Ein Mann sieht schwarz

Niemanden hat das CSU-Wahldebakel so zerstört wie Erwin Huber. Wie macht einer weiter, der plötzlich vor den Trümmern seiner Karriere steht?

Es ist der traurigste Tag im politischen Leben des Erwin Huber. Er sitzt am Glastisch seines Ministerbüros in München und ist kaum mehr wiederzuerkennen. Mit ruhiger Stimme und voller Demut formuliert er Sätze wie: »Im Leben des Menschen sind das Scheitern und der Misserfolg angelegt. Ich habe mein Bestes gegeben, aber es hat nicht gereicht.« Oder: »Ich wundere mich, warum ich mit diesem Charakterkostüm so weit gekommen bin.« Es ist derselbe Erwin Huber, der für seine Arroganz und Rechthaberei gefürchtet war. Der Minister, der 2003 gegen alle Widerstände eine Verwaltungsreform durchboxte und dabei gesagt haben soll: »Wer den Sumpf trockenlegen will, darf nicht die Frösche fragen.« Der Mann aus Niederbayern, der unter Stress so zu nuscheln anfing, dass er ganze Silben verschluckte.

Jetzt sieht Huber nur noch müde und fertig aus. In der Nacht zuvor ist die letzte Hoffnung geschwunden, dass seine politische Karriere vielleicht doch irgendwie weitergehen könnte. Wenn schon nicht als CSU-Parteivorsitzender oder Kabinettsmitglied, dann wenigstens als Fraktionschef im Landtag. Doch der Amtsinhaber Georg Schmid hat sich geweigert, auf seinen Posten zugunsten von Huber zu verzichten. Es bleiben ihm noch sechs Stunden, dann wird sein Nachfolger als Finanzminister vereidigt. Dann ist es aus für Erwin Huber. Nach der Wahlniederlage im September ist der Parteichef so brutal gestürzt wie kaum ein anderer in der CSU. Um den Erwin müsse man sich jetzt ernsthaft Sorgen machen, sagen Menschen, die ihn gut kennen. Denn Huber ist nicht nur mit seiner politischen Laufbahn am Ende angelangt, sondern auch mit seinem Lebenskonzept, das vor allem aus Leistung und Dienen bestand. Selbstaufgabe hat er zum Prinzip erhoben. Oder wie er es ausdrückt: »Ich habe mich in die Pflicht nehmen lassen.«

Andere CSU-Politiker haben ihren Abschied von der Macht offensichtlich besser verkraftet: Der frühere Landtagspräsident Alois Glück hat endlich Zeit fürs Bergsteigen und lernt nebenbei, wie man ohne eigenen Fahrer auskommt und sich in München mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegt. Edmund Stoiber sitzt im Aufsichtsrat des FC Bayern und soll für die EU die Bürokratie in Brüssel abbauen. Günther Beckstein holt nach seinem Rücktritt als Ministerpräsident die Urlaubsreisen nach, die er schon vor zwei Jahren unternehmen wollte – erst Gran Canaria, dann Tibet, später vielleicht Ägypten. Huber sagt, er wolle jetzt erst einmal lieber keinen Urlaub machen, weil er da nur ins Grübeln komme.

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Ihn traf sein Karriereende völlig unvorbereitet. Schließlich ist es erst ein Jahr her, dass er sich bis an die Spitze der CSU hinaufgedient hatte. Er war voller Pläne und guter Absichten: Die CSU werde mit ihm als neuem Vorsitzenden endlich wieder diskutieren, kündigte er an. In Berlin wolle er für die Partei den verloren Einfluss wieder zurückgewinnen.

Nichts davon sollte ihm gelingen. Im Februar meldet die Bayerische Landesbank Milliardenverluste, die Huber als Finanzminister rechtfertigen muss – was ihm nicht ansatzweise gelingt. Im März folgt die Kommunalwahl, bei der die CSU bereits 5,5 Prozentpunkte einbüßt. Er kämpft für die Wiedereinführung der Pendlerpauschale und ruft einen Kreuzzug gegen die Linken aus, doch die Umfragewerte der CSU fallen weiter. Am Wahlsonntag Ende September um 16 Uhr hält er die ersten Prognosen in den Händen: nur 43,4 Prozent für die CSU. Da weiß er: Es ist vorbei. Zwei Tage später erklärt er seinen Rücktritt vom Parteivorsitz. Auch als Finanzminister muss er abtreten, nachdem bekannt wird, dass bei der Bayerischen Landesbank ein Loch von 6,2 Milliarden Euro klafft. Dabei trage er weder moralische noch strafrechtliche Schuld für die Bankmisere, beteuert Huber, der sich am Ende zum alleinigen Sündenbock abgestempelt sieht. Nun ist Erwin Huber 62 Jahre alt und steht vor den Trümmern seiner politischen Existenz sowie vor der Frage, wie seine Zukunft aussehen soll.

Der Aufstieg und Fall des Erwin Huber ist auch die Geschichte vom Aufstieg und Fall der CSU. Wer sie verstehen will, der muss ganz vorn anfangen: Am 26. Juli 1946, als Erwin Huber als uneheliches Kind im niederbayerischen Reisbach geboren wurde. Seinen Vater hat er nie kennengelernt. Dafür aber die »Würde der Armut«, wie er es nennt. Die Mutter schlug sich als Näherin und Landarbeiterin durch. Die ersten Lebensjahre verbrachte er auf dem Bauernhof seines Onkels, der eine einzige Kuh im Stall stehen hatte. Als strenge, aber liebevolle Frau hat Huber seine Mutter in Erinnerung. Er gab sich alle Mühe, ein guter Sohn zu sein: erst Ministrant, dann Oberministrant, Klassenbester, Realschulabschluss in Dingolfing mit der Note 1,18. Danach absolvierte er die Steuerfachschule – als Bester, was sonst. Platzziffer 1 in Bayern.

Später studierte er Volkswirtschaft. »Die Mutter«, sagt er, »war sehr stolz auf mich.« Für den Erwin aus Reisbach ging es nur nach oben, und ein simpler Reim aus dem Englischbuch sollte für ihn zum Motto seines Lebens werden: »Good, better, best, never let us rest, til our good gets better and our better gets best!« Erwin Huber sagt den Spruch immer wieder auf, wenn er zu beschreiben versucht, was ihn antreibt. Er lächelt dazu. Selbst an diesem letzten Tag in seinem Büro, als er Rückschau hält und ihm nichts mehr so sicher und festgefügt erscheint, wie es einmal war. Nein, eine Karriereplanung habe er nie betrieben, versichert er, sondern immer versucht, die beste Leistung zu erbringen, egal an welcher Stelle. Nur gut zu sein, das hat Erwin Huber nie gereicht.

Seine persönlichen Ambitionen aber konnte er nie wirklich durchsetzen. Eine Schwäche sei das, bekennt er und schlägt damit ein weiteres Kapitel seines Werdegangs im System von Staat und Partei auf: das des Dieners. Er selbst hat sich auf erstaunliche Weise stets für klein und vergleichsweise unbedeutend gehalten – sogar als er auf der Karriereleiter bereits weit nach oben gekommen war. Irgendwann in den Neunzigerjahren rief ihn der damalige CSU-Parteichef Theo Waigel an und eröffnete ihm seine Zukunftsperspektiven: »Der Finanzminister muss her für dich«, sagte Waigel am Telefon. Huber, damals schon Generalsekretär der Partei, reagierte nicht etwa erfreut, sondern erschrak. »Das erschien mir zu kühn«, erinnert er sich. Minister? Ministerpräsident? Parteivorsitzender? Undenkbar für den Erwin aus Reisbach, dessen Lebensinhalt es war, es anderen recht zu machen und sich selbst zurückzunehmen, dabei aber immer der Beste zu sein.

Seine demütige Haltung steht in keinem Verhältnis zur Machtfülle, die Erwin Huber im Laufe der Jahre angesammelt hat. Macht – das Wort mag er nicht, weil es durch die deutsche Vergangenheit belastet sei. Lieber spricht er von »Einfluss«. In seiner Familie habe es keine Chefs gegeben, sagt Huber. Vielleicht hat er sich auch gerade deshalb immer Menschen gesucht, nach denen er sich richten konnte. In seiner Zeit als CSU-Generalsekretär war es Parteichef Waigel, später Ministerpräsident Edmund Stoiber. Für Stoiber blieb Huber stets die wichtigste Stütze: intel-ligent, vielseitig, belastbar und vor allem unbegrenzt loyal. So waren Stoibers beste Jahre auch Hubers beste Jahre. »Er war der perfekte zweite Mann«, beschreibt ihn ein ehemaliger Minister.

Als Staatskanzleichef baute Huber die Regierungszentrale am Münchner Hofgarten zwischen 1998 und 2005 zu einem Machtzentrum aus, wie es Bayern nach dem Krieg nicht gekannt hatte: Den uneingeschränkten Herrschern Stoiber und Huber trauten sich in der CSU nur noch wenige zu widersprechen. Die beiden regierten effizient, aber immer rücksichtsloser. Tausende gingen in Bayern gegen die Sparpolitik auf die Straße. Kabinettsmitglieder klagten, die Staatskanzlei mische sich zu sehr in die Arbeit der Ministerien ein. In Bayern schien es nur noch eine Wahrheit zu geben: die der CSU und der allmächtigen Staatskanzlei. Zweifel am Regierungskurs galten als Ausdruck der politischen Ignoranz und Dummheit. Nie war die Diskrepanz größer zwischen dem im Grunde liebenswürdigen Menschen Erwin Huber und seiner Rolle als Vollstrecker, die er für Stoiber spielte.

Es war auch der Beginn seines Abstiegs. In diesen so erfolgreichen Jahren verlor sich Huber zwischen Reisbach, München und Berlin, zwischen Schaltkonferenzen der Unionsspitze und rastlosen Reisen durchs Land. »Never let us rest« – Huber war überall und nirgendwo. Schon damals beschlich ihn das Gefühl, dass Politik auch eine Droge ist. Er konnte nicht genug kriegen von der Anerkennung, die ihm entgegenschlug, wenn er in seiner Heimat Niederbayern auftrat. Je weiter weg von München, desto tiefer wurden die Verbeugungen der CSU-Funktionäre vor dem Herrn Staatsminister. »Der Aktionismus ist eine große Gefahr«, sagt er heute. »Es gibt einem das oberflächliche Gefühl, dass man was bewegt. Ich war dem über lange Zeit heillos verfallen.«

Als Huber 2005 das bayerische Wirtschaftsministerium übernahm und damit endlich aus dem Schatten Stoibers treten wollte, stieß er erstmals an seine Grenzen: Der ewige Diener tat sich mit dem Herrschen sichtlich schwer. Sosehr er sich bemühte, als Wirtschaftsminister war Huber nur noch mittelmäßig – und damit weit entfernt von seinen rigorosen Ansprüchen an sich selbst, die sich seit der Schulzeit nicht mehr geändert hatten. Seine ganze Hilflosigkeit demonstrierte Huber, als die Handy-Sparte von BenQ-Siemens im Oktober 2006 vor der Pleite stand: Der Minister hielt sein eigenes Mobiltelefon in die Kamera und bat die Nation um einen Solidaritätskauf.

Sein Jahr als CSU-Vorsitzender war nur das Ende eines Irrwegs. Als Huber ganz oben angekommen war, als plötzlich keiner mehr über ihm stand, da musste er fast zwangsläufig scheitern. »Dir fehlt das Machtgen«, beschieden ihm Parteifreunde. Er habe Politik aus Idealismus betrieben, aber nicht aus dem Wunsch nach Macht heraus, rechtfertigt sich Huber. »In meiner Lebensbilanz sind schon ein paar Leuchttürme drin. Ich habe was aus meinen Gaben gemacht.« Aber seine beste Rede hielt er ausgerechnet auf dem CSU-Sonderparteitag, auf dem er sein Amt als Parteichef an Horst Seehofer abgab: »Mut zur eigenen Entscheidung darf nicht überschnappen in Übermut, und schon gar nicht in Hochmut«, sagte er darin über sich. So hat am Schluss der Diener Erwin Huber doch noch seine Größe gezeigt – indem er seine Fehler und sein Scheitern eingestand.

Und was jetzt? Das fragt er sich auch. Der eigentliche Schmerz, das fürchtet er, der werde vielleicht erst noch kommen. Ihm bleiben noch fünf Jahre als Landtagsabgeordneter und Sprecher des Wirtschaftsausschusses, einer von zwölf Ausschüssen des Bayerischen Landtags. Das ist ziemlich wenig für einen Mann, der es gewohnt ist, Entscheidungen im Minutentakt zu treffen und dauernd im Mittelpunkt zu stehen. Aber es sei doch besser, als in ein Loch zu fallen, sagt er. Deshalb werde er sich nun wieder um seinen Stimmkreis Dingolfing kümmern. Die Karriere des treuen Dieners Erwin Huber endet, wo sie vor dreißig Jahren angefangen hat.

EIN LEBEN FÜR DIE PARTEI
Am 26.7.1946 wird Erwin Huber in Niederbayern geboren. Er studiert Volkswirtschaft in München und zieht 1978 in den Landtag ein.
1988 wird er Generalsekretär der CSU. Von 1994 bis 2005 leitet er mit dreijähriger Unterbrechung die Staatskanzlei. 2005 übernimmt er das Amt des Wirtschaftsministers, 2007 wechselt er ins Finanzministerium.
Zur gleichen Zeit beerbt er Edmund Stoiber als Parteivorsitzenden der CSU. Von beiden Ämtern tritt Huber im Oktober 2008 zurück.

Foto: ddp, dpa

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