»Bei 39 Cent für eine Dose Tomaten braucht der Bauer Sklaven«

Yvan Sagnet spielt in Milo Raus Film »Das neue Evangelium« den Jesus. Im echten Leben kämpft der Kameruner gegen die Ausbeutung von Erntehelfern auf italienischen Feldern. Er kann viel erzählen über das Gute und Schlechte im Menschen – und das Problem unserer Supermarkt-Tomaten.

Yvan Sagnet wohnt mit seiner Familie in Rom, ist als Aktivist aber ständig unterwegs, meistens im Süden Italiens.

An einem Nachmittag im Spätherbst sitzt Yvan Sagnet auf dem Balkon seiner sehr kleinen Wohnung im fünften Stock eines sehr großen Wohnhauses in Rom. Von hier aus sieht man die Kuppel des Petersdoms. Vor ein paar Stunden ist er aus dem Süden zurückgekommen, seine Tätigkeit als Aktivist führt den 35-jährigen Kameruner meistens nach Apulien, Kalabrien, Sizilien und in die Basilikata.

Die Mutter seiner italienischen Frau möchte mit seiner Tochter, ihrer Enkelin, auf den Spielplatz, doch die Dreijährige krallt sich am

SZ-Magazin: Herr Sagnet, Sie spielen Jesus im Film Das neue Evangelium. Haben Sie eine Vorstellung von Gott?
Yvan Sagnet: Ja. Gott ist das Gute.

Da könnte man jetzt widersprechen.
Also sagen wir: Gott ist niemals das Schlechte. Gott liebt. Wenn ich an Gott denke, denke ich an das Gute. Er ist meine Inspiration. Es gibt auch Menschen, die mich inspirieren, Karl Marx, Nelson Mandela, Che Guevara. Sie ermutigen mich in meiner politischen Arbeit, aber Gott belebt das Gute in mir.

Beten Sie?
Ich bete zu Hause mit meiner Frau und meiner Tochter, ich bete in der Kirche, ich bitte um Schutz und Hilfe und Vergebung.

Was haben Sie gedacht, als der Regisseur Milo Rau Ihnen die Rolle des Jesus angeboten hat?
Ich bin Christ. Ich stamme aus einer katholischen Familie und ich gehe mit meiner Familie hier zur Messe. Ich habe Jesus immer schon für das bewundert, was er tat. Aber Jesus war für mich auch mehr als eine Figur aus der Religion, ich habe ihn wie einen Gewerkschafter gesehen. Er stand auf der Seite der Armen. Als Milo mir vorgeschlagen hat, Jesus zu spielen, habe ich mir angeschaut, was ich mache, ich habe mir angeschaut, was Jesus getan hat, und ich habe gesehen, es gibt Ähnlichkeiten. Heute träte Jesus für die Migranten ein, für die Geflüchteten, für die Rechtlosen. Er wäre in den Ghettos, er wäre auf einem Boot im Mittelmeer, er wäre in Afrika und Südamerika. Und er wäre gegen Matteo Salvini.

Durch sein »Genter Manifest« wurde der Schweizer Regisseur und Theaterintendant Milo Rau 2018 einer größeren Öffentlichkeit bekannt: zehn Regeln für ein modernes Theater, das die Welt verändern soll. Dieses Theater entsteht draußen, vor Ort, auch in Krisengebieten, es geht dahin, wo es wehtut, und es tauchen, neben den Schauspielern, die Menschen auf, von denen erzählt wird, als sie selbst und in Rollen. Rau ist für seine Arbeit in den Kongo, in den Irak und nun nach Süditalien gegangen.

In Matera, an dem Ort, an dem Mel Gibson »Die Passion Christi« und Pier Paolo Pasolini »Das 1. Evangelium nach Matthäus« gedreht hatten, wollte Milo Rau einen Film über das Ende von Jesus Christus machen. Dann entdeckte er die Ghettos der ­Erntehelfer. Er sah, wie hier, rund um die Europäische Kulturhauptstadt 2019, Migranten ohne Wasser und Strom lebten und bei in sengender Hitze für einen Hungerlohn Tomaten oder Orangen ernteten.

Rau fragte sich, wer wäre Jesus heute? Würde er, der für die Armen eintrat, nicht versuchen, diese Menschen zu retten? Er hörte von Yvan Sagnet, der es geschafft hatte, die Arbeiter auf den Feldern zum Streik zu bewegen. Ihn, einen schwarzen Nicht-Schauspieler, der aus Kamerun stammt, machte Rau zu seinem Jesus, der im weißen Gewand mit seinen Jüngern das Abendmahl einnimmt, aber auch in Jeans und T-Shirt auf dem Marktplatz Reden gegen die Ausbeutung der Geflüchteten hält. Der Film erzählt parallel, wie Jesus mit den Aposteln in Jerusalem einzieht und wie Sagnet mit seinen Mitstreitern, darunter dann auch Milo Rau und das Filmteam, durch die Straßen von Matera zieht und zur Revolte der Würde aufruft: la Rivolta della Dignità. So wird der Film einerseits zu einer neuen Passionsgeschichte und andererseits zur Dokumentation der Kampagne »La Rivolta della Dignità«, die durch den Film überhaupt erst entsteht.

In einer Szene tragen Sie mit der Dornenkrone auf dem Kopf das Kreuz durch die Straßen der süditalienischen Stadt Matera. Statisten spielen den wütenden Mob, der Ihnen beziehungsweise Jesus folgt. Wie war das für Sie als Nicht-Schauspieler?
Die Kreuzigung und der Weg dorthin waren richtig hart. Es war kalt, ich bekam Peitschenhiebe, ich war wirklich drin in der Rolle, ich habe an die Menschheit gedacht, an Jesus. Das war wie eine Meditation. Judas’ Verrat ging mir auch sehr nahe.

Wie haben Sie die Apostel ausgewählt?
Milo vermischt ja Fiktion und Realität und arbeitet mit Profis und Laien. Wir sind zusammen in die Ghettos gegangen und haben Leute gesucht und gebeten, mit uns mitzukommen. Geflüchtete, Aktivisten, ein Bauer, Gewerkschafter, manche kannte ich, manche nicht. Milo wollte auch eine Frau als Apostel, er sagte, Jesus hätte für ihn auch eine Frau sein können. Für mich passte das. Sie war Opfer von Menschenhandel und Prostitu­tion, heute hilft sie Frauen, aus der Prostitution auszusteigen.

Der Film lief im September im Sonderprogramm der Filmfestspiele in Venedig. Dort, vor Publikum, haben Sie ihn zum ersten Mal gesehen. Wie haben Sie sich da gefühlt?
Seltsam. Es war sehr ungewohnt. Ich habe den Film dort zweimal gesehen, beim zweiten Mal war ich nicht mehr so auf mich konzentriert, sondern auf die Botschaft. Und damit war ich sehr zufrieden.

Welche Botschaft ist das?
Die Botschaft auch an Christen, dass es nicht reicht, zur Messe zu gehen, die Bibel zu lesen und sich zu bekreuzigen. Das Drehen war auch eine politische Aktion, ein Protest gegen das Wirtschaftssystem, das Ungleichheit zwischen Menschen und Völkern schafft. Für Gott gäbe es keine Einwanderer, keine Menschen ohne Papiere, keine Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder eines Passes.

Der Film folgt Ihnen, wie Sie in die heruntergekommenen Unterkünfte der Erntehelfer gehen und ihnen erklären, dass sie sich nicht ausbeuten lassen dürfen. So haben Sie ja wirklich angefangen, im Jahr 2011. Wie kam es dazu?
Ich wollte Ingenieur werden und studierte in Turin. Ich brauchte Geld, suchte nach einem Job für den Sommer und hörte, dass Tomatenpflücker gebraucht werden. Ich habe 16 Stunden gearbeitet, und oft hatte ich abends nichts. Null Euro. Wasser kostete 1,50 Euro. Das Sandwich: 3,50 Euro. Hin- und Rückfahrt: fünf Euro. Eine volle Kiste Tomaten, das sind 300 bis 400 Kilo Tomaten, bringen 3,50 Euro. Ich habe vier Kisten geschafft, manchmal fünf, aber das meiste Geld war gleich wieder weg. Wenn du das erlebst, weinst du. Ich habe abends geweint.

Haben Sie in einem dieser Ghettos gewohnt?
Ja, bei Nardò. Es gibt so viele davon. Dort schlafen 50 Menschen auf ein paar Quadratmetern, sie haben kein Licht, kein Wasser, es ist schmutzig. Sie werden von Caporali (ein Caporale ist ein Vorarbeiter, Anm. d. Red.) angeheuert, alles illegal. Die Landwirtschaft in Italien lebt von der Ausbeutung der Migranten. Eine Million Arbeiter sind es insgesamt, die Hälfte davon wird ausgebeutet und schlecht behandelt, wie Sklaven.

Von den Caporali?
Ja, aber von manchen Bauern genauso. Die Caporali sind auch nur ihre Vertretung, und sie sind brutal, sie zahlen schlecht, sie kassieren Geld für die Unterbringung in den Ghettos und für die Fahrt zu den Erntefeldern, sie quetschen 20 Leute in einen winzigen Bus, alle müssen sich ducken, damit sie nicht gesehen werden. Es gibt ständig Unfälle, aber das interessiert natürlich kaum jemanden.

Wir reden von Tomatenfeldern?
Ja, aber auch von Orangen, Salat, Artischocken, Brokkoli, Peperoni, Fenchel, von all dem Gemüse und Obst aus Italien, das in den Supermärkten in Europa, in den USA, überall auf der Welt liegt.

Sie haben damals zum Streik aufgerufen. Warum Sie?
Ich hatte das Glück, studiert zu haben und zu wissen, was meine Rechte sind. Ich habe gesehen, dass mir meine Rechte auf den Tomatenfeldern genommen wurden, dass sie jedem Menschen dort genommen werden. Auch Menschen, die nicht wissen, dass sie überhaupt Rechte haben.

Hatten Sie Angst?
Klar hatte ich Angst. Die illegalen Immigranten waren die schwächsten. Die Caporali drohen ganz klar, wenn du nicht tust, was wir sagen, zeigen wir dich an, und du kehrst nach Hause zurück. Aber auch andere haben oft keine Wahl. In Italien erledigen die Ausländer die Arbeiten, die die Italiener nicht erledigen möchten, es ist die einzige Möglichkeit zu überleben.

Wie haben Sie es geschafft, die Arbeiter trotz der Angst vom Streik zu überzeugen?
Ich habe Versammlungen organisiert. Ich habe geredet. Ich habe gesagt, wir können so nicht leben. Ich habe gesagt, wir können so nicht arbeiten, wir sind Menschen, das ist nicht menschenwürdig. Wir müssen unsere Würde verteidigen. Wir müssen protestieren. Sie haben gesagt, du hast recht, aber wir haben Angst. Erst haben sich kaum welche getraut mitzumachen. Ich habe die Straßen blockiert, die vom Ghetto zu den Feldern führten, mit Ästen und Felsbrocken, sodass die Caporali mit ihren Bussen nicht durchkamen. Irgendwann haben sich mehr Menschen getraut. Am ersten Tag des Streiks waren wir mehr als 1000, fast alles Bewohner des Ghettos.

Yvan Sagnet wusste, der Streik wäre vorüber, sobald die Menschen Hunger und Durst leiden würden. Mit der Bitte um Spenden wandte er sich an die Öffentlichkeit. Die Leute aus der Umgebung brachten Reis, Milch und Brot, aber auch Menschen aus dem ganzen Land spendeten großzügig. Dann berichteten Zeitungen, so wurde der Aufstand von Nardò zum ersten großen Streik migrantischer Arbeitskräfte in Italien.

Sind Sie bedroht worden?
Praktisch die ganze Zeit. Wir haben immerhin zwei Monate lang gestreikt, in der Zeit lebte ich im Ghetto. Die Caporali haben mich bedroht, du stiftest hier nur Unfrieden, verzieh dich, sonst werden wir dir zeigen, wie das hier läuft! Sie haben auch versucht, mich zu diskreditieren.

Wie das?
Sie haben die anderen gegen mich aufgestachelt, haben gesagt, ich sei in Wahrheit ein Geschäftsmann und würde sie um ihr Geld bringen. Sie haben versucht, den Spieß umzudrehen.

Werden Sie heute noch bedroht?
Wenn du diese Art von Arbeit machst, lebst du mit dem Risiko. Es ist nicht leicht, sich gegen die Caporali und die Mafia zu stellen. Manche lassen sich entmutigen und geben auf. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich bin sehr entschlossen.

Wir führen dieses Interview auf Französisch, in der Landessprache Kameruns. Im Film sprechen Sie sehr gut Italienisch. Konnten Sie die Sprache auch, bevor Sie nach Turin zum Studium gingen?
Nicht sehr gut, aber an der Uni habe ich sie schnell gelernt. Ich war in Kamerun zur Schule gegangen, hatte dort einen Abschluss gemacht. Bildung ändert alles. Meine Bildung hat mir Kraft und Mut gegeben. Und ich wusste, ich kann kämpfen, aber ich kann auch zurück zur Uni gehen, wenn ich möchte.

Sie wurden allerdings nicht Ingenieur, sondern Aktivist.
Ich habe 2013 meinen Abschluss als Ingenieur für Telekommunikation gemacht, aber ich habe nie in dem Beruf gearbeitet. Der Streik von 2011 hat mein Leben verändert. Ich habe fünf Jahre für die Gewerkschaft CGIL ge­arbeitet und dann ein eigenes Netzwerk gegründet.

Nämlich den Verein »No Cap«. Das Logo »No Cap« auf einer Tomatendose bedeutet, dass die Ware ohne die Mitwirkung von Caporali gepflückt wurde.
Genau. Da, wo »No Cap« draufsteht, wurde ohne Ausbeutung geerntet. Aber in den vergangenen Jahren habe ich mehr und mehr verstanden, dass das Problem natürlich ein viel größeres ist. Anfangs habe ich gegen die Caporali gekämpft. Doch die Caporali sind ja auch nur kleine Fische, sie sind nur ein Symptom und nicht die Ursache. Wenn ein Caporale weg ist, ist am nächsten Tag ein anderer da. Man muss also das System ändern. Sehen Sie, es ist wie eine Pyramide, ganz unten die Arbeiter, darüber die Caporali, darüber die Landwirte, darüber die Industrie und schließlich, ganz oben, die Supermärkte, die Handelskonzerne. Die großen Caporali, das sind Lidl, Carrefour, Auchan, sie drücken die Preise. Wenn eine Dose Tomaten 39 Cent kostet, braucht der Bauer Sklaven, das schafft er nicht mit rechtmäßig Angestellten.

Welche Rolle spielt der Konsument?
Der Konsument ist sehr wichtig am Ende der Wertschöpfungskette. Mit »No Cap« versuchen wir, alle zusammenzubringen, die Arbeiter, die Bauern, die ­Supermärkte und die Konsumenten. Wir fragen den Bauern, wie viel er für ein Kilo Orangen braucht, um Arbeiter anzustellen. Wir fragen den Supermarkt, wie viel ein Kilo Orangen kosten kann. Dann gehen wir zurück zum Bauern und sagen, wenn du soundso viel für deine Orangen bekommst und der Supermarkt soundso viel Tonnen deiner Orangen nimmt, könntest du deine Arbeiter anstellen?

An wen treten Sie heran, an die Geschäftsführung einer Lidl-Filiale oder eher eines Biomarkts?
An beide. Erst kürzlich habe ich den Verantwortlichen des Unternehmens Aspiag Despar kennengelernt, einen Teil der Handelsgruppe Spar – dank des Films von Milo Rau übrigens, der Film hat schon viel bewirkt. Und in den italienischen Megamark-Supermärkten stehen unsere Produkte schon im Regal.

Sie führen all diese Verhandlungen selbst?
Ja, so wissen wir, wer dabei ist, und behalten die Kontrolle.

Wer ist wir?
Wir sind jetzt um die 30 Aktivisten in Italien und auch darüber hinaus. Ein richtiges Netzwerk. Wir arbeiten mit einer anderen Gruppe zusammen, die den Kontakt zu den Bauern herstellt. Wir haben inzwischen 400 Menschen in legale Arbeit gebracht, die vorher für Caporali gearbeitet haben. Wir müssen das für Hunderttausende schaffen.

Was heißt legale Arbeit genau?
Die Leute bekommen einen Vertrag. Der Arbeitgeber organisiert, dass sie anständig wohnen. Sie arbeiten sechs Stunden am Tag. Sie bekommen 50 Euro am Tag, nicht 20, nicht 15 – sondern 50. Sie müssen zum Arzt gehen können, wenn es ihnen nicht gut geht. Wir unterstützen sie mit Häusern, die wir hergerichtet haben, und mit Bussen und Autos, denn die Wege zu den Plantagen sind oft weit.

Sie können aber keine Wunder vollbringen und illegalen Einwanderern legale Arbeit vermitteln, oder?
Wir müssen uns an das Gesetz halten. Wir gehen in die Ghettos, rufen die Leute zusammen und sagen, wir können nur die nehmen, die Papiere haben. Aber diese gesetzliche Unterteilung der Einwanderer in legale und illegale begünstigt die Ausbeutung.

Wie geht es Ihnen damit, dass Sie so vielen nicht helfen können?
Wir können nicht alle retten. Aber je mehr mitmachen, je mehr Supermärkte sich bereit erklären, »No Cap«-Produkte in ihre Regale zu stellen, desto mehr werden wir retten können.

Milo Rau hat gesagt, ein Satz von Jesus in der Bibel sei für ihn der wichtigste für diesen Film: »Glaubt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz aufzuheben …«
»… sondern um es zu erfüllen«, ja. Weil es nicht befolgt wird. Es gibt Gesetze, die gerecht sind, und das Gesetz, dass jedem, der arbeitet, ein Arbeitsvertrag und würdige Arbeitsbedingungen zustehen, ist für mich ein gutes Gesetz – das ziemlich oft nicht angewendet wird. Also arbeite ich daran, dass es angewendet wird. Es gibt aber auch Gesetze, die ungerecht sind. Ein Gesetz, das den Menschen verbietet, Ertrinkende aus dem Meer zu retten, ist für mich ein ungerechtes Gesetz, für das ich mich nicht einsetzen würde.

Mit wie vielen Landwirten ­arbeiten Sie bisher zusammen?
Ungefähr 30. Von vielleicht einer Million, von denen vielleicht 70 Prozent legale Arbeitsverträge umgehen. Es gäbe also genügend Arbeitgeber für genügend Arbeiter, in einer gerechten Welt, in der alle fair miteinander umgehen.

Was erzählen Sie den Bauern, um sie zu überzeugen, mehr Geld auszugeben?
Ich erzähle ihnen, wie es den Arbeitern auf den Feldern geht. Ich sage ihnen, ich bringe eure Waren in Supermärkte nach Rom, Mailand oder München, wenn ihr die Arbeiter anstellt und anständig behandelt.

Ich habe in München noch kein Produkt mit Ihrem Logo gesehen.
In Deutschland verkaufen wir bisher nur über sogenannte solidarische Einkaufsgruppen. Aber das wird sich ändern. Ich bin zuversichtlich.

Ein Klassiker in deutschen Regalen sind Dosentomaten der Firma Mutti. Schlimm?
Auf jeden Fall nicht »No Cap«.

Was haben Sie bisher noch erreicht?
Die Schritte sind klein. Alles dauert ewig. Wir haben es geschafft, dass ein Gesetz gegen die Caporali verabschiedet wurde. Der erste große Prozess mit mehreren Angeklagten, Caporali und Bauern, hatte 2013 begonnen, da gab es das Gesetz noch nicht. Sie wurden verurteilt, gingen in Revision und wurden freigesprochen, dagegen haben wir wiederum in nächster Instanz Einspruch eingelegt, und nun warten wir auf die Aufhebung dieses erbärmlichen Urteils. Seit es das Gesetz gibt, wurden aber mehrere Caporali und Bauern angeklagt.

Denken Sie manchmal, wenn alles so langsam geht und mühsam ist – wäre ich doch einfach Ingenieur geworden?
So ticke ich nicht. Das Leben ist, wie es ist. Und ich bin stolz auf das, was ich mache.

Wie war Ihre Vorstellung von Europa, bevor Sie hierherkamen?
Es erschien mir wie das Paradies. Zivilisiert. Ein Ort, an dem die Menschenrechte galten. Und ein Gesundheitssystem, das für jeden zugänglich ist.

Wie war Ihr Leben in Kamerun?
Meine Familie ist nicht reich, wir lebten bescheiden, ich habe gearbeitet, um zur Schule gehen zu können. Und ich habe zwei Jahre dafür gearbeitet und gespart, nach Italien gehen zu können. Meine Großmutter hat mich dazu erzogen, studieren zu wollen. Sie hat mir beigebracht, den Menschen mit Respekt zu begegnen, mir christliche Werte vermittelt. Sie hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich bin.

Lebt Ihre Großmutter noch?
Nein, sie ist seit 15 Jahren tot.

Warum eigentlich Italien?
Als ich fünf Jahre alt war, nahm Kamerun an der Fußball-Weltmeisterschaft teil. Die WM war in Italien. Deutschland wurde Weltmeister, Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann. Kamerun war die größte Mannschaft aus Afrika, und sie kamen zum ersten Mal weiter. Wenn sie spielten, waren bei uns die Läden geschlossen, alle haben zugeschaut. Ich war klein, ich sah die Spieler, sie sahen toll aus, so wollte ich werden. Ich sang den WM-Song, notti magiche (Der Song heißt »Un’ estate Italiana«, notti magiche war Teil des Refrains, Anm. d. Red.), ich bekam ein Trikot mit der Nummer 19 von meinem Vater, weil ich Schillaci bewunderte. Ich hatte quasi zwei Heimmannschaften, Kamerun und Italien. Seitdem hatte ich Italien im Kopf.

Spielen Sie Fußball
Nein, aber ich bin großer Fan.

Wie sehen Sie Europa heute?
Der Traum ist ausgeträumt. Es gibt zu viele Ungerechtigkeiten, die Moral ist auf dem Nullpunkt angelangt. Die Gleichgültigkeit der Leute gegenüber den Menschenrechten ist erschreckend, und besonders gegenüber dem Schicksal der Einwanderer. Europa wird von den Banken beherrscht, von der Finanzwelt, von den multinationalen Konzernen. Das solidarische und soziale Europa ist eine Wunschvorstellung. Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt neunzig Prozent des Reichtums. Die Reichen nutzen ihre wirtschaftliche Macht, um die Politik zu bestimmen und noch reicher zu werden. Mich erschüttert das nicht mehr, ich habe verstanden, wie es läuft. Aber ich finde, es muss vieles geradegerückt werden.

Ihnen schwebt also eine sehr viel größere Revolte vor?
Als ich meinen Kumpels gesagt habe, es ist gut, wenn wir streiken, und als ich sie habe streiken sehen, wusste ich, das ist der richtige Weg. Eine friedliche Revolution. Aufzustehen gegen das System, es lahmzulegen, um seine Ansprüche geltend zu machen: So setzt man seine Waffen am wirkungsvollsten ein und begegnet Menschen mit Respekt, wie meine Großmutter es mir beigebracht hat.

Aber Ihre Großmutter war keine Marxistin, oder?
Absolut nicht. Trotzdem gibt es Überschneidungen zwischen ihrer und meiner Überzeugung. Man muss den Ausbeutern bewusst machen, dass sie ausbeuten. Aber man muss auch den Ausgebeuteten bewusst machen, dass sie ausgebeutet werden. Jeder kann eine Wahl haben. Auch als Konsument kann man sich Fragen stellen wie: Woher kommen diese Tomaten? Wie sind sie geerntet worden? Möchte ich moderne Sklaverei unterstützen? Ist das christlich? Oder kann ich etwas anderes kaufen und christlicher handeln? Dieses Bewusstsein kann etwas bewirken.

Was sagen Ihre Eltern über das, was Sie tun?
Anfangs haben sie nicht verstanden, was ich machte. Sie hatten ihre Vorstellungen, entweder man ist Ingenieur oder man ist Politiker, das heißt so etwas wie Minister. Ich habe ihnen immer wieder erklärt, dass ich Aktivist bin. Es hat gedauert, aber nun verstehen sie, was ich mache, und akzeptieren, wer ich bin.

Stellen Sie sich vor, je nach Kamerun zurückzukehren?
In ein freies Afrika, ja, ohne Konflikte, Korruption und Kriege. Wenn die Ungerechtigkeiten, die mit der Kolonisation begonnen haben, benannt und bekämpft werden. Allein die Handelsabkommen, die Afrika wirtschaftlich benachteiligen und dazu führen, dass europäische Produkte in Afrika verschleudert werden.

Sie meinen, italienische, subventionierte Dosentomaten werden nach Ghana geschafft, sind dort billiger als die einheimischen, die Kleinbauern gehen pleite und verlassen ihr Land? Kennen Sie Leute, denen das passiert ist?
Ich kenne viele, die in ihrer afrikanischen Heimat in der Landwirtschaft gearbeitet haben und jetzt in Italien Tomaten ernten.