»Meine Depression war eine gesunde Reaktion auf ein krankes System«

Die Schauspielerin Nora Tschirner war depressiv, durchlief Therapie, stationäre Behandlung und nahm ein Jahr lang Psychopharmaka. Im Interview erzählt sie, was sie krank gemacht hat und warum das auch mit einer Branche zu tun hat, die Kunst machen will, aber Künstler und Künstlerinnen nicht achtet.

Harald Schmidt nannte sie eine der besten Talkshowgäste Deutschlands, Tschirner schaut die alten Videos mit gemischten Gefühlen.

Foto: Urban Zintel; Haare & Make-up: Christiane Buchholz

SZ-Magazin: Sie sind Mutter eines Grundschulkindes und haben vor einem Jahr passend zur Corona-Pandemie, als die neuen Kontaktpersonen-Regeln aufgestellt wurden, eine WG mit mehreren Erwachsenen und Kindern gegründet. Wie kam es dazu?
Nora Tschirner: Ich halte das Konzept Kleinfamilie mittlerweile für fragwürdig. Dieses berühmte Zitat »It takes a village to raise a child« kommt nicht von ungefähr: es braucht wirklich ein ganzes Dorf, um ein Kind gut zu erziehen. Ich sehe überall komplett überlastete Beziehungsachsen. Sowohl zwischen Eltern und Kindern als auch innerhalb partnerschaftlicher Beziehungen herrscht zu viel Druck und Anstrengung. Ich habe meine WG sofort als eine Entlastung erlebt – für mich selbst und bei den anderen.

Wie setzt sich Ihre WG zusammen, sind Paare dabei?
Zum Teil haben sie Beziehungen, ja. Ich hatte verschiedene Konstellationen. Wir waren einmal fünf Erwachsene und drei Kinder, einmal drei Erwachsene und ein Kind. Man muss erst mal eine gute Truppe bauen. Aber dann gab es immer einen Erwachsenen, der gerade Bock hatte, mit den Kindern zu spielen. Dann hatte der nächste Bock, und alle hatten genug Pausen für sich oder mit dem Partner. Alles war plötzlich leichter, sinnstiftender und freudvoller. Und die Kinder hatten nur noch selten Momente, in denen ihnen ein Gegenüber mit innerem Augenrollen wegen Überlastung gegenüberstand. Ich hab nichts gegen romantische Paarbeziehungen, auch nichts gegen die Institution der Ehe. Irgendwann hat das bestimmt mal Sinn gemacht. Es gibt ja übrigens die Theorie, dass das eine Erfindung des Patriarchats war, um Frauen Rechte vorzuenthalten. Evolutionär logisch wäre, dass Frauen die Wahl haben, mit wem sie sich verbinden – bei ihnen liegt die Macht zur Reproduktion. Dann kämen manche Männer eben nicht mehr zum Zuge. Die Ehe quasi als Incel-Erfindung. Nichts ist ausschließlich gut oder schlecht, aber die Rama-Familie mit dem Anspruch der Erwachsenen auf eine heiße, romantische Monogamie ist ein Mythos. Soll mir mal jemand zeigen, wo sie funktioniert.

Sie haben zu Beginn der Pandemie vor einem Jahr gesagt, die Welt stehe neben der pandemischen Lage und der Weltklimakrise auch noch vor einer Weltemotionskrise. Was meinten Sie?
Na, was jetzt auch passiert ist. Sehr viele Leute fühlen sich allein oder allein gelassen mit ihrer Lebenssituation, sind mit Ängsten und wirtschaftlichem Druck konfrontiert. Zudem gibt es ein allgemeines gesellschaftliches Unwohlsein, weil ihnen Dinge vorgeschrieben werden, die sie eigentlich nicht möchten, und Frustrationstoleranz nicht gelernt wurde. Wir befinden uns in einem emotionalen Schnellkochtopf. Siehe Querdenker, die haben einfach eine fehlende Gefühlsverwaltung. Man kann schimpfen, dass das alles Vollidioten sind, die da demonstrieren gehen – aber man muss auch anerkennen: Wir leben jetzt schon sehr lange in einer Gesellschaft, die null Wert darauf legt zu lernen, wie Konflikte zu lösen sind, auch und vor allem innere. Wir alle haben dieses Knäuel entstehen lassen und mitgetragen und müssen es jetzt behutsam und besonnen wieder aufdröseln.

Was genau sollten wir lernen?
Wir sind nicht gerade die führende Nation im Entschuldigen-Können und Fehler-Verzeihen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vor Kurzem die Bürgerinnen und Bürger um Entschuldigung gebeten. Das wurde als »einzigartig« kommentiert, von manchen auch als Zeichen der Schwäche gewertet.
Das heilige soziale Instrument einer Entschuldigung müsste von uns allen erlernt werden. Es geht ja nicht darum, ein »Tut mir leid« abzusondern, sondern darum zu gucken, was mein Gegenüber braucht, um wieder ins Vertrauen zu kommen. Wir sollten uns auf ein Grundgesetz der Fairness in der Gefühlswelt einigen. Auch in nahen Beziehungen diskutiert man oft mit emotionalen Reichsbürgern. Ich zum Glück nicht mehr.

Wo haben Sie gelernt, richtig um Entschuldigung zu bitten?
Im Umgang mit Kindern, meinem etwa, die das viel intuitiver verstehen, vor allem, wenn man sie nicht zum Herumfloskeln konditioniert. Und von meinen Tieren. Ich habe vier Pferde, zwei Pferdemütter und ihre Töchter. Baut ein Pferd Scheiße und ich maßregele es dadurch, dass ich es zum Beispiel drei Schritte zurückstelle, versteht das Tier, was Sache ist, und signalisiert mir mit Mimik und Gestik, dass es versteht. Bestrafe ich das Tier willkürlich und füge zum Beispiel Schritt vier und fünf aus schlechter Laune heraus hinzu, verändert sich auch die Reaktion.

Es merkt, dass es ungerecht behandelt wird.
Ich disqualifiziere mich in diesem Moment als Führungspersönlichkeit. Das hat natürlich einen evolutionären Grund. Hat sich das Leittier nicht gut im Griff, kann es die Herde nicht schützen. Ich zitiere hier mal den Neurowissenschaftler Robert Sapolsky, der Gewalt und Mitgefühl geschrieben hat, und der sagt, wenn Trump ein Pavian wäre und in einer Pavianherde leben würde, hätten ihn die Pavianfrauen an Tag zwei einfach hochkant rausgeschmissen, weil er mit seinem »Ego« die Sicherheit der Gruppe gefährdet.

Die Welt, wie sie ist, macht viele Menschen krank. Sie sind vor zehn Jahren depressiv geworden.
Meine erste depressive Episode hatte ich schon mit 18, aber vor zehn Jahren kam der Tiefpunkt. Da ging es mir so schlecht, dass ich auf einer Website einer Depressionsklinik eine Prüfliste durchgegangen bin. Da stand, wenn Sie bei den folgenden zwanzig Fragen drei mit ja beantworten, wäre es ganz gut, wenn Sie zeitnah vorbeikommen. Bei mir waren es 19.

Wonach wurde gefragt?
Antriebslosigkeit. Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Angst, Lustlosigkeit, Schlaflosigkeit. Natürlich auch Scham. Als privilegierte Person – Schauspielerin, Dach über dem Kopf, zwei gesunde Arme, zwei gesunde Beine – hatte ich das Gefühl, meine Probleme gar nicht haben zu dürfen. Dieses Komm-mal-klar-Ding. Ich glaube, dass die Scham mehr Leute tötet als die Depression.

Scham davor, sich Hilfe zu holen?
Der Perfektionismus ist ein klassischer Leistungsgesellschafts-Auswuchs. Immer wollen wir alles super und ganz alleine hinkriegen. Dabei sind wir als Angehörige einer sozialen Spezies überhaupt nicht dafür gemacht, Sachen alleine hinzukriegen. Null, gar nicht! Aber das ist es, was wir von Tag eins an eingetrichtert bekommen. Das Baby muss lernen, alleine in einem dunklen Raum zu schlafen? Nein, muss es nicht.

Was genau hat Ihnen an der Therapie Angst gemacht?
Ich erinnere mich, dass ich wirklich Angst hatte, mich aufzulösen. Dass ich mich verliere, wenn ich hinter mich gucke, in die Dunkelheit. Dass der Schmerz dann so groß wird, dass ich mich gar nicht umbringen muss, sondern mich dematerialisiere. Wer bin ich dann noch? Es war eine existenzielle Angst, dass da jemand hinter mir steht.

Wie sieht dieser Jemand aus?
Es war eine diffuse Armee in schwarzem Nebel. Wenn man es sich überhaupt vorstellen kann, dann wie die Schwarzen Reiter in Der Herr der Ringe oder das Nichts aus der Unendlichen Geschichte. Mystische Figuren, die man nicht erkennen kann. Mir fehlten die Bilder, um es besser erklären zu können.

Wie war es für Sie dann in der Therapie?
Es fühlte sich zu Anfang immer noch an wie ein Wald im Dunkeln. Aber in diesem Wald wartete ein Tiny House auf mich und jemand hat mir schon mal einen Kakao hingestellt. Meine erste Therapie habe ich mit 25 gemacht. Da gab es plötzlich einen geschützten Raum für mich, da saß jemand, der sagte: Hab ich alles schon mal gesehen. Ich war also nicht mehr allein. Und dann wusste ich: in diesen Raum kann ich jetzt einmal die Woche gehen und zur Not auch eine Stunde lang heulen. Dadurch verschwindet der Nebel um mich herum nicht direkt. Aber ich habe eine Anlaufstelle.

Mit Anfang dreißig waren Sie wegen Ihrer Depression in der Klinik. Was war der Auslöser?
Ich hatte das Jahr davor in völliger Einsamkeit verbracht. Es war nach einigen großen Kino-Erfolgen, aber ich hatte die Filmwelt ein bisschen verlassen, einen Dokumentarfilm gedreht, eine Band mitgegründet. Totales Neuland. Die Säulen meines Lebens, die eigentlich solide standen, hatte ich angesägt. Dann wurde es irgendwann richtig heftig. Ich hatte keinen Halt mehr. Ich war allein mit mir. Vermutlich hätte ich die Krankheit niemals komplett verhindern können, aber wenn ich mich besser um mich gekümmert hätte, wäre ich so tief nicht gefallen.

Wie lange waren Sie in Behandlung?
Zwei Wochen lang stationär in der Klinik, aber ich habe ein Jahr lang Psychopharmaka genommen. Mich hat das total stabilisiert. Das Serotonin konnte bei mir nicht mehr lange genug in den Synapsenspalten verharren. Es lief zu schnell durch, ich hatte kein Glücksempfinden mehr. Die Medikamente waren wie Gehhilfen, sie haben diese Prozesse verbessert, bis mein Körper das wieder selber konnte.

Konnten Sie in dieser depressiven Phase noch Freude empfinden?
Kommt darauf an. Manchmal geht es kurz, dann fällst du wieder ins Loch. Aber würde es nicht auch mal funktionieren, hätte ich natürlich die Serie The Mopes nicht gemacht. Schon allein, so eine Serie zu sehen und zu verstehen, dass Depressionen ein Thema für viele Menschen sind, gibt Betroffenen schon ein besseres Gefühl, weil sie merken, dass sie nicht allein sind. Eine der größten Bedrohungen der Depression ist, diese ständige innere Isolation, diese dauerhafte Empfindung, als Einziger die vermeintliche Gruseligkeit und Hoffnungslosigkeit des Lebens entlarvt zu haben und jetzt mit diesem »Geheimwissen« auch noch ganz alleine dazustehen. Wenn Betroffene lachen, ist es ziemlich sicher kein Lachen, mit dem sie über alles weglachen können. Der Humor der Depressiven ist gerne Sarkasmus oder Zynismus. Wenn sie sich allerdings verstanden und dadurch verbunden fühlen, kann das extrem lindernd wirken, im allerbesten Falle sogar als Leuchtpfad im Nachtwald.

Sie haben mit der Serie The Mopes, die am 11. Mai anläuft, eine ganz neue Art gefunden, Depressionen darzustellen. Ernsthaft, aber auch sehr lustig.
An dem Film zum Buch Mängelexemplar von Sarah Kuttner fand ich sehr gut, dass er trotz des schweren Themas so eine bestimmte Leichtigkeit und Buntheit und Wildheit hatte. Abgesehen davon hatte ich noch nie gehört, dass es eine humoristischere Herangehensweise an Depressionen gibt. The Mopes versucht das. Als ich von der Rolle erfuhr, stand ich am Set von Gut gegen Nordwind. Es war die letzte Drehwoche, ich hatte mir zu dem Zeitpunkt zwei Monate lang einen Wolf gespielt. Ich wollte erst mal ein Jahr gar nichts mehr fühlen, wie ich in meinem Umfeld scherzhaft klagte. Sehr paradox natürlich, wenn man bedenkt, wie sehr ich mir in meinen dunkelsten Zeiten Gefühle gewünscht hätte. Jedenfalls ruft mich meine Freundin, die Drehbuchautorin Ipek Zübert, an und sagt, sie schreibe gerade eine Rolle, und zwar eine Depression. Ich: »Nein! Ich sage doch gerade, ich will nichts mehr fühlen.« Und sie: »Nee, du hast keine Depression – du bist die Depression.« Und ich dachte: Oh, cool. Das heißt ja, ich beleidige ständig nur Leute und finde mich selbst die ganze Zeit super und habe gar keine eigenen Emotionen. Toll. Am Ende konnte ich sogar noch ein bisschen Boshaftigkeit beisteuern.

Ihr erster Auftritt ist sehr eindrücklich. Sie schleichen durch ein nächtliches Zimmer wie ein Puck durch den Wald, voller Vorfreude darauf Verwirrung zu stiften. Der erste Satz, den Sie als personifizierte Depression sagen, ist: »Du bist wertlos.« Welches Gefühl hat Ihnen Ihre Depression gegeben?
Im Nachhinein würde ich sagen, die Depression hat mir vor allem eindringlich das Gefühl gegeben, dass etwas nicht stimmt. Ich hatte den Kontakt zu mir verloren, und sie war die Erste, die sich getraut hat, mich drauf aufmerksam zu machen, mein Mahnmal quasi. Ein sprücheklopfender, nerviger, aber wohlmeinender Freund. Vielleicht der konstruktivste, den ich bis zu diesem Zeitpunkt hatte. Als ich meine erste Therapie begonnen habe, hatte ich das Gefühl, ich sei jahrelang wie eine Schüssel gewesen, in die alle Leute ihre Erwartungen reinkippen. Diese Erwartungen konnte ich alle gut erfüllen. Aber wenn die Schüssel ausgekippt würde, wüsste ich null mehr, wer ich noch bin. Hatte ich einen coolen Stuhl vor mir, wusste ich nicht: Finde ich den cool, weil ich den cool finde? Oder weil jemand, den ich kenne, auf so Stühle steht?

Das hat eine gewisse Ironie, weil Sie als sehr eigensinnige Schauspielerin gelten.
Für die Außenwelt war noch sichtbar, wer ich bin – aber ich war für mich selbst nicht mehr spürbar. Ich hab angefangen zu summen, wenn ich bei Leuten am Tisch saß und mir die Sachen zu viel wurden. Ich hab ohne ersichtlichen Grund in der Maske geweint und konnte nicht aufhören. Konnte nachts nicht schlafen, nur Geratter im Kopf. Ich konnte mich nicht mehr freuen und mir nicht einmal mehr vorstellen, wie es wäre, mich über etwas zu freuen. Und ich dachte: Mal ehrlich, ich hab mich wahrscheinlich überhaupt noch nie über irgendwas gefreut. Das ist das Schlimme an der Depression: Irgendwann tut sie so, als wäre man selbst die Depression. Und das Ich wäre verschwunden.

Was war Ihre Diagnose?
Ich kam in völlig aufgelöstem Zustand in der Klinik an und es wurde aus der Chefetage erst mal eine Verdachtsdiagnose gestellt. Aufgrund meiner Berichte über manische Momente ging die Suche erst mal in Richtung einer Bipolarität. Diagnosen sind ein sehr zweischneidiges Schwert und es braucht wirklich gute Leute dafür, denn in solch einem Zustand nimmt man in seiner Verzweiflung jede Diagnose an. Es erleichtert so sehr, wenn jemand sagt: Okay, ich weiß, was du hast. Man ist einfach dankbar, dass jemand ein Straßenschild setzt und sagt: Wir gehen jetzt mal da lang. Aber zum Glück ging der Diagnose-Prozess erst los und es gab eine junge, sehr engagierte Psychotherapeutin, die mich genauer befragt, mir zugehört und sich ein differenzierteres Bild gemacht hat.

Jetzt wollen wir es genau wissen: Wie ist die Psychologin vorgegangen?
Sie fragte mich, wann diese Zustände eintreten würden, an denen ich kein Schlafbedürfnis habe und immer auf so einem High-Energy-Level unterwegs bin. Es stellte sich raus: an den krassen Pressetagen, an denen ein Interview dem nächsten folgt, und die kein Ende nehmen – und an 16-Stunden-Dreh­tagen. Also in zeitlich begrenzten Arbeitsphasen. Eine ungenauere Diagnose hätte bedeutet, dass ich mit anderen Psychopharmaka behandelt worden wäre. Und das hätte eine Zeitschleife des Irrsinns werden können.

Dennoch keine gute Diagnose für eine Schauspielerin – und auch nicht für die Branche.
Meine Depression war eine gesunde Reaktion auf ein krankes System, ja. Das hat bei mir dazu geführt, dass ich besser dosiere, Dreh­arbeiten und Interviews begrenze. Also vor allem diese Tage, wo alle sieben Minuten jemand reinkommt und dann so eine Actionfigur Tschirner angeht, die auf Adrenalin ist und eine einzige andauernde Übersprungshandlung. Auch heute ist es noch so, wenn Leute mich in diesem Momenten fragen, wie es mir geht, kann ich nur sagen: Ihr müsst morgen noch mal fragen. Gerade habe ich keinen Zugriff auf mich.

Harald Schmidt hat Sie mal eine der Top-3-Talkshowgäste in Deutschland genannt. Können Sie sich diese Auftritte heute noch ansehen oder sehen Sie da nur Übersprungshandeln?
Eine Zeit lang wäre das nicht mehr gegangen. Jetzt wirkt es auf mich, als hätte ich irgendeine Superpower, die wahrscheinlich aus einem Schmerz geboren ist. Wenn ich die wohldosiert kriege, dann kann die viel Gutes schaffen.

Es ist auch ein Talent, besonders schnell und schlagfertig und lustig zu sein.
Es ist ein Talent, aber es anzuwenden ist wie Hochleistungssport. Man darf es wirklich nicht übertreiben.

Gab es einen Moment, an dem Sie gemerkt haben: Die Depression ist vorbei?
Das hörte erst mal nicht so schnell auf, auch dass man sich morgens fragt: Hab ich heute einen schlechten Tag oder bin ich wieder depressiv? Die Krankheit war lange immer eine Option im Hinterkopf. Aber irgendwann fing das Eis an zu tragen. Das, was die Klinik an Rettung und Stabilisation vorgelegt hatte, konnte ich mit Hilfe einer guten Therapeutin und einer klarköpfigen Heilpraktikerin weiter ausbauen, vor allem habe ich Selbstfürsorgeskills erlernt. Mittlerweile ist die Angst komplett weg, denn ich weiß jetzt auch, was für mich zu tun ist. Ich bin seit vielen Jahren frei von Symptomen, habe mir ein gutes Umfeld gebaut, treffe Vorkehrungen. Mir reicht es oft, mit meinen Freunden zu reden oder in die Herde zu gehen. Einmal komplett aufzuladen.

Tier- oder Menschenherde?
Pferde, tatsächlich. Aber jede Art von Herde ist super.

Machen die Umstände von Film und Fernsehen krank?
Viele Arten von Job machen krank, das ist ja nicht nur in meiner Branche so.

Aber es zuzugeben ist in Ihrer Branche schwieriger als anderswo. Vor Drehbeginn muss man schriftlich versichern, keine gesundheitlichen oder psychischen Probleme zu haben.
Ja. Das ist scheiße. Vor Dreharbeiten muss man als Hauptdarsteller zum Versicherungsarzt, und die Versicherung entscheidet, ob sie dich versichert oder nicht. Man entbindet Ärzte und Versicherungen dafür von ihrer Schweigepflicht – was krass ist, weil der Arbeitgeber eigentlich kein Recht hat, von Krankheiten vorab zu erfahren. Und wenn ich angebe, dass ich in den vergangenen fünf Jahren psychische Erkrankungen gehabt habe, kommt die nächste Frage: Ist deswegen irgendwann ein Drehtag ausgefallen? Egal ob die Antwort ja oder nein lautet, die Produktion wird sich daraufhin gut überlegen, ob sie es sich leisten will, dich zu besetzen.

So werden psychische Erkrankungen in der Branche faktisch ausgeschlossen und ein Tabu aufrechterhalten.
Ganz klar: Ich war Versicherungsbetrüger. Ich habe in diesen Fragebögen kategorisch gelogen, weil ich sonst keinen Job mehr bekommen hätte. Es gab nie Ausfälle wegen mir. Es wurde sehr viel Geld mit mir verdient. Ich habe auch viel Geld verdient. Aber wahre Angaben hatte ich nie gemacht. Das wie ich jetzt öffentlich zu machen, kann sich natürlich nicht jeder leisten.

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Offenheit?
Ich weiß noch genau, wie allein ich mit meiner Depression war, und wie sehr es mir geholfen hätte, wenn sie nicht so ein Tabu gewesen wäre. Vielleicht hilft es jemandem zu erfahren: Fuck, guck mal, die Lustige, die steht ja auf dem roten Teppich, obwohl sie voll Depressionen hatte. Ey, vielleicht ich bin doch kein Honk.

Im SZ-Magazin outeten sich zuletzt 185 Schauspieler*innen mit dem Hashtag #actout als LGBTIQ und verwiesen auf Diskriminierung und Ausschluss. Die taz veröffentlichte nur vier Wochen später eine Geschichte über sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch an der Volksbühne, der Intendant Klaus Dörr musste gehen. Die MeToo-Debatte läuft seit vier Jahren. Verändert sich was?
Ich hoffe es sehr. Wir haben uns diese angebliche »Hackordnung«, diese Gewalthierarchie, dieses Geprolle von oben nach unten aus der Tierwelt mal irgendwann abgeguckt und adaptiert – dabei ist das kompletter Kokolores. In der Natur funktioniert Führung immer nur über Verantwortung im Sinne einer Gruppe. Und Kooperation. »Zum Wohle aller« lautet das Prinzip, und wer das nicht begriffen hat, führt nicht. Punkt. Nur die menschliche Spezies folgt, wenn sie kulturell verwirrt ist, Egomanen. Das ist so ein bisschen wie dieses: »Ein richtiger Regisseur bricht seine Schauspieler.« Jedem seinen Fetisch. Braucht man das, um einen geilen Film zu machen? Nein.

Haben Sie schon mal Machtmissbrauch am Set erlebt?
Früher ja, mittlerweile ist mein Frühwarnsystem zu gut. Einmal kam ich an ein Set mit guter Bezahlung für alle und gemäßigten Arbeitszeiten und dennoch hatten eine ­Woche nach Drehstart 65 Prozent des Teams psychosomatische Ausschläge im Gesicht. Ein anderes Mal habe ich Dreharbeiten zwei Tage vor Drehbeginn geschmissen, weil ich gewittert habe, dass gleich sehr Ungutes passiert. Der Regisseur hat bereits im Vorfeld mit der Impulskontrolle eines Dreieinhalbjährigen agiert. Ganze Abteilungen flogen schon vor Drehstart. Es herrschte komplette Willkür. Die Produzenten haben das mitgetragen, weil sie den Namen des Regisseurs zu geil fanden. Dann bin ich raus.

Wie haben die Produzenten darauf reagiert?
Man hat mir gedroht, dass man mich auf den Filmwert verklagen würde, wenn ich nicht zurückkomme. Das wären zehn Millionen Euro gewesen. Damit ist man bei mir leider an der falschen Adresse, weil unter solchem Druck ein komplett unvernünftiges Trotztierchen durchkommt. Als sie meine Rolle neu besetzt hatten, war man plötzlich wieder ganz nett und zukunftsorientiert. Auf meiner schwarzen Liste sind sie trotzdem gelandet.

Wer war der Regisseur?
Ich nenne öffentlich keine Namen. Branchenintern schon, weil ich Leute warnen möchte. Es hat sich glücklicherweise ein paralleles System gebildet, das sich gegenseitig informiert, warnt und das sich hilft. Frauen und Männer rufen mich an, wenn sie das Gefühl haben, sie werden nicht richtig behandelt, und ich habe sofort fünf Leute, die wirklich viel Geld verdienen mit ihren Sachen, aber einfach fair arbeiten, am Start. Um den Leuten klarzumachen; es gibt ein alternatives System, wo man nicht zwischen Fressen und Moral unterscheiden muss.

Das System des Schweigens funktioniert nicht mehr?
Ich glaube, wir sind tatsächlich über den Berg. Es wird noch ein bisschen dauern, aber ich glaube, es gibt kein Zurück mehr.

Was antworten Sie, wenn heute jemand fragt, wie es Ihnen geht?
Mir geht’s so gut wie nie. Das hat im Pandemiejahr natürlich auch mit Privilegien zu tun. Aber vor allem damit, dass ich meine seelischen Hausaufgaben schon vor Jahren machen musste und gemacht habe.

Wenn Sie den Verdacht haben an Depression zu leiden, ist das Gespräch mit einem Arzt oder Psychotherapeuten unverzichtbar. In Notfällen wenden Sie sich bitte an die nächste psychiatrische Klinik oder einen Krisendienst (Adressen finden Sie zum Beispiel hier und hier – oder direkt an den Notarzt unter der Telefonnummer 112).