Hmpf

Fast jeder jammert. Fast überall. Am Arbeitsplatz, in der Ehe, im Internet. Obwohl es nichts bringt. Oder doch?

Ach, die Welt ist schlecht und soll bitte auch so bleiben? Pardon, dann will ich nicht weiter stören. (Foto: CC Attribution 2.0, Adam Rifkin )

Alle jammern. Der Freund abends beim Bier, der seit Ewigkeiten von seiner kaum noch erträglichen Ehe erzählt, mühevoll aufrecht erhalten allein durch die Kinder. Die ehemalige Arbeitskollegin, die einen gut bezahlten Posten angenommen hat, in einer anderen Stadt, und beim Abendessen nun über das Unglück des ewigen Pendelns klagt. Der Taxifahrer im Stoßverkehr, der jeden Stau, jede Baustelle mit einem schweren Seufzer kommentiert, in dem die ganze Vergeblichkeit der Welt steckt. Was für ein Elend.

Doch im allgemeinen Jammern – und darin liegt ein grundsätzliches Missverständnis – ist natürlich kein Wunsch nach Veränderung enthalten. Zweifellos, am Anfang jeder Frustration muss einmal ein Gefühl des »Es muss anders werden« gestanden haben. Aber nach dem Übergang in die monotone, dauerhafte Frequenz des Jammerns scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein: Jammern, dieser allgegenwärtige Zustand – in fast jedem Betrieb, in fast jeder langen Beziehung – ist das Begleitrauschen der bestehenden Verhältnisse, eine Einübung ins Unausweichliche, ein Mantra der Passivität. Das wird immer dann erkennbar, wenn die Jammernden mit der aktiven Überwindung ihres Problems konfrontiert werden: »Ja, dann trenne dich doch endlich von deiner Frau!«, will man dem klagenden Freund nach Wochen des geduldigen Zuhörens und Aufmunterns entgegenrufen. Aber dieser Ratschlag, das ist klar, würde nichts als Befremden auslösen – als hätte man eine unzulässige Übertretung begangen. Wer jammert, signalisiert letztlich, dass alles so bleiben soll, wie es ist.

In der zuständigen Wissenschaft, der Psychologie, kommt die Beschäftigung mit dem Jammern kaum vor. Sigmund Freud hat, wenn die eigenen Lektüren und das umfassende Stichwortregister der Londoner Gesamtausgabe nicht täuschen, kein Wort über das Jammern geschrieben, und die vereinzelten Artikel und populärwissenschaftlichen Bücher, die Psychologen in den letzten Jahrzehnten zum Thema veröffentlicht haben, sind eher launige Anekdotensammlungen, als dass sie brauchbare Aufschlüsse über dieses kollektive Phänomen liefern würden. Im Gegensatz zur Hochkonjunktur der Glücks-Ratgeber oder den fragwürdigen Erzeugnissen einer »Positiven Psychologie«, die Lebenszufriedenheit programmierbar zu machen verspricht, sind Larmoyanz und Nörgelei weitgehend unerforschte Regungen.

Unbestritten ist dagegen, dass öffentliches Jammern höchst ergiebig und profitabel sein kann. Manche Schriftsteller schöpfen ganze Autobiografien aus einer einzigen Quelle der Wehleidigkeit. Und die Studentin Julia Engelmann wurde vor Kurzem bekanntlich zum Youtube-Star, weil sie auf einem Poetry-Slam in einem Gedicht minutenlang ihre Entscheidungsarmut bejammert hat: »Ich denke zu viel nach. Ich warte zu viel ab. Ich nehm mir zu viel vor, und ich mach davon zu wenig. Ich halt mich zu oft zurück, ich zweifel alles an, ich wäre gerne klug – allein das ist ziemlich dämlich.« Die Stimme einer Generation: Je vielfältiger die biografischen Optionen sind, je weniger äußere Grenzen die Gestaltung des Lebens limitieren, desto stärker das Zaudern.

Wer dem Chor des Jammerns in seiner Umgebung ein wenig genauer als üblich lauscht, stellt fest, dass es ganz verschiedene Funktionen und Effekte dieser Äußerungsweise gibt. Natürlich sind diejenigen in der Überzahl, die sich in ihrer Jammergemütlichkeit eingerichtet haben und an jeder Ecke Gründe für ihr Weltübel ausmachen: den Chef und den Ehepartner, das Wetter und den Stau, Pollen und Gluten. Diese Klagen wollen Aufmerksamkeit erheischen, Mitgefühl mit einer Existenz, die von höheren Gewalten umzingelt ist. Doch es gibt auch das Gegenstück zu diesem rein passiven Jammern: mächtige, souveräne Charaktere, die zwar in jedem Telefongespräch, bei jeder zufälligen Begegnung sofort in Wehklagen ausbrechen – die Termine! der Stress! der Rücken! –, aber die beträchtlichen Anforderungen an ihr Leben stets erfüllen. Diese in Wahrheit extrem disziplinierten Menschen – keine gewöhnlichen Jammerlappen, sondern stahlharte Jammerbretter –, setzen ihre Klagen eher als soziale Strategie ein, um nicht bei der Arbeit gestört zu werden. Nichts schützt einen produktiven Menschen wirksamer vor unliebsamen Ablenkungen als reflexhaftes Gejammer; gegenüber der Umwelt errichten sie einen sozialen Panzer, eine stachelige Außenhülle, deren Inneres genügend Freiraum bereithält für das, worauf es ihnen wirklich ankommt.

Gerade in den Milieus, in dem dieser Jammertypus zu finden ist, in der Sphäre der Top-Manager, Chefärzte oder Universitätsprofessoren, kommt allerdings noch etwas anderes hinzu: Klagen über Arbeitsintensität sind hier auch Ausdruck jenes fortwährenden Wettbewerbs, wer noch überlasteter sei; es gibt eine Art von Statusjammern, das zum Beispiel in den Pausen von Konferenzen oder akademischen Kongressen zur verbreitetsten Konversationsform gehört.

Die fatale Explosion einer jahrelang zurückgehaltenen Frustration kommt in mäßig euphorischen Ländern tatsächlich seltener vor.

Ist Jammern also nichts als eine hässliche, allenfalls wohlkalkulierte Eigenschaft? Gibt es nichts zu seiner Ehrenrettung zu sagen? Wenn das unentwegte Vor-sich-hin-Klagen nur als Einverständnis mit dem Bestehenden zu werten ist, wenn es keine Revolten, keine umstürzenden Taten auslöst – dann liegt genau in diesen trostlosen Zuschreibungen auch etwas Beruhigendes. Denn das Jammern ist ein jederzeit offenes Ventil, das dafür sorgt, dass sich das Leiden an der eigenen Umgebung nicht aufstaut, dass Frustration und Zurückweisung nicht so lange im Stillen erduldet werden, bis sie sich in einem überraschenden, von niemandem erwarteten Ausbruch Luft machen. Der Jammerer wird zwar niemals eine Rosa Luxemburg werden, ein Che Guevara oder Martin Luther King, aber er eignet sich, beispielsweise, auch nicht zum Amokläufer. Heißt es nach jeder dieser Taten nicht wieder bestürzt, der Täter sei »vollkommen unauffällig« gewesen, »schweigsam«, es hätte »keinerlei Anzeichen« zu einer solchen Entfesselung der Gewalt gegeben?

Und es ist in diesem Zusammenhang sicher kein Zufall, dass die allermeisten Amokläufe in den letzten Jahrzehnten in den USA stattgefunden haben – ein Land, in dem der tägliche Umgang zwischen den Menschen praktisch kein Jammern kennt. Alle sind freundlich, allen geht’s gut, niemand würde die Frage nach seinem Wohlbefinden anders als mit einem strahlenden »fine« beantworten. Genau diese Gutgelauntheit aber, die auf viele Besucher zumindest eine Zeit lang so wohltuend wirkt, versiegelt jenes offene Ventil, das die europäische Kulturtechnik des Jammerns gewährt. Für die »Psychohygiene« kann das Jammern also ein Segen sein. Und die fatale Explosion einer jahrelang zurückgehaltenen Frustration kommt in mäßig euphorischen Ländern tatsächlich seltener vor.

In den Studien, die es bislang über das Jammern gibt, stellen die Autoren auch die Frage nach den Ursprüngen dieser Seelenlage. Deutsche Psychologen, wie zuletzt Annika Lohstroh und Michael Thiel in ihrem Buch Deutschland, einig Jammerland, identifizieren das Jammern gerne als genuin deutsches Laster, und sie durchforsten die Geschichte nach Spuren, die für die Herausbildung dieser Mentalität verantwortlich gewesen seien. »Die Wurzeln der deutschen Jammerei«, schreiben Lohstroh und Thiel, »liegen tief in der Vergangenheit. Absolutismus, preußische Tugenden, schwarze Pädagogik, Zeit des Nationalsozialismus, Obrigkeitsgläubigkeit und die Sehnsucht nach Regeln oder einer starken Hand führten zu einer Gesellschaft, die sich immer so ein bisschen unzufrieden fühlt.« Und genau in dieser Tradition der deutschen Geschichte, dem Hang zu Autoritätsglauben und soldatischer Haltung, erkennen sie die Anlagen zu einer landestypischen Larmoyanz.

Aber trifft diese Erklärung wirklich zu? Abgesehen davon, dass »Absolutismus« und »schwarze Pädagogik« keineswegs nur deutsche Phänomene waren, spannt diese Hypothese leichtfertig einen Ursache-Wirkung-Bogen über 200 Jahre hinweg, ohne die in der Zwischenzeit aufgekommene Disziplin der Psychologie und die von ihr erschaffenen Rede- und Empfindungsweisen zu berücksichtigen. Alle Wörterbücher und Enzyklopädien, die bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein erschienen sind, beschreiben unter diesem Stichwort nur den »Jammer« im Sinne einer religiösen Totenklage. Das rituallose Herumjammern von heute wird nicht erwähnt.

Diese Lücken erhärten einen Verdacht: Könnte es sein, dass es das Jammern im gegenwärtigen Sinn vor dem Siegeszug der Psychoanalyse und der Psychologie im frühen 20. Jahrhundert gar nicht gab? Die bahnbrechende Handlung Freuds war es ja, dass er seine Patienten dazu ermuntert hat, über ihr Befinden zu reden, noch die beiläufigsten Regungen und Störungen des Seelenlebens auszusprechen. Was eine seiner ersten Hysterie-Patientinnen »talking cure« nannte, bestand genau in diesem epochemachenden Versprechen: dass rätselhafte körperliche und seelische Beschwerden allein durch Benennung, durch die Wahl der richtigen Worte nachlassen und verschwinden würden.

Vielleicht ist es also nicht übertrieben, wenn man den ungeheuren Erfolg dieser Behandlungsmethode als Ursache des kollektiven Jammerns unserer Tage erkennt. Verzagtheit und Weltüberdruss gab es schon immer, zweifellos, aber jahrhundertelang ertönten diese Klagen eher als rituelle Anrufung einer göttlichen Instanz. Erst seitdem der wissenschaftliche Glaube besagt, dass sich der Mensch durch bloßes Reden selbst kurieren kann, ist das Jammern in der Welt. Und das nicht »auf hohem Niveau«, wie die bekannte, dem Jammern gerne nachgestellte Wendung heißt, sondern als monotones Grundrauschen des Alltags.