Erfüllt vom Nichts

Unser Autor, Arzt und Medizin-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, hat eine Woche in einer Spezialklinik am Bodensee verbracht – zum Fasten. Gesund und sinnvoll? Oder doch eher Aberglaube und Abzocke? Eine Klarstellung auf leeren Magen.

Wer fastet, sollte sich bewegen, weil man sonst nicht nur Fett, sondern auch Muskelmasse verliert. Aber mal kurz hinlegen ist auch okay.

Foto: Daniel Delang

Ich esse gern. Und ich esse gern viel. Dieses Erlebnis der Fülle in Mund und Magen ist pure Lust. Wo sieht man sonst eine solche Glückseligkeit wie bei einem Baby, das gerade gefüttert worden ist und pausbäckig lächelt, bis ihm ein kleiner Rülpser weitere Befriedigung verschafft? Alles gut, der Organismus schnurrt behaglich vor sich hin, herrliche Zeiten der Verdauung.

Und das Beste: Jeden Tag lässt sich dieses Gefühl aufs Neue erlangen. Jeden Tag gibt es dieses überbordende Angebot an

Aber darauf werde ich jetzt verzichten. Eigentlich eine Schnapsidee, trotzdem will ich mich einmal darauf einlassen: Jahrelang habe ich das

Aber was für Wunderdinge nicht alles versprochen werden! Geläutert, leicht, klar und mit sich im Reinen – das verkünden die

Bevor die Fasterei losgeht, gibt es einen Tipp von Joachim, er harrt schon eine knappe Woche hier in

»Sie werden eh keinen Hunger haben«, sagt Françoise Wilhelmi de Toledo. Die zierliche Frau mit dem sensationellen Namen

Bevor in den nächsten Tagen etwas switcht, steht die ärztliche Untersuchung an. Als Geschenk gibt es im Sprechzimmer

»Das Gewicht interessiert hier nicht so«, sagt Eva Lischka, Chefärztin der Klinik. Die hagere Internistin, die selbst zweimal

Dann verteilt Dr. Lischka Hausaufgaben. Basische Tabletten, dreimal täglich zwei, um anfallende Harnsäure zu neutralisieren. Sonst drohe ein

Damit die Fastenkur gelingt, muss ich mit Glaubersalz abführen. Das ist mäßig vergnüglich. Den halben Liter

Nach drei Stunden und drei Besuchen in der Nasszelle ist es vorbei. Praktischerweise haben sie hier

Aushalten kann man es hier. Traumhafte Hanglage, aus bodentiefen Fenstern der Blick über den Bodensee, davor

Ich bekomme ein kleines Heft, »Tagebuch zur Selbstbeobachtung und medizinischen Dokumentation« steht darauf. Täglich soll ich

Sigmund Freud hat in der kindlichen Entwicklung die orale, anale sowie die genitale Phase beschrieben. Nach ein paar Tagen in der Fastenklinik drängt sich der Eindruck auf: Er hat die gastrointestinale Phase des Erwachsenen vergessen. Sie kann offenbar endlos andauern, denn die Menschen hier kreisen mächtig um ihre Darmgeräusche, erzählen von Glucksen und Gluckern, Rumoren und rebellischer Peristaltik. »Ich habe immer so ein Bauchgrimmen gehabt, das sich spiralförmig nach oben zog, hier ist es vorbei«, sagt eine Endsechzigerin aus Frankfurt auf dem Weg durch die Gartenanlagen. »Bei mir war es so ein Stechen«, sagt ihre Gesprächspartnerin. »Spüre ich nichts mehr davon.« Lange war mir unverständlich, wie ein Buch mit dem Titel Darm mit Charme ein Bestseller werden konnte. Jetzt ahne ich, warum.

Am Morgen vor dem Stationszimmer von Schwester Maja: Vier Gäste im Bademantel warten schweigend

Nein, ich habe wirklich keine Kopfschmerzen, und nein, ich fühle mich auch nicht gereizt.

Mittags wird es dann grundsätzlich: Das soll es jetzt sein für die nächsten Tage?

»Im Kopf diese Klarheit, das ist schon was«, sagt die Dame aus Frankfurt, die

Ein Teil der Fastengäste bekommt während der Umstellung an den ersten Tagen Kopfschmerzen. Manche

Mittags und abends wird die Gemüsebrühe im »Salon« eingenommen. Gedämpfte Lautstärke, andächtige Atmosphäre. Erstaunlich,

Die Szenerie hat etwas vom Zauberberg, allerdings das gegenteilige Programm. In Thomas Manns Roman flößen sich von Schwindsucht ausgezehrte Patienten im Speisesaal schwere Suppen ein, um wieder zu Kräften zu kommen – hier treffen sich die Zweifler an Fülle und Wohlstand und üben bei dünner Bouillon Verzicht, um ­endlich diese permanent zitierte Klarheit zu erreichen.

Klar, es zeugt von Disziplin und höherem Bewusstsein, sich in einer Weltgegend, in der

Dabei ist Essen überlebenswichtig, Fasten nicht. Und der Körper holt sich auch aus wenig

Mir ist mulmig zumute. Der Blutdruck ist okay, Schlaf und Befinden auch.

Schwester Maja schmiert einen dünnen Schlauch mit Vaseline ein und schiebt ihn

Am Abend gibt es Suppe und ausnahmsweise ein kleines Glas Obstsaft. Es

Die Gäste aus dem Ausland drücken mit weniger Pathos aus, wie sie

Saniert und auf null gesetzt, wie nach gedrückter Reset-Taste, von Grund auf

Aus den Heilserwartungen vieler Fastenfreunde spricht ein TÜV-geschulter Glaube, dass sich der

Andererseits kann man sich hier ja ohne Weiteres gut fühlen. Die Umgebung,

105,8 Kilo, das waren nur noch 600 Gramm statt 800

Mittags bereitet Schwester Maja den Leberwickel vor. Dazu legt sie

Von Françoise Wilhelmi de Toledo habe ich erfahren, dass etwa

Neuerdings schließen Fastenforscher aus Tierversuchen auf gesundmachende Effekte, was in

Fairerweise muss man sagen, dass Studien zum Fasten kaum je

104,9 Kilo, fast ein Kilo weniger als gestern.

Dass man sich in den Fasten-Herbergen mühelos gut

Hunger stellt sich immer noch keiner ein, und

Aber würde ich mich nicht genauso besser fühlen,

Diese Erfahrungen würde ich aber wohl auch auf

104,1 Kilo, Blutdruck bestens, Puls auch.

In einer Woche Fastenklinik, die zwischen

Fastenkliniken verkaufen die spirituelle Komponente als

103 Kilo am Morgen.

In der Fastenklinik stellt

Wie war das noch

Kaum waren die Kuchen

102,2 Kilo.

Am Nachmittag

Am Abend

Jetzt, zum

Noch überwiegt

In Asterix und der Arvernerschild muss Majestix zur Kur nach Vichy, weil ihm das Schlemmen während der Festmahlzeiten zugesetzt hat. Der Häuptling der Gallier trinkt dort nur Wasser, hält sich streng an die »In-Wasser-gedünstetes-Gemüse-Diät« und nimmt massiv ab. Schon in diesem Comic-Band von 1968 gelang es Goscinny und Uderzo, den typischen Verlauf nach dem Fasten in einem Bild festzuhalten: »Auf der Rückreise kommt Majestix wieder zu Kräften, denn er besucht dieselben gastronomischen Stationen wie auf dem Hinweg«. Der Bauch unter seinem Wams spannt bei seiner Rückkehr genauso wie vor der Fastenzeit.

Meine sechs

Dieser Text erschien erstmals im SZ Magazin 38/2019