»Ich gehe für die Liebe nach Deutschland«

Marko kam als Expat nach Shanghai und hat sich dort in Tincle verliebt. Nun wird sie mit ihm nach Regensburg ziehen, obwohl sie eine eigene Firma und zwei Kinder in China hat. Die beiden erzählen, wie sie sich ein Leben aufbauen wollen, das beiden gerecht wird.

Tincle (45) und Marko (42) sprechen Englisch miteinander, seit ein paar Monaten lernt sie aber auch Deutsch. »Wahrscheinlich ist am Ende gar nicht ihr Deutsch das Problem, sondern mein bayerischer Dialekt!«, sagt Marko.

Foto: privat

Marko: Tincle und ich haben uns über Tinder kennengelernt. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon etwa zwei Jahre in Shanghai – ich arbeite hier für einen deutschen Automobilzulieferer. Zum ersten Mal getroffen haben wir uns in einem Restaurant, das nicht weit weg ist von dem Haus, in dem wir jetzt leben.

Tincle: Als Marko auf mich zugekommen ist, dachte ich: Aha, das ist ein ziemlich selbstbewusster, fast schon arroganter Deutscher. Er hat mich gleich ganz selbstverständlich umarmt. Manchen Leuten würde das nicht gefallen, aber auf mich hat es einen guten ersten Eindruck gemacht, weil ich gespürt habe, dass er authentisch und solide ist. Frauen haben da mehr oder weniger einen sechsten Sinn bei Männern.

Marko: Wir haben uns lange unterhalten, wir hatten ja auch einige gemeinsame Themen – die Kinder zum Beispiel. Ich habe zwei Töchter aus einer anderen Beziehung, die jüngere ist 14, die ältere 17. Tincle hat zwei Kids, die etwas älter sind. Als Eltern haben wir ähnliche Sorgen. An Tincle fand ich toll, dass sie voll im Leben steht: Sie ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau mit einer eigenen Projektmanagementfirma. Man kann sich toll mit ihr unterhalten. Ihr früherer Partner ist verstorben. Dadurch weiß sie zu schätzen, was wirklich wichtig ist – und das ist nicht das Materielle. Nach unserem ersten Date haben Tincle und ich uns öfter gesehen, viel geschrieben, telefoniert. Und nach ein, zwei Monaten wussten wir: Das ist was Ernstes. Einmal im Jahr veranstaltet die Handelskammer in Shanghai einen Ball, den German Ball. Da habe ich Tincle gebeten, mich zu begleiten. Und auf dem Ball habe ich sie gefragt, ob wir die Zukunft gemeinsam gehen wollen. Seit dem 11. November 2017 sind wir offiziell zusammen, im Juni darauf bin ich in ihr Haus gezogen.

Tincle: Eine internationale Beziehung kann herausfordernd sein, aber auch mitfühlend. Der Kulturunterschied ist immer ein Hindernis. Die politischen Systeme in China und in Deutschland sind sehr unterschiedlich, Bildung funktioniert anders, wir schauen sogar andere Fernsehsendungen. Vor allem am Anfang, als wir zusammengezogen sind, hatten Marko und ich viele Differenzen: Wir mögen ganz unterschiedliches Essen, haben unterschiedliche politische Ansichten. Zum Besipiel haben wir andere Meinung dazu, was eine gute Regierung ausmacht.  Und meiner Erfahrung nach können wir uns nicht bei jedem Thema einig werden. Aber wir verstehen uns immer besser, je weiter unsere Beziehung wächst.

Dass Marko zurück nach Deutschland geht, war immer ein Thema. Am Anfang war es mir nicht so bewusst, aber im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass er in

Marko: Ich habe nie an einem Ort gearbeitet und gewohnt, sondern bin immer viel rumgereist. Als die Schwesterfirma meines Unternehmens hier in China eine Stelle zu besetzen hatte, habe ich mich gleich beworben. Es war aber klar, dass meine Kids in Deutschland bleiben würden, bei ihrer Mum, von der ich damals schon zwei Jahre getrennt war. Ich wollte nicht, dass sie mitkommen, weil das für sie eine extreme Veränderung gewesen wäre. Und sie wollten auch selbst gar nicht mit, sie haben ihre Freunde in Deutschland. Natürlich habe ich überlegt, ob ich diese Trennung von meinen Kindern wirklich will. Aber am Ende habe ich mich dafür entschieden. Ich habe meine Kids trotzdem vier, fünf Mal im Jahr gesehen. Außerdem war zu Beginn geplant, dass ich nur etwas mehr als zwei Jahre in China bleibe. Tja, jetzt sind fünf Jahre vergangen – und für mich ist klar, es geht nicht mehr. Ich hatte meinen Kindern bereits zweimal versprochen, dauerhaft heimzukommen. Die Reiseeinschränkungen haben ihr Übriges dazugetan, dass man sich fremd wird. Über einen Headhunter bin ich an eine passende Stelle gekommen. Anfang vorigen Jahres haben wir beschlossen, nach Deutschland zu ziehen. Für Tincle ist es schwierig, weil sie ihre Firma in Shanghai hat. Trotzdem hat sie meine Entscheidung bedingungslos mitgetragen.

Tincle: Natürlich bin ich mir meiner Entscheidung, nach Deutschland zu ziehen, nicht zu hundert Prozent sicher. Ich wurde in Shanghai geboren und habe 45 Jahre hier gelebt, meine Eltern wohnen ebenfalls in der Stadt. Deshalb wird das ein großer Schritt für mich. Aber ich bin bereit und möchte es versuchen. Ich habe genug Erfahrung und Ressourcen, um mein Unternehmen aus der Ferne zu managen. Ich habe etwa ein Dutzend Mitarbeiter, einige von ihnen sitzen in Shanghai im Büro, andere sind vor Ort auf den Baustellen. Ich lebe von E-Mails, außerdem kommunizieren wir über Wechat. Wir haben Gruppenchats für verschiedene Probleme, Fragen oder Baustellen. Meine Kinder – sie sind 18 und 20 – wollen eigentlich sowieso in London studieren, das geht nur gerade wegen Corona nicht. Und: Nach Deutschland zu ziehen bedeutet nicht, dass ich 365 Tage im Jahr dort sein werde. Am Anfang werde ich wahrscheinlich zwischen den beiden Ländern hin und her hüpfen und versuchen, dabei den richtigen Rhythmus zu finden. Manchmal bin verunsichert, wenn ich an den Umzug denke, manchmal bin ich aufgeregt, manchmal habe ich Angst, manchmal freue ich mich darauf. Denn wenn ich gehe, tue ich etwas nur für mich: Ich gehe für die Liebe nach Deutschland. Ich habe schon lange nichts mehr nur für mich gemacht. Ich habe immer meine Kinder oder meine Arbeit an erste Stelle gesetzt, und ich habe Eltern und eine jüngere Schwester, um die ich mich kümmere. Nach Deutschland zu ziehen bedeutet nicht, das alles hinter mir zu lassen. Aber es bedeutet, dass ich mich selbst an erste Stelle setze. Ich tue das, was ich tun will, und ich möchte mit Marko zusammen sein.

Marko: Ich fliege Ende Januar zurück, Tincle wird sechs Wochen später nachkommen. So lange waren wir noch nie getrennt. Tincle hat ein Kurzzeitvisum für drei Monate bekommen, wegen des Virus allerdings nur für eine Einreise. Für die Zukunft müssen wir eine Lösung finden, damit sie nicht jedes Mal ein neues Visum beantragen muss. Das hängt aber in erster Linie mit dem Virusgeschehen zusammen. Ich werde meinen Schwerpunkt dann in Deutschland haben, und auch Tincle wird die meiste Zeit hier sein. Wir hoffen, dass die Quarantäne in den nächsten Monaten verkürzt wird beziehungsweise wegfällt. Derzeit sind in China zwei Wochen zentralisierte Quarantäne verpflichtend, wenn wir zwischen China und Deutschland hin und her reisen.

Tincle: Ich mache mir weniger Sorgen wegen des Visums als wegen der Zeit, die ich von Marko getrennt sein werde. In den letzten drei Jahren habe ich mich wirklich daran gewöhnt, mit ihm zusammen zu sein. Aber das ist etwas, worauf wir keinen Einfluss haben. Wir hoffen trotzdem weiter auf einen Ausweg. Wenn wir auf ein Problem stoßen, dann suchen wir nach einer Lösung und geben nicht einfach auf. Und wir können auch bei Corona nicht einfach aufgeben.

Marko: Bislang war Tincle dreimal zu Besuch in Deutschland. Wie es ihr gefällt, hier zu leben, müssen wir abwarten. Tincle und ich sprechen Englisch miteinander, seit ein paar Monaten lernt sie aber auch Deutsch. Wahrscheinlich ist am Ende gar nicht ihr Deutsch das Problem, sondern mein bayerischer Dialekt! Wir wollen in Regensburg eine Wohnung suchen und einrichten – gemeinsam, das ist mir wichtig. Deswegen werden wir erstmal in einer Ferienwohnung unterkommen. Wir hoffen, dass wir bis zum Ende des Jahres eine Struktur gefunden haben, die uns eine gemeinsame Zukunft erlaubt.

Tincle: Die Entscheidung ist getroffen, und ich glaube nicht, dass wir uns deswegen streiten werden. Wir sind beide erwachsen. Niemand hat uns dazu gezwungen, also kann ich auch niemandem die Schuld dafür in die Schuhe schieben. Aber manchmal, wenn ich jammern will und Marko ärgern, sage ich: »Schau, was ich für dich tue, ich opfere im Grunde alles.« So halb scherzhaft.

Marko: Wenn wir streiten, machen wir uns schon manchmal Vorhaltungen. Von ihrer Seite heißt es dann: »Du hast ja jetzt beschlossen, nach Hause zu gehen …«. Wie ich darauf reagiere, kommt auf meine Stimmung an. Entweder ich ignoriere es – oder ich sage, dass wir uns gemeinsam zu diesem Schritt entschieden haben und dass es ohne Virus in einen Masterplan für uns beide gepasst hätte, weil ihre Kids ja dann in London wären. Manchmal sage ich auch, dass ich ohne sie vermutlich schon längst wieder in Deutschland wäre. Solange man sich in die Augen schauen kann und nicht schlafen geht, ohne sich ausgesprochen zu haben, hat das noch das richtige Maß. Wir besprechen viel, aber vielleicht nicht immer alle Sorgen: Wir wollen einander nicht jeden Tag hier vermiesen, indem wir darüber nachdenken, dass wir gleich einen Riesenschritt machen.

Tincle: Marko und ich werden nun einige Hürden gemeinsam überwinden müssen. Aber wenn Partner das schaffen, werden sie nur noch einfühlsamer – eine solide Grundlage für eine lange Beziehung. Und am Ende ist es doch so: Wenn man sein Leben mit jemandem verbringen kann, den man liebt, ist das ein Segen.

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