Wenn die Worte fehlen

Der Corona-Diskurs wird von Experten bestimmt, für die Sorgen der Einzelnen gibt es auch nach einem Jahr Pandemie zu wenig gute, treffende Begriffe. Fühlt sich deshalb alles so fremdbestimmt an? Plädoyer für eine Sprache, die dem Corona-Unbehagen endlich gerecht wird.

Einsamkeit, Enge, Beklemmung, Sprachlosigkeit? Es ist etwas von alledem, und doch trifft keiner dieser Begriffe das spezielle Corona-Unbehagen.

Foto: Eva Baales; Styling: Samira Fricke; Collage: Anna Bu Kliewer

Es gibt diesen Moment, als der junge Mann, den die Welt total überfordert und der durch die Straße stolpert (das Flanieren klappt schon längst nicht mehr), merkt, dass die neue Realität ihm inzwischen das Hirn zerhackt. Und der Versuch, per Sprache zu ordnen, schlägt auch fehl. Weil er das, was er sieht und erlebt, nicht mehr mit den Worten fassen kann, die er kennt. Die alte Bedeutung passt nicht zur neuen Welt. »Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und

Die Art, wie die Welt vielen damals die Sprache verschlug, passt heute wieder. Hugo von Hofmannsthal schrieb, die Worte »zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze«. Es faulte das Fundament jedes sinnvollen Austauschs. Ein untrügliches Symptom dafür ist, dass man jedes Wort gern in Anführungszeichen setzen würde. Vor allem die angebliche »Normalität«. Wenn die Welt sich ändert, muss Sprache sensibel sein, um die Realität einzufangen. Wenn sie die Welt nicht mehr in Worte fassen kann, entsteht schleichend das Gefühl, dass

Deutschland stieg direkt mal ganz übel ein in diese Pandemie. Als Corona nach Deutschland kam, sprachen Regierungsvertreter nicht abgenervt wie jeder andere von der »Normalität« in Anführungszeichen oder geradeheraus vom Ausnahmezustand, sondern von der »neuen Normalität«. Es war nicht der erste und nicht der letzte Kommunikationsfehler in der Krise, aber vielleicht einer, der ahnen lässt, warum es jetzt, zwölf Monate seit dem Beginn der Corona-Krise, mehr als ein Verständigungsproblem gibt. Man hat sich voneinander entfernt. Die, die erklären, von denen,

Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim sammelt Corona-Begriffe in einem Onlinewörterbuch. Hier kommt man dem Fehler auf die Spur. Nach und nach wurde das Leben bestimmt von Begriffen wie: 7-Tage-R-Wert, 15-Kilometer-Radius, AHA+C+L-Regel, 200er-Inzidenz, 30-Sekunden-Regel, 50-Neuinfektionen-Marke, FFP2-Maskenpflicht, Null-Fälle-Strategie, Überbrückungshilfe III.

Die Wörter des Corona-Wörterbuchs spiegeln, wie ein Jahr lang versäumt wurde, Corona als Krise für die einzelnen Menschen zu benennen und nicht nur als Wirtschaftslagen und Betreuungssituationen, Beatmungszustände, Sterbeszenarien und Hygienekonzepte. 16 Abwandlungen von »Abstand« tauchen in der Liste auf,

Sprache formt Realität. Wie man etwas benennt, entscheidet über Akzeptanz oder Ablehnung. Sprache schließt ein oder aus. Sie lenkt die Wahrnehmung, wie der israelische Linguist Guy Deutscher es beschreibt. Sprache fungiert als Linse, durch die man auf die Welt blickt.

Wer als Erstes die Sprache wiederfand und das Wort führte, waren Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen und Politiker. Die Kombination aus beiden Disziplinen, Karl Lauterbach, war deswegen häufigster Talkshowgast im Pandemiejahr, gefolgt von Virologen und Wissenschaftsjournalis­tinnen, dem Kanzleramtsminister und den Ministerpräsidenten.

Eingeschränkter Regelbetrieb, erweiterte Notbetreuung, eingeschränkter Pandemiebetrieb. Begriffe, die erdacht wurden, um in Schriftsprache und Landesverordnungen die eine pandemische Kita-Betreuungsform von der anderen juristisch abzugrenzen. Falls es Klagen gibt und um Beschwerden, Probleme und Erkenntnisse unter diesen Begriffen zu verakten.

Aber es sind keine Wörter, um Eltern zu erklären, in welchem Raum und zu welchen Zeiten ihr Eichhörnchengruppen-Kind nun betreut wird, welche Bezugspersonen bei ihm bleiben, ob es die Matschhose braucht, weil man in dieser Konstellation auch rausdarf, oder ob

Es ist ein Problem, wenn vor allem diejenigen, die öffentlich und überproportional viel sprechen, gelernt haben, aus der Sicht des Virus zu denken. Und sei es aus bestem Interesse, nämlich um die Bevölkerung besser schützen zu können. Man hört es ständig: Aus Sicht des Virus sei dies gut und jenes schlecht. Würde Kafka heute schreiben, er müsste beginnen mit: Der Minister wachte eines Morgens auf und dachte wie ein Virus. Christian Drosten referiert in seinem Podcast häufig Szenarien, die gut wären. Über Minuten geht das so: Kälte, Nähe, stehende Luft … bis plötzlich klar wird, gut heißt hier gut aus Sicht des Virus. Ach so. Selbst die Kanzlerin redet aus dieser Perspektive, man dürfe dem Virus nicht die Bedingungen geben, die es haben will, sagt sie. Das mag sein, epidemiologisch korrekt, wissenschaftlich bewiesen, Eins-a-Forschersprache.

Aber wo ist das Gegengewicht? Wo der Podcast mit der Psychologin? Wo der Abendtalk mit Eltern? Welcher Seniorenverband berät die Ministerpräsidentenrunde? Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte neulich in einem Interview im Tagesspiegel: »Verantwortlich für die Krise ist das Virus.« Und als die Bild am Sonntag den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer fragte, wie lange der »Dauer-Lockdown« noch gehe, sagte der: »Das entscheidet nicht die Politik, sondern das Virus.« Das alles ist nicht ganz richtig. Das Virus ist ein Problem, eine Krise wird daraus, wenn ein Problem schlecht gehandhabt wird. Angela Merkel vollführte im ZDF-Interview den gleichen Tanz. Sie argumentierte nicht vom eigenen Anspruch der Bewältigung aus, sondern erklärte immer nur ihre Reaktion auf den Ist-Zustand der Pandemie. Deswegen ergaben sich aus ihrer Sicht auch keine Fehler. Geschweige denn eine Bitte um Entschuldigung. Sprache formt offenbar besonders stark die Realität der Verantwortlichen. Aus Sicht des Virus, schien sie zu finden, macht sie es dem Virus so schwer wie möglich. Aus Sicht der Bürgerin wünschte man sich dringend mal einen Perspektivwechsel.

Und das im Grunde, sobald das Thema Corona beginnt. Denn gleich fühlt man sich als Trägertier. Die Rede ist von Durchseuchung und Herdenimmunität. Zügel müssen angezogen werden, nur dann könne man später die Zügel wieder lockern. Wie konnte sich überhaupt

Hier vielleicht mal der Hinweis, dass sich diese Abneigung gegen die Bürokratisierung von Sprache über Krankheit und Tod, aber auch über Hoffnung und Körperkontakt nicht gegen einzelne Maßnahmen richtet. Sie will nicht mal diese Worte verunglimpfen. Klar, dass Wissenschaft und

Wo ist der eine Satz der Kanzlerin, der diese Pandemie-Erfahrung einordnet, erklärt, vielleicht sogar Trost spendet? Ein Satz, der einschwört auf die emotionalen Entbehrungen. Auf der Pressekonferenz vom 19. Januar 2021 fasste sie mögliche Probleme grob zusammen mit: »Langfristige Schäden,

Was macht es mit uns, wenn das Wort und das Bezeichnete nicht mehr zusammenpassen? Richtig daneben geriet das gleich zu Beginn, als der Ton gesetzt wurde. Und ein pandemischer Zustand zur »neuen Normalität« verklärt wurde. Menschen, die sich mit Kommunikation

Die wahrscheinlichste Deutung liegt dazwischen: gut gemeint, nicht nachgedacht, schlecht gemacht. Einfach ein Beispiel für misslungene Kommunikation. Eine Wortwahl, die beruhigen sollte, aber etwas anderes erreichte: eine Diskrepanz zwischen dem vorgegebenen Staatsziel, Normalität zu leben, und der täglichen, müden,

Zumal wenn es die Werbung besser macht als alle anderen. Ein Online-Händler titelte vor Weihnachten 2020 auf Plakatwänden deutschlandweit: »Wir werden uns wieder umarmen.«

Wie man in der Krise auch mit den Menschen reden kann, selbst von staatlicher Seite,

Und rundherum im besten Fall nur Stagnation der Sterbezahlen, oder wie das jetzt heißt: Todeszahlenplateau.

Das Ergebnis von all diesen hohlen Zwischenräumen, von den vielen Wörtern, die nicht so recht

Kunst könnte ja das Schöne entdecken und abbilden. Wie Menschen etwa, weil es keine Clubabende

Überhaupt ist auch das Anstehen noch mal verwissenschaftlicht worden. Ein Metzger in München schreibt auf

Das Leben in der Pandemie bietet längst eigene Erzählungen. Jeder kennt den Kaffee, den man

Wo alles mit der »neuen Normalität« hochambitiniert begann, ist dieses inzwischen sehr geläufige Pandemie-Wort eher