Der Betonkopf

In 17 Jahren Kampf hat sie ihr Mahnmal durchgesetzt. Selbst ihre Freunde finden, dass sie zu fanatisch ist. Doch Lea Rosh lässt nichts mehr an sich heran. Außer natürlich den Holocaust.

Jeden Tag schaut Lea Rosh auf den Backenzahn eines von den Nazis getöteten Juden und auf den gelben Judenstern einer Holländerin. Backenzahn und Stern liegen neben der Tastatur ihres Computers in ihrem Arbeitszimmer in Berlin-Zehlendorf, wo sie wohnt. Wenn Lea Rosh eine von 25 Lesebrillen aufsetzt und den Computer anschaltet, wirft sie einen Blick auf Zahn und Stern. Sie sind ihr ganz persönliches Mahnmal. Als sie den Zahn bei Dreharbeiten in der damaligen Sowjetunion in Belzec am Boden eines Vernichtungslagers fand, schwor sie sich: »Wir werden euch mit einem Denkmal ehren.« Sie sagt: »Ich fühle mich außerordentlich zu den Juden hingezogen.« Lea Rosh sitzt in ihrem schwarzen Citroën, wählt die Nummer ihres Mannes, im Info-Radio kommt das Wetter, als sie plötzlich auf die Bremse tritt. Sie hat etwas erblickt, was ihre Sinne reizt: Einen Mann, etwa 45 Jahre alt. Er steht an einer roten Fußgängerampel am Alexanderplatz und sieht aus wie Dschingis Khan. Der Mann trägt einen langen grauen Zopf, einen langen grauen Bart, hat bunte Tücher um Brust und Hüften drapiert, am Gürtel baumelt ein Schwert, und es ist nicht Fasching. Lea Rosh lässt ihr Fenster herunter und strahlt den Passanten an: »Sie sehen wunderbar aus, eine Augenweide!« Froh bedankt sich der Mann: »Wie schön! Die meisten beschweren sich und denken, ich sei verrückt.« – »Ach was«, wirft Lea Rosh hinterher, »Sie sind was Besonderes, Deutschland hat genug langweilige Männer.« Es gibt zwei Lea Rosh. Die eine Lea Rosh (sprich: Roos) ist die bekanntere in Deutschland. Es ist die unsympathische. Unter hundert Seiten Archivmaterial befindet sich kein einziges Blatt ohne Kritik an Rosh und dem Holocaust-Mahnmal. Dampfwalze Lea, Holocaust-Kassandra, Wunschjüdin, Oberlehrerin mit moralisch erhobenem Zeigefinger, Mutter aller Mahnmale. Fanatisch, herrschsüchtig, einschüchternd, ignorant, unnahbar. Der Berliner Tip erhob Rosh in den Rang der »peinlichsten Berlinerin«. Auf einem Titelbild mit der Überschrift »Führende Kraft der einheimischen Bewältigungsbranche« steht sie mit beiden Beinen einbetoniert in zwei Denkmalstelen, hinter ihr geht rot die Sonne unter, neben ihr hebt ein Köter namens »Adolf« die Pfote zum Hitlergruß. Lea Rosh sitzt in einem kleinen Cafe in Berlin-Mitte, fährt sich durch die schwarzgraue Lockenmähne, die gegen ihren Willen immer wieder in sich zusammenfällt, und formiert mit großen warmen braunen Augen ein Fragezeichen: »Was bringt die Leute nur so gegen mich auf!« Einmal hat ihr jemand gesagt, sie verkörpere zwei hassenswerte Komponenten: Frau sein und links. Vermutlich ist es keine schlechte Charaktereigenschaft von Lea Rosh (sondern ganz normal), dass sie sich einen schützenden Panzer zugelegt hat. Nur den Holocaust lässt sie an sich ran. Ihm und seinen Opfern öffnet sie sich vorbehaltlos. Gerade eben kommt sie aus Auschwitz zurück, obwohl sie sich vorgenommen hatte, dort nie wieder hinzufahren. Sie dreht einen Dokumentarfilm über einen Berliner Juden, der sich freiwillig bei der Gestapo gemeldet hatte, um seine nach Auschwitz deportierte Mutter zu treffen. Bei den Dreharbeiten ist der Mann sehr oft in Tränen ausgebrochen. Und Lea Rosh? Sie hatte versucht, diesmal den Ort nicht »an mich rankommen zu lassen, zuzumachen, aber ich hab’s nicht geschafft«. Es falle ihr leicht, sich vorzustellen, selber auf einer der Pritschen zu liegen, Vorstellungen, »die kommen einfach, da kann ich nichts gegen machen«. Wenn alle Menschen dieser Welt »die Fantasie besäßen, sich in die Opferrolle hineinzuversetzen«, dann »wäre die Welt besser«. Lea Rosh hat den Holocaust inkarniert, obwohl sie keine Jüdin ist. (Wenn sie eine wäre, würde sich kein Mensch über sie aufregen.) In all den Jahrzehnten der Beschäftigung mit Nazis und Holocaust ist ihr dabei die Distanz abhanden gekommen. Der Holocaust, sagt sie, habe sie vergiftet. Nach ihrem Studium zog sie in eine Wohnung nahe dem Bahnhof Grunewald, von wo aus Juden deportiert wurden. Für sie war »das Rattern der Züge, die ich nachts hörte, ein Rattern in den Tod«. Noch immer, sagt sie, ist die erste Assoziation beim Anblick von Viehwaggons und Gleisen – Konzentrationslager. Der Schriftsteller Rafael Seligmann wirft Lea Rosh eine »Obsession mit dem Holocaust« vor. Sie sagt: »Das Thema hat mich nicht losgelassen«, wobei es natürlich heißen muss: Sie hat das Thema nicht losgelassen. Es ist ihr Lebenselixier geworden. Andere Menschen krönen ihr Leben mit einer Familie, einer Auswanderung oder einer Autobiografie. Kinder aber hat Lea Rosh nicht, weil sie berufstätig bleiben wollte, und in Deutschland Frauen mit Karriere und Kindern nicht anerkannt würden. Den Umzug nach Italien, in ihr Lieblingsland, hat sie nie gewagt. Sie fährt da nur regelmäßig seit 25 Jahren an denselben Ort, liegt am Pool und schaltet ihr Handy aus. Und eine Biografie wird sie nicht schreiben – weil sie eine hat bauen lassen. Das Denkmal ist ihre Autobiografie. Es manifestiert ihre Mission, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Das Mahnmal wird am 10. Mai in Anwesenheit von tausend in- und ausländischen Gästen eröffnet – 17 Jahre, nachdem Roshs Kollege, der Historiker Eberhard Jäckel, bei einem Besuch in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem gefragt hatte: »Lea, warum haben wir eigentlich in Deutschland kein zentrales Mahnmal für die ermordeten Juden Europas?« Es ist Lea Rosh noch heute ein Rätsel, weshalb nicht sie auf diese Idee gekommen ist.

Das Mahnmal für die sechs Millionen Juden, von denen 98 Prozent aus europäischen Ländern stammten und nur zwei Prozent aus Deutschland, besteht aus 2711 Betonstelen und einem unterirdisch angelegten »Ort der Information«. Um den Übergang zwischen Tiergarten und dem Mahnmal weniger abrupt zu gestalten, hatte Helmut Kohl den Architekten Peter Eisenman zur Pflanzung von vierzig Bäumen gezwungen. An einem sonnigen Morgen wenige Tage vor der Eröffnung blickt Lea Rosh wütend auf die Allee: »Wenn Sommer ist und die Bäume blühen, sieht man das Mahnmal doch gar nicht mehr von der Straße aus. Wir wollten aber keinen freundlichen Übergang in die Stadt!« Das Denkmal erfüllt sie mit Stolz. 900000 Euro haben Privatpersonen bislang für das 27,4 Millionen Euro teure Projekt gespendet. Mit wehendem Cape und einer Schiene am Knie, das sie sich beim Skifahren in Arosa schmerzhaft verdreht hat, läuft sie zwischen den Betonquadern. Sie stehen schief und hoch und niedrig und quer und vertikal, die Geräusche der Stadt verpuffen inmitten des Labyrinths, der Boden läuft in Wellen auf und ab, mal erdrücken einen die Stelen, mal gewähren sie den Blick aufs »Hotel Adlon« oder ein Stück Himmel. Berlin steht still an diesem Ort im Herzen der Stadt. Lea Rosh drapiert die rote Stoffrose an ihrem Jackett zurecht, lehnt sich an einen der dunkelgrauen Blöcke und klassifiziert das Stelenmeer als »im positiven Sinne überwältigend«. Sie schweigt, als sei sie nun selbst vom Denkmal überwältigt. Dann sagt sie: »Wir werden dem Land etwas hinterlassen, was noch lange, lange bleibt.« Die Stelen sind aus besonders gutem Beton gefertigt und werden nach Angaben des Bauleiters etwa tausend Jahre halten. All die Anfeindungen und Schmähungen sind an Lea Rosh nicht abgeperlt. Sie sagt, sie sei dünnhäutiger und empfindlicher geworden. Sie macht dafür »das Thema« verantwortlich. Vorletzte Woche hatte sie auf Bitten eines Lehrers ihren Samstag geopfert, um dessen Oberstufenschüler über den Holocaust aufzuklären. Über eine Stunde »redete ich mir den Mund fusselig«, als ein Schüler maulte: »Was is’n da so Besonderes dran, die Amerikaner haben die Indianer vertrieben, is doch genau dasselbe.« Lea Rosh stellte die Klasse vor die Alternative: »Entweder der Schüler geht oder ich, entscheidet ihr.« Am Ende trollte sich der Schüler von dannen. »Ich kann einfach nicht mehr gelassen reagieren, wenn einer flapsig daherkommt, wenn ich von Gaskammern rede«, sagt Lea Rosh. Ein Freund hat ihr mal geraten: »Mensch Lea, hör jetzt mal auf damit.« Entsprechende Versuche sind bislang gescheitert. Sie zog zwar zu Beginn der neunziger Jahre nach Hannover, wo sie Chefin des NDR-Funkhauses wurde, auch um über den Tod der geliebten Mutter hinwegzukommen. Aber kaum war sie dort im Amt, da war es wieder, »das Thema«: Auf einer Dienstfahrt hörte sie im Radio, wie die inoffizielle Niedersachsen-Hymne gespielt wird, samt einem faschistoiden Text (»Wo fielen die römischen Schergen? Wo versank die welsche Brut? In Niedersachsens Bergen, an Niedersachsens Wut.«) Noch am selben Tag verbot sie das Abspielen des Textes, seitdem erklingt nur noch die Musik. Das Mahnmal, sagt sie, »ist mein Lebenswerk, aber es hat mich beruflich auch viel gekostet: Ich bin die Denkmalstante. Die Leute denken, ich beschäftige mich mit nix anderem.« Dabei hat sie sich auf legendär-provokante Weise in den Talkshows Drei nach 9 und Freitagnacht mit Honeckers Regime beschäftigt, aber auch mit Schönheitsoperationen, Aids, Sex im hohen Alter, Spielsucht oder der Vernichtung des Regenwalds. Gibt es ein Thema, das sie nicht interessiert? »Hip-Hop und Golf.« Weil sie keine Angebote für eine Talkshow mehr bekommt, hat sie einen Salon ins Leben gerufen. Einmal im Monat lädt sie ins Foyer des Maxim Gorki Theaters. An einem Montag Anfang April will sie herausfinden, wie man mit den Rechtsradikalen umgehen soll. Rosh lässt ihre Gäste ausreden, fällt ihnen aber auch schon mal ins Wort, und wenn ihr ein Beitrag aus dem Publikum nicht passt, gibt sie Kommentare ab oder lacht. Ein Zuhörer schreit daraufhin: »Ihre Arroganz ist unerträglich!« Noch am selben Abend wird Rosh das Gleiche auch von ihrem Mann zu hören bekommen, dem Architekten Jakob Schulze-Rohr. Er fungiert als ihr Korrektorat. Dennoch sucht sie sich anderntags in ihrem Büro in Mitte, in dem alle Gäste die Schuhe ausziehen müssen, zu verteidigen: »Reich-Ranicki wirft man ja auch nicht Arroganz vor, wenn er kommentiert, sondern man sagt dann, er sei scharfzüngig.« Lea Rosh ist der weibliche Gegenentwurf zu Thomas Gottschalk. Der wird dafür bezahlt, die Deutschen zu unterhalten und gute Laune zu verbreiten. Lea Rosh dagegen ist die Trauerarbeiterin der Nation und verursacht mit ihren Themen Trübsal, Betroffenheit, Schuld. Unentgeltlich nervt sie die Deutschen mit der Vergangenheit, wobei ihre Zivilcourage aber auch bis ins Heute reicht. Wenn ostdeutsche Skins Vietnamesen und Mosambikaner jagen, verprügeln, totschlagen, spricht Lea Rosh, laut und unüberhörbar. Die Zigeuner, die auch ein Denkmal wollen (und bekommen), und die Schwulen, die auch ein Denkmal wollen (und bekommen), haben in Rosh eine Anwältin für ihre Forderungen. Weil man ihr bei der Themenauswahl keinen Vorwurf machen kann, wirft man ihr eben ihre »Art« vor, ihren »Stil«, manche auch ihr »Jüdischsein«. Doch ist es wichtig zu wissen, dass ihr Großvater mütterlicherseits Jude war? Soll sie nett und harmlos sein wie Gottschalk? Sich anbiedern mit einem Lächeln bei einem Thema, zu dem aber doch keines passt?

Wenn man sie fragt, warum sie eingreift, korrigiert, mahnt, belehrt, Justitia spielt, kann sie selbst keine aufschlussreiche Antwort geben. Womöglich sind es die Abwesenheit des Vaters und der Verlust der Kindheit, die Lea Rosh zu dieser resoluten Person gemacht haben. 1944 hat sie ihren Vater das letzte Mal gesehen. Er war kurz auf Heimaturlaub, sie gerade mal acht. Lea Rosh erinnert sich noch an den Tag, an dem sie alle den Vater zum Bahnhof begleiteten und hinterherwinkten. In Polen ist der Vater dann gefallen und Lea Rosh übernahm dessen Rolle. Half der Mutter bei der Lebensmittelbeschaffung, im Haushalt und blieb bis zum Tod der Mutter an deren Seite. Das letzte Lebenszeichen des Vaters kam mit einer Postkarte, im November 1944. Darin schrieb er, dass die Soldaten nun polnische Frauen und Kinder mit den Gewehrkolben erschlagen sollten, um Munition zu ersparen. Die Familienväter seiner Truppe würden den Befehl verweigern. Die Zivilcourage des Vaters hat sich auf die Tochter Lea übertragen, die, bis sie 18 war, noch Edith hieß, den Namen aber schrecklich deutsch fand, sich in Lea umbenannte und aus der Kirche austrat. Andere Kinder bekommen von ihren Vätern beigebracht, wie man schwimmt, Fußball spielt, mit Wasserfarben malt. Lea Roshs Vater war nie da, aber er hat ihr mit seiner Befehlsverweigerung ein Lebensmotto mit auf den Weg gegeben. Kann sie den Holocaust sein lassen? Immer mal wieder hat sie davon geträumt, für drei Jahre auszusteigen, nach Nepal zu gehen, nach Tibet oder ein halbes Jahr in die Toskana. »Ich will ja auch noch ein bisschen leben in meinem Leben«, hat sie vor genau 19 Jahren gesagt und in Aussicht gestellt, Pianistin werden zu wollen. Heute sagt sie: »Hat ja keiner geahnt, dass das mit dem Mahnmal 17 Jahre dauert.« Inzwischen weiß sie, dass »das, was da kommt, kürzer wird«. In ein, zwei Jahren, wenn die Anschlussprojekte wie Lehrer- und Schülerfortbildung greifen und man Lea Rosh nicht mehr jeden Tag braucht, will sie sich aufs Klavierspielen stürzen, eine Lehrerin hat sie schon. Die Noten sollen sie in eine andere Welt tragen. Hofft sie. Aber andererseits, ganz ohne vollen Terminkalender? »Ich muss arbeiten.« Sie sitzt im Freundeskreis des Maxim Gorki Theaters, im Freundeskreis der Philharmonie, sie will sich in der Welthungerhilfe engagieren, ein Buch darüber schreiben, dass die Römer und nicht die Juden Jesus ans Kreuz genagelt haben, jeden Tag erhält sie Einladungen von Schulen, Universitäten, Holocaust-Seminaren, sie engagiert sich im Berliner Bankenskandal… Ihr Mann seufzt: »Lea kann ohne Stress nicht leben.« Es fällt ihr schon schwer, überhaupt einen Tag nicht mit der halben Welt zu telefonieren, im Büro zu sein, ihren Salon im Maxim Gorki Theater vorzubereiten. »Nichts zu tun zu haben ist ein Zustand, den ich nicht kenne. Das würde mich auch wirklich nervös machen«, sagt sie, weshalb sie auch freie Tage verplanen muss. Sie geht dann zum Friseur, liest Zeitungen, kauft am Nachmittag für ein Abendessen mit Freunden ein und kocht. In diesen Tagen feilt sie an ihrer Denkmaleröffnungsrede, sie wird zuletzt sprechen, also das letzte Wort haben, wie sie mit einem Lachen betont. Nach dem Eröffnungsakt wird sich Lea Rosh mit ihren dreißig Mitarbeitern und Freunden aus dem Staub machen und etwas tun, was sie in all den 17 Jahren kein einziges Mal getan hat: Feiern, in einem Restaurant am Gendarmenmarkt. »Ich werde dann mal ein Glas Wein trinken.« Lea Rosh hat Geschichte studiert und ist seit 1968 SPD-Mitglied. Nach dem Studium moderierte sie für den SFB eine Modesendung und, Jahre später, als erste Frau überhaupt das Politmagazin »Kennzeichen D«. Später wurde sie wegen ihrer unerbittlichen Fragelust berühmt mit den Talkshows »Drei nach 9« und »Freitagnacht«.

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