»So ein Gefühl von absolutem Kontrollverlust habe ich vorher noch nie erlebt«

Flávia aus Rio und Robin aus Düsseldorf waren wegen der Corona-Reisebeschränkungen monatelang getrennt. Sie haben dafür gekämpft, sich wiedersehen zu können – und dabei einiges über die Liebe gelernt.

Flávia (27) aus Rio und Robin (33) aus Düsseldorf lernten sich auf einer Party in Rio kennen, dann kam Corona, und vergangene Woche haben sie geheiratet. 

Foto: privat

Robin:
Ich habe Flávia im November 2019 auf einer privaten Feier in Rio kennengelernt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich habe noch nie eine Person getroffen, die mich so sehr begeistert und inspiriert. Flávia hat ein riesiges Herz, gepaart mit einer sehr gesunden Portion Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit, und sie hat die Fähigkeit, mir eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit zu schenken. Wir können gemeinsam stundenlang philosophieren, aber auch schweigend füreinander da sein. Wir lachen unglaublich viel zusammen, unterstützen uns aber gerade auch in ernsten Situation. Ich könnte die Liste unendlich so weiterführen.

Nach einer kurzen gemeinsamen Zeit miteinander und meiner Abreise haben wir jeden Tag telefoniert, und als ich im Januar wieder hingeflogen bin, hatte ich den Heiratsantrag im Gepäck. Die Gewissheit, den Menschen getroffen zu haben, mit dem ich mein Leben verbringen möchte, war so wohltuend, dass die Entscheidung für den Antrag sehr schnell gefallen ist. Flávia hat sofort ja gesagt und wir haben beschlossen, dass sie Mitte des Jahres zu mir nach Deutschland zieht und wir im Spätsommer 2020 heiraten.

Im März wollte Flávia zu mir kommen, damit wir unsere Hochzeit und die gemeinsame Zukunft planen können. Genau eine Woche vor ihrem Abflug wurden jedoch die Reisebeschränkungen wegen der Corona-Pandemie verhängt. Wir haben noch versucht, den Flug umzubuchen, aber es ging nicht mehr. Es gab Ausnahmen für »essenzielle Reisen«, aber für unverheiratete Paare galten die nicht. Es war ein totaler Schock, so ein Gefühl von absolutem Kontrollverlust habe ich vorher noch nie erlebt. Wir dachten erst, es würde vielleicht einen Monat oder zwei so bleiben, und letztlich hat es mehr als ein halbes Jahr gedauert, bis wir uns wiedersehen konnten.

Wir haben in dieser Zeit, jeden Tag mehrere Stunden gefacetimed, gemeinsam Musik gehört, uns beim Kochen oder Zähneputzen zugeschaut, mit der Familie Schabernack getrieben und uns immer einen guten Morgen und eine gute Nacht gewünscht. Natürlich hat das alles den direkten und körperlichen Kontakt nicht ersetzen können, aber unsere emotionale Bindung hat es noch verstärkt. Zu Ostern beispielsweise habe ich für meine gesamte Familie ein Skript auf Portugiesisch geschrieben und sie es auswendig lernen lassen, sodass wir Flávias Familie einen Ostergruß per Video schicken konnten. Da gab es sogar ein paar Freudentränen.

Ich wusste, dass wir nicht die einzigen in dieser Situation sind. Darum habe ich Anfang Juni beschlossen, eine Online-Petition mit dem Titel »Love Is Essential« an Ylva Johansson, die EU-Kommissarin für Inneres, zu richten. Darin habe ich gefordert, dass sich trotz der Reisebeschränkungen auch unverheiratete Paare und alle Familien sehen können, die in verschiedenen Ländern leben. Mehr als 35 000 Menschen haben bislang bislang unterschrieben! Die Online-Kampagne »Love Is Not Tourism« ist parallel dazu entstanden: Weltweit haben unzählige Menschen, die

Dadurch ist eine tolle Community gewachsen, die für uns eine große Stütze war. Flávia hat in Brasilien mitgearbeitet, und obwohl die Zeit der Trennung hart für uns war, hatten wir dadurch gar nicht so viel Zeit, traurig zu sein. Trotzdem gab es natürlich Momente, in denen wir extrem frustriert waren. Für mich war es vor allem schlimm, wenn es Flávia nicht gut ging und ich sie nicht in den Arm nehmen konnte. Gleichzeitig gab es aber viele Fälle, die deutlich schlimmer waren als unserer. Ein Beispiel sind die Dutzenden, wenn nicht hunderten Geschichten von Vätern, die bei der Geburt ihrer Babys nicht dabei sein konnten und von Müttern, die ihre Neugeborenen über mehrere Monate alleine großziehen mussten. Diese Geschichten und unzählige weitere Horror-Stories haben uns angetrieben, den eigenen Frust wegzustecken und noch stärker für die weltweite Bewegung zu kämpfen.

Im Juli haben wir über Mitstreiter in der Facebook-Gruppe von »Love Is Not Tourism« erfahren, dass man von überall nach Großbritannien einreisen kann, wenn man anschließend zwei Wochen in Quarantäne geht. Weil man dadurch im EU-Raum ist – trotz Brexit gelten die EU-Einreisebestimmungen noch bis Ende 2020 – konnte man anschließend weiter nach Deutschland reisen. Wir haben beschlossen, diese Möglichkeit zu nutzen. Viele, die die finanziellen Mittel und die Zeit dafür hatten, haben das getan. Soweit ich weiß, ist die

Als Flávia Anfang August endlich unterwegs nach London war, hatte ich trotzdem Angst, dass sie nicht einreisen darf. Als sie dann am Flughafen auf mich zu gerannt kam, war das ein unvergessliches Gefühl! Ich war so erleichtert und habe mich so befreit gefühlt, als hätte ich gerade eine sehr wichtige Prüfung bestanden. Und als ich Flávia in meine Arme genommen habe, hat sich mein ganzer Körper total entspannt. Bis zu dem Moment hatte ich gar nicht gemerkt, wie angespannt ich die ganze Zeit war.

Die zwei Wochen in Quarantäne in London sind dann wie im Flug vergangen. Es war wie Urlaub, obwohl ich arbeiten musste und es draußen 37 Grad hatte. Aber wir haben uns gemeinsam eine gute Zeit gemacht und uns auch gegenseitig Raum gelassen. Bei der Einreise nach Deutschland mussten wir belegen, dass wir eine dauerhafte Beziehung führen. Ein Bundespolizist hat uns gebeten, gemeinsame Fotos von uns zu zeigen. Es war ein komisches Gefühl, dort das eigene Privatleben herzeigen zu müssen, und

Wir haben in diesem Jahr drei verschiedene Arten von Liebe kennengelernt. Erstens: Die Liebe zwischen uns, die immer größer geworden ist, wie in der englischen Redewendung: »Distance makes the heart grow fonder«. Zweitens: Die Liebe und Solidarität aus der weltweiten »Love Is Not Tourism«-Community. Wir haben gemeinsam viel erreicht, im November wurde in Deutschland endlich eine Reise-Ausnahme für alle Paare eingeführt. Einigen hilft aber leider auch das nicht, weil sie Visa brauchen, die in vielen Ländern aktuell nicht ausgestellt werden. Ich fühle sehr mit ihnen. Und Drittens: Selbstliebe. Ich habe jeden Tag geschaut, was mir Freude macht, wenn Flávia, die mich so glücklich macht, nicht bei mir sein konnte.

Im November, auf den Tag ein Jahr, nachdem wir uns kennengelernt haben, haben Flávia und ich in Düsseldorf geheiratet. Ihre Eltern und ihre Schwester durften dafür einreisen und unter den aktuellen Umständen hatten wir die beste Hochzeit, die man sich wünschen kann. 2022, wenn die Pandemie hoffentlich endgültig vorbei ist, werden wir eine richtig große Party mit allen Freunden und der ganzen Familie feiern.

Flávia:
Schon als ich Robin das erste Mal getroffen habe, wusste ich: Er ist der Richtige. Ich habe sein strahlendes Lächeln und seine umwerfende Ausstrahlung sofort geliebt. Und da war etwas in seinen Augen, das meine Seele berührt hat.

Mit Robin fühle ich absolute Harmonie. Schon beim ersten Treffen hat es mich beeindruckt, wie ehrlich

Als im März plötzlich die deutschen und die brasilianischen Grenzen geschlossen wurden, dachte ich nur: »Oh mein Gott, wann kann ich ihn wiedersehen?« Jeden Tag nach dem Aufstehen habe ich als erstes die Nachrichten gecheckt, ob sich etwas verändert hat. Denn für mich stand fest: In der Sekunde, in dem Reisen wieder möglich wäre, würde ich ein Ticket kaufen und nach Deutschland fliegen.

Als Robin im Juni die Petition gestartet und sie mir geschickt hat, musste ich weinen. Das war einfach die schönste Geste, die man sich nur vorstellen kann. Ich habe die Petition allen meinen Freunden geschickt, meiner gesamten Familie, habe sie online überall geteilt, alles getan, damit möglichst viele Menschen unterschreiben. Schließlich haben wir gemerkt, dass wir damit wirklich etwas bewirken.

Wir haben in dieser Zeit von sehr vielen verschiedenen Fällen erfahren: Familien, die getrennt waren, Menschen, die krank sind, aber ihre Partner nicht bei sich haben konnten. Dadurch haben Robin und ich gemerkt, wie gut wir es haben: Wir sind beide noch jung, wir haben noch unser ganzes gemeinsames Leben vor uns, was sind da schon ein paar Monate? Ich habe auch viele Brasilianer und Brasilianerinnen kennengelernt, die in derselben Lage waren wie ich. Das hat mir sehr geholfen, weil ich dadurch weniger alleine war. Ich wusste aber auch, dass nicht alle von ihnen die Möglichkeit haben würden, ins Ausland zu reisen, sobald es wieder erlaubt ist.

Als ich Brasilien im August verlasse habe, habe ich mir Sorgen gemacht. Ich dachte daran, wie

Natürlich war das ein großer Schritt und der Umzug auf einen neuen Kontinent stellt mich auch vor Herausforderungen. Obwohl alle um mich herum sehr gut Englisch sprechen, möchte ich so schnell wie möglich Deutsch lernen, um beruflich und sozial auf eigenen Füßen stehen zu können. Ich habe nun bald das Sprachniveau A2 erreicht und auch wenn man in diesem Stadium normale Gespräche führen kann. muss man Abstriche bei der Verbindung zum Gegenüber machen. Das ist nicht immer leicht zu ertragen. Aber es ist der beste Weg, um die Sprache zu lernen.

Und dann sind da noch die »Saudades«: Alle Brasilianer und jeder, der Portugiesisch spricht, wird verstehen, was gemeint ist. »Saudades« meint ein besonderes Gefühl der Nostalgie und des Vermissens. Ich vermisse alle meine Lieben sehr, aber wir facetimen jeden Tag. Wenn die Welt wieder normal ist, werden Robin und ich sie so oft besuchen, wie es geht. Robin hat mir schon vor meinem Umzug genug Sicherheit gegeben, um mein altes Leben hinter mir zu lassen, indem er mich nach meinen Erwartungen, Gefühlen und Sorgen gefragt hat. Auch heute sprechen wir noch viel über unsere gegenwärtige Situation und die Zukunft.

In der Zeit, in der wir getrennt waren, habe ich gelernt, dass in einer Fernbeziehung vor allem zwei Eigenschaften sehr wichtig sind: Geduld und Vertrauen. Du musst lernen, zu warten, und mit der Distanz zurecht zu kommen. Du musst verinnerlichen, dass Liebe mehr ist als körperliche Berührung, und dass es sehr wichtig ist, dass man als Paar gut miteinander reden kann. Denn der andere kann nun mal leider nicht in zehn Minuten da sein, wenn du dir das wünschst, sondern ist mehrere Stunden entfernt – in meinem Fall waren es elf Stunden mit dem Flugzeug.

Es war zeitweise sehr hart, keine Kontrolle über die Situation zu haben. Die Pandemie ist etwas, das nicht nur Deutschland und Brasilien betrifft, sondern die ganze Welt. Niemand weiß genau, wann es endet, und ich wusste lange nicht, wann ich meinen geliebten Menschen wiedersehen kann. Aber ich habe das Warten überstanden. Weil ich wusste, dass ich auf das Beste warte, was mir je passieren wird.

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