»Ein solches Gespräch ist ein Zeichen der Wertschätzung«

Wie spricht man Freunde auf deren Probleme an – ohne dabei verletzend oder herablassend zu sein? Der Psychologe Horst Heidbrink verrät, wie man den richtigen Ton und den besten Zeitpunkt für eine Intervention erwischt. Und wann man besser nichts sagen sollte.

Eine persönliche, angenehme Atmosphäre ist für ein Problem-Gespräch von Vorteil.

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SZ-Magazin: Ein hypothetischer enger Freund hat ein handfestes Problem. Sagen wir, er trinkt zu viel. Wie spreche ich ihn am besten darauf an?
Horst Heidbrink: Unsere besten Freunde haben wir meistens schon erstaunlich lange. Daher wissen wir eigentlich, wie wir mit ihnen umgehen sollten, auch in Konfliktsituationen. In einem Fall, wie Sie ihn schildern, sollte man den Mut haben, das Problem offen anzusprechen. Auch auf die Gefahr hin, dass man erst einmal auf Ablehnung stößt. Darauf müssen Sie sich sogar einstellen. Umso wichtiger ist es, das Gespräch vorsichtig anzugehen. Sie müssen Ihrem Gegenüber die Möglichkeit geben zu überlegen, ob Ihre Kritik beziehungsweise Ihre Einschätzung zutrifft oder nicht.

Kann ich einen geeigneten Rahmen für so ein Gespräch schaffen
So schwierige Themen besprechen Sie am besten von Angesicht zu Angesicht und in einer persönlichen, angenehmen Atmosphäre. Suchen Sie eine Situation aus, in der Sie den anderen etwas vorwarnen können. Damit meine ich keinen Anruf oder eine SMS mit einer Ankündigung, das führt nur zu Grübelei oder einer falschen Erwartung. Aber äußern Sie, bevor Sie das Thema ansprechen, dass es Ihnen schwerfällt, darüber zu reden, und dass Sie es trotzdem tun, weil es Ihnen wichtig ist. Das schafft ein Stück Nähe. Tatsächlich bedeutet dieser unangenehme Schritt für die Freundschaft ja etwas Positives, denn Sie vermitteln dem anderen damit, dass Ihnen etwas an ihm liegt. Dass Sie sich Gedanken gemacht haben und eben nicht einfach über ein Problem hinweggehen, weil es Ihnen egal wäre. Letztlich ist ein solches Gespräch ein Zeichen der Wertschätzung für Ihr Gegenüber und für die Freundschaft, und das müssen Sie rüberbringen.

Wie finde ich die richtigen Worte?
Sie müssen Ihrem Gegenüber vorsichtig klarmachen, dass Sie sein Verhalten nicht gut finden und nicht unterstützen, dass es aber auch keine Gefährdung für die Freundschaft ist. Und vor allem: dass Sie bereit sind, ihn zu unterstützen, wenn er sein Verhalten ändern will. Also konstruktiv sein. Im Falle des trinkenden Freundes könnten Sie anbieten, gemeinsam abstinent zu sein. Schließlich gehört es zu den ungeschriebenen Freundschaftsgesetzen, Hilfe anzubieten. Durchaus auch ungefragt. Je nach Schwere des Problems können Sie zu Beginn des Gesprächs auch ein Hintertürchen offenlassen: »Wenn du das total daneben findest, dann vergiss es einfach wieder. Ich wollte es aber mal ansprechen.«

Gibt es in solchen Gesprächen Dinge, die man auf gar keinen Fall tun sollte?
Freundschaften sind Beziehungen zwischen Gleichgestellten, anders als Eltern und Kind oder Chef und Angestellter. Entsprechend sollten Sie nicht belehrend oder von oben herab sprechen, sondern auf Augenhöhe. Vorhaltungen nutzen wenig, Schuldzuweisungen, Anweisungen oder sogar Beschimpfungen ebenfalls nicht. Generell sollten Sie sich vor dem Gespräch darüber klarwerden, ob Sie es nur führen wollen, um sich selbst besser zu fühlen, so in dem Sinne: Ich hab es ihm gesagt, aber er macht es ja eh nicht. Es darf nicht der Eindruck beim anderen entstehen, Sie wollten sich wichtig machen.

Ist es ratsam, weitere Freunde mit ins Boot zu holen?
Das kommt auf das Problem an, kann aber Sinn ergeben. Wir wissen aus empirischen Untersuchungen, dass in engen Freundeskreisen Verhaltensweisen sozusagen diffundieren. Zum Beispiel die Menge an Alkohol, die konsumiert wird, oder auch das Gewicht. Wenn es im Freundeskreis viele Übergewichtige gibt, neigen viele der anderen auch irgendwann zum Übergewicht, weil Freunde sowohl im Positiven als auch im Negativen Vorbilder füreinander sein können. Das ist eine Art Gruppendruck, und wenn man sich dessen bewusst ist, kann man versuchen, im Freundeskreis die Regeln zu ändern. In Ihrem Beispiel also dafür zu sorgen, dass weniger getrunken wird.

Alkoholkonsum ist ab einem gewissen Punkt gefährlich, deshalb wäre es fahrlässig, das nicht anzusprechen. Aber was ist mit der Partnerwahl eines Freundes?
Ein ganz schwieriges Problem, und in den meisten Fällen wird man dabei auf Widerstand stoßen. Man muss sich aber auch fragen, warum man glaubt, die Wahl des Partners besser einschätzen zu können als der Freund. Das ist ja meistens nicht der Fall. Wenn man ehrlich ist, ist es häufig eher so, dass man den neuen Partner selbst unsympathisch findet und dann Angst hat, was es für die Freundschaft bedeutet, wenn der oder die unsympathische Neue ab sofort oft dabei ist. Man fürchtet, dass die Freundschaft dadurch gefährdet ist. Das heißt aber nicht, dass Sie dem Freund etwas vormachen und in Begeisterung ausbrechen sollten, wenn er fragt, wie man den neuen Partner findet. Da sollte man seine Vorbehalte schon äußern, aber vorsichtig.

Kann ich so ein Gespräch outsourcen? Möglicherweise ist jemand anderes ja viel geeigneter, es zu führen.
Wenn Sie im Freundes- oder Verwandtenkreis jemanden kennen, von dem Sie denken, er könne erfolgreicher intervenieren, dann können Sie denjenigen hinzuziehen. Aber Sie müssen natürlich vorsichtig sein, dass Sie keinen Vertrauensbruch begehen. Wenn es um ein Thema geht, das Ihnen der entsprechende Freund im Vertrauen mitgeteilt hat, sollten Sie niemand anderen einweihen.

Was ist mit eher peinlichen Problemen? Mundgeruch zum Beispiel.
Das sind oft Probleme, von denen der andere nichts weiß, und ich finde, dann hat man in einer engen Freundschaft auch die Pflicht, das anzusprechen. Denn wer sollte das sonst tun? Also suchen Sie sich eine ruhige Minute und sprechen es an, vielleicht auch mit dem Verweis darauf, dass Sie denken, er wisse von dem Problem gar nichts. Das wird im ersten Moment trotzdem eine Zumutung und peinlich für ihn sein. Aber letztlich wird er Ihnen dafür dankbar sein, denn das kann die Erklärung für viele ihm sonst unverständliche Reaktionen sein, wenn etwa Gesprächspartner einen Schritt zurückweichen oder Ähnliches.

Woran merke ich, ob sich ein Gespräch überhaupt lohnen wird?
Wenn es um enge Freundschaften geht, können Sie das gut einschätzen. Aber es gibt immer Themen, auch in langjährigen Freundschaften, die sich nicht lohnen. Ein aktuelles Beispiel wäre die Corona-Pandemie. Wenn Sie sehr vorsichtig sind, ein guter Freund die Corona-Maßnahmen aber für Quatsch oder die Pandemie für eine Erfindung hält, sollten Sie darüber reden, aber eben nur solange das Gespräch produktiv bleibt. Denn wahrscheinlich werden Sie in diesem Fall die Erfahrung machen, den anderen nicht umstimmen zu können. Und dann haben Sie mehrere Möglichkeiten: Sie können das Thema ausklammern. Sie können versuchen, einen Kompromiss für den Umgang zu finden, etwa weiter Kontakt haben, aber nur unter Einhaltung der Abstandsregeln. Oder Sie können die Freundschaft erst einmal auf Eis legen, wobei ich das bei langjährigen Freundschaften eigentlich nicht empfehlen würde.

Es heißt ja, mit echten Freunden könne man über alles sprechen. Stimmt das gar nicht?
Die Basis für Freundschaft sind gegenseitige Sympathie, ähnliche Interessen und ähnliche Einstellungen in ein paar Bereichen. Das heißt aber nicht, dass wir in allem und jedem übereinstimmen müssen. Auch in engen, langjährigen Freundschaften werden oft bestimmte Themen ausgeklammert. Wenn Sie etwa wissen, dass ein Freund eine ganz andere politische Einstellung hat, müssen Sie ja nicht bei jedem Treffen darüber diskutieren, schon gar nicht, wenn Sie das beide ärgert. Wenn es Themen gibt, die nur für Konflikt sorgen, kann man diese aus der Freundschaft raushalten. Und hoffen, dass es noch genügend andere Themen gibt.