnen?
Nun, erst einmal hatte ich das Glück, den richtigen Mann zu finden, wir haben uns bei den Dreharbeiten zu Badlands – Zerschossene Träume kennengelernt. Und natürlich ist es ein Vorteil, wenn man streiten kann, und keiner bekommt es mit. Es ist unglaublich belas­tend, wenn man unter ständiger Beobachtung der Öffentlichkeit steht. Ich bedaure junge Schauspieler heute sehr. Sie werden ­gejagt. Als ich in dem Alter war und mich danebenbenahm, hat das kaum jemand ­gemerkt.

Wie haben Sie sich denn daneben­benommen?
Ha, das werde ich Ihnen gerade sagen! Ach, die üblichen Dinge eben. Hier und da mal zu viel getrunken und gefeiert. Wir machen ja alle großartige Dinge und dumme. Wenn man für jede kleine Verfehlung harsch verurteilt und an den Pranger gestellt wird, verschluckt einen das. Wie soll man da noch ein richtiges Leben führen?

Ihr Mann arbeitet als Setdesigner oft für Regisseure wie David Lynch und Terrence Malick. Bei ­Ihnen zu Hause muss es irre aussehen.
Oh ja. Jack liebt Rot, es ist der bestimmende Farbton bei uns, satt und warm. Unser Haus ist ein organisches, atmendes Wesen. Es ist auch eine Art Museum. Ein wildes Sammelsurium unseres bisherigen Lebens, gekreuzt mit Kunstwerken unserer beiden Töchter. Dazwischen Hunde und Katzen. Meine liebsten Schätze sind eine ausgestopfte Krötenechse aus Malicks Badlands und der billige Schmuck, den ich in dem Film als Holly trug, in meiner ersten großen Rolle.

Sie sagten einmal in einem ­Interview mit Andy Warhol, dass Sie in den Wald gehen, um ­Offenbarungen zu haben. Tun Sie das immer noch?
Ja, ich finde Trost, wenn ich durch Wälder und über Felder wandere. Ich finde auch die Reizüberflutung in Städten belebend, aber auf dem Land dehnen sich Gedanken weiter aus, sie reisen länger, bevor sie mit ­etwas zusammenstoßen. Am liebsten gehe ich raus, wenn es dämmert – zur Blue Hour, wie man bei uns sagt. Alles ist dann wie verzaubert. Lagerhallen ­werden zu Palästen.

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Sissy Spacek, 65, wurde durch ihre Hauptrollen in Terrence Malicks Badlands - Zerschossene Träume und Brian De Palmas Carrie bekannt. Sie gewann einen Oscar für ihre Rolle als Countrysängerin Loretta Lynn in Nashville Lady. Derzeit ist sie als Mutter einer Großfamilie mit dunklem Geheimnis in der Serie Bloodline auf Netflix zu sehen.

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