Ballzauber

In Theresas Leben gibt es etwas, das ist wichtiger als Jungs und Schulferien zusammen.

Zuhause: ein Einfamilienhaus, in Blomberg-Herrentrup/Detmold
Schule:
Gymnasium Blomberg
Eltern: Beamter bei der Stadtverwaltung, Krankenschwester
Geschwister: eine kleine Schwester
Taschengeld: 14 Euro im Monat
Berufswunsch: Profihandballerin
Lieblingsessen: Hühnersuppe
Lieblingsstar: Johnny Depp
Größter Wunsch: Handball-Nationalspielerin werden
Sommerferien: zu Hause und bei Tante Bettina in Hamburg

Mit acht Jahren trat Theresa Ostermann in die Handballspielgemeinschaft Blomberg-Lippe ein, so wie ihre Mutter, ihre Tante Bettina und ihr Opa vor ihr. Also trainierte Theresa ab da zweimal in der Woche und wurde richtig gut: Fast jedes Wochenende spielt sie inzwischen auf Turnieren, ihr Vater sitzt auf der Tribüne und feuert sie an. »Manchmal beschimpft der Papa den Schiedsrichter, wenn der gegen mich entscheidet«, erzählt Theresa. Dann findet sie ihren Vater ein bisschen peinlich.

»In Blomberg wachsen Kinder mit Handball auf«, sagt Theresas Vater. »Was sollen sie hier sonst machen?« Es gibt kein Kino, keine Disco, selbst die Tankstelle schließt abends um elf. Vor über dreißig Jahren gründete Theresas Großvater die Handballspielgemeinschaft Blomberg-Lippe, kurz HSG. Später wurde die HSG berühmt für ihre guten Damenhandballerinnen: Theresas Vorbilder, die Nationalspielerinnen Heike Ahlgrimm und Jeanette Grunow, haben hier trainiert, die Frauenmannschaft der HSG spielt in der zweiten Bundesliga. Die Turnschuhe, die die Bundesliga-Spielerinnen tragen, wünscht sich Theresa zu Weihnachten: rote mit einem weißen Emblem an der Seite. Für Blomberg ist die HSG so wichtig wie der FC Bayern für München.

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Theresa möchte Profihandballerin werden und es in die Handball-Bundesliga schaffen. Bis jetzt hat sie in der C-Jugend ihres Vereins gespielt, aber nach diesen Sommerferien wird sie mit den Besten ihrer Altersklasse in der Ostwestfalenauswahl trainieren; darauf ist sie stolz. Später will sie in die Bezirksauswahl, dann in die Landesauswahl ihrer Altersklasse aufsteigen. Dafür wird sie nach den Sommerferien fünf Stunden pro Woche trainieren und an den Wochenenden früh zu Bett gehen, während sich andere Mädchen in ihrem Alter in Diskotheken schmuggeln. »Discos sind mir eh nicht so wichtig wie Handball.«

Wenn sie zum Training in die Halle kommt, umarmt sie die anderen Spielerinnen und ruft »Hey, check!«. Dann geben sie sich die rechte Hand, ballen sie zur Faust, stoßen die Fäuste gegeneinander und nicken sich zu. Im Training üben sie »Sautreiben«: Dabei müssen die Mädchen mit Handbällen auf schwere Medizinbälle, die »Säue«, werfen, so dass die über eine Linie rollen. Am Ende liegt nur noch ein Ball vor der Linie. Theresa trifft ihn und gewinnt. Die anderen Mädchen klatschen und johlen. Ihr Trainer nickt anerkennend und sagt, dass Theresa einen erstaunlich harten Wurf für ihr Alter hat. »Aber bei 13-Jährigen kann sich das ja leider alles ganz schnell verändern.«

Die vielen Trainingsstunden bereiten Theresa nur ein Problem: Um nichts in der Welt möchte sie so breite Schultern bekommen wie viele Leistungssportlerinnen! »Ich will auf keinen Fall aussehen wie ein Mann.« Seit kurzem schminkt Theresa sich, ganz dezent, nur ein wenig Wimperntusche um die Augen; auf ihre Augen ist sie stolz, weil sie mehrfarbig sind ­ – »grün, gelb, grau, braun«, zählt sie auf. Neuerdings zieht sie auch Röcke an, wenn sie nicht ihre Lieblingsjeans und den blauen Kapuzenpulli mit HSG-Aufdruck trägt.

In Theresas Zimmer hängen gerahmte Urkunden von Handballturnieren und Fotos von den Mannschaften, in denen sie gespielt hat. Daneben ein DIN-A4-Blatt, in bunter Schrift steht darauf: »Vani und Thete = Best friends 4 ever«. Theresa wird von ihren Freundinnen Thete genannt. Vani ist seit dem Kindergarten ihre beste Freundin. Weil Vani in einem anderen Dorf wohnt und nicht Handball spielt, sehen sich die beiden selten, telefonieren aber stundenlang. Manchmal zeltet Theresa jetzt auch mit ein paar Mädchen und Jungs aus ihrer Klasse in einem Garten. Dann spielen sie Flaschendrehen. Derjenige, auf den die Flasche zeigt, muss zum Beispiel verraten, wen er liebt, oder jemanden küssen. Theresa war auch schon ein paarmal verliebt ­ – zuletzt in Philip, ebenfalls 13 Jahre alt, aus der Parallelklasse. Auf der Klassenfahrt in Norderney sind sie zusammengekommen, weil eine Freundin gesagt hat, sie sollten »miteinander gehen«. »Das war aber nur für Norderney und zwei Wochen danach.« Weniger Handball hat sie seinetwegen nicht gespielt. »Wegen einem Jungen mit dem Handballspielen aufhören? Niemals!«, sagt Theresa.

Der Trainer lacht, wenn er die Mädchen so reden hört. »Die sollen den Ball mal flach halten«, meint er, »in dem Alter sagen alle, dass sie nie aufhören wollen. Aber wenn sie erst mal einen Kerl haben, sind viele von ihnen weg.« Theresa tippt sich an die Stirn und erklärt: »Quatsch. Niemals. Mich kann überhaupt nichts vom Handballspielen abhalten. Höchstens ein Unfall.«

Nach dem Training fragt die Assistenztrainerin, wer von den Mädchen vor den Schulferien noch zum Waldlauf kommt. Theresa meldet sich als Erste. Ein anderes Mädchen entschuldigt sich, weil sie vor dem Waldlauf in Urlaub fährt. »Urlaub?«, fragt die Assistentrainerin. »Ich war noch niemals im Urlaub.« Sie spielte als Profihandballerin in der zweiten Bundesliga. Theresa erwidert, dass sie für ihre Profilaufbahn auch auf ihren Urlaub verzichten würde.

Aber dieses Jahr fährt sie sowieso nicht weg und in den Sommerferien findet kein Training statt. Trotzdem will Theresa ein wenig joggen gehen.

Foto: Konrad R. Müller

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