Das Morgengrauen

Sie denken, Schlafwandler laufen einfach nur friedlich herum? Schön wäre es. Vier unglaubliche Fälle.

Kochen

Der Schotte Robert Wood war mal Koch – und scheint seinen Beruf auch nachts nicht komplett vergessen zu können: Er steht seit Jahren regelmäßig auf, läuft in die Küche und brät sich ein Omelett. Auch Geschnetzeltes, Pommes frites und Müsli hat er schon zubereitet – oft bei laut aufgedrehtem Fernseher. Aufgewacht ist er dabei nie. Seine Frau Eleanor macht sich Sorgen um zweierlei: dass ihr Mann immer weiter zunimmt. Und, viel gefährlicher: dass er im Schlaf vergisst, den Herd auszuschalten, und ihr Haus im Örtchen Glenrothes abfackelt. Wood hat sich bei Schlafmedizinern in Edinburgh in Behandlung begeben. Aber unter Kollegen dürften ihm seine nächtlichen Aktionen Respekt bringen: Denn er beherrscht seine Rezepte ganz offensichtlich im Schlaf.
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Klettern
Fast schon ein Klassiker bei Schlafwandlern: plötzlich an einem anderen Ort aufwachen. Heikel wird es, wenn dieser Ort höher liegt als ein durchschnittliches Bett. In der Nähe von London musste ein Rettungskommando eine 15-Jährige von einem 40 Meter hohen Kran holen. Das Mädchen war schlafend hinaufgeklettert und wurde von Passanten entdeckt, bevor sie herunterfallen konnte. Ein 17-Jähriger aus Mecklenburg-Vorpommern hatte weniger Glück: Er ist nachts aus dem Fenster gestiegen und aus dem vierten Stock in den Hof gestürzt. Kaum zu glauben: Ihm ist bei dem zehn Meter tiefen Fall nicht Schlimmeres passiert als ein paar Knochenbrüche. Und nicht mal die hatte er zunächst bemerkt. Erst die angerückte Polizei hat es geschafft, den Jungen zu wecken.
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Fremdgehen
Klingt wie die Handlung eines schlechten Pornos: eine Frau, die schlafend Männer verführt - und sich am nächsten Tag an nichts erinnern kann. Einem Paar aus Australien ist genau das passiert, wie die Zeitschrift New Scientist beschreibt. Die Frau, deren Identität zum Schutz ihrer Persönlichkeit geheim gehalten wird, hat nachts das Haus verlassen und mit Männern angebandelt, die sich offenbar gern mit ihr eingelassen haben. Eines Tages hat ihr Freund sie in flagranti mit einem Unbekannten erwischt - und wollte ihre Beteuerungen natürlich erst mal nicht glauben. Als die Frau immer verzweifelter wurde, sind die beiden in ein Krankenhaus in Sydney gefahren. Der dortige Arzt Peter Buchanan hat den Fall lange untersucht. Sein Ergebnis: Die Frau sagt die Wahrheit. Er hat den Fall auf einer Fachtagung vorgestellt und forscht weiter nach den Ursachen dieser seltenen Form des Schlafwandelns.
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Morden
Für Juristen eine heikle Frage: Ist jemand eines Mordes schuldig, wenn er ihn im Schlaf begangen hat? Der Kanadier Ken Parks hat 1987 beim Schlafwandeln seine Schwiegermutter umgebracht - und wurde freigesprochen. Noch spektakulärer ist die Geschichte des Pariser Polizisten Robert Ledru, der im Jahr 1887 in einem Mordfall ermitteln sollte. Der Mörder hatte zwei Spuren am Tatort hinterlassen: Eine Pistolenkugel und auffällige Fußabdrücke - ihm fehlte der große Zeh am rechten Fuß. Genau wie Ledru. Dem Ermittler kam ein schrecklicher Verdacht: Er selbst war am Morgen nach dem Mord verwirrt aufgewacht. Und fehlte nicht in seiner Dienstwaffe eine Kugel? Ermittlungen ergaben: Ledru hatte den Mord, den er aufklären sollte, selbst begangen. Als er sich der Polizei stellte, glaubte ihm niemand - doch die Beweise waren eindeutig. Ledru hat den Rest seines Lebens in einem Krankenhaus verbracht.

Illustrationen: Nishant Choksi

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