Kann Botswana ein Vorbild für westliche Länder sein?

Wie eint man eine gespaltene Gesellschaft? Das afrikanische Land Botswana hat es geschafft – mit einer Politik, die für den Einzelnen oft eine Zumutung ist, für das Volk aber ein Segen.

Religionslehrerin Carol Ramolotsana wehrte sich nach Kräften gegen ihre erste Versetzung – vergeblich.

An einem Tag im März 2004 rief sie der Direktor der Schule, an der sie als Religionslehrerin arbeitete, in sein Büro. Er übergab ihr einen Umschlag, DIN A4, weiß, Stempel des Bildungsministeriums. Da wusste Carol Ramolotsana schon Bescheid. Ihre einzige Frage war: Wohin?

Sie öffnete den Umschlag und las: »Lentsweletau«. Löwenhügel. Nie gehört – und das bedeutete in diesem Land nichts Gutes. Carol sank in den Sessel vor dem Direktorenschreibtisch und begann zu weinen. Die Leere dieses Moments hat sich

Zu Hause betrachtete sie im Atlas ihre Heimat Botswana, eingezwängt zwischen Südafrika im Süden, Namibia im Westen und Simbabwe im Osten, größer als Deutschland, aber weniger Einwohner als Berlin. Carols Finger suchte über die Karte, bis er

Dort sollte sie leben? Dort sollte sie arbeiten? Sie, ein 29-jähriges city girl, Lehrerin an einer Dorfschule?

Gerade war sie noch eine glückliche Hauptstädterin gewesen, die abends in die Kinos von Gaborone ging, oder essen, am

Als Beamtin hatte sie das Versetzungs­risiko gekannt, aber es war ihr so fern vorgekommen wie eine gefährliche Krankheit aus

Sie schlief in dieser Nacht auf der Couch ihrer Schwester. Genau wie die nächste Nacht und die nächste. Bis

Auch der Grundschullehrer Bakang Nkwe hatte den Namen des Ortes nie gehört, den das Ministerium für ihn ausgesucht hatte:

In den 24 Jahren seines Lebens hatte Bakang den Süden Botswanas nie verlassen. Hier hatte er studiert, sich in

Zwei Tage in Bussen, 1200 Kilometer zwischen der Welt, die er liebte, und der Welt, die er fürchtete. Freunde

Als der Busfahrer an einer verlassenen Straße hielt, war es Nacht. Das Schulgelände lag etwas außerhalb des 1500-Einwohner-Dorfes. Als

Carol steuerte ihren Wagen hinaus aus der Stadt. Die Glitzertürme von Gaborone verschwanden im Rückspiegel, erinnert sie sich. Die

Die Schule bestand aus einigen Dutzend Häuschen, die in großem Abstand zueinander auf die rote Erde gewürfelt waren. Dazwischen

In den Tagen darauf hörte sie draußen die Schüler lärmen. Carol blieb im Bett. Sie ignorierte jedes Klopfen an der Tür. Sie hatte einen Sack Reis mitgebracht, Pasta, Maismehl, fünf Kilo getrocknetes Hühnerfleisch und genug Cider für eine Weile. Es dauerte Tage, bis sie in ihre High Heels stieg, sich eine Handtasche in die Armbeuge hängte und zum Unterricht ging. Die Kollegen lachten.
»Die feine Dame«, sagte eine.
»Die Schuhe wirst du nicht lang tragen«, eine andere.

So hatte sich Carol Dorfmenschen vor­gestellt. Kurze Haare. Flache, ausgelatschte Schuhe. Keine Handtaschen. Sie war sicher, dass viele nicht

Die Mittagspausen verbrachte sie allein in ihrem Haus. Nach dem Unterricht öffnete sie die erste Dose Hunter’s Apple Cider,

Seit ihre Lehrerin in der sechsten Klasse manchmal Orangen mit zum Unterricht gebracht und den Kindern, die zu Hause

Hier sah sie in den Kindern, die vor ihr auf bunten Plastikstühlen saßen, kleine Versio­nen der Dorfbewohner, die sie

Als sie ihre Vorräte ausgetrunken hatte, fuhr Carol zur Dorfbar. Sie ignorierte die Blicke, sie ignorierte auch den Gestank

Die Silhouette in der Nacht hatte einer Herero-Frau gehört, die den typischen Kopfschmuck ihres Stammes trug, lernte Bakang. Von

Es kam ihm vor, als wäre er nicht nur 1200 Kilometer durch die Wüste gereist, sondern auch fünfzig Jahre

Bald hatte Bakang genug Herero gelernt, um seine Schüler zu begrüßen. Bald konnten sie genug Setswana, um seinem Unterricht

Er war nicht da, als seine Tochter geboren wurde. Er war nicht da, als sie ihre ersten Schritte machte.

Als Carol Ramolotsana und Bakang Nkwe im Dezember 2018 ihre Geschichten erzählen, Carol im Haus ihrer Schwester, in dem

Das Bildungsministerium, in dem damals jemand die Versetzungsbescheide für Carol und Bakang losgeschickt hatte, ist in einem schwarz-weißen Glasbau

Vom Bildungsministerium aus sind es drei Gehminuten zum Gesundheitsminis­terium. Auch dort gehen Beschwerden ein, nur nicht von Lehrern, sondern

Die botswanische Regierung zwingt nicht nur Lehrer zum Umziehen. Alle Beamten können jederzeit versetzt werden, rund 120 000 Menschen, etwa

Wenn in einer Gesundheitsstation eine Krankenschwester gebraucht wird oder in einer staatlichen Klinik eine Ärztin oder ein Arzt, wenn

Es ist, als hätte ganz im Süden dieses Kontinents, der nicht arm ist an Gräueln, die sich Machthaber für

Bildung ist hier weitgehend kostenlos, vom Kindergarten bis zur Universität. Arztbesuche ebenso. Genau wie Saatgut, Dünger und Unterstützung durch

Der Bildungsstaatssekretär Simon Coles könnte eine Antwort auf das Warum geben. Genau wie seine Kollegen in den anderen Ministerien.

Kedikilwe, ein Mann mit mächtiger Statur und bassiger Stimme, trägt einen braunen Hut gegen die Sonne, als er auf

Man müsse sich mal zurückversetzen: Als sich im Sommer 1966 die Unabhängigkeit Botswanas abzeichnete, sei dies eines der ärmsten

Vor allem aber, sagt Kedikilwe, gab es kein botswanisches Volk.

Wie fast überall in Afrika waren auch Botswanas Grenzen

Jeder der etwa zwei Dutzend Stämme in Botswana hatte

Khama habe in den Jahren vor der Unabhängigkeit genau

Es war offenkundig, dass an diesen Orten die Identitäten

Deswegen habe sich Khama vorgenommen, sagt Kedikilwe, dies in

Wahrscheinlich, sagt Kedikilwe, gab es keinen Heureka-Moment, keinen genialischen

Die Regierung des unabhängigen Bots­wana musste dafür sorgen, dass

Die Beamten, die dafür zuständig waren, die Bildung und

Überall im Land, in Tausenden Einzel­geschichten, brachen Vorurteile auf

»Exposure«, sagt Kedikilwe auf der Terrasse: Das sei der

So wie der Junge über Züge dachte, so denken

Während sich in Nigeria diese Feindbilder entluden in Gewalt

Mitte der Siebzigerjahre weitete die Regierung in Gaborone das

Während in anderen afrikanischen Ländern der einzige Kontakt zwischen

Während die Regierungen in anderen Ländern ihre Bodenschätze nutzten,

Nach ihrer Ankunft am Löwenhügel widersetzte sich Carol Ramolotsana

»Woher kommst du?«, fragte Thabo. »Lentsweletau«, sagte Carol, etwas

Er lebte damals etwas nördlich auf einem Armeestützpunkt, aber

An der Grundschule Nokaneng meldete sich Bakang Nkwe freiwillig,

Er traf Touristen, die aus Amerika, Groß­britannien, Belgien, Deutschland

Bakang atmete auf – endlich wieder Stadt, endlich wieder

Auf der Veranda erinnert sich Ponatshego Kedikilwe, dass ihm,

Es ist eine Version des alten Dilemmas. Was ist

Kedikilwe amüsiert die Vorstellung, dass man diese Frage auch

Eine Zeit lang gab es einen verpflichtenden Zivildienst, der

Außerdem, erzählt Ponatshego Kedikilwe, habe jeder Botswaner Anspruch auf

Wenn man heute mit Botswanern über ihre Identität spricht,

Eine junge botswanische Französisch­lehrerin sagt, nach ihrer Stammeszugehörigkeit befragt:

Ein anderer Lehrer erzählt, seine Frau, ebenfalls Lehrerin, gehöre

Dieses Land ist das vielleicht erfolgreichste Nation-Building-Beispiel der Geschichte.

Überall streben Gesellschaften auseinander, spalten sich in Rechts und

Der blaue, liberale Stamm lebt an den Küsten und in den Städten, liest die New York Times, isst bio, trennt Müll, fährt Rad oder öffentlich und hat öfter einen akademischen Abschluss.

Der rote, konservative Stamm lebt auf dem Land, schaut

So ist eine Situation entstanden, in den USA, aber

Diesseits der Landesgrenzen sind Feinde dazu verdammt, miteinander Politik

Gleichzeitig warten jenseits der Grenzen Freunde, die zum Zuschauen

Viele Menschen fühlen sich nicht mehr in erster Linie

Botswana hat sich aus diesem Dilemma befreit, indem es

Bakang Nkwe arbeitete in 19 Jahren Schuldienst an sieben

So geht es vielen Lehrern. Das Stammesdenken ist weitgehend

Durch Thabo fühlte sich Carol am Löwenhügel bald zu

Am Rande des Löwenhügels, erzählt Carol, gibt es ein

Das Häuschen, das Carol baute, war noch nicht fertig,