Das Beste aus Ihrem Leben

Im Heft vom 20. März 2008 konnten Sie zahlreiche Tagebucheinträge der letzten hundert Jahren von den unterschiedlichsten Menschen finden. Wir haben Sie gebeten, uns Ihre Einträge von einem 20. März zu schicken. Hier finden Sie eine kleine Auswahl.

    20. März 2006
    Die Stadt stinkt. Die Kälte erspart den Menschen vieles: Waschen zum Beispiel, denn in der Kälte stinkt nichts und zuhause ist man ohnehin alleine oder besoffen oder meistens beides. Keiner da, der sich daran stört. Dann wird es nicht einfach wärmer, nein, es tauen die letzten Eisplatten dampfend in den Himmel und mit ihnen all die gelösten Fäkalien und Verschmutzungen, die die Kälte so wunderbar konserviert hat. Die Menschen riechen wie feuchte Sportsocken, die man nach langer Lagerung kurz in den lauen Wind hängt, um sie anschließend wieder zu tragen. So´a feine Melange! Heute ein erster, schmutziger Vorgeschmack auf den Frühling und den Sommer. Feuchtwarm, schwül, schmutziger denn je. Man vergisst die Widerwärtigkeit des Sommers angesichts der Unerträglichkeit des Winters.
    Frank

    20. März 2008
    Wir warten immer noch. Aber heute könnte es endlich so weit sein. Paul Frieder oder Flora Mathilda, noch Fisch oder schon Widder? An einem Gründonnerstag wurde auch schon deine Nichte Edith geboren. Länger als bis Ostern, das sagt der Frauenarzt jedenfalls, kann es nicht mehr dauern. Der Muttermund ist schon drei Zentimeter weit geöffnet. Das sagt dem werdenden Vater natürlich alles. Du machst es spannend, wir warten!
    Jan

    20. März1982
    Amerika ist ein total fertiges Land. Überall Leuchtreklamen. Das autogerechte Land, Motels allenthalben. Und eine Freizeitkonsumgesellschaft, schauerlich! Es ist auch viel dreckiger als ich dachte.
    Ich konnte im Bus recht gut schlafen. Kurzer Halt und umsteigen in Buffalo. Dann ging es über die Grenze nach Kanada. Ich wurde als einziger nicht kontrolliert. Weiß auch nicht warum. Von Fort Erie am Eriesee fuhren wir nach Niagara Falls. Erich, der Österreicher und ich fuhren dann erst mal mit dem Taxi zur Jugendherberge. Ein nettes, gemütliches Häuschen, aber teuer: 9 Dollar! Wir lassen unser Gepäck da und ziehen los. Das Wetter wird schön, die Sonne scheint. Die Niagara Fälle sind schon imposant. Es sind sogar zwei Fälle. Überall auf dem Wasser ist noch Schnee und Eis. Wir promenieren durch einen schönen Park. Das Boot "Maid of the Mist", das Touristen zu den Fällen bringt, fährt leider nicht. Aber es ist ja eh alles zugefroren. Es liegt noch etwas Winterschlaf über dem Ganzen. An die Horshoe Falls kann man kaum heran. Überall Wasserwolken. Wir werden recht nass.

    Dann gehen wir hoch in die Stadt. Eigentlich fährt da nur eine Zahnradbahn für 35 Dollar hoch. Wir gehen einfach querfeldein. Oben fanden wir dann eine Touristenstadt: Aussichtsturm Panasonic Tower, Marineland mit Delphin Shows, Snacks, Spielhallen und ein Motel neben dem anderen, kilometerlang. Überall riesige Leuchtreklame an den Straßen. Wir suchen eine Bank, nichts zu machen. Wir laufen und laufen, überall das gleiche Bild: Motels und Restaurants. Dann finden wir eine, aber alles ist zu, wie uns ein Passant versichert, der Deutsch spricht. Er wollte mit mir tauschen, aber sein Kurs war indiskutabel. Dann tauschte der Österreicher einige Dollars mit mir. So konnten wir essen gehen. Spaghetti war das billigste für 4,95 Dollar. Etwas teuer, aber gutes Gedeck mit Brot und Wasser. Gut gestärkt kaufte ich noch etwas zu trinken ein. Es ist kalt draußen.

    Wir gingen weiter in ein kleines Disneyworld. Überall Wachsfigurenkabinette, Spielhallen, Achterbahn, Gruselkabinett. Man konnte sogar seinen Namen auf die Titelseite einer Niagara Falls Zeitung setzen lassen. Erich telefonierte nach Toronto wegen einer Unterkunft. "My problem is that I have no money", sagte er in österreichischem Englisch. Er fand etwas für 50 Cent pro Nacht. Wir gingen zurück in die Jugendherberge. Auf dem Weg entdeckten wir die Downtown: eine ganz normale Stadt, alle Häuser zweigeschossig aber mit ganz normalen Läden. Hier war mir Niagara Falls sympathisch. Erich fuhr dann nach Toronto. Ich zog es vor in der Jugendherberge zu nächtigen. Ich lernte dann Michel kennen, einen Schweizer aus Porrentruy. Er will auch nach Kanada einreisen und bei einem Freund auf einer Farm arbeiten. Er rechnete mir vor, wie viele Rinder und Schweine er wie lange mästen und dann wie teuer verkaufen muss, um ordentlich Geld zu verdienen. Mein Fall war es nicht und ich ging dann früh schlafen.
    Michael

    20. März 1999
    Mathis kommt um 10.30 Uhr herunter – Kolya ( der Hund) hat die schöne Holztasse verbissen, die Stirnlampe ebenso. Ich bin entsetzlich verärgert über ihn, dass er es noch nicht gecheckt hat, besser auf seine Sachen aufzupassen, schimpfe ziemlich, bin auch schwach vom Penicillin. Mathis gibt zu, dass er erst um 3.00 Uhr heimkam, kriegt immer Wutanfälle, brüllt nur noch rum - es eskaliert. - Ich schlafe, Veit ist in L. Annelie ebenso. Sie gibt ihre erste Nachhilfestunde bei Phillip, erzählt mir stundenlang hinterher. Mathis ist auf dem Segelflugplatz, steinmüde abends. Die Stimmung ist verärgert.

    20. März 2000
    Schule - die Spezels verrückt. Vollmond. Mathis hat einen Brief an Dieter geschrieben, acht Seiten lang. Ich muss ihn kopieren und frankieren. Mit Annelie beim Fahrrad-Bächle, dann lange mit Kolya gelaufen, Eva S. wegen dem Maultaschenessen angerufen - sie sehr nett! Wird sich um die Stelle in W. bewerben! Ich erzähle von meinem Scheidungsentschluss. Sie wundert sich dennoch - die Hausfrage - etc. Auslandsschuldienst? Sie meint, nur noch Asien wäre offen! Ich erzähle von Dieter, wie nett er ist und jedem der Kinder schreibt. Sie ist sehr erstaunt und findet es toll. Ob ich keine Angst mehr hätte - ich: er ist geschieden und hat einen Sohn - ((was ja im Grunde auch nichts heißt)). Dennoch, schwul ist der ganz bestimmt nicht. Und, auf die Schnelle geht bei mir ja nichts. - Gutes Gespräch mit Mathis über seine innere Hektik und Anspannung!

    20. März 2001
    Elternabend - gut. Ich war wieder SEHR ehrlich: "Man muss an seine Kinder glauben!" sage ich den Eltern. Gute Stimmung! - Einzig blöd: Frau Bühler. Sie hätte noch keinen Aufsatz von ihrem Sohn gesehen.
    Heide

    20. März 1999
    In der Nacht hat es ein klein wenig geschneit. Nora und Georg gehen um 11 Uhr zu Einkäufen ins Dorf. Unsere Sachen sind weitgehend fertig gepackt. Abfahrt von Echelsbrunn um 15.48 Uhr; Alois und Konrad haben uns an die Bahn gebracht. Im ICE knapp hinter München ein Zwischenfall. Ein Fünfzehnjähriger prügelt kurz und brutal auf seinen kleinen Bruder ein, unmittelbar neben uns. Nora blickt sich erschreckt um. Der Halbwüchsige brüllt sie an: "Na, Oma, gibt's ein Problem? Ich hasse solche Gaffer!" Und noch einige Pöbeleien mehr. Die Eltern, die dabeisitzen, sagen kein Wort. Ich habe mich nicht umgeblickt. Nora ist verstört. Voller Abneigung betrachtet sie die Eltern des Rüpels. Der Mutter – eine unangenehme, finster blickende Person – sieht man das "Alternative, Antiautoritäre" auf den ersten Blick an. Der Halbwüchsige, mit grobem, blassen Gesicht, kurzen Haaren, führt das große Wort. Er tyrannisiert seine Familie, zu der neben den beiden Söhnen noch eine Tochter gehört.
    Die Familie steigt am Hamburger Hauptbahnhof aus. Der Flegel steht mit Gepäck im Gang, unmittelbar neben uns. Nora schaut ihn wohl etwas zu mutig an, weicht seinem Blick nicht aus. "Problem?!" fragt er herausfordernd und frech. Das macht mich wütend. Während die Familie zur Tür vorrückt, trete ich an den Jungen heran und sage: "Ich habe mit dir ein Problem. Du bist ein unglaublicher Lümmel." Nora behauptet, er sei verblüfft gewesen, für einen Augenblick verunsichert. Im Hinausgehen ruft er mir zu: "Ja, ja, die schreckliche Jugend heute!" Kurze Wortwechsel zwischen Nora und der Mutter, die ihren Sprößling in Schutz nimmt. – Ich bin eine Weile etwas aufgeregt. Es kostete mich Überwindung, den Unverschämten – er erinnert mich an Nazis, an Rechtsradikale – anzusprechen.
    Michael

    20. März 2005
    So, jetzt bin ich hier und könnte alles aufschreiben, was ich mir eben noch überlegt habe. Ich sitze in meinem alten i-net-Cafe in H. eben hatte ich meine letzte Fortbildungsgruppe. Ich bin aufgewühlt, glücklich, traurig, alles. Vor allem bei Sonne hier. Ich fahr durch die Stadt wie eine Schlafwandlerin und würde am liebsten wieder hier leben. Leaving h. is never easy.
    Aber eigentlich habe ich ein Thema. Meine Mutter hat mir ja immer vorgeworfen, ich sei kalt und unbewegbar. (wie ihre Schwiegermutter, aber das hat sie nie dazugesagt). Ich habe lange gebraucht, um das irgendwie zu verkraften. Ich fühle mich nämlich nie kalt. Aber in letzter Zeit fängt mit einer ähnlichen Beobachtung an. Ich sei nicht (mehr) so herzlich, sondern ziemlich kühl. Das gibt mir zu denken. und heute in der Fortbildung haben wir so eine Menge von gegenseitigen Feedback-Übungen gemacht. mit dem Ergebnis, dass sie mich zwar alle mögen, aber mich auch für etwas gehemmt halten, insgesamt ein bisschen unnahbar, nicht so frei, nicht so leicht.
    Und das erschreckt mich, dass man mir das so anmerkt. es scheint also doch ein bisschen trauriger um mich zu stehen, als ich mir selbst eingestehe. Ich denke immer, ich bin "geheilt" von diesen unseligen Depressionen und habe nur einen kleinen Rückfall, bedingt durch Umzug, Arbeitslosigkeit und so. Und tatsächlich habe ich Mitte letzten Jahres so was wie Glück kennengelernt. Tage, an denen ich aufgewacht bin, und mich einfach nicht schlecht gefühlt habe. Ich denke neidisch auf mich an diese Tage zurück.
    Aber gutgetan hat mir heute, wie mich meine Kollegen verabschiedet haben. Ich könnte heulen, weil mir der Abschied so leid tut.
    Aber das muss ich halbwegs für mich behalten. M. versteht das nicht so richtig, er bezieht das dann auf sich und denkt, ich würde das, was mir diese Gruppe gegeben hat, bei ihm vermissen. so wie dieses Tagebuch, in das ich immer seltener schreibe.
    Für M. ist es ein Vertrauensproblem. er meint, ich würde mir aus dem Internet das holen, was mir in der Beziehung fehlt. Austausch, Kommunikation, Verständnis.
    Vielleicht hat er nicht ganz unrecht, obwohl das nichts mit ihm zu tun hat, sondern damit, dass ich mich so schwer damit tue, mich überhaupt anzuvertrauen, egal wem. Aus meinem Freundeskreis weiß kein einziger, dass ich eine Therapie gemacht habe. niemand weiß, was ich für ein trauriger Mensch bin, außer M., der das in der ganzen Bandbreite abbekommt.
    Ich bin traurig und dankbar und ich wünsche mir Leichtigkeit. ich wünsche mir nichts mehr als Leichtigkeit.
    Ich wünsche mir, dass mit meinem neuen Job mehr Energie in mein Leben kommt. Ich wünsche mir, dass ich endlich lerne, mit mir und meinem Leben zufrieden zu sein. Und ich möchte auch gerne so wirken und nicht ein weiterer dieser dunklen pessimistischen Typen sein, die leben wie der Hund in der Wurstfabrik und immer noch nicht zufrieden sind.

    Insgesamt kommen mir so viele Gedanken hier... ich merke, dass ich hier, an diesem Ort, dieses Tagebuch begonnen habe. hier ist gute Tagebuchenergie, kann das gar nicht anders sagen...
    In meinem neuen Wohnort ist das anders. da fehlt mir oft die Distanz und die innere Ruhe, mein Leben von außen zu betrachten.
    Jetzt gehe ich noch in meinen alten Stadtteil, setze mich in mein Lieblings-portugiesisches-Straßencafé neben der Bahnbrücke und dann fahre ich und hole M. auf dem Weg nach G. am Flughafen ab. Dann fahren wir heim und nachts noch zu M.s Eltern und dann fliegen wir morgen früh mit seinem Opa auf eine kleine Skandinavienrundfahrt...

    Mich wundert immer wieder, dass ich Nomadenkind irgendwann irgendwo heimisch geworden bin. und hier, in H. fühle ich mich so seltsam daheim. So dass ich weinen möchte, wenn ich wegfahre, dass es wie einatmen ist, wenn ich ankomme.
    In letzter zeit hab ich auch wieder oft an Ö. gedacht, was er wohl so macht. Angeblich lebt er auch hier in H., aber ich habe ihn in drei Jahren nie zufällig getroffen. Vor neun Jahren haben wir uns zum letzten Mal gesehen. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er ganz in der Nähe ist, aber vielleicht war das auch eingebildet.
    Franziska

    20. März 1978
    Letzte Woche bei Fass-Schmid in München zwei gebrauchte Whiskyfässer aus amerikanischer und ein gebrauchtes Rotweinfass aus französischer Eiche gekauft, für 470 DM. (Sie dufteten noch immer betörend).
    Heute die Fässer mit ca. 700 l Rinder-Jauche befüllt und mit Bentonit und dem Hornmistpräparat angereichert, zwecks vier bis sechswöchiger Reifung, und mit Stroh als Schwimmdecke gegen Stickstoffverluste zugedeckt.
    Peter

    20. März 2007
    Hoffnungslos, sinnlos, endlos – die Stunden, die Wochen, die Zeit – das ganze Leben. So fühlt es sich im Moment für mich an.
    Können wir in dieser Welt nur überleben, wenn wir oberflächlich sind? Wenn wir nichts an uns heranlassen, nichts zu tief in uns eindringen lassen? Uns ein Schutzschild, einen undurchdringlichen Panzer zulegen? Aber können wir dann noch etwas empfinden? Warum ist LIEBEN so heftig mit Schmerz und Leid verbunden und so selten mit Erfüllung.
    Für so viele Menschen ist das Leben schlechthin eine Überforderung. Wie könnte es auch anders sein, wenn sie hineingeworfen werden in eine gedankenlose, lieblose, oft gewalttätige Umwelt! Sind wir dann nicht schon von Vornherein zum Scheitern verurteilt? Wo bleibt der liebende, allmächtige, barmherzige und gütige Gott? In so vielen Seelen ist es nur dunkel! Glaube, Hoffnung, Liebe – unrealistisches Wunschdenken? Wer gibt uns die Kraft dazu, den langen Atem, das nötige Durchhaltevermögen? Ist Leben nicht immer nur Stückwerk, Flickwerk?
    Gibt es ein Gefühls-, ein Gedankengefängnis? Befinde ich mich darin? Kann ich durch das Schreiben die Eisentür aufschließen?
    Kein Frühlingserwaschen – Kälte und Agonie
    Lena

    20. März 1981
    … habe gerade die Nachtfähre "Victoria" von Mwanza nach Bukoba verlassen und denke an Magdalena, die leider in Kigoma geblieben ist… gegen 16 Uhr hört der Regen endlich auf und ich frage in der beschriebenen Kneipe nach "Anton", der kurz darauf auch auftaucht… als Tanzanianer ist auch er der Meinung, dass Geld für einen "Mzungu" (Weißen) keine Rolle spielt und bestellt, da keine Busse mehr fahren, ein Taxi, das uns die 5 Meilen zum Dorf "Igombe" bringt – für den Preis von 250 Shs (!) kann man von Dar Es Salaam nach Zanzibar und zurück fliegen!! – doch hätte ich gewusst, was mich erwartet, ich hätte auch das Doppelte bezahlt.

    Die Straßen sind durch den Regen total aufgeweicht und dann geht es nach rechts ab in die Bananenplantagen – alle 500 m ein Haus, versteckt in der üppigen Vegetation – viele kleine Pfade gehen kreuz und quer… unser Fahrer findet einen Platz wo er das Auto wenden kann und die letzten 300 m gehen wir zu Fuß. Rechts und links 5 m hohe Bananenstauden, die Schatten spenden, denn die Sonne ist wiedergekommen. Mzee Peter, Magdalenas Vater – ich erkenne ihn von einem Foto her wieder – arbeitet vor seinem Haus, welches solide aus Lehmziegeln gebaut und mit Wellblech gedeckt ist. Er bittet uns in eine Art Wohnzimmer, der Boden ist, wie auch in den anderen Zimmern mit Gras ausgelegt. Nach langen Begrüßungsformeln, die auch mal wiederholt werden dürfen, machen sich Anton und der Taxifahrer auf den Weg – Mzee sagt nach einem kurzen Moment der Unsicherheit zu mir: "ah, mgeni wetu" (unser Gast). Und hier wird mir klar, dass der Brief von Magdalena, der mich ankündigen sollte, offenbar nicht angekommen ist… was jedoch als völlig nebensächlich angesehen wird. Angeblich war man vorbereitet, da tags zuvor ein bestimmtes, bienenartiges Insekt (ndudu) durchs offene Fenster rein und wieder rausgeflogen sei, ein untrüglicher Hinweis, dass Besuch zu erwarten sei…

    Um zu bekräftigen, dass es mir ernst ist ein paar Tage in diesem Haus zu verbringen, packe ich meine Geschenke aus: Zigaretten, Schnaps, Kochfett, 2 kg Zucker, 5 Stück Seife und für Franziska, die 19-jährige Schwester Magdalenas Musikkassetten, Batterien sowie einen Wick-Inhalationsstift, ein sich in diesen Breiten wachsender Beliebtheit erfreuender Gegenstand. Die Freude ist groß und alle Leute, die auch in diesem Haus wohnen, kommen um mich willkommen zu heißen:
    die bibi (Großmutter), eine Schwiegertochter mit ihren 2 Kindern, ein 10-jähriger Waisenjunge, der hier aufgenommen wurde und schließlich Franziska, ein bildhübscher Teenager, der durch sein schelmisches Grinsen verrät, dass er auf eine Anzahl abendlicher Gespräche von Schwester zu Schwester mit Magdalena zurückblicken kann. Während ich mit dem Mzee am Tisch sitze, unterhalten wir uns über den Regen, meine Reise und er erklärt mir ausführlich alle Bilder an der Wand, ausschließlich Photographien seiner Kinder. Er raucht seine neuen filterlosen Zigaretten mit Freude bis nur noch 3 mm Papier übrig sind um die Glut dann barfuss auf dem Graßboden auszudrücken.

    Die Geräusche von nebenan verraten mir, dass die weiblichen Mitbewohner emsig damit beschäftigt sind, mir ein Gästezimmer einzurichten und alles tun um mich glauben zu lassen, dass der Brief ja doch längst angekommen sei und meine Ankunft seit Tagen vorbereitet werde… Nach einer Stunde wird Essen aufgefahren für den Mzee und mich; die anderen essen im Kochhaus: ein Stück geräucherter Fisch, Reis mit Bohnen und Spinat. Anschließend machen wir beide einen Spaziergang durch den Bananenhain, wo auch noch Kaffee, Mais und Bohnen angebaut werden. Als wir zurückkommen ist es fast dunkel.

    Aus dem Nebenzimmer erklingt Musik von Santana: "black magic woman" – ein paar Hühner, die sich verlaufen haben, werden aus dem Haus gescheucht, eine Petroleumlampe angezündet und mir wird gesagt, dass ich jetzt "baden" könne… hinter dem Haus ist eine mit Bananenblättern abgetrennte Ecke, der Boden mit einem dicken Heuteppich ausgelegt, eine Ölfunzel gibt genügend Licht, auf dem Boden eine Schüssel mit heißem Wasser, daneben ein Stück parfümierte Seife aus Uganda… ein Handtuch hängt über einer Schnur…

    … als ich zurück in die Stube komme, wird gerade eine Flasche Bananenfusel aufgefahren. Die Gläser werden randvoll eingeschenkt und auch die bibi (Mutter v. Magdalena) ist da und trinkt aus ihrem Glas, nicht ohne sich vorher bekreuzigt zu haben… ein Abend in einer dörflichen Hütte – ob in einem Bergdorf Tibets oder in Mexiko… oder eben im "Hayaland" im Norden Tansanias – solche Abende scheinen sich nicht sonderlich zu unterscheiden… als die Flasche leer ist, wird jemand zum Nachbarn geschickt, eine neue zu holen…

    Gegen 9 oder 10 Uhr wird nochmals Essen aufgefahren. Der Mzee und ich sitzen am Tisch, reden über die miesen Kaffeepreise und den europäischen Winter – wir mögen uns. Er ist stolz auf seine Kinder, erzählt mir von der Freude, die er fühlt, wenn sie mal, was selten genug passiert, zu Hause sind… dies seien die schönsten Augenblicke in seinem Leben… alle hätten sie eine gute Ausbildung, hätten es zu ’was Besserem gebracht… und das von harten Jahren gezeichnete Gesicht des Kaffeebauern strahlt Freude aus, seine glänzenden Augen blicken zum Himmel, dem dieses ganze Glück zu verdanken ist; er bekreuzigt sich und leert sein Glas mit dem Bananenschnaps… "tupumzike sasa"… (lasst uns zu Bett gehen)… die Frauen räumen den Tisch ab, bedanken sich dafür, dass wir satt geworden sind… ich betrete mein Zimmer, eine Ölfunzel beleuchtet den weichen Grasboden. Ein Bett ist aufgestellt, mit bunten Kangas bezogen.
    Einen kleinen Hocker hat Franziska in einen kleinen Toilettentisch verwandelt, auf dem alle die kleinen Fläschchen, Döschen und Seifen – kurz, alle Schätze einer 19-jährigen Afrikanerin stolz aufgebaut sind. Es gibt wider Erwarten kaum Moskitos, die Nacht ist angenehm kühl und unter meiner Decke schlafe ich ein mit einem unbeschreiblich schönen Gefühl von Geborgenheit, Dankbarkeit und Glück…
    Michael

    20.März 2006
    Es wird Sommer. Die Sonne scheint und Unbeschwertheit liegt in der Luft. Die Pferde stehen auf den Weiden.
    Ich trage Martins Bio-Arbeit wie eine Hostie nach Hause. Morgen entfällt der Nachmittagsunterricht. Also keine gemeinsamen Freistunden im Oberstufenzimmer. Ich habe ihm die Arbeit noch nciht gegeben - nur um jetzt seine Worte lesen zu können.
    Mein Zimmer, durchflutet von Licht, ich von Liebe, immer wieder das gleiche: Liebe.
    Ariana

    20. März 2004
    132ter Einsatztag im Kosovo:
    Nach den Unruhen sind nur noch die "wichtigsten" zivilen Arbeitskräfte im Feldlager. Das heißt, dass viele Aufgaben, die sonst durch die zivilen Arbeitskräfte erledigt werden, durch uns selbst erledigt werden müssen. Neben dem Reinigen der Sanitärmodule fallen darunter auch die Aufsicht im Fitnesszelt und Aufträge des technischen Betriebsdienstes.
    Die lokalen Arbeitskräfte sind in bezahlten Urlaub geschickt worden, weil angeblich gesicherte Erkenntnisse vorliegen, dass einige von ihnen an den Demonstrationen vor ein paar Tagen teilgenommen haben. Das der Urlaub trotzdem bezahlt ist, ist vielen unverständlich. Mir zeigt das, dass wir uns in Teilbereichen viel zu abhängig gemacht haben von den zivilen Ortskräften. Und ansonsten wurde den Ortskräften nicht gesagt, wie lange dieser Zustand dauern soll. Sie sollten sich halt an der Wache melden und nachfragen. Wer bezahlten Urlaub hat, wird sich garantiert täglich an der Wache melden und fragen, ob er wieder arbeiten darf.

    Es kommt eine Mail mit den Fluglisten für den Rest des Monats. Obwohl alle Urlaube bis auf weiteres abgesagt sind, sind dort die Flieger für kommende Woche aufgelistet – darunter auch meiner. Ich fasse wieder Hoffnung, lese aber weiter, dass insbesondere kommende Woche alles gestrichen ist. Es macht sich so ein wenig das Gefühl der Hilflosigkeit und des Eingesperrt-Seins breit. Ich weiß, dass das nicht stimmt, trotzdem merke ich, wie ich nach 132 Einsatztagen wirklich endlich heim will.
    Ich möchte gar nicht daran denken, wie das ist, Meike erneut zu enttäuschen und den Urlaub erneut verschieben (und damit wahrscheinlich absagen) zu müssen. Kein schöner Gedanke!
    Bei alle dem heißt es weiterhin „Vorbild sein“! Auch anderen, im Dienstgrad niedrigeren geht es so ...

    Jens

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