Mündliche Prüfung

Unser Autor hat sich vorgenommen, die deutsch-französische Freundschaft zu retten – indem er durch eine Hölle geht, der er längst entkommen war: die französische Sprache.

Die Verständigung ­zwischen Deutschen und Franzosen ist zuweilen von einem gewissen ­Unwillen begleitet.

Ich habe wieder mit Französisch angefangen. In Deutschland wird immer weniger Französisch gelernt, stand in der Zeitung, und dem will ich mich entgegenstemmen. Gerade in Zeiten wie diesen, wie man so sagt. Beziehungsweise dans une période telle que la nôtre, wie mein Französischlehrer Philippe vermutlich wollen würde, dass ich sage. Das Ganze hat jedenfalls absolut politische Gründe. Um nicht zusagen: europapolitische. Aber es gibt auch persönliche. Neulich forderte die Pariser Autorin Anne Berest in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nämlich, um die Europamüdigkeit zu überwinden, müsse man sich mit Leidenschaft auf die Sprache des Nachbarn einlassen. Nun bedeutet das französische Wort la langue nicht nur Sprache, sondern auch Zunge, so wie umgekehrt das deutsche Wort Zunge manchmal als poetisches Synonym für Sprache benutzt wird. Daher machte Anne Berest kurzerhand ein Plädoyer für mehr europäische Zungenküsse daraus.

Der amouröse Unterton wird bei dem Thema manche überrascht haben, aber ich fand ihn sehr sachangemessen. Denn wenn der Satz »Ich habe wieder mit Französisch angefangen« so klingt, als ob wir irgendwann einmal Schluss gemacht hätten miteinander, das Französische und ich, dann ist das leider korrekt. Und wenn das wiederum so klingt, als ob es davor einmal eine leidenschaftliche, wenn auch vielleicht ein wenig einseitige Liebesbeziehung gegeben habe: Dann könnte man auch dies so sagen.

Ich allerdings nur auf Deutsch. Wie das auf Französisch heißen würde – aucune idée. Das ist es ja.

Es war damals in der Schule schon nicht immer einfach zwischen uns, und jetzt ist es nicht viel reibungsärmer geworden, obwohl ich mich wirklich bemühe. Seit wir es wieder miteinander versuchen, habe ich zum Beispiel ins Vokabelheft geschrieben, dass »sich verlieben« auf Französisch tomber amoureux heißt. Ich übersetze mir das mit deutscher Geradlinigkeit als »verliebt hinfallen« und finde, dass dadurch die Aspekte von Missgeschick und Tragik bei der Sache gut zum Ausdruck kommen. Es klingt ja auch nur so lange wie etwas, was mit Freuden verbunden sein könnte, bis man anfangen muss, es zu konjugieren. Gegen Ende jeder einzelnen Unterrichtsstunde halte ich Leute, die hier ernsthaft von einer Sprache der Liebe schwärmen, für masochistisch veranlagte Grammatikfetischisten. Ob zum Beispiel »Ich habe mich verliebt« ein eher abgeschlossen in der Vergangenheit begrabenes Ereignis beschreibt oder ob es noch Hoffnungen ins Heute treibt, halte ich für eine viel zu private, geradezu philosophische Frage, um sie mit einem einzigen Verb zu entscheiden. Aber mein Lehrer Philippe will das gleich von vornherein wissen. »Imparfait ou passé composé?«, fragt er immer.

Ich möchte dann grundsätzlich antworten, dass die »allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden«, wie Heinrich von Kleist sie gelehrt hat, so unmöglich funktionieren könne. Aber Philippe sagt unerbittlich entweder imparfait oder passé composé. Und dass die Deutschen dazu neigten, »compoßé« zu sagen, mit hartem S. Oft sagt er mir übrigens auch, dass korrektes Französisch nicht dadurch zustande komme, dass man einfach spanische Vokabeln so ausspricht, als hielte man sich dabei die Nase zu. Trotzdem mag ich meinen Lehrer. Er ist ein feiner, geduldiger und kluger Mensch und mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen, womöglich fast noch mehr als die Sprache, die er mir beibringen soll in zähen Doppelstunden stotternder, haspelnder, oft genug scheiternder Konversation.

Er muss das nämlich jetzt ausbaden, dass ich vor ein paar Monaten mit gro­ßer Geste in das Institut français in Berlin marschiert bin, um zur Not im Alleingang die deutsch-französische Freundschaft zu retten. Die berühmte amitié franco-allemande. Ein Begriff mit einem Klang wie die Eurovisionsfanfare. Hörte man doch früher ständig. Hört man heute so gut wie gar nicht mehr.

Aber es gab nun einmal nicht nur die Meldungen, wonach immer weniger Schüler in Deutschland Französisch lernen wollen, weil die Sprache als schwierig, wenig nutzbringend, nicht besonders cool gelte. Es gab auch die Meldungen, wonach immer weniger Schüler in Frankreich Deutsch lernen wollen, weil die Sprache als schwierig, wenig nutzbringend, nicht besonders cool gelte. Und dann gab es natürlich immer auch die entsprechenden Bilder. Früher: Kohl und Mitterrand. Zwei Männer, die sich spontan bei der Hand nehmen. So anrührend ungelenk konnte Freundschaft einmal aussehen. Oder so schick – um nicht zu sagen: chic – wie davor bei Schmidt und Giscard d’Estaing. Wenn man dagegen heute Merkel und Macron zusammenstehen sieht, hat man immer den Eindruck, dass das M noch die größte Gemeinsamkeit ist. Und mit den Vorgängern war es nicht besser. Merkel stand da oft, als könne sie die ihr vom französischen Wähler an die Seite gestellten Gockel nicht ganz ernst nehmen. Die innigsten Bilder einer deutsch-französischen Politikerfreundschaft entstanden zuletzt eher bei dem Treffen von Frauke Petry, ehemals Alternative für Deutschland, mit Marine Le Pen vom ehemaligen Front National. Aber wenn sich die Nationalisten beider Länder noch am bes­ten zu verstehen scheinen, ist das kein ermutigendes Zeichen.

Und das ist nur die Ebene der offiziellen Politik. Das Private ist aber nun einmal auch politisch, wie die Welt in den Sechzigerjahren von den Protestbewegungen lernen durfte – wohlgemerkt zuerst auf Französisch: Le privé est politique. Und das schleichende Erkalten der Gefühle ließ sich bei genauem Hinsehen auch auf der Ebene der Alltagsgewohnheiten beobachten: Bevor irgendwann alle in Deutschland die tiefe Italianità in sich entdeckten und nur noch Latte macchiato tranken, hatte doch jeder, der etwas auf seine kulturelle Verfeinerung hielt, ganz selbstverständlich Café au lait bestellt – um dann beide Hände fest an henkellose Müslischalen zu pressen. Und in den sogenannten Szenekneipen fast aller großen Städte wurden doch früher vor allem Gauloises geraucht, rot oder blau, aber immer mit dem Anspruch des Werbespruchs Liberté toujours. Und zwar oft genug von Männern und Frauen, die dabei auszusehen versuchten wie einst Andreas Baader und Gudrun Ensslin auf diesen berühmten Café-Fotos aus Paris, auf denen das RAF-Paar seinerseits auszusehen versuchte, als spiele es zwei Liebende auf der Flucht in einem Film von Truffaut oder Godard.

Jedenfalls ließ sich das einst in so gut wie allen Großstädten der alten Bundesländer beobachten. Und jetzt irgendwie nicht mehr. Allerdings möchte ich betonen, dass auch eine Herkunft aus dem Osten damals nicht davor schützte, von einem habituellen Frankreichfimmel gepackt zu werden, ganz im Gegenteil. Da kann ich nun wirklich mitreden, denn ich komme da her. Und ich bin deshalb auch sicher, dass selbst Angela Merkel damals dauernd Filme mit Belmondo geschaut und Alain Delon hinreißend gefunden haben muss – so angenehm wortkarg wie der war, zumal für einen Franzosen. Ich weiß natürlich nicht, ob auch sie ihn liebevoll Ellen Dellen genannt hat, wie so viele im Osten. Aber in meiner Erinnerung gab es im Fernsehen der DDR grundsätzlich entweder politische Propaganda oder Filme mit Alain Delon. Oder Jean ­Gabin. Ent­weder finstere Blicke von Karl-Eduard von Schnitzler oder von Lino Ventura. Ich habe mir auf diesen Kanälen damals mit Sicherheit insgesamt häufiger die Schauspielerinnen Isabelle Huppert und Isabelle Adjani angesehen als Angelika Unterlauf, die Nachrichtensprecherin der Aktuellen Kamera. Und dabei war ich damals womöglich ein bisschen jung für die Filme, in denen Isabelle Huppert und Isabelle Adjani damals ihre Künste und mitunter auch ganz schön viel von ihren Körpern zeigten. Aber über Pierre Richard war ich schon hinaus, und der hatte seine Späße ebenfalls andauernd in den Fern­sehern und Kinos der DDR getrieben. Was auch immer die Genossinnen und Genossen, die das eingekauft, sowie die Mesdames und Messieurs, die es ihnen über den Eisernen Vorhang geschickt hatten, jeweils damit bezwecken wollten: Die Effekte auf den Gemütshaushalt waren auf alle Fälle ­gigantisch.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit lässt sich sagen, dass die Programmverantwortlichen mit der historisch ausstaffierten Softporno-Reihe Série Rose, die sie dann in Erotisches zur Nacht umbenannten, große Teile der reiferen Jugend samstagnachts vor dem Fernseher festnagelten. Und mit absoluter Sicherheit kann ich bestätigen, dass die jüngere Jugend nach der Ausstrahlung von La Boum – Die Fete und La Boum 2 – Die Fete geht weiter auch im Osten Deutschlands brutalst in Sophie Marceau verknallt war. Oder in Pierre Cosso. Oder in beide.

Philippe weiß das inzwischen alles. Er muss es sich in unseren Doppelstunden oft genug anhören, wie ein Therapeut. Außerdem trainiert es einen in der Verschieden­artigkeit der Vergangenheitsformen, wobei ich mich meistens für das imparfait entscheide, egal, was Philippe sagt, ganz einfach aus Sympathie und aus Prinzip: Die Geschichte dieser Beziehung ist nun einmal nicht perfekt. Das passé composé hingegen können sie von mir aus auch in passé composté umbenennen: Ich möchte einfach nicht, dass diese Dinge folgenlos im Gestern verrotten, ich finde vielmehr, dass sie noch von Relevanz für Gegenwart und Zukunft sein sollten.

Denn wenn es mit der deutsch-französischen Freundschaft schon nicht mehr so weit her ist, möchte ich umso dringlicher auf die Geschichte einer spezifisch ostdeutschen Frankreichsehnsucht hinweisen. Und damit meine ich weniger die vergilbenden Ausgaben der kommunistischen Tageszeitung L’Humanité an den Kiosken oder das Schulbuch Bonjour les amis, in denen die Widrigkeiten des kapitalistischen Alltags der armen Franzosen in grauestmöglichen Farben geschildert wurden. Vielmehr war es doch immerhin so, dass die Forderungen nach Reisefreiheit im Herbst 1989 in aller Regel mit »Einmal Paris sehen« begründet wurden. Um Hannover oder Wuppertal ging es, bei allem Respekt, bei diesen Sehnsüchten weniger. Und dass in den sogenannten neuen Bundesländern danach der Re­nault 19 jahrelang zum meistgekauften Auto wurde, zeitweise deutlich vor dem VW Golf: Das muss ja auch seine Gründe gehabt haben. Selbst Erich Honecker hatte sich ja schon am liebsten in einem Citroën CX ­herumfahren lassen, Geschenk aus Frank­reich, dessen sagenhafte Hydraulik­federung ihn ganz gut über die Rumpeligkeit seiner Auto­bahnen hinweggetröstet haben dürfte. Außerdem war das Tankstellennetz Ostdeutschlands dann ohnehin ganz schnell in französischer Hand. Wer sich heute noch für die Hintergründe interessiert, googelt bitte unter den Stichworten Minol und Leuna-Affäre. Ich kannte damals jedenfalls viele im Osten, die lieber der Bretagne oder der Bourgogne beigetreten wären als der Bundesrepublik.

Die Geschichtsschreibung wirkt manchmal ein

Angeregt hatte das der Pariser

Jack Lang, der notorische Kulturminister von Mitterrand, hatte eingeladen, ein Mann mit exzellenten Deutschkenntnissen. Organisiert hatte es dann der Ostberliner Ku­rator Christoph Tannert, der mehr oder weniger die komplette Untergrundszene vom Prenzlauer Berg einfliegen ließ, um den Franzosen vor Augen zu führen, dass diese ostdeutschen Kunstberserker tatsächlich von einem völlig anderen Stern kamen als die bundesdeutschen Kulturati, die sich zu dem Zeitpunkt in ihren Zweithäusern in der Provence schon lange nichts mehr vormachen ließen, was das savoir-vivre betrifft. Auf den Filmaufnahmen von damals sieht man jedenfalls den späteren Documenta-Teilnehmer Via Lewandowsky sehr hager und mit weitem Feldmantel in der Ausstellung stehen, als wäre er eben zu Fuß aus einer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, und eine Dolmetscherin übersetzt dem ernst dreinblickenden Meister verschreckte Journalistenfragen: »Viele ausgestellte Bilder zeigen grausame Szenen. Sehr viel Blut. Auch im Kino gibt es eine Menge sehr hoffnungsloser Szenen. Ist das repräsentativ für Ostdeutschland?«

Es ist dabei wichtig, sich

Es muss für beide Seiten

Was unter diesen Bedingungen an

Die DDR wurde dann, wie

Das taten sie dann auch.

So kann man den Gleichklang

»Die starke Verbreitung des Französischen in der Welt überhob den Franzosen die Notwendigkeit, Fremdsprachen zu erlernen«, schrieb Artur Rosenberg, der damalige Frankreichkorrespondent der Zeit, 1953 aus ­Paris: »Dadurch aber verkümmerten die Organe zur Aneignung fremder Sprachen ganz auffallend.« Ausgerechnet der verlorene Krieg von 1870/71 habe die Bereitschaft, Deutsch zu lernen, dann gehörig angekurbelt: »Von 1872 bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges stand das Deutsche mit 58 bis 60 von Hundert weitaus an erster Stelle der Fremdsprachen in den Gymnasien. Erst 1915 übernahm Englisch die führende Rolle.« Seitdem sind die Zahlen so weit zurückgegangen, dass man von Glück sagen kann, wenn zumindest hin und wieder ein Stadion voller Franzosen im Chor einfache, klare Aussagesätze wie »Ich tu dir weh« und »Tut mir nicht leid« aufsagt. Umgekehrt ist es schließlich so, dass die letzten Chansonniers aus Frankreich, die in Deutschland einen ähnlich großen Erfolg hatten, Daft Punk hießen, und zwar vermutlich nur deshalb, weil die Discomusik machten, in deren Texten nicht eine Silbe Französisch vorkommt.

Das also wäre, mal so

Die Revolution von 1989 hatte

Nun war allerdings in der

Wieso nun ausgerechnet Französisch zur

Es würde die sogenannten Franzosenfresser unter Deutschlands Dichtern und ­Denkern jener Zeit nicht weniger schillernd und nicht weniger problematisch ­machen, wenn mal ein Historiker belegen könnte, was ich heimlich vermute: dass ihr teutonischer Furor auch daher rührte, dass ganz einfach grammatische Konstruktionen wie mérite-t-elle sie in den Wahnsinn ­trieben.

Mich haben sie ja auch

Mag sein, dass das nicht die seriösesten Beweggründe für den Erwerb einer Fremdsprache sind. Man kann sich natürlich stattdessen auch aus der blutigen Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen von Karl dem Großen bis hoch zu Schumachers Foul an Battiston 1982 eine Art staatsbürgerliche Pflicht zum Vokabellernen ab­leiten. Man kann sich vor Augen rufen, wie viel Französisch nicht zuletzt durch den Zuzug der Hugenotten eh schon im Deutschen steckt, angeblich sogar in Wörtern wie Kuscheln, Kinkerlitzchen und dem Ausruf »Ach, menno!« (Das erste kommt von coucher, das zweite von quincaillerie – Eisenwaren – und das dritte, vermutlich, von mais non, aber nein.)

Ich könnte in der Hinsicht

Ich aber hatte mich explizit in das Fremdartige daran verliebt. Es war, vermutlich, ein klarer Fall von Exotismus. Aber das ist immerhin ein wirksamer Antrieb. Nach zwei Jahren fühlte ich mich bereit, in der fremden Sprache mit den fremden Menschen im Sinne von Anne Berest Zungenküsse auszutauschen, und fuhr in Tanzstundenabschlussballstimmung der Jugend Frankreichs entgegen. Cependant… Auch das Debakel ist ein französisches Lehnwort. Ebenso wie der Schock, der Chauvinismus und die Arroganz.

Es wäre einfacher gewesen, stattdessen Altgriechisch zu lernen und mit den ­Statuen im Louvre ins Gespräch zu kommen. Freunden, die auf Englisch etwas fragten, wurde prinzipiell auf Französisch geantwortet. Mir hingegen, der ich es in der Landessprache versuchte, gleich gar nicht. Vermutlich waren meine Fragesatzkonstruktionen nicht immer ganz korrekt, ziemlich sicher stimmte auch manchmal mit dem Subjonctif etwas nicht. Manchmal verzogen die Angesprochenen das Gesicht, als würde ich gerade mit einem Vorschlaghammer ihre schöne Sprache verbeulen. Was blieb, war die merkwürdige Mischung aus Bewunderung und Enttäuschung, von der auch die Teilnehmer des Ostkunst-Festivals im Schlachthof La Villette damals berichtet hatten. Es war im Prinzip die Gefühlslage, die jeder kennt, der von der berühmten französischen Küche gehört hat und dann beim Centre Pompidou einen Croque-Monsieur vorgesetzt bekommt, der die Frage rechtfertigt, ob dies nicht eher das Land mit dem schlimmsten Essen der Welt ist. Die einzig sinnvolle Antwort auf dieses im Grunde ja ganz banale Touristenelend ist eigentlich die, die Flake Lorenz und Paul Landers von Rammstein gegeben haben: Heimfahren, an sich arbeiten, neuen Versuch wagen.

Vielleicht waren die Neunziger schlicht

Wenn man nämlich an der Atlantikküste einfach immer weiter hinunterfährt, kommt nach dem etwas steifbeinigen Biarritz irgendwann die sehr aufregende Stadt San Sebastián, wo die Menschen in wüst schnatternden Trauben vor den Lokalen stehen und auch jemanden, der bisher kein einziges Wort Spanisch gesprochen hat, begeistert in ihre Mitte nehmen, bis es längst schon wieder hell ist. An exotischen Reizen fehlte es auch ihrer Sprache nicht: Diese Leute malten manchmal hübsche kleine Mittelmeerwellen über ihr N, und die ­Frage- wie die Ausrufezeichen machten Kopfstand vor den Sätzen. Dafür schrieben sie aber alles so, wie es gesprochen wurde, und umgedreht. Das Beste daran: Wer das einmal gelernt hatte, konnte nicht nur in einem der faszinierendsten, schönsten und kommunikativsten Länder Europas jederzeit mit jedem dicke Freundschaften schließen, sondern auch in Südamerika, in Mittelamerika und in Nordamerika. In Nord­amerika übrigens nicht nur wegen Mexiko, sondern weil in den USA Spanisch dem Englischen als meistgesprochene Sprache an vielen Orten schon den Rang abgelaufen hat. Französisch sprechen sie dort hingegen heute nicht mal mehr in Louisiana, wo zwar viele noch französische Nachnamen haben, aber meistens nicht mehr als das Wort ­Entrée draufhaben, was für sie dann allerdings nicht Vorspeise heißt, sondern Hauptgang. Die paar Kanadier, die rund um Montreal Französisch reden, haben wiederum offensichtlich einen Akzent dabei, der im Mutterland zutiefst beargwöhnt wird. ­Ansonsten konnte man mit der Sprache, abgesehen von ein paar Ferieninseln für schnorchelnde Milliardäre in der Karibik, vor allem Länder bereisen, die der französische Kolonialismus in einem Zustand wirtschaftlicher Not und/oder endloser ­Bürgerkriege hinterlassen hatte.

Entonces … ¡Adiós, señoras y señores franceses!

Die Rechnung war dermaßen einfach, dass ich ungefähr zwei Jahrzehnte lang fast nur noch in Ländern unterwegs war, wo der Subjonctif einfach Subjuntivo heißt und viel regelmäßiger gebildet wird. Und die Folgen muss mein armer Lehrer Philippe jetzt ausbaden, wann immer ich in unserem Konversationskurs am Institut français versuche, ihm spanische Vokabeln als französische unterzujubeln.

Man musste einen kleinen Einstufungstest

Aber dann wird umso stoischer

Nun gibt es tatsächlich erste, zaghafte Erfolge zu vermelden. Es ist nur nicht ganz klar, ob das an mir liegt, an Philippe oder an der Zeit, die vergangen ist. Wenn ich jetzt wieder nach Paris fahre, kommt mir die Stadt kleiner vor als damals, die Leute dafür aber großmütiger. Irgendwann saß ich sogar mit der erwähnten Anne Berest zusammen im berühmten »Café Flore«. Sie hatte mit ihrer Schwester zusammen ein Buch über ihre Großmutter geschrieben, das allein Grund genug wäre, die französische Sprache zu erlernen. Denn unverständlicherweise hat es bisher kein deutscher Verlag übersetzt. Dabei geht es in Gabriële um die Frau, die Francis Picabia geheiratet und Marcel Duchamp geliebt hat, eine Frau, die hinter den Karrieren von gleich zwei der bedeutendsten Künstler der Moderne steckte, nachdem sie selbst als Pianistin und Komponistin Furore gemacht hatte, unter anderem im wilhelminischen Berlin.

Wir sprachen über das Buch.

Nun klingt es ungleich charmanter,

Umso bemerkenswerter ist die Geduld, die einem in Paris auf einmal auch von Leuten entgegengebracht wird, die kein Deutsch können. Aber wenn man früher auf Englisch fragen musste, um eine Antwort auf Französisch zu bekommen, ist es jetzt umgekehrt. Die wahre Umwälzung durch das Internet hat offensichtlich in Frankreich stattgefunden. Das Englische ist auf einmal kein Problem mehr, sondern ganz normal. In Bezug auf die Beziehung, die wir wieder anbahnen, das Französische und ich, hat es ungefähr die Funktion eines Mediators. Man kann darauf bei Bedarf ausweichen. Als ich neulich trotzdem stur weiter das geredet habe, was ich für Französisch hielt, hat die Wirtin der kleinen südfranzösischen Pension mit genau den gleichen Accents aigus über den Augen zugehört, die ich in solchen Fällen auch von meinem Lehrer Philippe kenne. Es war eine Szene wie aus einem der französischen Filme, die ich mir einbilde, als Kind im DDR-Fernsehen immer gesehen zu haben: Die Tafel stand draußen vor dem Landhaus, das so tat, als wäre es ein kleines Château. Rechts davon graste ein Schimmel. Links wuchs Gras aus einem weißen Peugeot 205. Ein Monsieur mit sehr alten Tätowierungen auf den Unterarmen hatte ein Kaninchen gekocht, rauchte selber aber lieber Filterlose, statt zu essen, denn es war wirklich ein bisschen heiß für Kaninchen an diesem Mittag. Deswegen bestand die Wirtin darauf, wenigs­tens ausreichend zu trinken – allerdings nicht nur Wasser, sondern vor allem Rosé aus der Region. Ein paar durchreisende Gäste aus Spanien wollten Kaninchen wie Roséwein in hohen Tönen loben und baten mich zu übersetzen. Denn gemessen an deren Fremdsprachkenntnissen war sogar mein Französisch exzellent. Dann schwärmten sie der Wirtin von Reisen in die ihrer Ansicht nach sehr exotische Stadt Berlin vor. Diese hörte sich das auch alles mit gro­ßem Interesse an, warf gelegentlich Rück­fragen auf Englisch ein, von denen ich mich, wie gesagt, nicht abhalten ließ, es in ihrer eigenen Sprache zu versuchen – und dann passierte es: Sie nickte, als verstünde sie mein Französisch zumindest teilweise tatsächlich. Nur ganz beiläufig korrigierte sie hier mal ein falsch gesetztes Imparfait, dort ein Passe composé.

Seitdem ist mir um das