„Das Blut ist hinter mir her“

Henry ist erst 17 und war Kindersoldat in Sierra Leone – jetzt hofft er im Bayerischen Wald auf Asyl. Eine Begegnung.

In Sierra Leone gibt es ein Sprichwort: Wer einen unschuldigen Menschen tötet, wird vom Blut verfolgt. Der Täter entkommt dem Blut des Opfers nicht. Es verfolgt ihn in seinen Träumen und vergiftet sein Leben. Henry ist erst 17 Jahre alt, trotzdem verfolgt ihn das Blut schon seit über sechs Jahren.

Fast ein Jahr kämpfte er auf Seiten der Rebellen in dem westafrikanischen Land. Vor drei Monaten kam Henry als blinder Passagier mit einem Schiff nach Deutschland. Mit seinem viel zu großen Pullover sitzt er in München in der Beratungsstelle des Katholischen Jugendsozialwerks. Als er über den Krieg zu sprechen beginnt, senkt sich sein Blick, seine Stimme geht in einen monotonen Singsang über. Manchmal gerät sie ins Stocken. Dann redet ihm sein Freund und Dolmetscher, Adam, gut zu. Er übersetzt seinen englischen Dialekt. Adam kommt auch aus Sierra Leone und war selbst Kindersoldat. Es gibt keine offizielle Definition eines Kindersoldaten. Die Coalition to Stop the use of child Soldiers, eine Nichtregierungsorganisation, orientiert sich an der Altersgrenze der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen, wonach kein Mensch unter 18 Jahren für den Dienst im Militär rekrutiert werden darf. Für Organisationen wie UNICEF, terre des hommes und amnesty international sind „alle Kämpfer und deren Helfer, die unter 18 Jahre alt sind Kindersoldaten". Ihre Zahl wird weltweit auf 250 000 geschätzt, ein Drittel davon sind Mädchen.

Seit 2002 findet jedes Jahr am 12. Februar der „Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten" statt. Er soll an das Schicksal von Kindern erinnern, die zu Kampfeinsätzen gezwungen werden. Dabei ist schon das Wort „Zwang" eine schwierige Kategorie. Manche geben an, sich freiwillig den Soldaten angeschlossen zu haben. Aber „freiwillig" ist auch ein schwierig zu definierender Begriff. Wie freiwillig lässt sich jemand rekrutieren, dessen bester Freund gerade erschossen wurde, weil er sich weigerte? Wie freiwillig wird ein minderjähriger Vollwaise zum Soldaten, wenn er nicht weiß was er am Abend essen soll?

Es ist das Jahr 2000, vielleicht auch 2001, Henry weiß es nicht mehr so genau. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone tobt seit fast zehn Jahren. Da machen sich Henry, seine Mutter und seine beiden Schwester auf den Weg nach Norden. Sie wollen das sichere Nachbarland Guinea erreichen. Unterwegs werden sie von Rebellen gestellt, gefangen genommen und in ein waldumrandetes Lager gebracht. Was seinen Schwestern passiert, darüber schweigt Henry.

Auf jeden Fall sind sie nicht mehr am Leben. Henry hat keine Wahl: Er muss auf Seiten der Rebellen kämpfen, sonst, so drohen sie, werden sie ihn töten. Doch er hat Glück im Unglück: Statt an der Front zu kämpfen, muss er „nur" die feindlichen Stellungen ausspionieren. Henry ist neun Jahre alt, als er zum ersten Mal eine Waffe in die Hand nimmt. Er ist von nun an ein Kindersoldat.

Immer wieder schleicht sich Henry in die vom Feind besetzten Dörfer. Seine Mutter muss als Pfand im Lager bleiben. Sein Auftrag: Bei den Soldaten um Essen betteln und ihnen möglichst viele Informationen entlocken. Nachts geht er in das Lager der Rebellen zurück. Doch eines Tages schöpft das Militär Verdacht: Warum verschwindet der Junge Nacht für Nacht und kehrt am nächsten Tag in das Lager zurück? Ist er ein Spion?

Der Lagerchef ruft ihn zu sich und verprügelt den neunjährigen Jungen mit seinem Gewehrkolben. Henry bleibt zur Sicherheit einige Nächte bei den Soldaten, um den Verdacht zu entkräften. Als er wieder zu den Rebellen zurückkehrt, erwartet ihn dort dieselbe Prozedur. Während er spricht, wedelt Henry mit dem Stoff seines Pullovers, um sich Kühlung zu verschaffen.

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Foto: ap