Ewige Unruhe

Was mit den sterblichen Überresten eines Menschen nach dem Tod geschehen muss, ist in Deutschland streng geregelt. Weil zum Beispiel die Urne mit der Asche nicht zu Hause aufbewahrt werden darf, beschließen manche Angehörige, die Gesetze zu brechen.

Die Asche eines toten Menschen hat vor dem Gesetz den gleichen Stellenwert wie ein Leichnam. Dieser Umstand führt in der Praxis zu vielen Widersprüchen.

Foto: Erli Grünzweil

Das Gefühl nach dem Tod war gleich, in beiden Fällen. Die Frau, die gerade den noch warmen Leib ihres toten Mannes geküsst hatte, empfand im Chaos ihrer Tränen eine eigenartige Klarheit.
»Für mich war nur eines sicher«, sagt sie. »Dass Bernd nicht unter die Erde soll. Diese kalte Erde.«
Die Mutter und der Vater, deren gerade geborenes Kind gestorben war, spürten eine Gewissheit.
»Ich sah den Friedhof vor mir«, sagt der Vater. »Ein Grab kaufen müssen. Für 25 Jahre.«
»Ein Bauchgefühl war das«, sagt die Mutter. »So nicht. So nicht.«
Dieses Gefühl damals änderte das Leben aller drei Angehörigen, der Mutter, des Vaters, der Frau. Sie lernten schnell: Wenn sie ihrem Gefühl folgen wollten, mussten sie die Gesetze brechen.

Rund um den Tod herrscht in Deutschland ein eigentümliches Recht: Gesetze über das Leichenwesen, Bestattungsverordnungen, Friedhofssatzungen, Gräbergesetze – »eine exotische Rechtsmaterie«, sagt Tade Spranger. Er sitzt in seinem Stammlokal in Bonn, an der Universität dort lehrt er, als Professor der Rechte. Sein Spezialgebiet sind die Gesetze am Anfang des Lebens: der rechtliche Stellenwert von Stammzellen, die Würde von Embryonen. Am anderen Ende des Lebens, an den Gesetzen des Todes, arbeitet er sich aus Leidenschaft ab. Als Spranger Jura studierte, pflegte

Die Mutter schlägt ein Büchlein auf, sucht eine Seite, schiebt sie über den Tisch. Es ist eine Landkarte. Sie hat sie selbst gezeichnet. Ein See. Eine Kirche. Die Wipfel eines Waldes. Ein Pfad. An seinem Ende ein Kreuz, wie auf einer Schatzkarte, wie Kinder sie malen. An dieser Stelle hat sie die Asche ihres Sohnes ausgestreut, an der Seite eines Strauchs Holunder.
»Holunder, der steht für den Übergang«, sagt die Mutter. Sie heißt E.
»Holler kannst du bis kurz über die Erde zurückschneiden – er kommt wieder«, sagt der Vater. Er heißt T. Sein voller Name ist, wie auch der von E., dem SZ-Magazin bekannt.
Die Frau stellt eine dunkle, mit Rosen bedruckte Tasche auf den Tisch der Teeküche, die sie als Treffpunkt ausgewählt hat. Vorsichtig hebt sie einen durchsichtigen Sektkühler heraus, geschmückt mit Seide. Im Inneren dieses improvisierten Schreins steckt eine schwarze Urne.
»Das ist jetzt das erste Mal, dass Bernd wieder außer Haus ist«, sagt die Frau. Ihr Name ist K. Auch ihre Identität ist der Redaktion bekannt.

»Was sagen die Gesetze?«, fragt Tade Spranger. »Zwei Begriffe müssen wir da klären: Beisetzungszwang – und Friedhofszwang.« Seine Stimme ist leise, aber durchdringend. »Beisetzungszwang sagt: Die sterblichen Überreste eines Menschen müssen beigesetzt werden. Friedhofszwang sagt: Du musst das in Deutschland auf einem ausgewiesenen Friedhof machen.« Am Nebentisch horchen die Mittagsgäste auf. Sterben, der Tod und seine Regeln, das ist anziehend und abstoßend zugleich. Sie werfen verstohlene Blicke auf den vollbärtigen Mann im Maßhemd, der über Leichname und deren Rechte doziert.

Sie lag im Sonnenzimmer zur Geburt. Sie hatte sich das Krankenhaus sorgfältig ausgesucht, nicht zu groß, nicht zu klein, Schulmedizin, aber keine Ärzte, die alles sofort mit Apparaten anpacken. T. war an ihrer Seite.
Sie hatten sich in der Arbeit kennengelernt, eine Tagung. Keine Liebe auf den ers­ten Blick. Eine Liebe, die wuchs, langsam. Immer öfter fuhr T. auf seiner alten Vespa hinaus vor die Stadt, wo E. wohnte. In einer Gewitternacht, als es draußen stürmte und schüttete, blieb er da. Nach dieser Nacht waren sie ein Paar. Er war 32. Sie 34. Kinder waren kein Thema. In E.s Gebärmutter waren früh Geschwulste gewachsen, gutartig zwar, aber Kinder – mit dieser Aussage wurde sie groß –, Kinder werde sie keine kriegen können. Sie verhüteten nicht. Ein Jahr verging. Eines Tages blieb E.s Regelblutung aus. Sie war schwanger.
»Totale Überraschung«, sagt T., der Vater. »Totale Freude.«
»Und total viel Sorge«, sagt E., die Mutter: »Was bedeutet das jetzt?«
Sie erfuhr: Sie galt als spätgebärend. Dazu die Geschwulste, deren Größe. Eine Risikoschwangerschaft. E. und T. sprachen sich aus. Was, wenn ihr Kind zu früh auf die Welt käme? Behindert? Krank? Aber beim Arzt sahen sie auf den Bildschirmen: Ihr Baby regt sich, sein Herz schlägt, alles gut.
»Von der Info ›Alles gut‹ bis zu: Gar nicht mehr gut – das war eine Woche«, sagt T.
E. bekam Blutungen. Ihr Gebärmutterhals hatte sich geöffnet. Im fünften Monat. Die Ärzte befahlen sie ins Bett, hängten sie an den Tropf, verabreichten Wehenhemmer. Das letzte Mittel: eine Cerclage legen, ein Zwirn, um den Muttermund gezurrt. Doch da war schon klar: Das Kind wird kommen.
»Sie sagten: Stellen Sie sich darauf ein, dass Ihr Kind sterben wird«, sagt E.
Es war das dreckige Ende des Winters, am Morgen noch hatte es geschneit. Doch als ihr Sohn auf die Welt kam, schien die Sonne durch die Fenster. Er war noch am Leben.
»Er sah so alt aus, und so jung«, sagt E.
»Und viel zu klein«, sagt T.
Ihr Sohn hatte seine rechte Hand an die Wange gelegt, seine linke ruhte auf seinem Herz. Ein kleiner Menschensohn, groß wie eine Handspanne. Wenig später starb er.
»Sunny«, sagt E.
»So haben wir ihn getauft«, sagt T.
Es war alles so viel. Es ging alles so schnell. Am Morgen hinterbrachten ihnen Ärzte die Vorschriften des Bundeslandes, in dem sie lebten. Jede Fehlgeburt, die mit Lebenszeichen auf die Welt gekommen ist, gilt vor dem Gesetz als Leiche. Damit ist sie bestattungspflichtig.

Der Tod ist in Deutschland Ländersache. Jedes Bundesland kennt ein eigenes Bestattungsrecht, insgesamt 16 verschiedene Gesetze, »zum Teil stark abweichend«, sagt Tade Spranger. »Sogar bei grundlegenden Fragen gibt es oft keine Einigkeit.« Er marschiert durch die Paragrafen, Frage um Frage abfeuernd. »Wer ist bestattungspflichtig? Brauche ich für Urnen- und Leichentransport ein Sonderfahrzeug? Wer ist verantwortlich, den Toten unter die Erde zu bringen – nur der Ehepartner, oder auch der eingetragene Lebenspartner? Ein Kind? Oder nur ein volljähriges Kind?« Er hält inne.

Da lag er, die Liebe ihres Lebens. Die Pfleger hatten seinen Leichnam aus der Intensivstation in ein angrenzendes Zimmer geschoben, zum Abschiednehmen. Außer sich trat K. ein.
»Ich war einerseits ganz klar, wie auf Autopilot«, sagt K. »Auf der anderen Seite aber voll Gefühl.«
Eine Routine-OP, hatten die Ärzte gesagt. Minimalinvasiv machbar. Fünf Tage Krankenhaus, danach hören Sie nie wieder von uns. Nach der OP bekam Bernd hohes Fieber. Sie hatten versehentlich seinen Darm verletzt, Bakterien gelangten ins Blut, eine Sepsis breitete sich aus, unerkannt. Die Blutvergiftung überrannte Bernds Immun­system. Not-OP. Intensivstation. Sie gaben ihm 48 Stunden. Er kämpfte vier Wochen. Da lag er nun. Er war noch warm.
»Ich hab ihn gar nicht loslassen können, ich hab ihn nur noch abgeküsst«, sagt K.
Sie erinnert sich nicht genau, wie lange sie an seinem Leichnam wachte. Eine Stunde? Länger? Sicher nur, dass das Krankenhaus drängte. Der Verstorbene, das Zimmer, die Vorschriften. K. hörte kaum hin. Einmal sprang sie auf. Sie lief, eine Schere holen, und schnitt ihrem toten Mann einige Strähnen seines Haars vom Haupt, als Andenken.
»Die mussten mich mehr oder weniger wegschleifen«, sagt sie.
Zu Hause sickerte das Begreifen durch die Sinne: Bernd nie mehr hören, nie mehr ­sehen, nie mehr spüren. Sie war allein. Nach all den Jahren an seiner Seite war sie allein. Sie hatten sich über die Familie kennengelernt, sie aus dem Osten, er aus dem Westen. Als die Mauer gefallen war, trafen sie sich wieder. Auf ihrer ersten Reise, in Istanbul, kauften sie Ringe. Seitdem waren sie nie länger als zwei, drei Tage getrennt gewesen.
»Bernd war mein Herzgefährte«, sagt sie. »Mein Urvertrauen.« Sie weint.
Schon in der ersten Nacht holten sie die Träume ein. Sie war vier Wochen lang jeden Tag auf der Intensiv gewesen. Nun hörte sie nachts die Melodien der Maschinen, sah die Bildschirme und ihren Widerschein. Warum war die Blutvergiftung zu spät erkannt worden? Hätte sie Bernds Tod verhindern können? Sie unternahm den Versuch, seinen Leichnam in der Kühlung des Krankenhauses zu besuchen. Das Krankenhaus blockte ab. Sie gewann ein eigenartiges Gefühl.
»Sie hatten mir Bernd entrissen«, sagt sie. »Aber sie werden ihn mir nicht noch mal entreißen.«
Sie ging methodisch vor. Die Familie erwartete eine Bestattung, ein Grab. Also lief sie mit ihrer Schwester über Friedhöfe, eine Grabstätte suchen. Allein aber, in Bernds und ihrer Wohnung, arbeitete sie sich durch die Gesetze, denen der Tod in Deutschland zu gehorchen hat.

Reichsgesetzblatt, 1934, § 1 FBG: »Die Feuer­bestattung ist der Erdbestattung grundsätzlich gleichgestellt.« Jahrhundertelang hatten Staat und Kirche das Verbrennen von Toten als Bestattungsart verfemt. Die Nationalsozialisten gaben dem Feuer den gleichen Rang wie der Erde. »War in vorkonstitutioneller Zeit«, sagt Spranger. »Auswirkungen hat es bis heute.« Weil das Gesetz als ideologisch unbelastet angesehen wurde, galt es nach dem Untergang des Nazi-Regimes fort, in manchen Bundesländern bis weit nach

Sie sann neben seinen Büchern über ihre Möglichkeiten nach, im Wohnzimmer, wo er seine Schätze in Regalen sortiert hatte: Zuoberst Hermann Hesse, in zweiter Reihe Hans Fallada, darunter Arno Schmidt, dann der Rest.
»Bernd hat mit seinen Büchern gelebt«, sagt K., seine Urne an ihrer Seite.
Sie hatten selten über den Tod gesprochen. Einmal – eine Freundin war gestorben, vor der Zeit – überlegten sie, was wäre, wenn. K. war damals Anfang vierzig, Bernd zwölf Jahre älter. Sie sagt, er habe gesagt, Mäuschen, du darfst mit mir machen, was du willst. Daran erinnerte sie sich nun.
»Ich wusste genau, was ich wollte«, sagt sie. »Dass Bernd zu mir kommt.«
Sie las Bücher, suchte im Internet. Sie stieß auf Angebote, Totenasche in Amuletten zu bergen, in Glasgefäße einzuwirken, zu einem Edelstein zu pressen. Allen Angeboten war etwas gemein: Sie hatten ihren Ursprung im Ausland. Die deutschen Bundesländer, lernte K., standen mit ihrem strengen Friedhofszwang für Asche in Europa abseits. Nachbarstaaten wie die Schweiz, Tschechien oder die Niederlande waren freizügiger. Das nutzten diese Angebote.
»Ich war bei vielen misstrauisch, was die mit der Asche machen«, sagt K. »Da wird immer das Gefühl verkauft.«
Das Gefühl, den Verstorbenen bei sich zu haben. K. wollte Bernds Asche aber wirklich bei sich haben. Sie fand Mittelsmänner, die auch das feilboten: »Urne zu Hause – kein Problem!«, und »Urnenbefreiung: Wir gehen für Sie durch den Paragrafendschungel – notfalls auf Schleichwegen!«

Ab und an lädt ein Landtag, der sein Gräber- oder Leichengesetz ändern will, Tade Spranger ein, als Sachverständigen. Er könnte erklären, warum das deutsche Bestattungsrecht so berüchtigt ist: zwei Grundsätze, Wildwuchs an Vorschriften, das Ganze in 16 Gesetzesvariationen. Er arbeitet aber eher mit Beispielen. Es gibt etliche. Manche zeigen den Irrsinn im Kleinen. In Berlin gilt eine Totgeburt ab 500 Gramm Gewicht als Leiche, ist aber erst ab

Schleichwege? K. blieb argwöhnisch. Sie vertiefte ihre Suche.
»Ich habe alle Möglichkeiten abgeklopft, den Friedhofszwang zu umgehen«, sagt sie.
Die Schleichwege, stellte sie fest, waren keine. Wer Asche heimholen wollte, musste sie nur dem Geltungsbereich deutscher Gesetze entziehen – eine Kleinigkeit: Es reichte, dass ein Bestatter aus dem Ausland die Urne im Krematorium anforderte und angab, sie werde vor Ort beigesetzt. War die Asche einmal dort, konnten Angehörige sie abholen, auf in Deutschland unzulässige Arten beisetzen oder sich insgeheim schicken lassen. In dieser Grauzone ließen sich gute Geschäfte machen. Später erfuhr K., dass manche Firmen für ein einfaches Fax mit einer Urnenanforderung mehrere hundert Euro verlangten.
»Wie sagt man? Das Geschäft mit dem Tod ist ein Geschäft mit der Not«, sagt sie.
Ausgerechnet das Wirrwarr der Vorschriften kam ihr zu Hilfe. In ihrem Bundesland durften Bestatter die Urnen, die ins Ausland gingen, davor in Verwahrung nehmen. K. sah ein Schlupfloch. Vielleicht musste Bernds Asche gar nicht ins Ausland. Vielleicht reichte es, ihre Ausfuhr nur vorzugaukeln. Sie entschloss sich, den Versuch zu wagen. Eine Frage blieb.
»Welcher Bestatter lässt sich auf so was ein?«, sagt sie.

Er sitzt in seinem Daimler, auf der Rückbank ein Kindersitz, für den Enkel, in der Mittelkonsole ein Päckchen Zigaretten, für ihn. »Eine Piratenbestattung«, sagt er. So nennt ein alter Kollege solche Feuerbestattungen, wo die Asche nie den Weg auf einen amtlichen Friedhof findet. Er selbst hat rund hundert Piratenbestattungen ausgerichtet, schätzt er. Sein Name ist O. Auch seine Identität kennt die Redaktion.
Sein Handy klingelt. Über die Freisprechanlage tönt eine beherrschte Stimme: eine Großmutter, die keine Großmutter mehr ist. Ihr Enkel ist gestorben. Gleich bei Geburt. Still hört O. zu, beide Hände am Steuer. Er hat sich in der Stadt, die vor dem Autofenster vorbeizieht, einen guten Ruf für solche Sterbefälle erarbeitet: Neugeborene, Säuglinge, Kleinkinder. Als alles, was mit Worten fassbar war, gesagt ist, legt O. auf.
»Jeder Lebensweg endet mit dem Tod«, sagt er. »Egal, ob es ein paar Tage oder hundert Jahre waren.« Er steckt sich eine Zigarette an. »Jedes Leben hat seine eigene Qualität. Das steht uns nicht zu, zu sagen: Das war zu kurz, das Leben.« Er raucht. »Auch wenn Angehörige das sicher anders sehen.«
Manche seiner Piratenbestattungen waren größer: die Frau, deren Asche von ihren Freunden auf Papierschiffchen aufgeteilt und den Fluss hinabgeschickt wurde, an dem sie gelebt hatte. Manche waren kleiner, wie die von Sunny. Er traf Sunnys Mutter und Sunnys Vater im Sonnenzimmer, das Krankenhaus hatte ihn informiert. »Die beiden waren mir sehr nahe«, sagt er.

»Wir wussten nicht, was wir wollten«, sagt T., der Vater. »Aber was wir nicht wollten, das wussten wir.«
»Ich stand total neben mir, ich hab mich als Versagerin gefühlt«, sagt E., die Mutter. »Die scheiß Ansprüche, die man an sich hat. Oder ich jedenfalls an mich hatte.«
»Es sollte irgendwie frei sein. Eine eigene Zeremonie«, sagt T.
»Wenn möglich, wollten wir die Asche verstreuen«, sagt E.
O., ihr Bestatter, holte Sunny aus der Kühlung. Er lag in einem Körbchen. Er hatte sich verändert. Seine Haut war bläulich, sein Körper kalt. Sie salbten ihn gemeinsam mit Öl, das duftete. Dann betteten sie ihn in einen kleinen weißen Kindersarg, der Sunny noch zu groß war.
»Und dann war Sunny weg«, sagt T.
E. sagt nichts.

Spezialisten wie Spranger fragen sich: Wie häufig wird der Friedhofszwang in Deutschland unterlaufen? Vielleicht weniger als befürchtet. Als Bremen 2015 – als einziges Bundesland – das Ausstreuen von Asche unter strikten Auflagen erlaubte, gingen in den ersten Jahren kaum hundert Anträge ein. Vielleicht unterlaufen ihn aber auch mehr Menschen als angenommen. Im Ausland ist eine Schattenwirtschaft für deutsche Totenasche

Sterbebüro im Standesamt, Krematorium, O. steuert seinen Wagen durch die Stadt. Sie kennen ihn entlang der Wege, die jeder Mensch im Tod nimmt. Sie schätzen ihn auch. Das hilft. Sunnys Sarg überführte O. persönlich ins Krematorium, die Urnenanforderung kam kurz darauf.

O. arbeitet über die nahen Niederlande. Er hat einen Vertrag mit einem Bestatter dort, Beisetzungen im Auftrag. Die stillschweigende Übereinkunft: Was auf dem Papier vereinbart ist, findet nie statt. Auch dem Krematorium war klar, Sunnys Asche hat nicht das Ausland als Ziel. Sie sagten nichts. Sie unternahmen auch nichts. Sie händigten Sunnys Urne aus. So funktionieren Piratenbestattungen, in einem stillen Einvernehmen: Krematorien, Bestatter, mitunter sogar Friedhofsbetreiber. »Jeder macht ein bisschen was, was er eigentlich nicht sollte«, sagt O.
Später, in seinen Büchern, tauchte Sunny nur mit unverfänglichen Posten auf: Kindersarg, Überführung Krematorium, Urnenversand Niederlande. O. hatte ein leeres Urnenpaket geschickt, um einen Transportschein vorweisen zu können, für alle Fälle. »Der Verfolgungsdruck ist gleich null«, sagt er. »Aber wenn was rauskommt, müssen die ­Behörden handeln.« Er entfernt daher den Schamottstein mit den Daten des Toten, der jeder Asche beiliegt. Andernfalls lässt er sich von Angehörigen schriftlich versichern, dass sie die Urne selbst »zeitnah (…) zur Bestattung« ins Ausland überführen. Viele Anfragen lehnt er auch ab. Er kann niemanden brauchen, der mit der Oma in der Wohnzimmer-Vitrine prahlt. »Auch wenn illegal ist, was wir machen«, sagt er, »es ist immer auf Wunsch der Angehörigen, immer im Sinne der Trauer.«
Als Sunnys sterbliche Überreste aktenkundig im Ausland angekommen waren, packte O. die kleine blaue Urne in seinen Daimler und fuhr zu E. und T.

Um Bernd abzuholen, schulterte K. seinen alten Armeerucksack, den er so gern getragen hatte. Es hatte eine Zeit gedauert,

»Sie müssen aufpassen, hat er gesagt, Sie sind erpressbar. Gehen Sie damit nicht hausieren!«, sagt K.
Es war zu spät. Sie hatte mit ihrer Schwester gesprochen. Ihre Schwester war der Meinung, ein Toter gehöre auf den Friedhof. Sie sagte, Bernd sei nicht K.s Eigentum, sie sagte, die Urne daheim, das sei nicht normal. Streit brach aus. Die Schwestern führen ihn bis heute, in erbitterten E-Mails, die voller Vorwürfe stecken.
»Ich höre immer nur: Das ist abartig! Das ist pervers!«, sagt K. »Es gibt in Europa aber Hunderttausende Leute, die das so gemacht haben, ganz legal – sind das alles Psychopathen?«
Manchmal wünscht sie, sie könnte ihre Trauer anderen spürbar machen. So, wie sie den Schmerz spürt. Sie ist über Monate unter die Dusche gegangen, um im Schutz des lauten Wasserrauschens zu weinen, aus voller Kraft. Sie sagt: Einmal, in ihrem Elternhaus, riss ihre Mutter den Duschvorhang zur Seite und schrie, hör auf! Hör auf! Hör endlich auf damit!
»Ich weiß, dass ich sie überfordere«, sagt sie. »Für die Familie bin ich die Zumutung.«
Der Streit um die Urne hat K. aber auch kämpferisch gemacht. Sie ist 54. Ihr halbes Leben habe sie dieselbe Leier gehört, ob bei der Arbeitssuche oder der Altersvorsorge: Eigenverantwortung, Eigenverantwortung, Eigenverantwortung.
»Aber da, wo es um das Urpersönlichste geht, um Sterben, um Tod – da wirst du bevormundet«, sagt sie.
»Die letzte Reise, da darfst du nichts mehr bestimmen!«, ruft sie.
»Das ist Nötigung!«
Ihre Trutzburg ist ihre Wohnung. Sie hat Bernd unter der Adresse noch nicht abgemeldet, sein Konto besteht noch, seine Plattensammlung. Bernds Urne steht vor seinem Bücherregal, Hesse, Fallada, Schmidt, er unter ihnen. Wenn es schlimm wird, nimmt sie die Urne im Weinen in die Arme.
Aber ihre Familie. Ihre Sorge ist: Was, wenn ihre Schwester sie anzeigt, wegen Verletzen des Friedhofszwangs, Stören der Totenruhe?

Die Störung der Totenruhe. Das Argument hört Tade Spranger oft. In diesem Vorwurf bündeln sich die Widersprüche des Friedhofszwangs wie unter einem Brennglas.
Der Großteil der Bestattungsgesetze zählt zum Ordnungsrecht. Wer eine Urne nicht beisetzt, begeht eine Ordnungswidrigkeit – wie zu schnell Auto fahren, nur schlimmer. Angehörigen droht eine Geldstrafe, die Urne wird beschlagnahmt. Störung der Totenruhe dagegen ist eine Straftat.
»Zwei Begehungs-Alternativen«, sagt Tade Spranger.
Einerseits stört die Totenruhe, wer sterbliche Überreste wegnimmt, sie aus dem Gewahrsam der Berechtigten entfernt.
»Aber der Angehörige sagt ja: Ich will das doch! Ich will das ja gerade!«
Anderseits stört die Totenruhe, wer sterbliche Überreste verunglimpft, wer sie und damit den Toten verächtlich macht.
»Aber die Angehörigen wollen die Asche ja nicht haben, um damit Schindluder zu treiben. In der Regel sind das die, die sich damit auseinandersetzen, die sich kümmern.«

Ein See. Eine Kirche. Die Wipfel eines Waldes. Ein schmaler Pfad. An seinem Ende ein Strauch Holunder. Sie waren

Du warst da
Du bist fort
Du bist jetzt schon geliebt