In der Grauzone

Darf ein Schwarzer sein Restaurant »Zum Mohrenkopf« nennen? Darf ein Dachdecker namens Neger sein Logo mit Wulstlippen illustrieren? Und warum musste der Sarotti-Mohr weg? Eine Reise durch ein Land, das darüber streitet, wo Rassismus beginnt.

Kiel, Innenstadt, neben einer Einkaufspassage: die Schleswig-Holsteiner Landeszentrale der Alternative für Deutschland. Zwei Männer, einer schwarz, einer weiß, sprechen miteinander über Rassismus.

Du kennst dieses Firmenlogo nicht?, wundert sich der Schwarze.

Nein, sagt der Weiße, wie sieht es aus?

Zum Rechner, die Seite baut sich auf, zu sehen gibt es einen stilisierten Schwarzen. Mit wulstigen Lippen, großen Ohrringen und etwas, das aussieht wie ein Bastrock – das Logo eines Dachdeckers in Mainz, ein weißer Deutscher mit dem Namen Thomas Neger. Dieses Bild hat in den vergangenen Wochen für viel Ärger gesorgt, selbst die Washington Post hat darüber berichtet. Erst wenige, dann viele Leute nannten es rassistisch, Thomas Neger solle es ändern.

Und der hat es nicht getan. Der Weiße in der AfD-Zentrale wiegt den Kopf. »Also ich hätte das geändert.«
Der Schwarze schaut ihn überrascht an. Sogleich beginnt der Weiße zu erzählen. »Vor hundert Jahren, 1908, war meine Großmutter in Kamerun. Sie brachte einen Jungen mit. Es war eine Sünde.«
Wie?

»Ja. Sie war verwitwet und brachte die Trophäen ihres Mannes mit nach Hause. Und den Bediensteten. Er war 16. Dieser arme Junge! Er musste auf einem Dorf in Brandenburg leben. Er wurde in Livree gesteckt. Er gehörte mit zur Familie, war aber Bediensteter und nicht Kind wie die anderen Kinder meiner Großmutter. Man hat sich versündigt an diesem Jungen. Das geht doch nicht, auf einem Dorf in Brandenburg, allein mit dieser Hautfarbe. Er sprach Deutsch, aber das reichte nicht, um sich mit der Dorfbevölkerung anzufreunden. Er war ein Fremder, er konnte nicht heiraten. Er wurde nicht viel älter als 21. Die Todesursache ist nicht bekannt. Ich sage immer: Er ist aus Heimweh gestorben.«
Schweigen.

»Also, ich finde das Logo nicht fein«, sagt er weiter. »Das bedient wirklich die alten Klischees. Wir sind jetzt reifer. Wir können nicht die Unterdrückungsgeschichte Schwarzafrikas leugnen.«

»Nein«, sagt der Schwarze. »Nein, das kann man nicht leugnen.« Er überlegt kurz. »Aber es ist falsch, sich auf das Augenscheinliche zu fokussieren. Diejenigen, die fordern, das Logo muss weg, berühren unsere Sensibilität. Sie stochern in Wunden, die bei uns Afrikanern verheilt sind. Kein Afrikaner würde dieses Firmenlogo verurteilen. Vielleicht ganz, ganz wenige. Wir haben ernsthaftere Probleme. Man spürt doch: Es war nicht die Absicht, uns Schwarze negativ darzustellen. Rassismus spielt sich auf einer anderen, konkreten Ebene ab, wo man ganz direkt diskriminiert wird, zum Beispiel am Arbeitsplatz.«

Blick auf das Logo. Er lacht. »Ich trage manchmal Bastrock. Wenn Dorffest ist zu Hause. Warum nicht? Das ist schön und hat eine kulturelle Bedeutung. «
»So wie Trachten in Bayern?«
»Richtig.« »Also, darauf wäre ich nie gekommen.
Ich glaube, dass wir Afrika viel zu wenig kennen.«

Die beiden kommen ins Plaudern, über Gamsbärte und Kreolen, und dann geht es ins Restaurant »Zum Mohrenkopf«. Es liegt zwei Minuten zu Fuß von der Geschäftsstelle. Otto Waalkes, Katy Karrenbauer, Peter Harry Carstensen und Olli Dietrich waren hier zu Gast. Dittrich hat aber doch mal nach dem Besitzer gefragt: Was das mit dem Namen solle? Nun, er finde ihn lustig, sagte der Inhaber: Andrew Onuegbu aus Nigeria.

Verrückte Welt. Ausgerechnet in den Geschäftsräumen der AfD, verrufen wegen fremdenfeindlicher Parolen, entspinnt sich ein solches Gespräch. Und der Weiße sieht Rassismus, wo der Schwarze keinen sieht.

Natürlich spricht der Weiße, Hans-Joachim von Berkholz, Schatzmeister, nicht für alle Weißen, erst recht nicht für alle in der AfD, er spricht als Mann, in dessen Familie sich Kolonialgeschichte abspielte. Und natürlich spricht der Schwarze, Achille Demagbo, vor elf Jahren aus dem Benin gekommen, seit zwei Jahren AfD-Mitglied, nicht für alle Schwarzen – gerade in der Frage des Logos würden ihm viele widersprechen.

Aber es zeigt, wie verzwackt, verquer, widersprüchlich die Debatte ist, die in diesem Land an Kraft und Wut gewinnt. Es geht um die Fragen: Was darf man und was nicht, wenn man nicht als Rassist dastehen will? Wann steht man unter der Knute politisch Korrekter, die den Leuten Fehler einreden, die sie nicht begehen? Und wann ist man tatsächlich ein Alltagsrassist? An allen Enden der Republik wird darüber gestritten, in Hamburg, Kiel, Köln, Berlin. Sind Otfried Preußlers kleine Negerlein und Astrid Lindgrens Negerkönig wirklich verdammenswürdig? Was ist mit Blackface-Theaterstücken, mit den Logos von Kaffee- und Schokoladenfirmen? Mit all den Mohrenhotels, -statuen, -apotheken, -wappen, -straßen? Gehört das Wort »Mohr« überhaupt abgeschafft? Besonders eskaliert ist die Debatte im Fall Thomas Neger.

Nein, dazu sagt er nichts, hat Thomas Neger dem SZ-Magazin geschrieben. Er werde niemanden empfangen. Na ja, hinfahren kann man ja mal, nach Mainz, seine Heimatstadt, in die kleine Straße, An der Brunnenstube, wo der ganze Ärger begonnen hat und weiter meterhoch an der Wand hängt, an einer graubraunen, ältlichen Hauswand. Vor sechzig Jahren entwarf Negers Großvater dieses Logo. Zuvor hatte er mit Reimen geworben, doch Dachdecker-Konkurrenten klauten ihm die Idee. Ernst Neger suchte nun etwas, was keiner kopieren konnte. Und da er der einzige Neger unter den Dachdeckermeistern der Stadt war, machte er das zu seinem Markenbild.

Semantisch gesehen eine dumme Idee: Der deutsche Name Neger stammt vom Begriff Näher ab, er hat nichts mit dem ethnischen Wort Neger (von negro: schwarz) zu tun. Aber die Kunden mochten sein Logo, und Ernst Neger behielt es auch bei, als er so bekannt war, dass er keines mehr brauchte, dank seines Fasnachtshits: Humba Täterä.

Als er das Lied 1964 zum ersten Mal sang, musste die Sendung Mainz, wie es singt und lacht um eine Stunde überziehen, die Leute wollten sich einfach nicht beruhigen. Humba schwang sich zur Fasnachtshymne auf, überall war es zu hören, selbst in Afrika, wo es, wie der Spiegel schrieb, allerdings missverstanden wurde: »Deutsche Entwicklungshelfer mussten Aufklärungsarbeit besonderer Art leisten: Die Eingeborenen hielten den Song im stampfenden Rhythmus für die deutsche Nationalhymne.« Ob der Spiegel das wohl heute auch so schriebe?

Damals nahm niemand daran Anstoß, so wenig wie an Ernst Negers Logo, das jahrzehntelang über den Dächern der Stadt thronte. Es kam auch keiner auf die Idee, ins Gewerbegebiet zu fahren, nur um es mal zu sehen. Da hatte man noch seine Ruhe, es liefen nicht neugierige Fremde vor seiner Firma herum. Die Tür öffnet sich, Thomas Neger kommt heraus. Er sagt dann doch ein bisschen was, und seine Haltung wird schnell klar: Es ärgert ihn sehr, was da geschieht, seit die Leute von der Universität ihm diese Vorwürfe gemacht haben – was wollen diese Ethnologen überhaupt von ihm?

Einer dieser Ethnologen, die ihn so nerven, sitzt ein paar Minuten entfernt in seiner Wohnung, umgeben von afrikanischen Kultfiguren, ein wenig steif bewegt er sich, die Bandscheibe, er hat keine leichte Zeit hinter sich, und immer noch wundert er sich, wie er in das alles reingeraten ist. Am Anfang war er ja noch nicht Negers Gegenspieler, im Gegenteil, er schüttelte selbst den Kopf, als die Rundmail eines Kollegen kam, der mit einer Afrikanerin verheiratet ist und dem dieses Logo aufgefallen war: Dagegen müsse man was tun, gerade die Universität, wo man stolz sei auf die Studenten aus dem Ausland. »Viele von ihnen, ebenso wie zahlreiche Mainzer Bürger, aber auch Besucher afrikanischer Herkunft können sich zu Recht verletzt fühlen.«

Matthias Krings las es ein zweites Mal: Dachdecker? Neger? Logo? Und er dachte: Haben die nichts Besseres zu tun? Das schrieb er dem Kollegen auch. Krings kennt sich schon auch ein wenig aus, eines seiner Fachgebiete sind Bilder, die sich Afrikaner von Europäern schaffen, und da war es doch ähnlich, es blieb im Karikaturhaften. Und sollten gerade sie als Ethnologen nicht etwas leiser sein? Sie hatten sich auch als Rassisten erwiesen, als Deutschland sich einst als Kolonialmacht versündigte: »Die Kritiker der Elche waren früher selber welche«, sagte Krings.

Den Kollegen stoppte das nicht. Er veröffentlichte in der Zeitung einen Brief. Wenn er meint, dachte Krings – bis er im Internet die Kommentare unter dem Brief las. Es waren rassistische Sprüche mit drei Hauptargumenten:
— Man wird ja wohl noch sagen dürfen.
— Die sollen dahin zurück, wo sie herkommen.
— Habt ihr nichts Besseres zu tun?

Oha, wie er. »Meine erste Reaktion war also so ähnlich wie die Reaktionen im mittleren Dumpfheitsbereich dieser Leute.«

Als Krings dann die Menge der Kommentare sah, begann er zu verstehen, dass mehr hinter dem Logo steckt. Dass es sich nicht um eine Nichtigkeit handelt oder um eine Lokalposse. Er schämte sich ein wenig. Und befasste sich mit den Kritikern. Was sagen die denn?

Seit 2004 hat der Mohr von Sarotti eine goldene Hautfarbe und heißt »Magier der Sinne«.

Eine Gegnerin, die erste Schwarze, die zu Thomas Neger in die Firma gefahren ist, um ihn zu bitten, das Logo zu ändern, studiert Filmwissenschaft an derselben Universität, an der Matthias Krings lehrt: Angelina Jellesen. Lange hat sie gezögert, sich öffentlich zu äußern. Treffen am Uni-Brunnen. Sie sagt:

»Ich bin ein Mannheimer Mädel, habe Abitur gemacht, ein Kind bekommen, gearbeitet, dann gesagt, ich will noch studieren. Mein Vater ist schwarz, meine Mutter weiß, ich bin Deutsche, mein Vater ist Akademiker, die Familie bodenständig.

Ich habe das Glück, dass ich 14 werden durfte, bevor ich schwarz wurde. In dem Stadtteil, in dem ich gelebt habe, gab es viele Schwarze. Mit 14 also war ich mit einer Freundin in der Innenstadt, da fuhren Nazis vorbei und haben Affenlieder gesungen. Ich wusste erst nicht, was das sollte. Dann schaute mich meine weiße Freundin an und sagte: Die meinen dich. Bald war es so, dass ich nicht mehr schwarz sein wollte, ich war in der Pubertät, ich wollte sein wie alle anderen. Irgendwann habe ich gemerkt: Ich werde niemals eine dünne, große, blonde Frau sein, und ich habe es angenommen. Ich fühle mich wohl, wie ich bin, ich finde es schön an Frauen, wenn sie Kraft haben, Humor und Gefühle.

Meine Gefühle werden oft verletzt. Als deutsche Schwarze ist es vielleicht noch schwerer als für einen, der aus dem Ausland kommt. Den kannst du fragen: Wo kommst du her? Und er kann sagen: Aus Papua-Neuguinea. Dann sind die Leute zufrieden. Wenn sie mich fragen, wo kommt du her, sage ich: aus Mannheim.

Nee, sagen sie dann, ich meine ursprünglich. Dann sage ich: Ursprünglich komme ich aus meiner Mutter, und meine Mutter kommt aus Mannheim. Das ist die Frage, die jeder Schwarze, den ich kenne, am meisten hasst. Du wirst immer wieder daran erinnert: Du bist nicht wie wir, du gehörst nicht zu uns. Das habe ich vor Kurzem auch einem Freund gesagt. Der meinte dann: Aber ich bin doch nur interessiert, wo liegt das Problem?

Wenn wir uns beklagen, heißt es oft: Angelina, jetzt übertreibst du, so schlimm wird es nicht gewesen sein. Und es ist so, dass man aufhört zu erzählen. Aber ich habe entschieden, laut zu sein. Nur so wird es gehört. Für Weiße ist es sonst nicht spürbar. Sie würden es niemals erfahren.

Das Problem an der Rassismus-Debatte ist, dass Gefühle nicht gelten. Wenn ich aber jeden rausnehme, der mit Gefühlen reagiert, habe ich keine Betroffenen mehr drin. Ich habe das Recht, die Gefühle zu haben, die ich habe. Die Leute akzeptieren das nicht. Ihnen ist es wichtiger, Neger zu sagen oder solch ein Logo zu belassen, als Rücksicht zu nehmen.«

Ja, diese Angelina Jellesen hat Thomas Neger getroffen. Er erinnert sich. Seit zehn Minuten steht er vor seiner Firma und plaudert darüber, wie er die Sache sieht, mit ruhiger Stimme – das Logo auf dem Pullover.

Thomas Neger hat eine Wandlung vollzogen, aber nicht die, die sich Jellesen erhofft hat. Die Entwicklung des Streits sagt viel über den Umgang der Deutschen mit dem Tabu: Als der Streit begann, war Thomas Neger ein unverdächtiger Mensch. Das Logo war nicht seine Idee, er führte einfach die Firma des Großvaters weiter, trat zur Fasnacht auf, saß im Stadtrat, engagierte sich für Behinderte, und wenn er sich vorstellte, sagte er gern: »Neger, wie Schwarzer.« Als Kind war er oft wegen seines Namens gehänselt worden.

Dann kam der Vorwurf auf. Er musste Position beziehen. Erst antwortete er besonnen. Er traf Professor Krings zu einer öffentlichen Aussprache. Und er sagte: »Sollte ein schwarzer Mensch zu mir kommen, der sich wegen des Logos beleidigt fühlt, würde ich meine Haltung sofort überdenken.«

Aber als Jellesen vor ihm stand, sagte sie nicht, was er hören wollte, und er nicht, was sie sich wünschte, vor allem auf Verteidigung sei er aus gewesen, sagt Jellesen, und als in den Wochen danach die öffentliche Kritik nicht enden wollte, wurden seine Antworten härter: Wieso müsse er denn »wie immer« klein beigeben? Und: »Die Namensänderung würde einen fünfstelligen Betrag kosten, Fassadenlogos, Internet und, und, und. Wir sehen dazu keine Veranlassung. Fakt ist: Es ist nicht verboten.«

Schließlich tauchten in der Stadt Aufkleber auf, mit Negers Gesicht darauf und dem Satz: »Rassismus einen Namen geben«. Neger zeigte die Kleber an. Und bekam bei einigen den Ruf des Märtyrers.

An diesem Morgen erst hatte er einen Lieferanten im Haus, hier im Gewerbegebiet, in dem Bau, auf dem fett und unkorrekt das Logo prangt, und der Lieferant sagte zu ihm: Weiter so! An vielen Orten sprechen sie ihm Mut zu. Im Restaurant, beim Einkaufen, an der Tankstelle: Lassen Sie sich nicht unterkriegen! Es geht nicht mehr um das Logo, es geht um das Prinzip. Darum, seinen Ruf zu erhalten als jemand, der einen Arsch in der Hose hat.

Die Facebookseite »Ein Herz für Neger – Solidarität für Thomas Neger« hat mehr Anhänger als die Facebookseite »Das Logo muss weg«. Und ein Bekannter hat Thomas Neger mal ausgerechnet, wie viel Geld er hätte ausgeben müssen, um eine solche Aufmerksamkeit zu erlangen. Bei zwanzig Millionen Euro hat er aufgehört zu zählen.
Thomas Neger muss weg. Lächelnd eilt er davon. Einen Tag später kommt eine Mail: Er wolle nicht zitiert werden.

Matthias Krings führt seinen Kampf weiter. Am Tag bringt er das Thema in Uni-Seminare, geht zu Podiumsdiskussionen, stellt sich vor Kameras, um zu erklären, dass es einen zum Rassisten mache, wenn man Neger sagt, selbst wenn man es früher auch gesagt hat und doch gar nicht böse meint. Dass es nötig sei, das Logo zu ändern, schließlich würde ein Unternehmer, der Krüppel heißt, das ja auch nicht zum Bild seines Logos machen. Nachts liest Krings dann die Antworten, die das hervorruft, in seinem Postfach, auf den Internetseiten.

»Professor für was bitte? Ich kriege jedesmal Brechanfälle, wenn ich lese, wozu meine als Ingenieur in der freien Wirtschaft verdienten Steuergelder verschwendet werden.«
»Diese maximalpigmentierten Muschis gehören im Baströckchen durch die Stadt gejagt.«
»Der Tag wird kommen, an dem so Typen wie ihr nicht mehr laufen könnt, weil dann in Deutschland aufgeräumt wird … Gleise sind noch vorhanden … Güterwaggons gibt es genügend … Goodbye Gutmenschentum.«

Dann sitzt er da, sagt Krings, mit Schmerzen an der Bandscheibe, mit hängendem Arm, und ekelt sich. »Seit dieser Erfahrung gehe ich mit anderen Augen durch Mainz. Mit einem komischen Gefühl. Ich wusste nicht, wie viele Menschen hier eine merkwürdige Haltung haben.«

Er hat viel gelernt, er sieht Dinge, die er vorher übersah. Er denkt nicht mehr über Negerküsse, was er vorher darüber dachte. Er geht nicht mehr unbefangen in eine Mohrenapotheke, wenn er Kopfschmerzen hat, und seine Mainzer Ethnologen-Kollegen und er verlegten erschrocken einen Fachschaftsausflug, als sie merkten, dass der sie ins Hotel »Zwei Mohren« führen sollte, in Assmannshausen.

Fährt man dorthin, mit dem Auto ist es keine Stunde von Mainz, so begegnet man im Frühstückssaal einem guten Dutzend Mohrenfiguren und einer freundlichen Chefin, die über die Stornierung bestürzt ist. Aber der Name, sagt sie, stamme doch aus alten Zeiten. Das sei doch nicht böse gemeint. Und das Wort Mohr sei nicht wie das Wort Neger.

Da hat sie scheinbar recht, »Mohr« stammt vom lateinischen »maurus« – Bewohner von Mauretanien in Nordafrika. Es gab den Begriff lange vor der Kolonialzeit. Diese Herleitung ist auch das Argument der Betreiber der Mohren-Apotheke in Nürnberg, der Stadtteilpolitiker in Berlin, die sich gegen die Idee einer Initiative wehren, die Mohrenstraße in Nelson-Mandela-Straße umzubenennen, oder der Heimatpfleger in Coburg, wo der Mohr Teil des Stadtwappens ist, unterbrochen nur von den Jahren, als darauf ein Hakenkreuz prangte.

»Notfalls«, sagt die Hotelchefin, »nehmen wir eben einen Stempel und machen zwei Pünktchen drauf, dann sind wir das Hotel ›Zwei Möhren‹.«

In Köln, am Rande der Stadt, steht eine Firma, die getan hat, was die Hotelchefin erwägt und Thomas Neger ablehnt. Sie hat ihr Logo geändert: Sarotti.

Auch Sarotti konnte sich auf die Tradition berufen, seit 1918 gab es den Sarotti-Mohren, ein Werbekindchen mit Pluderhosen, Schnabelschuhen und Kulleraugen, benannt nach der Straße, in der die Firma damals stand, der Berliner Mohrenstraße. 98 Prozent der Deutschen kannten den Sarotti-Mohren, so eine Quote gibt es heute kaum noch. Kinder aus dem ganzen Land schrieben ihm Briefe. In einem Buch über den Sarotti-Mohren steht: »Bilder des kleinen, Schokolade servierenden Mohrenpagen gehörten zum Fundus der abendländischen Kulturgeschichte, und die Vorstellung des luxuriösen Lebens an den Höfen morgenländischer Sultane übte auf viele Europäer noch immer eine große Faszination aus.«

Noch 2003 steckte Stollwerck, die neue Eignerin von Sarotti, zwanzig Millionen Euro in Werbung und Marke, auch in die Beliebtheit des kleinen Mohren; aber es kamen immer mehr Beschwerden. Einzelne Stimmen lächelte das Management noch weg, solche, die meinten, die Reihe mit »dem großen Mohrenstück« sei eine gemeine Anspielung auf das Klischee, Afrikaner wären sexuell überaktiv.

Doch allmählich wurde der Firma klar, dass ihr Vorhaben, den amerikanischen Markt zu erobern, mit diesem Logo undenkbar war. Also traf Sarotti eine pragmatische Entscheidung. Seit 2004 hat der Mohr eine goldene Hautfarbe und heißt »Magier der Sinne«. Das sei einfach nötig gewesen, sagt der Kommunikationschef Jan Zuther.

Aber diese harschen Vorwürfe von einst versteht er bis heute nicht so ganz. Er lässt einen alten Werbefilm laufen. »Schauen Sie«: Nichts klischeehaft Wildes, keine wulstigen Lippen, Waffen oder Baströckchen. Als der Sarotti-Mohr im Film aus dem Flugzeug steigt, jubeln die Menschen ihm zu, heben ihn auf die Schultern, ehren ihn im Rathaus und winken ihm hinterher, als er sie verlässt. »Und, was meinen Sie?«, fragt Zuther: »Ist das rassistisch?«

Sie war das erste Kind in Deutschland, das Pippi Langstrumpf gelesen hat. Ihr Vater, ein Verleger, hatte das Buch in Schweden entdeckt und ihr gegeben. Die kleine Silke Weitendorf versank darin. Und wie sie das Buch lieben lernte, so lernte sie auch die Autorin mögen, oft kam Astrid Lindgren zu Besuch in ihr Klinkerhaus im Norden Hamburgs, in die »Kaffeemühle«, wie solche Häuser dort heißen. Astrid gehörte bald zur Familie, mit dem Vater arbeitete sie, mit der Mutter teilte sie Sorgen, und mit Silke sang sie Lieder.

Als Silke Weitendorf groß war, übernahm sie den Oetinger Verlag, und Lindgren und sie beugten sich über Wochen gemeinsam über die Bücher, über Pippi, Ronja Räubertochter, die Übersetzung war immer eine heikle Sache, Astrid sprach Deutsch und verbiss sich gern in Einzelheiten, keine Silbe fand ins Buch, die Astrid nicht billigte. Das Wort aber, an dem sich die Menschen stoßen, ihren »Negerkönig«, stellte Lindgren nie in Frage.

Die Frage geht tatsächlich tief: Darf man Literatur, darf man Kunst ändern?

Immer noch kommen diese Briefe ins Haus, über die sich Silke Weitendorf ärgert, erst diese Woche wieder, von einer Studentin, die ihre Abschlussarbeit über »Diskriminierende Kinderliteratur« schreibt. Was würde Astrid Lindgren dazu sagen, die seit mehr als zehn Jahren tot ist? In dem alten, bücherstaubigen Zimmer liegen Bilder von ihr, Bücher, Briefe. In einem der Briefe, sagt Weitendorf, findet sich eine Antwort, vor vielen Jahren hat Lindgren ihn geschrieben, nachdem eine Freundin sie dafür gescholten hatte, dass die Schurken einer Geschichte mit deutschem Akzent sprechen: »Das ist bitter für mich zu hören«, schrieb Lindgren. »Ich dachte, Du wüsstest, dass ich die Einteilung der Menschen in Nationen und Rassen nicht mag, alle Arten von Diskriminierung zwischen Schwarzen und Weißen, zwischen Juden und Ariern, zwischen Türken und Schweden, zwischen Männern und Frauen. Wir sind alle Menschen.«

Und doch dieses Wort: Negerkönig. Sicher, als Lindgren es schrieb, war Neger in Schweden ein Gebrauchswort ohne Unterton. Aber das änderte sich. Und Lindgren beharrte. War sie also so halsstarrig wie viele andere: Ich meine es nicht böse, also kann es nicht falsch sein? Nein, aus ihr sprach die Autorin, ähnlich wie aus Otfried Preußler, der seine »Negerlein« nicht aus der Kleinen Hexe tilgen wollte: Literatur unterwirft sich niemals dem Zeitgeist. Die Frage geht tatsächlich tief: Darf man Literatur, darf man Kunst ändern? Was ist dann mit Heinrich Heines Gedicht Der Mohrenkönig? Oder mit Mozarts Zauberflöte, wo es über Monostatos heißt: »Weiß, dass deine Seele ebenso schwarz als dein Gesicht ist«?

Weitendorf hat lange mit sich gerungen – und sich dann gegen ihre Freundin Astrid Lindgren gestellt. Vielleicht, sagte sie sich, sollten Kinder doch von vornherein mit den richtigen Begriffen aufwachsen. So wurde der Negerkönig 2009 zum Südseekönig. Vor wenigen Wochen entschlossen sich auch Lindgrens Erben zu diesem Schritt, in den schwedischen Büchern wird das Wort ebenfalls ersetzt.

»Sprache ist etwas Lebendiges«, sagt Weitendorf. »Sie ändert sich. Es ist legitim, wenn man Änderungen vornimmt.«

»Sprache ist etwas Lebendiges«, sagt auch der Literaturkritiker Denis Scheck – kommt aber zum entgegengesetzten Schluss: »Gerade junge Leser sollten lernen, dass der Gebrauch der Sprache einem steten Wandel unterliegt. Die Alternative hat George Orwell in seinem Roman 1984 beschrieben, in dem die Angestellten des Wahrheitsministeriums permanent die Vergangenheit umschreiben und auf diese Weise auslöschen.« Er hat sich sehr über den Südseekönig geärgert. Wer hat nun recht?

Anruf bei Marianne Bechhaus-Gerst, Professorin für Afrikanistik in Köln, ihre Arbeiten über Rassismus sind hochgelobt. Sie ist auf einer Tagung in Brüssel, eigentlich hat sie keine Zeit. Das Thema? Alltagsrassismus. Oh, dann doch. »Fragen Sie!«

Hören Sie oft den Satz: »Haben Sie denn sonst keine Probleme?«

Ja, das ist der Klassiker. Es ist eine Abwehrhaltung, gerade von Weißen. Spricht man Rassismus an, stellt das auch ihre Position in Frage, sie haben ja seit Jahrhunderten die Macht. Das trifft viele unterbewusst. Sie weichen aus, indem sie sagen: Ach, lange her, das ist doch nicht wichtig.

Wie sehen Sie den Fall Thomas Neger? Dort hat sich der Streit zugespitzt.

Er ist ganz typisch. Fast jeder im Land würde doch sagen: Ich bin kein Rassist. Auch Herr Neger. Und anfangs hat er ja auch gesagt: Wenn es einen Schwarzen stört, lasse ich mit mir reden. Aber als er sich wirklich damit auseinandersetzen musste, war er nicht dazu bereit. Erst dann trat zutage, was da ist.

Andere haben etwas geändert. Aber war der Sarotti-Mohr wirklich rassistisch? Die Werber stilisierten ihn doch zum Helden.
Das ist eine komplexe Frage. Ich bin ja aus Köln, die Menschen dort haben ihn geliebt. Aber seine Wurzeln sind rassistisch. Er ist ein Page. Er bezieht sich auf die Zeit, in der Schwarze als Diener nach Deutschland kamen, auch Kinder als Kindersklaven.Und warum ist das Wort Mohr rassistisch? Es stammt aus der Zeit vor dem Kolonialismus.Aus vielen Gründen. Der wichtigste: Menschen fühlen sich durch den Begriff diskriminiert. Rassistisch ist, was viele Menschen verletzt.

Und wenn ein Nigerianer sein Restaurant »Zum Mohrenkopf« nennt?

Ein Weißer sollte dazu nichts sagen. Fühlt sich ein Schwarzer diskriminiert, wird es schwierig.

Warum musste der Negerkönig bei Pippi verschwinden?
Ich bin immer dafür, das N-Wort auszutauschen. Aber hier ging es allein um Political Correctness. Und davon halte ich gar nichts. Das größere Problem bei Pippi liegt doch darin, dass ein Weißer dort König wird, weil die Einheimischen es alleine offenbar nicht hinkriegen. Das ist viel subtiler. Aber es war in der Debatte kein Thema. So lernen Kinder nichts über Rassismus. Wenn wir etwas verbessern wollen, muss sich da was ändern, gerade bei jungen Menschen. In der Schule etwa spielt der Kolonialismus kaum eine Rolle.

Ja, die Schule könnte lehrreich sein, manchmal bitter lehrreich, das zeigt ein Kurzbesuch in Löhne in Nordrhein-Westfalen, an der Bertolt-Brecht-Schule. Dort denken Schüler über Rassismus nach. Nicht so theoretisch soll das sein, sagt der Lehrer: »Es geht nicht hochtrabend darum zu klären, wie sich politisch korrekt zu verhalten ist. Es geht um die Frage: Will ich mich wie ein Arschloch verhalten, oder will ich das nicht?«

Die Schüler pickten sich willkürlich zwei raus, eine Mohren-Apotheke in der Nähe und das Café zum Mohren in Aachen. Der Lehrer schrieb diese an. »Wir wollten die beiden nicht in eine rassistische Ecke drängen«, sagt er. Die Schüler wollten nur ins Gespräch kommen. Etwa, ob es, wenn schon der Name bleiben solle, es nicht gut wäre, eine Informationstafel anzubringen. Es gab keine Antwort, auch nicht nach mehreren Bitten. Der Café-Besitzer beklagte sich in der Lokalzeitung über die Belästigung und ließ ausrichten: »Wir haben kein Interesse, mit dem Lehrer zu sprechen.«

Ha, so gern wäre er zur Preisverleihung gefahren! Marius Jung hatte ein Buch geschrieben: Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde. Auf dem Titel ist ein nackter Schwarzer zu sehen, vor dem Penis eine Schleife.

Dafür verlieh ihm das Referat für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik der Universität Leipzig einen Anti-Preis für die »stereotype Darstellung eines nackten schwarzen Menschen, der durch eine rote Geschenkschleife objektiviert wird. Dies erinnerte uns an rassistische Motivik.«

Der Mann auf dem Buchtitel ist Marius Jung. Er ist schwarz. Seinen Vater hat er erst als Erwachsener kennengelernt. Er wuchs mit seiner weißen Mutter und seinem weißen Ziehvater im Siebengebirge auf. Als er das erste Mal beim Friseur saß, sagte der: Das ist ja wie Schafescheren. Dann wollte Marius da nicht mehr hin. Als er etwas älter war, erfand sich Marius einen Opa: Der war Lokomotivführer, also schwarz. Fortan hatte er eine Herkunft.

Fantasie blieb sein Ausweg. Er macht heute Satire. »Ich wollte nicht Opfer sein, nicht im Schmerz steckenbleiben. Und mein Ventil ist das Lachen. Woody Allen hat gesagt: Wir müssen über alles Witze machen können, sonst überleben wir nicht. Und die besten Witze wirken nach.« Marius Jung mag diesen: Steht ein Schwarzer in der U-Bahn und liest eine hebräische Zeitung. Kommt ein Weißer hinzu und sagt: »Neger zu sein genügt Ihnen wohl nicht.«

Jung sagt, er hasse das Wort Neger, aber wenn es der Sache diene, gebrauche er es. Er steht auf seinem Balkon in Köln-Nippes, in der Küche quiekt fröhlich seine Tochter, sie ruft nach ihm, er liest ihr immer so schön vor, Pippi Langstrumpf, natürlich die alte Fassung.

»Das Streichen war falsch«, sagt er. »Wenn ich es vorlese, kann ich es meinem Kind erklären.« Wenn es das Wort auf dem Schulhof hört oder im Internet liest, kann er das nicht. »Wir müssen über die Inhalte reden, nicht nur über die Form.«

Woher kommt denn Rassismus?, fragt er. Selten aus Hass. Meist ist er die Folge von Angst und Unwissenheit. Oft merken es die Menschen gar nicht, etwa wenn sie ihn mit weich-verständnisvoller Stimme fragen, ob er es als Schwarzer nicht schwer hätte. »Merken die nicht, dass sie sich dadurch über mich erheben? Das ist auch Rassismus, selbst wenn es nicht so gemeint ist.« Darüber wollte er auf der Preisverleihung sprechen. Leider fand sie nicht statt – nachdem die Initiatoren sich dafür erklären mussten, dass sie gerade einen Schwarzen auszeichnen.
(Foto: Janek Stroisch, Claudia Klein, Ramon Haindl, Ivo Mayr)

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