Vertrauter Feind

Der Deutsche Wolfram Gössling ist ein weltweit renommierter Krebsmediziner. Eines Tages bekommt er selbst die Diagnose Krebs. Er beginnt ein neues Leben: als besonders hartnäckiger Patient.

Seinen Krebspatienten erzählt Gössling von seiner eigenen Erkrankung und der schmerzhaften Therapie. Vielen helfe das, sagt er.

Ist das ein Pickel? Sieht seltsam aus, wie ein entzündetes Barthaar. Aber an dieser Stelle? Wolfram Gössling betrachtete im Spiegel sein Gesicht, strich mit dem Finger über das rote Etwas, das auf seinem Wangenknochen glänzte, knapp unter dem rechten Auge. Es war September 2012, sein erster Arbeitstag nach den Sommerferien, vielleicht erinnert er sich auch deshalb viele Jahre später noch so genau an diesen Moment: Wie er im Toilettenraum seines Forschungslabors vor dem Spiegel stand und dachte, na ja, der

Drei Monate später: ein Routinetermin beim Hautarzt. Gössling, der selbst Arzt ist, bat darum, dass dieser sich den Pickel ansehe. Der Hautarzt zögerte nicht mit seiner Diagnose: Eine Entzündung, das vermute auch er. Ein Antibiotikum sollte helfen. Half aber nicht.

Dein Pickel wird immer dicker, sagte etwa vier Wochen später Gösslings Frau Helle. Sie und er kennen sich seit ihrer Jugend. In Bielefeld, ihrer Heimatstadt, hatten sie im selben Orchester gespielt: er Trompete, sie Geige. Seit 23 Jahren waren sie

Gössling suchte noch einmal seinen Hautarzt auf, der diesmal eine Gewebeprobe aus dem Pickel nahm. Um einen neoplastischen Prozess auszuschließen, sagte er. Gössling, ein Spezialist für Leber- und Gallengangkrebs, hörte die Worte und dachte in diesem Moment zum ersten Mal:

Im Wartesaal des Dana-Farber Cancer Institute, einer der renommiertesten Krebskliniken der USA, ist der Boden mit Teppich gedämpft, die Deckenleuchten scheinen warm, und an den Wänden hängen Bilder von beruhigend intakten Landschaften: Seen, Wälder und Berge im Sonnenaufgang.

»Wenn man alle menschlichen Emotionen einmal sehr direkt erleben will, Angst, Furcht, Verzweiflung, Wut, dann muss man sich in diesen Wartesaal setzen«, wird Gössling in einem späteren Gespräch sagen. Er hat eine besonders aufgeladene Beziehung zu diesem Ort:

»Neoplastischer Prozess« – als Gössling damals diesen medizini­schen Fachbegriff hörte, wusste er natürlich sofort, was das bedeutet: Neubildung von Körpergewebe, vielleicht bösartig. Also Krebs. Gössling ist ein schlanker, sehniger Mann, glatt rasiert, 51 Jahre alt. Er trägt eine

Am Dana-Farber, wie das Krebszentrum in Boston genannt wird, ist Gössling im Oktober 2018 Co-Direktor der Leberkrebsstation. Wenige Wochen später wird er ans Massachusetts General Hospital wechseln, als Chefarzt der gastroenterologischen Abteilung. Zudem unterrichtet er an der Harvard

Seine 15 Mitarbeiter und er versuchen nachzuvollziehen, wie sich Organe in einem Lebewesen unter verschiedenen Bedingungen entwickeln und wie man sie anregen kann, sich zu regenerieren – zum Beispiel wenn Krebszellen in ihnen wuchern. Für ihre Experimente nutzen

Gössling hat in einem Umfeld Karriere gemacht – drei Karrieren eigentlich –, in dem Nobelpreise gewonnen werden. Im Kernland der Wissenschaft und Forschung. An der Harvard Medical School und den benachbarten Kliniken wurde der Weg für einen Polio-Impfstoff

Als Gössling das Dana-Farber durch eine Glastür verlässt, setzt er sich umgehend eine Sonnenbrille auf, obwohl der Himmel bedeckt ist. Seine Augen seien seit der Bestrahlung sehr sensibel, erklärt er. Seine Therapie sei »superbrutal« gewesen. Später wird er

Gössling ist ein Arzt, der zum Patienten wurde und wohl auch deshalb einen besonderen Umgang mit dem Krebs fand. Einer, der längst tot sein müsste, wenn man Statistiken glaubt; gestorben an einer Krankheit, die er seit zwanzig Jahren

96 Prozent in fünf Jahren. Als Gössling diese Zahlen las, schauderte es ihn. An diesem Morgen hatte ihn sein Hautarzt angerufen: Setz dich. Die Gewebeprobe ist schlecht. Du hast ein Angiosarkom.
Gössling ahnte, was diese Diagnose bedeutet. Ein Angiosarkom ist ein extrem seltener Krebs. Im Dana-Farber behandeln seine Kollegen nur wenige Patienten im Jahr (etwa drei, erfuhr er später). In den gesamten USA erkranken etwa hundert Menschen jährlich. Es gibt kaum wissenschaftliche Untersuchungen über diese Krebsart und deshalb auch keine spezielle Therapie, anders als gegen Brust- oder Darmkrebs, an denen Millionen Menschen in den vergangenen Jahrzehnten litten.

Nach dem Gespräch mit dem Hautarzt telefonierte Gössling mit einem befreundeten Onkologen, einem Fachmann für Sarkome, also für Tumoren im Bindegewebe. Du musst mir das Leben retten, sagte er ihm. Sein Freund entwarf einen Plan für

Um elf Uhr am Vormittag saßen Helle und er dann gemeinsam im Wartesaal des Dana-Farber, wenig später wurde eine CT-Aufnahme von Gössling gemacht, um heraus­zufinden, ob der Krebs bereits Metastasen gebildet hatte. Hatte er nicht. Kurze

Als schließlich alle im Bett lagen, öffnete er auf seinem Laptop zwei PDF-Dateien: Studien über das Angio­sarkom, die er im Harvard-Archiv gefunden hatte. Dieser Krebs wächst entlang winziger Muskelstränge, die in der Haut an den Blutgefäßen

Gössling las die Zahlen und dachte: Was machst du da? Hör auf damit! Du musst jetzt Patient sein. Seinen Patienten gibt Gössling nie eine Prognose, die an Zahlen orientiert ist, auch wenn sie noch so eindringlich

Der erste Krebspatient, dem Wolfram Gössling als verantwortlicher Arzt begegnete, hieß Chris, war 23 Jahre alt und an einem Lymphom erkrankt. Der Krebs hatte bei ihm also das lymphatische System befallen, dessen Gefäße sich wie

Chris sah normal aus, gesund. Zwei Wochen später war er tot, weil die Bestrahlung und die Chemotherapie sein Immunsystem zerstört hatten und er sich eine Infektion zuzog. Er starb an den Folgen der Therapie.

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Nach der ersten Sitzung fühlte er sich wie nach einem heftigen Sonnenbrand. Nach der vierten oder fünften war seine Mundschleimhaut so angegriffen, dass er nicht mehr kauen konnte. Seine Frau Helle pürierte ihm das Essen, und er nahm noch einmal zehn Kilo ab. Insgesamt wurde er innerhalb von vier Wochen 17 Mal bestrahlt, jeweils 45 Minuten lang.
Die Kinder hatten sie in dieser Zeit bei den Großeltern und Freunden in Deutschland untergebracht. Gössling schlief zu Hause. Im Rückblick sagt er: »Um ein wenig Kontrolle über mein Leben zu behalten.«

Das

Ist

Das Telefon klingelt mit der Melodie von Jingle Bells. Helle ist dran und bittet ihren Mann, den Ofen vorzuheizen. Zum Abendessen soll es Huhn und gebackene Kartoffeln geben. Ein paar Minuten später geht die Haustür auf, und Gösslings 15-jähriger Sohn Felix kommt herein. Er war mit dem Familienhund Peaches spazieren, einem Goldendoodle: einer Mischung aus einem Pudel und einem Golden Retriever.

Krebs,

Wissenschaftler

Dieses Zitat steht auch in einem Buch, für das der US-Onkologe Siddhartha Mukherjee 2011 den Pulitzerpreis gewann. Der bezeichnende Titel: Der König aller Krankheiten – Krebs, eine Biografie. Mukherjee beschreibt, wie am Ende des 19. Jahrhunderts verheerende Infektionskrankheiten wie Typhus, Tuberkulose und Syphilis allmählich zurückgedrängt wurden, vor allem dank verbesserter Hygiene, und wie gleichzeitig Krebs präsenter wurde. Bereits 1926 stand Krebs in den USA an zweiter Stelle der Todesursachen.
Die Sprache passte sich der Dimension an, in der die Krankheit Opfer forderte: Krebs wird nicht bloß behandelt, sondern bekämpft. Krieg wird gegen ihn geführt. Anfang der Siebzigerjahre rief der damalige US-Präsident Richard Nixon den »War on Cancer« aus, in den Milliarden Dollar geflossen sind. Einen universellen Weg, die Krankheit zu heilen, fanden die Forscher bis heute nicht. »Krebs ist nicht eine Krankheit, sondern viele Krankheiten«, schreibt Mukherjee. Und oft werden diese mit Methoden behandelt, die alt (Chemotherapie, Bestrahlung) oder sehr alt (Chirurgie) sind.

Warum gibt es Krebs überhaupt? Wolfram Gössling beantwortet diese Frage so: »Weil wir Sauerstoff verbrennen.« Natürlich gebe es viele Ur­sachen von Krebs: Gene, chronische Infektionen, Umwelteinflüsse. Ein Teil der Erklärung sei aber auch, dass »wir als Eukaryoten«, als Vielzeller, Sauerstoff zum Leben bräuchten. Das habe viele Vorteile: Kraft, Ausdauer, Intelligenz – kurz alles, was Menschen von anaeroben Bakterien unterscheide. »Aber während wir Sauerstoff verbrennen, fallen toxische Nebenprodukte an, die auf Dauer unsere DNS verändern können« – also die Krebsgene aktivieren. »Krebs ist das Risikoprodukt der Evolution, unter anderem«, sagt Gössling.
Die Dinge so rational betrachten zu können, hat ihm wohl geholfen, die eigene Krankheit zu überstehen. Wenn Gössling über seinen Krebs spricht, tut er das mit ärztlicher Genauigkeit. Zeichnet mit dem Finger im Gesicht nach, wo ihm die Haut weggeschnitten wurde, und erklärt, dass er an diesen Stellen nun bei jedem Windhauch friere, weil dort das Fettgewebe fehle. Die innere Verwundung, die ihm der Krebs zugefügt hat, spart er aber nicht aus. Etwa wenn er erzählt, sie hätten im Haus in den Monaten nach der Therapie sämtliche Spiegel mit Tüchern verhängt.

Gössling

Am

»Meine

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»Stopp! Hört auf!«, ruft Gössling. »Dahinten stehen Leute. Und Äpfel sind Lebensmittel.« Die beiden machen weiter, lachen.  »Stopp!«
Keine Reaktion. Gössling dreht sich um – »ufff« – und pflückt weiter. »So ist das jedes Mal«, sagt er. »Am Ende pflücke ich allein.«

Am

Zwischen

Dieser Text erschien erstmal im SZ Magazin 32/2019