Ja, danke, schon okay

Statt ihren Pandemie-Frust rauszulassen, reißen sich viele Menschen permanent zusammen und betonen, wie gut es ihnen gehe. Unsere Autorin erklärt, was an diesem zwanghaften Optimismus gefährlich ist, und warum in der Krise auch die negativen Gefühle weiterhelfen.

Wer immer schön Wetter macht, der kann keinen Sturm entwickeln. Manchmal muss es stürmen, damit sich was ändert.

Foto: Willem De Haan

Ein fünfjähriger Junge hilft beim Tischdecken. Er darf die Weingläser tragen, er soll vorsichtig sein, er bemüht sich sehr. Aber eins rutscht ihm doch aus der Hand und fällt auf den Boden. Es zerbricht nicht etwa in tausend Scherben, sondern sauber am dünnen Stil in zwei Teile. Der Junge, der Sohn einer Freundin, bringt mir die beiden Teile, lächelt tapfer und sagt »Gott sei Dank nicht ganz kaputt«.

»Gott sei Dank nicht ganz kaputt« ist seitdem ein geflügeltes Wort bei

»Na ja, ich kann mich ja nicht beklagen«, sage ich zu einer

»Na ja, im Vergleich zu dir ist es, glaube ich, ganz okay

Wir einigen uns also darauf, dass wir beide absolut keinen Grund haben,

Und dann denken wir noch zusammen an all die, denen es schlechter

Und dann schäme ich mich nach dem Telefonat heimlich noch ein bisschen

Einerseits ist es ganz heilsam, inmitten dieser globalen Katastrophe innezuhalten und aufzuhören,

Aber dieses ständige Kleinreden der eigenen Belastung hat auch etwas von Selbstbetrug.

»Toxic Positivity«, so nennen Psychologen das Phänomen, wenn Menschen nicht anders können,

Inzwischen gibt es Forschung und Studien dazu, die belegen, wie schädlich diese Denkweise ist und wie krank sie uns macht. Negative Gefühle zu unterdrücken erzeugt Stress, anstatt ihn zu mindern. Das Schlechte verschwindet nicht, nur weil man stur auf das Gute blickt. Meine Sorgen werden nicht kleiner, nur weil jemand anderes noch größere Sorgen hat, und wenn ich sie einfach wegdrücke, kommen sie garantiert irgendwann wieder zurück, größer und beängstigender als zuvor. Mit der Pandemie hat sich auch die »Toxic Positivity« rasend schnell verbreitet, und manchmal kommt es mir vor, als gebärdeten wir uns wie die zum Tode Verurteilten in der Schlussszene des Monty-Python-Klassikers Das Leben des Brian, die frisch ans Kreuz gebunden gemeinsam Always Look On The Bright Side Of Life singen.

Dieser Durchhalteoptimismus sorgt also gar nicht dafür, dass ich mich besser fühle,

Es passiert also im Kleinen, was ja auch längst im Großen geschieht.

Dabei brauchen wir vielleicht gerade jetzt in dieser Krise unsere negativen Empfindungen

Es hätte aber auch besser kommen können. Wir hätten alle kollektiv streiken

Das Weinglas, das »Gott sei Dank nicht ganz kaputt« war, ist mir