Heute hip, morgen hop

Jason Derulo singt sonst über Sex und Hintern. Sein neuer Song »Want To Want Me« ist hingegen an Biederkeit kaum zu übertreffen. Das Erstaunliche ist: Je krasser der Mann seinen Stil wechselt, desto erfolgreicher wird er.

Muss man sich bitte mal vorstellen: Für seinen letzten Hit stand dieser Mann mit einer Spielzeugflöte und einer Erdnusstüte im Tonstudio. Das Flöten und das Tütenknistern bearbeitete Jason Derulo so lange, bis er einen der ehrgeizigsten Hip-Hop-Beats des vergangenen Jahres hatte: »Wiggle« mit Gastauftritt von Snoop Dogg, eine walzende, schwer versaute Ode an den weiblichen Hintern. Ein Riesenhit.

Nun ist der Nachfolger da, ebenfalls ein Hit, aber man käme von allein nie auf die Idee, dass er vom selben Künstler ist. »Want To Want Me« startet mit einem schmissigen Disco-Beat und einem sehr üblichen Bollerbass. Dann setzt ein ebenfalls sehr übliches Eighties-Synthie ein. Und drüber säuselt eine Kopfstimme: »Just the thought of you / gets me soooo high«. Eigentlich kann man da schon abschalten.

Jason Derulo liefert hier einen Kaugummi-Popsong, den man in einer halben Minute komplett durchschaut. So stromlinienförmig, dass ihn genauso gut Shania Twain oder Maroon 5 singen könnten. Und mit einem Text aus verklemmten Liebesphrasen, die sogar Andreas Bourani zu abgegriffen wären.

Es gibt nun freilich schlimmeres als ein erfolgreiches Liedchen mit miesem Text auf Englisch (zum Beispiel ein erfolgreiches Liedchen mit miesem Text von Andreas Bourani). Aber der Wandel ist interessant. Weil Jason Derulo, ein 25-Jähriger aus Florida, nicht irgendein Typ mit Plattenvertrag ist, der halt nur so gut ist wie die Leute, die ihm die Songs schreiben. Jason Desrouleaux, wie er eigentlich heißt, hat Musik studiert, er ist der Songwriter seiner eigenen Songs. Und das neue, vierte Album ist voller großer bis sehr großer Ideen. Wenn er sich nach »Wiggle« nun also für diese biedere Antenne-Bayern-Nummer als Single entschieden hat, dann nicht, weil er gerade nichts anderes zur Hand hatte.

Hat man ihm dazu geraten? Wäre gewagt, aber nicht unklug, nach dem schwer zeitgemäßen, aber auch schwer schweinischen »Wiggle« erst mal eine jugendfreie Kaugummi-Nummer nachzulegen. Vielleicht wollte der Mann auch einfach zeigen, dass er es kann - zwischen zwei Single-Auskopplungen mal eben die Musikrichtung wechseln. Und dabei nicht stolpern, was ja sonst kaum jemand schafft. Jason Derulo gelingt nicht nur das, er wird auch noch immer erfolgreicher: In Deutschland ist »Want To Want Me« diese Woche auf Platz 2 der Single-Charts, höher als es »Wiggle« je geschafft hat. Wenn ihn der Erfolg anspornt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Derulo mit Country oder Death Metal die Charts anführt.

Erinnert an: 8:45 Uhr bei »Guten Morgen Bayern«
Wer kauft das: Alle, denen die letzte Single von Jason Derulo zu sexuell war.
Was dem Lied gut tun würde: Eine Kante, ein Knick, und sei es das Geräusch einer Erdnusstüte!

Foto: Getty Images