Unguter Hoffnung

Neuerdings erwartet die Gesellschaft auch von Schwangeren, dass sie sich allen möglichen Schönheitsidealen unterwerfen. Das ist nicht nur absurd, sondern gefährlich: Es gibt immer mehr Mütter mit Essstörungen.

An ihren ersten Gedanken erinnert sich Louisa Bartel noch genau. Sie schämt sich dafür, und doch - das weiß sie - wäre es heute wieder das Erste, was ihr in dem Moment einfiele. Sie hatte den Schwangerschaftstest neben der Toilette auf dem Badewannenrand liegen gelassen und war mit langsamen Schritten einmal die ganze Wohnung abgegangen. Als sie wieder ins Bad zurückkam, waren sicher drei Minuten verstrichen. Das Ergebnis: zwei Streifen, schwanger. Und ihr erstes Gefühl: Panik. Weil sie die vielen alten Ängste alle auf einmal wieder einholen. Zuerst der Gedanke: »Ich kann nicht mehr jeden Tag joggen gehen.« Dann: »Ich muss jetzt mehr essen.« Regelmäßig essen - in ihrem Kopf klingt das furchtbar. Dann die Gewissheit: »Ich werde fett werden.« Am Bauch auf jeden Fall, vielleicht auch woanders: Beine, Po, Brüste. »Krieg ich das je wieder runter?«

Die neun Monate Schwangerschaft sind ein ständiges Auf und Ab. Mal geht es Louisa Bartel gut, sie isst ihren Teller leer und vergisst hinterher sogar, es zu bereuen. Unbeschwerte Tage. Und dann kommen wieder die anderen: Tage, an denen sie sich vor dem Essen ekelt, nichts runterkriegt und mit beißendem Hunger ins Bett geht. Das hält sie gut aus, das kennt sie schon von früher. In ihrer Pubertät erkrankt Louisa Bartel an Magersucht, viele Jahre ist sie in Therapie, zwischenzeitlich sogar für ein halbes Jahr in einer Klinik. Als sie entlassen wird, gilt sie als geheilt. Sie selbst hat das nie so empfunden. Anfällig für eine gestörte Körperwahrnehmung bleibt sie. Therapiesitzungen nimmt sie immer wieder mal in Anspruch, über all die Jahre. Jetzt ist sie 37. »Unwohl habe ich mich im Grunde immer gefühlt«, sagt sie.

Nach außen sieht man das nicht und soll es auch nicht sehen. Louisa Bartel ist Unternehmensberaterin in einer Münchner Consulting Agentur. In diesem Beruf steht sie täglich Leuten gegenüber, denen sie ihre Ideen vermitteln muss. Oder die viel Geld dafür bezahlt haben, dass Louisa Bartel ihnen sagt, dass sie schon heute alles richtig machen. Um andere zu überzeugen, muss man zunächst mal von sich selbst überzeugt sein. Oder es zumindest vortäuschen können. Einen Ruf als unsichere Selbstzweiflerin kann sie sich nicht erlauben, deswegen heißt sie in diesem Text anders als in Wirklichkeit.

Freunde und Arbeitskollegen kennen eine Frau, die mit ihren feinen Lachfältchen um die Augen, dem offenen Blick, der Naturperlenkette und ihrem blau-weiß geringelten Pullover gleichermaßen ernsthaft wie unbekümmert aussieht. Sie wirkt wie eine, die das Leben genießt und alles im Griff hat. Oder: immer alles im Griff haben will. Genau das ist das Problem. Essstörungen sind ein Kontrollversuch. Sie treten dann auf, wenn biologische oder emotionale Veränderungen anstehen, die unüberschaubar scheinen und womöglich überfordern könnten. Deshalb galten sie lange als Pubertätskrankheiten. In den emotionalen und biologischen Besonderheiten der Umbruchphase zwischen Kindheit und Erwachsensein sehen Experten die Ursachen für eine Erkrankung.

Neben der Pubertät ist die Schwangerschaft im Leben einer Frau die zweite große Umbruchphase. Die sie vor ganz ähnliche Herausforderungen stellt: Der Körper verändert sich, das Leben verändert sich - und das alles unter Hormoneinfluss.

Trotz der Parallelen stand die Schwangerschaft lange nicht im Fokus der Psychologen und Experten, die sich mit Essstörungen beschäftigen. Die Möglichkeit, dass schwangere Frauen ihrem Nachwuchs absichtlich zu wenig Nährstoffe zuführen, schien offenbar zu abwegig. Biologisch unlogisch.

Erst im vergangenen Jahr haben sich sieben britische Wissenschaftlerinnen, darunter einige, die selbst auch Mütter sind, an die Hypothese herangetraut: Das Ergebnis der Studie, die die Neurologinnen, Psychologinnen, Gynäkologinnen und Soziologinnen vom Institut für Kindergesundheit und der psychiatrischen Abteilung der Universität London gemeinsam durchgeführt haben, war eindeutig. Von den 739 schwangeren Probandinnen gab jede vierte an, große Angst vor einer Gewichtszunahme und der Veränderung ihrer Körperform zu haben. Jede zehnte Probandin zeigte bereits Verhaltensweisen einer Essstörung; hungerte, hatte Fressanfälle, erbrach sich, verwendete Abführmittel, Darmspülungen oder trieb exzessiv Sport. Und jede 15. Schwangere erfüllte alle Kriterien einer Essstörung. Ein überraschendes Ergebnis. Selbst für die Forscherinnen, die als einige wenige das Auftreten dieser Krankheit überhaupt für denkbar gehalten hatten.

»Wir haben festgestellt, dass die vielen Unzufriedenheiten der Frauen mit dem öffentlichen Bild der schwangeren Frau zusammenhängen«, erklärt die Leiterin der Studie, Nadia Micali. Die Schwangerschaft sei heute sehr viel öffentlicher und weniger schamhaft. Frauen tragen enge Kleidung, zeigen ihren Bauch. Zumindest in den Massenmedien. »Prominente zeigen heute ihre Babybäuche und sehen wenige Tage nach der Geburt wieder superschlank aus. An all dem haben wir teil durch Fernsehen, Zeitschriften, Internet. Diese Bilder erzeugen bei vielen Frauen unrealistische Erwartungen an ihren Körper«, sagt Micali.

Als Herzogin Kate im Juli 2013 den britischen Thronfolger George auf die Welt gebracht hatte und kurz danach mit ihm und ihrem Mann vor dem Londoner Krankenhaus für die Fotografen posierte, löste ihre Erscheinung bei vielen Leuten Fragen aus: »Wieso ist da immer noch diese krasse Wölbung unter dem hellblauen Kleidchen? Sie hat das Baby doch im Arm und nicht mehr im Bauch.« Fragen, die sich viele offenbar ernsthaft stellten, denn der Reporter der britischen Sun sah sich genötigt, sie in seiner Live-Übertragung zu beantworten. Etwas linkisch erklärte er den Zuschauern, dass es durchaus normal sei, dass der Bauch nicht gleich wieder flach sei. Alte Hebammen- regel: Was neun Monate entsteht, braucht auch neun Monate, um wieder zu verschwinden. Logiknachhilfe für die Gesellschaft.

Das gewohnte Bild ist ein anderes: Heidi Klum modelte nur fünf Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Henry schon wieder in Unterwäsche. Michelle Hunziker moderierte vier Tage nach der Geburt von Tochter Sole ihre Satire-Show Striscia la notizia - in pinkem Minikleid und schlank wie eh und je. Und Designerin Victoria Beckham trug eine Woche nach der Geburt ihres vierten Kindes Harper wieder Größe 34. Wie das geht? Ärzte gehen davon aus, dass das nur möglich ist, weil viele Prominente ihre Kinder einige Wochen vor dem errechneten Termin per Kaiserschnitt holen lassen. Denn die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft verläuft exponentiell. Wer sich die letzten fünf Wochen spart, spart sich gleich einige Kilos.

Wer die volle Schwangerschaft aussitzt und danach noch immer einen dicken Bauch hat, dem hilft Großbritanniens bekanntestes People-Magazin OK! Es veröffentlichte am Tag nach der Geburt von Thronfolger George einen selbsterdachten Diätplan für die Herzogin. Und der Personal Trainer von Kate wird in der gleichen Ausgabe mit den Worten zitiert: »Sie ist superfit, ihr Bauch wird sich wieder komplett zurückentwickeln.« Was für eine Erleichterung! Dass Kates After-Baby-Bauch-Auftritt nicht Unverständnis hervorrief und Häme, sondern auch sehr viel Lob und Zuspruch, zeigt im Grunde nur eines: Das ganz Normale ist nicht mehr normal. Die neun Monate sind heute keine Auszeit mehr vom allgemein herrschenden Schönheitsideal und erst recht keine heilige Lebensphase, in der Frauen für zwei essen sollen und pralle Bäuche bedeuten, dass die werdende Mutter es besonders gut gemacht hat. Im Gegenteil.

Längst gibt es Schönheitsideale für Frauen während der Schwangerschaft. Eine kleine Kugel bekommen: okay. Selber eine Kugel werden: eher nicht so. Kim Kardashian, die Verlobte von Rapper Kanye West, erfuhr das am eigenen Leib. Amerikanische Klatschzeitschriften unkten über ihren Körper: »Kims Hintern ist noch fetter als ihr Bauch.« Eine bekannte Kolumnistin schrieb: »Geht es nur mir so, oder habt ihr auch den Eindruck, Kim gebärt auch noch etwas aus ihrem Arsch?« Eigentlich logisch: Nicht alle Frauen behalten in der Schwangerschaft einen tollen Po und eine schmale Taille, sodass man ihnen von hinten die Schwangerschaft gar nicht ansieht - übrigens ein sehr geläufiges Kompliment in Babykaufhäusern und Vorbereitungskursen. Wo immer schwangere Frauen aufeinandertreffen und nett sein wollen, versichern sie einander, dass sie von hinten immer noch als unschwanger durchgehen.

»Unschwanger aussehen« ist auch das Stichwort für die Zeit danach: In deutschen Großstädten heißen Rückbildungskurse inzwischen »Fit und schlank nach der Geburt«. Harmlose Familienzeitschriften rechnen vor, wie viel Kilo eine Frau durch die Geburt verlieren kann: 3,3 Kilo wiegt etwa das Baby, etwa 500 Gramm wird man los, sobald die Plazenta raus ist, Fruchtwasser und Blut machen zusammen knapp zwei Kilo aus. Und - superpraktisch - einen Teil der Wassereinlagerungen schwitze die Frau außerdem beim Gebären aus. Da wird das Pressen zum ersten Work-out.

Es ist die Aussicht auf eine Schwangerschaft, die die alte Störung reaktiviert.

Und danach: weiter am Body arbeiten. So lange, bis man wieder Bauchfrei-Selfies posten kann: Bei der norwegischen Spielerfrau Caroline Berg Eriksen dauerte es vier Tage. Charlotte Würdig, die Ehefrau von Rapper Sido, brauchte drei Monate, präsentierte dann aber immerhin auch einen richtigen Sixpack. Nicht ohne ihren Personal Trainer zu feiern, der sich der »MILF-Macher« nennt. »MILF« ist die Abkürzung für »Mother I'd like to fuck«. Müde Mütter sollen also wieder fickbar gemacht werden.

Dünne Promis treiben nicht gleich Scharen von Frauen in die Essstörung, hämische Kolumnisten lösen keine Massendepression unter Schwangeren aus, und dreiste Personal Trainer sind kein Grund für grassierende Sportsucht unter Müttern. Aber sie alle verändern das gesellschaftliche Bild der schwangeren Frau - und erhöhen den Druck. Dass Frauen sich sorgen, nach der Schwangerschaft ihr Ausgangsgewicht nicht mehr zu erreichen, ist nicht neu. Schon 1990 gaben in einer Studie der Universität Oxford 40 Prozent der schwangeren Frauen an, Angst vor einer Gewichtszunahme zu haben. Aber die Aktionsbereitschaft hat sich verändert. Mehr Frauen als früher treffen Maßnahmen - gegen das Schwangerschaftsgewicht. Brenda Broussard, Professorin an der Universität Seattle, kam 2012 in einer Studie mit amerikanischen Probandinnen sogar zu einem höheren Wert von essgestörten Schwangeren als dem, den ihre britischen Kolleginnen ermittelten. Von ihren 54 Studienteilnehmerinnen zeigten 27 Prozent, also beinahe jede Dritte, Verhaltensweisen einer Anorexie, einer Bulimie oder einer Ess-Brech-Sucht.

In Pro-Ana-Foren im Internet, in denen sich Essgestörte zum Weiterhungern animieren, sind inzwischen auch viele erkrankte Schwangere angemeldet. Sie nehmen teil an den üblichen Ritualen der Gruppe, zählen Kalorien, träumen wortreich von einem Leben mit dem Wunschgewicht und geben Kotztipps. Nur ihre Thinspiration-Bilder, also jene Fotos, die besonders dünne Menschen zeigen und, an die Kühlschranktür geklebt, eine »Inspiration« sein sollen, noch weniger zu essen, die sind anders. Sie zeigen ebenfalls ein mit Haut bespanntes Skelett, Elle und Speiche sind klar voneinander zu unterscheiden, Oberschenkel schmaler als das Kniegelenk und die Schlüsselbeine tiefe Kuhlen, nur vorne am Bauch wölbt sich eine kleine kompakte Halbkugel. Das Bild ist eine Fotomontage - wie viele andere digitale Thinspiration-Bilder, denen ganz real hinterhergehungert wird. Keine Frau kann mit so einem Körper leben, und kein Embryo in ihm überleben. Gesunde Menschen sehen das sofort, Kranke sehen das nicht mehr. An Anorexie Leidende etwa entwickeln eine rechtshemisphärische Störung, die ihre Körperwahrnehmung verfälscht. Das Hirn sendet nur noch »fett, fett, fett«, ganz unabhängig von der realen Silhouette.

Eine dünne Schwangere zu sein ist unmöglich. Trotzdem ist das das erklärte Ziel. Auch in Therapieeinrichtungen in Deutschland ist das Krankheitsbild seit ein paar Jahren bekannt. Andreas Schnebel ist Leiter des Münchner Therapiezentrums »Anad«, das in vier Wohngruppen in der Stadt etwa 55 Essgestörte betreut. In seiner Funktion als Vorsitzender des »Bundesfachverbands Essstörungen« trifft er sich einmal im Monat mit Leitern ähnlicher Einrichtungen aus dem ganzen Bundesgebiet, mit Klinikchefs und Therapeuten; also all den Experten, die täglich mit Essgestörten arbeiten. Auch deren Einschätzung ist eindeutig: Schwangere Essgestörte gab es früher kaum. Und wenn, dann nur weil eine akut essgestörte Frau zufällig schwanger wurde.

Erkrankungsbiografien wie die von Louisa Bartel sind neu: Die Symptome beginnen, als Louisa gerade 18 Jahre alt ist. Und sie beginnen in der Familie. Dass Louisa Bartel heute so gut und klar darüber sprechen kann, ist das Ergebnis vieler Sitzungen beim Psychologen. Ihr Vater ist damals viel weg, arbeitet häufig im Ausland, ist nicht immer zu erreichen. Und ihre Mutter, eine ängstliche Frau, ist mit den vier Kindern überfordert, leidet an Depressionen, die sie aber versucht zu verstecken, weil es nicht passt zu dem Bild, das sie sich von sich selbst macht. Ehefrau, Mutter, perfekte Gastgeberin, wenn mal Geschäftspartner zum Essen kommen, witzig, fröhlich, zuversichtlich. Trotzdem spüren die Kinder die Unruhe der Mutter, angesprochen werden darf sie nicht. Wie überhaupt recht wenig angesprochen wird. Nach außen wirkt alles gut, aber innen ist irgendwas kaputt. So empfindet Louisa damals ihre Familie. Sie wird krank. Irgendwann wiegt sie nur noch 38 Kilo bei einer Größe von 1,63 Meter, die Ärzte sprechen nun schon in ihrer Gegenwart von der letzten Option: künstlicher Ernährung. Das wirkt. Sie entwickelt eine Form der Magersucht, mit der sie leben kann, arbeiten, heiraten, eine Familie gründen. Nie ganz gesund, aber auch nicht mehr akut gefährdet. Es ist die Aussicht auf eine Schwangerschaft, die die alte Störung reaktiviert.

Dass diese Rückfälle erst in den vergangenen Jahren vermehrt auftreten, ist kein Zufall. Essstörungen sind erst Ende der Achtziger in Deutschland angekommen; damals wurden die ersten Kliniken gegründet, die ersten Therapieplätze angeboten. Erst seitdem wird die Störung systematisch behandelt und von der Krankenkasse anerkannt. Wer damals ein Teenager war, ist jetzt in dem Alter, Kinder zu kriegen. Die erste Generation von Essgestörten wird schwanger.

Aber es gibt auch andere Erkrankungsmuster: nämlich Neuerkrankungen während der Schwangerschaft und solche, die erst danach entstehen. Und diese seien erst in den vergangenen Jahren vermehrt aufgetreten, so die Beobachtung von Andreas Schnebel und seinen Kollegen aus den anderen Therapieeinrichtungen in Deutschland. Die Inntalklinik, eine auf Essstörungen spezialisierte Einrichtung in Süddeutschland, hat darauf bereits reagiert; vor zwei Jahren hat sie ihr Angebot erweitert und einige Therapieplätze für Mütter mit Säuglingen eingerichtet. »Weil die Zahl der Anfragen mehr und mehr gestiegen ist«, wie der leitende Oberarzt der Klinik, Alexei Tarasov erklärt.

»Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Besonderheiten der Schwangerschaft nicht mehr angenommen werden können«, sagt Schnebel. Nicht nur wegen des vorherrschenden Schönheitsideals, sondern auch, weil alle Menschen, nicht nur Frauen, sich davor fürchteten, die Autonomie über ihren Körper zu verlieren. Ein lustvolles Verhältnis zum eigenen Körper ist seltener geworden. Sport, Ernährung, Sex - alles dient mehr und mehr dem Zweck der Selbstoptimierung oder Selbstbestätigung. Effizienz statt Dekadenz. Beherrschung statt Genuss. Sicherheit statt Zuversicht.

Im Leben von Frauen ließe sich dieses Selbstbild an einem Punkt nicht mehr aufrechterhalten: mit Beginn der Schwangerschaft. Sie ist der totale Kontrollverlust. Jeden Tag verändert sich etwas: Der Bauch wächst, nach vorne, nach den Seiten, plötzlich wächst er nach oben. Der Körper ist kein so belastbares Werkzeug mehr, nichts, was man - wie früher - den Tag über nicht zu beachten braucht. Und sich erst abends zum Sport oder Sex wieder bewusst macht. Ausblenden geht nicht mehr, er fordert den ganzen Tag Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit für seine Auswüchse. Für jede Frau ist diese Veränderung nicht nur wundervoll, sondern auch belastend. Und diese körperliche Belastung wird zur psychischen Belastung wenn »unschwanger aussehen« das Maß ist.

Und es ist nicht die einzige. Schwangere Frauen sind ja Empfängerinnen vieler verschiedener - sich zum Teil widersprechender - Rollenanforderungen. Neben schlank bleiben gilt es ja auch, dem Nachwuchs keine wichtigen Nährstoffe zu verweigern. Sie sollen alle vier Wochen zur Vorsorge bei der Gynäkologin, zur Geburtsvorbereitung, zur Kreißsaal-Führung, zum Beckenboden-Training, sollen Bücher lesen und Zimmer herrichten, nicht ständig in Tränen ausbrechen, sollen bei der Arbeit Bescheid sagen, wann sie wieder arbeiten kommen, sollen Gelder beantragen, Krippenplätze organisieren, nicht blöde rumglucken und immer schön fickbar bleiben. Aber, ganz wichtig, das Wunder annehmen, sich auch mal fallen lassen, die Weiblichkeit umarmen und ständig in sich reinhören. Eine liebevolle Mutter werden eben.

»Für Frauen mit größerem Kontrollbedürfnis ist diese Mischung dann krankheitsauslösend«, sagt Schnebel. Die Essstörung gibt den Erkrankten das Gefühl, eine Sache kontrollieren zu können. Wenigstens eine. Auch wenn es zynisch klingt: In diesem Katalog von Anforderungen scheint der Körper noch der überschaubarste Ansatzpunkt zu sein. Im Vergleich zum Rest fast wieder einfach zu beherrschen.

Louisa Bartel hat inzwischen eine Tochter auf die Welt gebracht. Sie hat nach dem positiven Ergebnis des Schwangerschaftstests gleich wieder Kontakt zu ihrem Therapeuten von früher aufgenommen, ihre Ängste und Sorgen mit ihrem Mann geteilt, die Gynäkologin eingeweiht und dann versucht so entspannt wie möglich zu bleiben. Das gelingt nicht immer: Es gibt Phasen, in denen der Bauch absurd stark zu wachsen scheint und noch weiter wächst, obwohl sie schon ganze Mahlzeiten streicht. Das macht sie nervös, die Panik kommt zurück. Aber im Herbst kommt ihre Tochter zur Welt, ist nicht zu klein, kerngesund. Zur Nachsorge geht Louisa Bartel weiter regelmäßig in Gesprächsgruppen. Sie möchte die Beschäftigung mit Essen und Gewicht endlich ganz loswerden. Schon allein für ihre Tochter. »Was für eine Mutter will denn so ein Vorbild sein?«

Illustrationen: Alessandro Gottardo

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