Unser brüchiges Glück

Alles wird gut – seit Wochen machen sich viele mit diesem Satz gegenseitig Mut. Die Wahrheit ist: Niemand weiß, ob es gut wird. Hoffnung gibt es dennoch: Es ist die Konfrontation mit unserer Machtlosigkeit, die uns am Ende retten könnte.

In Szenen wie diese grätschte das Coronavirus brutal dazwischen: Auf einmal merken wir, wie wackelig unser System, wie brüchig unser Glück ist.

Foto: Elaine Constantine/Industry Art

Vor Jahren reiste ich mit einem Freund durch Ghana. An einem besonders schwülen Tag gelangten wir an das Ufer des Volta, eines gigantischen Tropenflusses. Wir waren so erschöpft, dass wir, ohne groß nachzudenken, ins Wasser sprangen. Nur kurz, sagten wir uns, eine Abkühlung.

Als ich auftauchte, blickte ich in das erstarrte Gesicht meines Freundes: »Ganz ruhig«, flüsterte er, »schau mal zwischen uns«, und dann sah ich sie: eine giftgrüne, 1,50 Meter lange Wasserschlange, winziger Kopf, fiese Augen. Sie lag

»Look!«, riefen wir einem Fischer zu, der am Ufer sein Netz ausbesserte, »look at this snake!« Als er das Tier sah, das in Ufernähe verharrte, riss er die Augen auf, griff nach einem Holzpaddel und schlug

Wir waren jung, wir waren übermütig, zwei Deutsche, so behütet großgeworden, dass sie sich Todesgefahr nicht vorstellen konnten: ungezähmte Natur, wilde Tiere, kannten wir alles, aber halt aus Dokumentationen von Heinz Sielmann. Theoretisch wussten wir schon,

In den vergangenen Wochen musste ich oft an diese Geschichte denken, weil mich viele Menschen an die zwei jungen Männer erinnerten, die damals voller Zuversicht in diesen Fluss gesprungen waren: Natürlich hatten wir, die Bewohner der

Als der DAX im März um mehrere Tausend Punkte nach unten sackte, meinte ein Freund, er könne heulen, dass er kein Geld auf der hohen Kante habe. Er wisse genau, in welche Aktien er jetzt investieren

»Alles wird gut« ist der Satz, mit dem sich Nina Ruge vor zwanzig Jahren jeden Tag von ihren Leute heute-Zuschauern verabschiedete. Der Satz war ihr Markenzeichen, in der Corona-Krise entwickelte er sich zur Trost- und Beschwörungsformel der westlichen Welt: »Alles wird gut« stand auf Zetteln an Laternenpfählen und Bettlaken, die von Balkonen gerollt wurden. In Italien verbreitete sich der Hashtag #andratuttobene (»Alles wird gut«) millionenfach in den sozialen Netzwerken. Wenn wir ehrlich sind, haben die meisten vom ersten Tag der Krise an damit gerechnet, dass der Spuk in ein paar Wochen vorüber sein und die bestehende Ordnung – abgesehen von ein paar Kollateralschäden – wieder die Oberhand gewonnen haben würde.

»Wenn das Schlimmste vorbei ist«, »Wenn die Normalität zurückkehrt«, »Wenn die Bundesliga wieder losgeht« sind Sätze, die man seit Wochen hört. Viele schienen sich von Anfang an die Zeit danach nicht nur in den schillerndsten Farben

Wenn es nach uns geht, wird die Corona-Pandemie genau wie Tschernobyl, 9/11, Fukushima, die Schweinegrippe, Ebola und die Finanzkrise vorübergehen. Schon möglich, dass ein paar Menschen unter die Räder kommen und ein paar Läden schließen müssen,

»Alles wird gut« – reinen Gewissens kann das eigentlich nur behaupten, wer an Erlösung und Auferstehung glaubt, für alle anderen ist der Satz eine Instagram-Sentimentalität, ein Stück Holz zum Festhalten – leider ein ziemlich morsches, weil

Die Frau, die ich liebe, stammt aus Saigon in Vietnam. Ihre Mutter trug Anfang der Siebzigerjahre elegante Sonnenbrillen, maßgeschneiderte Hosenanzüge und wurde zweimal in der Woche von einem Chauffeur zur Musikstunde gefahren. Man besaß mehrere Häuser,

Wir aber haben den Glauben an ein Happy End so verinnerlicht, dass er zur Gewissheit geworden ist. Es ist diese amerikanische Version der Zuversicht, die sich so fest in unserem Bewusstsein verankert hat, dass sich die

Die meisten Menschen, die heute in Europa oder Nordamerika leben, sind nach 1945 geboren. Fast keiner von ihnen hat Hunger, Kälte, Bombennächte erlebt. Fast alle kennen – abgesehen von konjunkturellen Schwankungen, vorübergehenden Rückschlägen und individuellen Pechsträhnen

Glück ist für uns schon lange nichts mehr, was einem vom Schicksal oder einem gnädigen Gott gewährt wird. Glück ist eine Forderung, die wir an uns selbst stellen, ein Ziel, das auf Teufel komm raus erreicht werden muss. Glück ist, man kann es nicht anders sagen: Normalität, die nicht unterschritten werden darf, weil sie uns verdammt noch mal zusteht. Die westliche Welt ist durchdrungen vom Postulat des Optimismus, der guten Laune und Zuversicht, das reicht von der Burger-Kette »Hans im Glück« über Emojis mit Herzaugen bis zur Facebook-Zentrale »Fun Palace«. Negativität ist nicht vorgesehen, wird geleugnet, versteckt oder zur Chance umgedeutet. So was wie Gefahr findet für die meisten nur noch im Auslandsjournal und den unzähligen Krimis und True-Crime-Serien statt, die fein austarierten Nervenkitzel in unsere abgesicherten Leben träufeln, freilich unter kontrollierten Bedingungen, mit der Fernbedienung in der Hand und der Wolldecke über den Knien. Im Grunde erinnern wir an Kinder, denen Märchen vorgelesen werden: Ja, da gibt es Hexen und Wölfe, und ja, man darf sich auch mal gruseln, aber am Ende siegt das Gute, und man schläft friedlich ein und freut sich auf morgen.

Und jetzt, gerade als wir es uns in unserer Version vom gelungenen Leben richtig gemütlich gemacht haben, klopft auf einmal dieses Virus an die Haustür: ein Memento mori, mit dem niemand gerechnet hat, ein Vollkontakt mit der Wirklichkeit, der niemandem in den Kram passt. Auf einmal liegen die Leichen nicht auf dem Seziertisch von Professor Börne im Münsteraner Tatort, sondern in Wohnungen, Zelten und riesigen Kühlschränken, und nicht in Syrien, sondern in New York, London und Bergamo. Auf einmal lauert der Tod, den wir nicht wahrhaben und akzeptieren wollen, den wir verstecken, hinauszögern und totschweigen, auf jeden von uns, und zwar um die Ecke, in den Spucketröpfchen des besten Freundes, der Tochter, des Großvaters. Auf einmal sind auch die Tech-Gurus aus dem Silicon Valley, die sonst so laut vom ewigen Leben in der Datencloud träumen, ganz still geworden. Es scheint, als müssten wir uns mit der eigenen Gott-werdung noch gedulden, als müsse der Homo Deus, wie ihn der Historiker Yuval Noah Harari prophezeit hat, noch ein bisschen warten, bis er die Weltbühne betreten darf.

Denn das ist der eigentliche Schock dieser Pandemie, dass wir mit einer Wahrheit konfrontiert werden, die wir so lange erfolgreich verdrängt haben: Unsere Zivilisation ist gefährdet, unser Glück brüchig, unser Leben endlich. Oder wie die Publizistin

Was wir seit Wochen erleben, ist nichts Geringeres als ein Einbruch der nicht domestizierten Natur in unsere raffiniert ausgeleuchteten Instagram-Leben, der Einfall der Unberechenbarkeit in unsere Kontroll- und Vorsorgegesellschaft. Nachdem wir uns jahrzehntelang unverwundbar gefühlt haben,

Vor einigen Jahren sagte der emeritierte Papst Benedikt XVI. in einem Interview: Es sei gefährlich für einen Menschen, wenn er einfach von Ziel zu Ziel eile und überall mit Lobpreis durchgehe. Besser sei, »dass er seine

Diese Pandemie fasst uns ziemlich kritisch an. Wir sind aus dem Tritt gekommen. Gleichzeitig erleben wir, wie unsere Solidarität und Opferbereitschaft gestiegen sind, wie uns gelungen ist, was uns im beschleunigten Alltag so schwerfällt: eine andere

»Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch«, schrieb Friedrich Hölderlin vor 200 Jahren. Und das ist dann vielleicht doch die gute Botschaft dieser Tage: dass dieses Virus unserer prometheischen Ich-Sucht eine Grenze gesetzt hat.

Gerade durch die Demonstration unserer Verwundbarkeit haben wir in den vergangenen Wochen ein Gefühl dafür bekommen, wofür es sich zu kämpfen lohnt und was in uns stecken könnte, wenn es drauf ankommt: wie viel Kreativität, Mut und Opferbereitschaft. Es sind dies Eigenschaften, die wir in den nächsten Jahrzehnten brauchen werden, wenn es darum geht, den Klimawandel nachhaltig und nicht nur ein bisschen aufzuhalten. Die wesentlichen Charakteristika der Corona-Krise lassen sich durchaus auf die globale Klimakrise übertragen, schreibt der Klimaforscher John Schellnhuber in der FAZ: »die unerbittliche Gültigkeit der Naturgesetze; die kritische Bedeutung der Rechtzeitigkeit; die gelegentliche Notwendigkeit, alle Waffen, die man besitzt, ins Feld zu führen; die Bereitschaft, das Leben über das Geld zu stellen«.

Vielleicht sind wir gerade dabei, einen Probelauf für gewaltigere Herausforderungen zu absolvieren, die nicht auf nationaler Ebene, sondern nur von der Weltgemeinschaft bewältigt werden können. Oder wie es sinngemäß im britischen Guardian hieß: Wie ein Mensch, der nach langer Krankheit genesen sei, sein Leben und vor allem seine Zukunft in einem neuen Licht sehe, könnten wir nun – mit neuen Erkenntnissen und Erfahrungen – damit beginnen, uns auf eine Welt vorzubereiten, die wir noch nicht kennen.

Niemand weiß, ob wir gerade einen Epochenwechsel er­leben. Eine systemische Zäsur, welche die Welt in ein Davor und Danach einteilt, ist es allemal: »Alles wird gut« – guten Gewissens kann das niemand behaupten. Aber wir können