»Die Meisten denken, ich sei steinreich«

Günter Euringer ist das Kind von der Schokoladentafel. Nach 30 Jahren Versteckspiel wagt er sich nun erstmals an die Öffentlichkeit.

SZ-Magazin: Mehr als dreißig Jahre lang haben Sie sich vor der Öffentlichkeit versteckt. Warum lüften Sie das Geheimnis Ihres Lebens ausgerechnet jetzt? Günter Euringer: Weil ich endlich genügend Abstand zwischen dem Jungen auf der Kinderschokolade und mir empfinde. Eine innere Distanz, die es mir möglich macht, auch mit Fremden über mein Leben zu sprechen und meine Autobiografie zu schreiben. Brauchen Sie Geld? Nein. Aber es ist typisch, dass Sie diese Frage stellen. Warum? Früher wollten die wenigen, denen ich verriet, dass ich das Kind der Kinderschokolade bin, immer nur das eine wissen: wie viel Geld ich für das Foto bekommen habe. Die meisten denken, ich sei steinreich. Und weil ich angeblich so viele Millionen angehäuft habe, glauben offenbar einige, ich würde aus bloßer Geldgier nun auch noch ein Buch schreiben. Unzählige Journalisten versuchen seit Jahren, die Identität des wohl bekanntesten Kindergesichtes der Welt herauszubekommen. Im Internet existieren zahlreiche Foren, die über nichts anderes spekulieren. Warum haben Sie nicht einfach mal gesagt: Ja, hallo, ich bin es? In die Rolle des Bescheidenen und Verschwiegenen bin ich reingewachsen. Weil mich meine Eltern so erzogen haben und weil ich es auch selbst nie anders wollte. Die wenigen Reaktionen aus meiner Verwandtschaft hatte ich unter Kontrolle. Ab und an kreierten meine engsten Freunde mal einen neuen Spitznamen für mich, der auf meine Karriere als Schokoladenkind anspielte: »Günschok« oder »Kischo« zum Beispiel. So werde ich übrigens noch heute ab und zu genannt. Aber alles, was darüber hinausging, war mir suspekt und zuwider. Bis heute kursieren in den Medien wilde Theorien über Sie. Zum Beispiel? Sie seien am Ruhm zerbrochen, drogenabhängig geworden und abgestürzt. Quatsch. Von Freunden habe ich zwar schon einiges erfahren, aber dass ich abgestürzt sei, ist mir neu. Ich höre allerdings immer wieder von wildfremden Männern, die behaupten, sie seien das Kind der Kinderschokolade. Erst kürzlich erzählten mir zwei Freunde von einem Typen, der ihnen in einer Kölner Bar detailgenau erzählte, dass er der Junge auf der Schokoladenpackung sei und was für ein tolles Leben er deshalb führen könne. Noch eigenartiger aber wird die Angelegenheit, wenn ich bedenke, dass es da draußen jemanden gibt, der sich sein ganzes Leben lang dagegen wehren musste, für den Schokoladenjungen gehalten zu werden. Wer denn? Der Schauspieler und Moderator Thomas Ohrner. Er hat das zwar immer wieder dementiert, aber es half ihm nichts. In der Johannes B. Kerner-Show hat er dann kürzlich ziemlich genervt davon berichtet, dass sich sogar das Finanzamt bei ihm erkundigt habe, wo er denn seine Werbeeinnahmen von der Schokolade versteuere. Als daraufhin Johannes B. Kerner eindringlich in die Kamera blickte und den Unbekannten aufforderte, sich endlich zu entlarven, hat mich das schon nachdenklich gemacht. »Wir suchen das Kind von der Kinderschokolade, denn wir wissen jetzt: Thomas Ohrner ist es nicht«, sagte Kerner. Da kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass mein Versteckspiel mit der Öffentlichkeit vielleicht auch ein wenig albern ist. Ein paar Monate später setzte ich mich dann an den Schreibtisch und begann meine Geschichte aufzuschreiben. Wie beginnt diese Geschichte? Als Lausbub im Münchner Stadtteil Giesing. Später dann im Vorort Unterhaching. Im Freundeskreis meiner Eltern hieß es damals immer, ich sei so ein hübscher Junge: die langen Wimpern, die blauen Augen, das Puppengesicht. Mir war das natürlich alles extrem peinlich. Irgendwann habe ich mir deshalb die Wimpern mit der Schere abgeschnitten – ich wollte kein hübscher Junge mehr sein, ich habe das gehasst. Wahrscheinlich liegt darin auch der eigentliche Grund dafür, dass ich meine spätere Berühmtheit so lange geleugnet habe.

Wie verlief der Weg vom Lausbub zum Fotomodell? Meine Mutter arbeitete für eine Werbeagentur. Dort wurde sie eines Tages auf ihren doch ach so hübschen Sohn angesprochen: Mit dem solle sie doch mal zu ein paar Probeaufnahmen kommen. Also fuhren meine Mutter und ich in ein Atelier am Münchner Prinzregentenplatz. Ein paar Monate später sollte ich dann plötzlich noch einmal in das Studio kommen. Ich zog ein rosa-blau gestreiftes Hemd an und fuhr mit meiner Mutter wieder in die Stadt. Es hieß, es gehe um einen riesigen Auftrag eines großen Kunden namens Ferrero. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was das bedeuten sollte. Im Gegenteil: Mich nervte die ganze Sache, weil sie so viel Zeit kostete, und während ich in die Kamera lächelte, dachte ich mir die schmutzigsten Schimpfworte für den Fotografen aus. Daran denke ich noch immer, wenn ich mich heute von der Packung der Kinderschokolade lächeln sehe. Und dann? Dann passierte erst mal lange gar nichts. Wann immer ich meine Mutter zum Einkaufen begleitete, sah ich als Erstes im Regal mit den Süßigkeiten nach, ob sich auf der Packung der Kinderschokolade bereits etwas verändert hatte. Monatelang aber grinste da noch ein dunkelhaariger Junge mit Fliege um den Hals von der Schokoladentafel. Irgendwann rief meine Tante aufgeregt bei uns zu Hause an und sagte, dass sie mich gerade mehrfach im Supermarkt entdeckt habe. Das war natürlich schon ein Hammer. Stolz berichtete ich meinen Schulfreunden von meiner neuen Berühmtheit. Aber dieser Stolz hielt nicht lange an. Ich lernte, mit dem Foto zu leben, und ging bald jedem Gespräch darüber aus dem Weg. In den folgenden 32 Jahren hat sich Ihr Foto sehr stark verändert, oder? Genau genommen existieren zwei Fotos: Die erste Packung hatte einen goldenen Hintergrund, was in Verbindung mit meinem rosa-blau gestreiften Hemd ziemlich schrill aussah. Mitte der siebziger Jahre verschwand dann der goldene Hintergrund. Alles andere – meine rechte Hand, der Seitenscheitel, das Hemd – durfte noch ein paar Jahre bleiben. In Südeuropa aber hat Ferrero von Anfang an ein anderes Foto von mir verwendet: Darauf waren meine Haare länger und leicht verweht. Irgendwie lässiger. In den achtziger Jahren montierten sie mir dann ein weißes Hemd mit rot gestreiftem Kragen auf den Oberkörper. Aber abgesehen davon ist eigentlich alles unverändert geblieben. Sie hatten als Kind tatsächlich so weiße Zähne wie auf der Packung? Nein, natürlich nicht. Retuschiert wurde mein Porträt quasi jedes Jahr. Immer wenn ich im Supermarkt mal wieder eine Tafel sah, glich das einem Suchspiel: Mal sehen, wie sie mich jetzt wieder verändert haben. Zum Beispiel? Mein rechtes Augenlid hängt nicht mehr so sehr nach unten, mein linker Schneidezahn ist nicht mehr so schief wie früher. Und natürlich die Zähne: Sie sind viel weißer als damals. Meine Haare wurden am Computer geschnitten, die Lippen gefärbt. Aber trotzdem erkenne ich mich wieder. Nur die Ohren gehören nicht zu mir. Die Ohren? Meine Haare waren damals so lang, dass sie die Ohren voll verdeckten. Jetzt aber sind meine Haare auf der Packung derart kurz, dass man links und rechts ein Ohr sieht. Das können aber unmöglich meine eigenen sein, denn die wurden nicht fotografiert. Das sind fremde Ohren!

Sie haben sich nie bei dem Hersteller beschwert? Mit Ferrero gab es eigentlich keinen Kontakt. Bis auf eine einzige Ausnahme im Jahr 1978: Da hatte sich ein Anwalt von Ferrero bei meinen Eltern gemeldet, weil er ihr Einverständnis wollte, dass die Firma mit meinem Gesicht nun auch in Amerika werben dürfe. Das haben wir Ferrero natürlich gewährt, schließlich war ich ja bereits in den Supermärkten Frankreichs, Italiens, Spaniens und in noch einem Dutzend anderer Länder vertreten. In der Schweiz wurden Sie vor ein paar Wochen nach fast 30 Jahren durch ein anderes Gesicht ersetzt. Ein Schock? Ja, aber ich musste eigentlich damit rechnen. Wahrscheinlich wollte Ferrero immer ein namen- und geschichtsloses Kind auf seiner Schokolade haben. Jetzt aber hatten sie offenbar Wind davon bekommen, dass ich an die Öffentlichkeit gehen werde, und mich deshalb durch ein anderes Kind ersetzt. Schade. Sind wir nun etwa daran beteiligt, dass ein Mythos der Alltagskultur bald auch in Deutschland verschwinden könnte? Ich hoffe immer noch, dass es nicht so weit kommen wird. Denn irgendwie ist die Kinderschokolade ein Teil meines Lebens geworden. Früher, vor allem in der Pubertät, hätte ich mir das natürlich niemals eingestanden. Ich bewegte mich in meiner kleinen Welt rund um das Unterhachinger Freizeitheim, spielte Schlagzeug und war ein Typ, der mir heute ehrlich gesagt nicht unbedingt sympathisch erscheint: Oft habe ich gelogen und dementiert, nur um mein Geheimnis zu wahren. Um mich herum tuschelten sie natürlich – ich habe mich für meine Berühmtheit eher geschämt. Die Schokolade fand in meinem damaligen Leben einfach nicht statt: Weder aß ich sie noch machte ich mir irgendetwas draus. Wann hat sich das geändert? Das ist gar nicht so lange her: Vor zwei Jahren, kurz nach meinem vierzigsten Geburtstag, war ich beruflich in Italien. In einem Supermarkt habe ich zufällig bemerkt, dass mein Gesicht von der italienischen Kinderschokolade verschwunden war und stattdessen ein Junge und ein Mädchen von der Packung lächelten. Ich war fassungslos. Erst als ich kapierte, dass es sich um eine einmalige und auf vier Wochen befristete Sommeraktion handelte, beruhigte ich mich wieder. Zum ersten Mal aber ist mir dadurch bewusst geworden, wie sehr das Foto auf der Kinderschokolade zu einem Teil meines Lebens geworden war. Kurzzeitig hatte ich sogar das Gefühl verspürt, jemand habe mir ein Stück meiner Biografie weggenommen. An dieses Gefühl werden Sie sich nun unter Umständen gewöhnen müssen. Ich weiß. Aber ich bereite mich gedanklich seit Monaten darauf vor. Wenn ich nach mehr als dreißig Jahren schon von der Packung verschwinden muss, dann möchte ich mich wenigstens mit einem Tusch verabschieden. Und das ist mir ja nun gelungen. Noch eine Frage. Das Geld? Ja, klar. Was schätzen Sie? Was wird in der Regel geschätzt? Die meisten glauben, ich werde pro verkaufte Tafel bezahlt. Stimmt das? Natürlich nicht. Also, wie viel? 300 Mark habe ich damals bekommen. Für alle Länder dieser Erde.

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