Kunstschuss

Seit 1936 schießt Ria van Dijk fast jedes Jahr ein Erinnerungsfoto auf Volksfesten. Museen reißen sich jetzt um die Bilder.

Als Ria van Dijk den ersten Schuss ihres Lebens abfeuert, beginnt in Spanien gerade der Bürgerkrieg. 1936, mit 16 steht sie, ein pummeliges Mädchen, am Schießstand der Sommerkirmes von Tilburg in Holland, presst den Gewehrkolben gegen ihre Schulter, kneift das linke Auge zusammen und drückt ab. Tags darauf nimmt sie ihr Foto in Empfang: Jeder Schütze, der trifft, löst eine Kamera aus, die ihn im Moment des Schusses fotografiert; die Fotografie, die über Nacht entwickelt wird, ist beides: Belohnung und Erinnerung.

Von da an schießt Ria van Dijk jedes Jahr auf der Tilburger Sommerkirmes, anfangs sind die Fotos schwarz-weiß, ab 1975 farbig. Sie schießt als Teenager, später als Apothekerin und Rentnerin. Erst vor wenigen Wochen war sie wieder da, neunzig Jahre alt ist sie jetzt, sie hat nie geheiratet und keine Kinder bekommen. 68 Fotos hat sie im Laufe der Jahre gesammelt (von 1939 bis 1945 schoss sie nicht, einmal lag sie im Krankenhaus), die Bilder sind ihr Tagebuch, das sie immer wieder aus dem Regal geholt und durchgeblättert hat, um sich darüber zu wundern und zu freuen, wie die Zeit vergeht und man sich verändert und doch ständig dieselbe bleibt.

Diese kleine Geschichte wäre hier zu Ende, wäre nicht ein Journalist im Jahr 2007 auf die kuriose Schützin aufmerksam geworden. Er besucht die damals 87-Jährige und fragt, ob er die Bilder der Agentur KesselsKramer in Amsterdam zeigen dürfe, eine der Adressen für schräge Werbekampagnen, besondere Bildbände und intelligente Spinnereien. Ria van Dijk versteht nicht ganz: Was will dieser Mann mit ihren Fotos? Und was soll diese Agentur, von der sie noch nie im Leben gehört hat? Sie kann sich nicht vorstellen, dass die Fotos für jemanden interessant sein könnten: eine Frau beim Schießen, noch dazu immer dieselbe. Aber der Mann ist höflich und freundlich, also willigt sie ein. Die Chefs von KesselsKramer sind hingerissen: Die Bilder sind wie gemacht für In Almost Every Picture, eine ihrer Buchreihen, die sich ausschließlich mit Amateurfotografie beschäftigt, mit Schnappschüssen und Alltagsaufnahmen ganz normaler Menschen, Menschen, die in der Kleinstadt leben, einmal im Monat den Rasen mähen und einmal im Jahr in Urlaub fahren. Der siebte Band von In Almost Every Picture widmet sich ausschließlich Ria van Dijk.

Meistgelesen diese Woche:

Die holländischen Zeitungen stürzen sich auf das Buch, das Fernsehen schickt Reporter zu Ria van Dijk, die inzwischen am Stock geht. Zuletzt melden sich die Feuilletons zu Wort: Die Bilder seien wertvolle Zeitdokumente, Belege für die Geschichte der Fotografie und der Mode, eine melancholische Magie umwehe diese Aufnahmen, eigentlich handle es sich um Kunst. Das bekannte Stedelijk Museum in Amsterdam kauft die Originale für seine Sammlung, eine hitzige Kulturdebatte bricht los – immerhin werden viele Arbeiten renommierter Fotografen nicht berücksichtigt. Ein Jahr später werden die Bilder beim Fotofestival in Arles gezeigt, seit Anfang Oktober sind sie im Museum für Photographie in Braunschweig zu sehen. Ria van Dijk kam zur Eröffnung angereist. Mit Journalisten spricht sie nicht mehr. Nicht weil sie arrogant geworden ist, sondern weil sie so erschöpft ist. »Sie ist ziemlich überwältigt von der ganzen Sache«, sagt die Agenturmitarbeiterin, die sich um sie kümmert, »aber glauben Sie mir: Sie ist sehr, sehr glücklich.«

Sammlung Erik Kessels. Mit Dank an Ria van Dijk und Joep Eijkens. Mit freundlicher Unterstützung des Stedelijk Museum, Amsterdam. Von KesselsKramer Publishing, 2008, ISBN 978-90-70478-23-0, 24,95 Euro, www.kesselskramerpublishing.com

Artikel teilen: