»Wenn meine achtjährige Tochter eine Diät machen will, würde ich hellhörig werden«

Magersucht ist die gefährlichste Essstörung unter jungen Menschen. Die Ärztin Silke Naab behandelt betroffene Kinder und Jugendliche. Im Gespräch erzählt sie, welche Rolle die sozialen Medien dabei spielen – und wie Eltern dazu beitragen können, dass es gar erst nicht so weit kommt.

Dr. Silke Naab ist Chefärztin an der Schön Klinik in Prien am Chiemsee. 

Foto: Schön Klinik

SZ-Magazin: Frau Naab, wie alt ist Ihre jüngste Patientin oder Ihr jüngster Patient?
Silke Naab: Unsere jüngste Patientin ist zwölf Jahre alt.

Wieso ist sie zu Ihnen gekommen?
Das Mädchen hat, ganz klassisch, sein Essverhalten geändert, gesund gegessen und sich viel bewegt, so dass zunächst niemand besorgt war. Dann ist sie den Mahlzeiten ferngeblieben, hat immer mehr Sport gemacht, aber ohne Spaß daran zu haben. Die Eltern haben den Kinderarzt kontaktiert, der das Mädchen zum Kinder- und Jugendpsychiater überwiesen hat. Der schickte das Mädchen wiederum zu uns in die Klinik.

Und wie geht es ihr jetzt?
Sie macht Fortschritte, hat aber viel Arbeit vor sich. Sie hat ein Geschwisterkind, mit dem sie in massiver Konkurrenz steht – ums Aussehen, um Leistungen in der Schule und im Sport und um die Anerkennung der Eltern.

Welche Rolle spielt das gesellschaftliche Schönheitsideal bei so einer Erkrankung?
Das Schönheitsideal hat schon immer eine Rolle gespielt, es verändert sich nur stetig. Gerade wird ein schlankes, durchtrainiertes Ideal propagiert. Das macht auch keinen Halt vor Männern oder Jungs, da geht es um einen muskulösen Körper. Hier haben die sozialen Medien eine große Bedeutung, ganz vorne Instagram. Unsere jungen Patienten berichten oft, dass sie Fitness- und Ernährungs-Influencern folgen.

Eltern wird es kaum gelingen, diese Bilder von ihren Kindern fernzuhalten.
Ich will die sozialen Medien auch nicht verteufeln oder gar verbieten. Aber die Mädchen und Jungs, die unzufrieden mit sich sind, sind sehr ansprechbar über diese Kanäle. Wenn sie dann mit niemandem darüber reden, wird es kritisch. Dann kann niemand sagen: »Hör zu, das ist ein extremes Ideal, das ein Mensch da lebt, aber das heißt nicht, dass du auch so aussehen musst.« Die Personen, die später eine Essstörung entwickeln, haben im Vorfeld in der Regel sehr wenig oder gar nicht darüber gesprochen, wo sie sich im Netz bewegen.

Wenn man kleinen Kindern beim Spielen zusieht, strecken sie noch ganz ungeniert ihr Bäuchlein heraus. Ab welchem Alter machen sich Kinder Gedanken darüber, ob sie gut aussehen?
Das hängt davon ab, in welchem Umfeld Kinder groß werden. Es kann in der Grundschule mit acht, neun Jahren schon passieren, dass Kinder kritische Kommentare hören, wenn sie kräftiger gebaut oder schon etwas weiter entwickelt sind. Mit dem Schulwechsel und vor allem mit der Pubertät, in der sich auch der Körper verändert, beginnen sich Kinder und Jugendliche zu vergleichen und werden häufig unzufrieden mit sich selbst und ihrem Aussehen.

Was können Eltern tun, wenn ihre Kinder auf einmal eine Diät machen wollen?
Wenn meine achtjährige Tochter eine Diät machen will, würde ich hellhörig werden. Eine Diät kann der Einstieg in eine Essstörung sein. Eltern würde ich empfehlen, erstmal nach den Gründen zu suchen, auch wenn das Kind etwas kräftiger ist: Warum will das Kind eine Diät machen? So kann man herausfinden, ob es womöglich gehänselt wird. Dann sollte man gemeinsam mit dem Kind überlegen, wie es sich gesund und ausgewogen ernähren kann und ob es vielleicht Sport machen will­. Aber alles in Maßen.

Was sind die häufigsten Essstörungen im Kindes- und Jugendalter?
Noch vor der Pubertät kann eine Anorexia nervosa, eine Magersucht, entstehen. In unserer Abteilung werden Patientinnen und Patienten mit Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und der sogenannten Binge-Eating-Störung, also Essanfällen, behandelt. Die Adipositas gilt nicht als psychische Erkrankung, diese Patienten kommen nur zu uns, wenn die Ursache des Übergewichts solche Essanfälle sind. Aber hauptsächlich haben wir es mit Magersucht zu tun.

Was lernen die Kinder als erstes, wenn sie bei Ihnen sind?
Auf der einen Seite wollen wir ganz praktisch vermitteln, was ein gesundes, ausgewogenes, ausreichendes Essverhalten ist. Drei Hauptmahlzeiten, zwei Zwischenmahlzeiten, so dass die Patienten wieder ein Gespür dafür bekommen, was ihr Körper braucht. Sie sind oft abgemagert, sehen teilweise aus wie kleine Skelette, haben aber trotzdem das Gefühl, dass sie dick sind. Das ist die sogenannte Körperschemastörung. Wir müssen den Patienten in der Therapie vermitteln, dass das Teil der Krankheit ist. Obwohl viele große Angst vor einer Gewichtszunahme haben, ist es notwendig, das Körpergewicht zu normalisieren. Auf der anderen Seite versuchen wir gemeinsam mit den Patienten herauszufinden, warum sie eine Essstörung entwickelt haben und sich so schwer von ihr trennen können.

Welche tieferliegenden Gründe gibt es für eine Essstörung?
Es gibt vielfältige Gründe, die die Entwicklung einer Essstörung begünstigen können. Wenn Kinder aus zerrütteten Familien kommen, etwa mit unschönen Trennungen, kann das sehr belastend sein. Oder ein Elternteil ist gestorben, ein Geschwisterkind ist krank. Die Pubertät ist zudem nicht ohne Grund die Zeit, in der die meisten Essstörungen auftreten, weil sich Körper und Rollenverständnis verändern, was viele Jugendliche verunsichert.

Es sind also immer mehrere Gründe?
Eine Essstörung ist Ausdruck einer Vielfalt an Problemen, mit denen die Patienten nicht umgehen können. Da geht es nicht nur um Aufmerksamkeit, sondern sie erleben ihre eigene Person als defizitär. Die Betroffenen sind in der Regel Mädchen und Jungen, die selbstkritisch sind und einem großen Perfektionismus unterliegen. Sie wollen besonders gut aussehen, besonders sportlich und gut in der Schule sein. Die Essstörung erscheint dann als Möglichkeit, sich selbst zu optimieren. Im Kindesalter ist das besonders gefährlich, denn die Heilung einer Essstörung ist wahrscheinlicher, wenn sie sich während oder nach der Pubertät entwickelt, und unwahrscheinlicher, wenn sie sich im Kindesalter entwickelt.

Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Selbstkritik und einer krankhaften Störung?
Wenn die Selbstkritik zur Folge hat, dass ich mich immer mehr zurückziehe, mir immer weniger zutraue, dass die Selbstzweifel mein Leben einschränken, kann das krankhaft werden. Für Eltern bedeutet das: Wenn Sie merken, dass Ihr Kind sein Verhalten stark ändert, immer freudloser wird, getriebener wirkt, immer mehr lernt, sich zurückzieht, Kontakte mit Gleichaltrigen meidet, wenn sich ein destruktives Verhalten bemerkbar macht, das in Richtung Selbstbestrafung geht, dann empfiehlt es sich, das Gespräch zu suchen.

Aber auch Kinder haben mal schlechte Phasen, oder?
Absolut. Rückzug ist auch Teil der Pubertät. Wenn sich der Jugendliche aber langfristig entzieht, dann sollte man das Gespräch suchen. Fragen stellen: Was beschäftigt oder belastet dich? Wie kann ich dir helfen? Vorwürfe bringen nichts.

Was wäre für Eltern eine kluge Reihenfolge, wenn sie sich Sorgen machen?
Ich beobachte mein Kind über einen gewissen Zeitraum, ich spreche mit ihm, ohne Vorwürfe zu machen, dann gehe ich mit meinem Kind zum Kinder- oder Hausarzt, der gegebenenfalls zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder zum Kinder- und Jugendpsychiater überweist. Dieser entscheidet dann mit mir, ob ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik sinnvoll ist.

Was können Eltern außerdem noch tun, um ihre Kinder vor einer Essstörung zu bewahren?
Am effektivsten ist es, den Kindern ein positives Selbstwertgefühl zu vermitteln. Eltern dürfen darüber hinaus nicht vergessen, dass sie eine Vorbildfunktion haben. Da können Sie alles richtig gesagt haben, es hilft überhaupt nichts, wenn Sie es nicht auch vorleben. Wenn Eltern selbst wenig essen oder nicht regelmäßig essen, bekommen die Kinder das mit. Wir haben immer wieder Patienten, die berichten, dass zum Beispiel ihre Mutter eine Essstörung hat und es für das Kind sehr schwierig war, mehr zu essen als die Mutter. Oder alleine zu essen, weil die Mutter gar nicht mitgegessen hat. So können sich Essstörungen auch weitertragen. Wenn Eltern selbst Probleme haben, sollten sie sich unbedingt Unterstützung suchen.

Sollten Eltern das Gewicht der Kinder überprüfen?
Man sollte sein Kind nicht auf ein Gewicht fixieren. Die Kinder gehen zu regelmäßigen Untersuchungen bei Kinderärzten. Und wenn das okay ist, dann sollten es die Eltern auch gut sein lassen.

Wie ist es mit Nacktheit?
Es ist gut, wenn Kinder einen normalen Umgang mit Nacktheit haben und sehen, wie normale Menschen wie ihre Eltern nackt aussehen. Die Kinder haben ein gesundes Schamgefühl. Irgendwann wollen sie nicht mehr so gerne nackt gesehen werden und auch nicht unbedingt die Eltern ständig nackt sehen. Da sollte man dann auch Rücksicht nehmen.

Gibt es etwas, das alle Patienten gemeinsam haben mit einer Essstörung?
Eine kritische Selbstwahrnehmung. In der Regel handelt es sich um freundliche, zurückhaltende, unsichere Personen, die wenig nach außen rebellieren. Sie sind sehr auf Anpassung bedacht und geraten dann in innere Konflikte.

Stimmt es, dass Frauen und Mädchen Gewalt eher gegen sich selbst richten und Männer und Jungs eher nach außen geben?
Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass bei Mädchen um die Pubertät herum eher die introversiven Erkrankungen verstärkt sind: Depressionen, Angststörungen, Essstörungen. Bei den Jungs sind es eher die expansiven Erkrankungen, also oppositionelles Verhalten, bis hin zu Störungen des Sozialverhaltens, Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Das kann genetische und hormonelle Gründe haben, aber auch die Erziehung kann eine Rolle spielen. Grob kann man sagen, dass Magersucht bei den Mädchen und Frauen zehn Mal häufiger auftritt als bei Jungen und Männern.

Gibt es Sätze, die am Esstisch auf keinen Fall fallen sollten?
»Iss nicht so viel, sonst wirst du zu dick« ist ein Klassiker. Kommentare beim Essen über das Essverhalten sind generell nicht gut.

Was sonst sollten Eltern eher lassen?
Die Kinder mit anderen Kindern vergleichen: »Schau mal, deine Freundin xy hat aber eine schöne Figur.« Oder Menschen allgemein nach ihrer Figur oder ihrem Gewicht bewerten.

Zu viel Zucker zum Beispiel ist ja wirklich ungesund. Wie argumentiert man gegen ein Schokoladeneis?
Gegen ein Schokoladeneis ab und zu ist nichts einzuwenden, finde ich. Die Dosis macht das Gift.