Kirsche küsst Banane

Helmut Kohl und Heroin Chic, die Love Parade und der Vertrag von Maastricht: In den Neunzigern gab es Kombinationen, die scheinbar nicht zusammenpassten. Der KiBa beweist: Das Konzept Gegensatz funktioniert.

Der KiBa: Für unsere Autorin ein Kind der 90er.

Jede Zeit hat ihre Retrowelle. Gerade sind die Neunzigerjahre dran. Plateauschuhe, Eurodance, übergroße Shirts, Tamagotchis – fast alles ist wieder da, selbst die Spice Girls. Ich kann diese Faszination nachvollziehen. Zum einen, weil ich in den Neunzigern jung war und mich beim Anblick von Jugendlichen in Bomberjacken und Riesen­pullis jedes Mal fühle, als sei ich wieder auf dem Weg zur Erstsemester-Party. Zum anderen, weil die Neunzigerjahre einfach ein großartiges Jahrzehnt waren. Das begann ja, wie der Autor Joachim Hentschel in seinem Buch Zu geil für diese Welt. Die 90er – Euphorie und Drama eines Jahrzehnts feststellte, bereits 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer, in dem Moment, als Grenzen plötzlich keine mehr waren. Und die Grenzenlosigkeit zum Lebensgefühl einer Generation werden konnte.

Ich habe damals ständig KiBa getrunken. Wenige Ge­tränke waren so angesagt wie dieser Mix aus Kirsch- und Bananensaft. Auf den ersten Blick ist nichts an dieser Kombination zwingend. Bananensaft schmeckt süß und fad, Kirschsaft kommt gern am Theater zum Einsatz, um Kunstblut herzustellen. Doch sobald man die beiden mischt, wird es interessant. Der Sinn eines Mixgetränks ist ja, dass sich alles ineinanderfügt und man am Ende nicht merkt, woraus es besteht. Bei der KiBa aber gießt man den hellen Saft so auf den dunklen, dass die Schlieren bestehen bleiben und immer wieder neue Muster ergeben. Gibt es einen besseren Drink für eine Zeit, in der zusammenkam, was nicht unbedingt zusammengehörte? Helmut Kohl und Heroin Chic, die Love Parade und der Vertrag von Maastricht, Netz-Shirts und die Anfänge des Internets, Ecstasy und das Ende der Geschichte, Doc Martens und Heike Makatsch. Es war die Zeit, in der sich eine alte Weltordnung auflöste und die neue noch nicht festgelegt war, eine ganze Generation durfte sich fühlen, als beträte sie eine Tanzfläche.

Man kann die KiBa natürlich symbolisch aufladen und darin auch das Aufeinandertreffen von Gegensätzen erkennen, von Süß und Sauer, Hell und Dunkel, Ost und West, eine knallpinke Metapher für das Diffundieren von Systemen, von denen sich das kräftigere durchsetzt. Für mich wird der Kirsch-Bananen-Saft immer das Getränk des unbeschwerten Ausprobierens bleiben, der Signature Drink einer Epoche, in der man Unterschiede auf Technopartys weg-tanzen konnte und der große Knall, der am 11. September 2001 die Neunziger endgültig beendete, weit genug weg war.

Ich habe in den vergangenen Tagen immer mal wieder versucht, in Berlin eine KiBa zu trinken. Um mich an das Gefühl im Mund zu erinnern und daran, wie sich Farben und Geschmack beim Trinken verändern, je nachdem, wo man den Strohhalm ansetzt. Um die Neunzigerjahre in die Gegenwart zu holen und auch das eigene Jungsein. Die Lokale in Berlin, in denen ich war, hatten sie nicht auf der Karte. Die wissen wohl noch nicht, dass die KiBa zurückkommen soll.