Mr. und Mrs. Botox

Vor zwanzig Jahren entdeckte der Hautarzt Alastair Carruthers zusammen mit seiner Frau die faltenglättende Wirkung von Botox. Die Entdeckung änderte die Welt. Das spätere Milliardengeschäft der Kosmetikindustrie ging an dem Paar spurlos vorüber. Doch darüber können die beiden nur milde lächeln.

SZ-Magazin: Sie haben mindestens eine herbe Enttäuschung im Leben weggesteckt. Aber man sieht Ihnen nichts an. Weil Sie sich beide mit Botox behandelt haben?
Jean Carruthers:
Ich habe mein Gesicht vor elf Jahren liften lassen und ich glätte meine Falten mit Botox, ich bin da sehr offen. Als kosmetische Ärzte müssen wir gut aussehen, weil wir das Produkt anwenden, das wir verkaufen. Aber ich finde, uns sind die Freuden und Sorgen anzusehen, die uns das Leben beschert hat. Botox sollte die Fähigkeit des Individuums, sich auszudrücken, nicht einschränken.
Alastair Carruthers: Welche Enttäuschung meinen Sie überhaupt?

Sie beide haben 1991 als Erste die faltenglättende Wirkung des Nervengifts Botox wissenschaftlich beschrieben. Aber Sie haben sich die Behandlung nicht patentieren lassen.
Alastair Carruthers:
Ja, wahrscheinlich würden wir es heute ein bisschen anders machen.

Ein bisschen anders? Sie haben Milliarden verschenkt!
Jean Carruthers:
Ein Patentanwalt in Toronto sagte mir damals, dass die kosmetische Behandlung mit Botox kein Patent rechtfertige. Heute würde ich einen zweiten und dritten Anwalt konsultieren.

Eine krasse Fehleinschätzung des Anwalts. Tragen Sie ihm das nach?
Jean Carruthers:
Nein, wir haben so viel Spaß an unserer Arbeit, mit oder ohne Patent.

Hätten Sie sich irgendwie an der Botox-Produktion der Firma Allergan beteiligen können?
Jean Carruthers:
Nicht ohne unsere akademische Unabhängigkeit aufzugeben, und das möchten wir keinesfalls.

Kaum zu glauben, dass Sie das so gelassen wegstecken.
Jean Carruthers:
Warum sollen wir in der Vergangenheit stecken bleiben? Wir haben in den zurückliegenden Jahren viele andere Dinge gemacht. Wir haben eine gut laufende Praxis in Vancouver und publizieren Forschungsberichte. Und wir wollen auch ein ganz normales Leben führen.

Frau Carruthers, Sie wirken für eine 62-jährige gebotoxte Frau erstaunlich natürlich.
Jean Carruthers:
Danke für das Kompliment.Die Schauspielerin Katharine Hepburn hat Sie, Herr Carruthers, »sehr gutaussehend« genannt.

Wozu brauchen Sie Botox?
Alastair Carruthers:
Ich habe nur meine senkrechten Stirnfalten verschwinden lassen, sie können beim Mann bedrohlich wirken. Die waagrechten Linien dagegen signalisieren Neugier und Anteilnahme. Ich habe mir auch Botox in die Achselhöhlen spritzen lassen, um die Schweißbildung zu verhindern, weil wir viele Vorträge halten. Das war zwar unangenehm, aber die Mühe wert!

Botox ist das tödlichste Gift, das der Welt bekannt ist, richtig?
Alastair Carruthers:
Richtig, aber Botox ist ein Fragment eines Proteins, und bei einer kosmetischen Behandlung bekommt man ein bis drei Milliardstel eines Gramms verabreicht. Kein Problem für den Körper.

Manche Leute werden Botoxsüchtig.
Alastair Carruthers:
Botox macht süchtig, wie man süchtig nach Zähneputzen werden kann, weil es das gewünschte Resultat liefert. Es macht nicht süchtig im chemischen Sinn.

Und die Nebenwirkungen? Manche Mediziner sagen, Botox schade dem Gedächtnis.
Jean Carruthers:
Es gibt keine wissenschaftlich fundierten Informationen dafür. Aber es gibt solide Forschungsresultate, die Botox mit Stimmungsaufhellung in Verbindung bringen, vor allem für Leute, die unter Depressionen leiden.

Wie haben Sie die faltenglättende Wirkung von Botox überhaupt entdeckt?
Jean Carruthers:
Es war eine eher zufällige Beobachtung: Ich habe damals, wie viele andere Augenärzte auch, Botox als Neuromodulator gegen Probleme wie unkontrolliertes Zucken der Augenlider oder zwanghaftes Blinzeln eingesetzt.

Was ist ein Neuromodulator?
Jean Carruthers:
Eine chemische Substanz, die die Arbeitsweise des Nervensystems beeinflusst. Eine Patientin sagte, wenn ich ihr Botox in die Stirn injizierte, würden die Falten verschwinden.
Alastair Carruthers: Am nächsten Tag war es sehr hektisch in der Praxis und nachmittags sah die Empfangsdame ziemlich gestresst aus. Jean sprach mit ihr, und, zack, zack, sah die Empfangsdame ganz entspannt aus!

Wie: zack, zack?
Jean Carruthers:
Oh, ich habe ihr Botox gespritzt.

Sie hat sich mal eben, wie ein Versuchskaninchen, Botox spritzen lassen?
Jean Carruthers:
Ja, aber in einer extremen Verdünnung, das dürfen Sie nicht vergessen. Meine Angestellte war kein bisschen besorgt – ich behandelte unkontrolliertes Augenzucken schon seit Jahren mit Botox.

Haben Sie Botox gleich an Ihren eigenen Falten ausprobiert?
Jean Carruthers:
Aber ja doch. Ich kann von mir sagen, ich habe die Stirn seit 1987 nicht mehr gerunzelt!

Haben Sie sich damals vorstellen können, wie Botox einschlagen würde?
Alastair Carruthers:
Man weiß es nicht wirklich, bis es eintrifft. Wir konnten die fantastische Wirkung von Botox an Patienten beobachten. Aber wir haben nicht geahnt, dass einst Krankheiten wie Depression, Migräne und andere Schmerzsyndrome damit behandelt würden.
Jean Carruthers: Es ist eine Revolution. Botox ist wirklich genial. Nicht nur, weil es keines chirurgischen Eingriffs bedarf. Man muss auch niemandem verraten, dass man etwas hat machen lassen. Es ist absolut diskret.

Was ist das für ein Gefühl, die Welt verändert zu haben?
Jean Carruthers:
Wir sind stolz, dass es so vielen Menschen hilft. Und es ist schön, dass sich etwas Positives mit unserem Namen verbindet.

»Der heilige Gral ist die neue Botox-Creme«

Wenn Sie schon nicht Milliardäre geworden sind, bekommen Sie wenigstens Anerkennung dafür?
Jean Carruthers:
Uns fragen Kollegen um Rat. Wir halten auf der ganzen Welt Vorträge. Oprah Winfrey hat uns erwähnt. Bestürmen uns Bewunderer auf der Straße? Nein. Aber wenn wir ein Restaurant in Vancouver betreten, kennen wir eine Menge Leute. Patienten natürlich!
Alastair Carruthers: Sie schauen weg und wir schauen auch weg. Aber in Brasilien sind wir Stars. Da wird unser Besuch in den Nachrichten gemeldet.

Ach! Warum denn das?
Jean Carruthers:
Die Menschen dort verstehen, wie wichtig das Aussehen ist. In Nordamerika, in Europa und Asien denken die Leute immer noch, gutes Aussehen sei ein Luxus und keine Notwendigkeit. Sie verwechseln Selbstachtung mit Eitelkeit.

Aber manche gehen doch zu weit in ihrem Jugendwahn, finden Sie nicht?
Jean Carruthers:
Ich glaube nicht, dass die Leute alle wie 16 aussehen wollen. Sie möchten frisch aussehen, energiegeladen, aktionsbereit, gut gelaunt. Niemand will müde und niedergeschlagen wirken. Heute muss man gut aussehen, um seinen Arbeitsplatz zu behalten. Es gibt solide Untersuchungen, die zeigen, dass man schlechter behandelt wird, wenn man zornig, deprimiert oder ausgelaugt aussieht. Das habe ich nicht erfunden. So sind die Menschen.

Aber manche Leute sehen zu geliftet und aufgepolstert aus, das muss Ihnen doch auffallen?
Alastair Carruthers
: Ich weiß nicht, wo diese Leute wohnen, in Manhattan oder Beverly Hills vielleicht? In unserer Praxis in Vancouver haben wir sie nicht.
Jean Carruthers: Nur selten kommen Patienten mit unrealistischen Erwartungen zu mir. Zu ihnen sage ich: »Sie sehen jetzt fabelhaft aus. Wenn wir mehr verändern, wirkt es übertrieben.« Ich bin für die leichte Unterbehandlung, damit es natürlich wirkt. Wenn ich jemandem die Wangen mache, lasse ich vielleicht die Mundfalten stehen. Oder behandle die Augenbrauen, aber die Krähenfüße nicht.

Trotzdem – wird unser Schönheitsideal nicht von Hollywood diktiert? Sollen wir nicht alle aussehen wie Demi Moore?
Jean Carruthers:
Nein. Die meisten Frauen wollen für sich selber so gut wie möglich aussehen. Nicht jünger, nur dem Alter angepasst.

Geraten Frauen nicht immer stärker unter Druck?
Jean Carruthers:
Niemand ist gezwungen, Botox anzuwenden. Aber Leute, die es vorziehen, ihr Aussehen nicht zu erhalten, sollten nicht enttäuscht sein, wenn sie anders behandelt werden. Eine gewisse Altersdiskriminierung schleicht sich allerdings ein, das gebe ich zu.

Manche Leute haben eine dysmorphe Störung: Sie wollen ihren Körper ständig verändern.
Jean Carruthers:
Diese Menschen sind rasch zu erkennen. Sie brauchen Hilfe. Ich schicke sie zu einem Psychologen.

Was ist die Zukunft der kosmetischen Botox-Behandlung?
Alastair Carruthers:
Der Heilige Gral ist die neue Botox-Creme, einfach und sicher anzuwenden.

Wie weit ist man damit?
Jean Carruthers:
Die klinischen Versuchsreihen eins, zwei und drei sind abgeschlossen. Jetzt prüft die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA die Zulassung. Es ist ein Gel, das für eine bestimmte Zeit auf die Haut gestrichen wird. Dann wäscht man es sorgfältig ab. In zwei bis fünf Tagen sieht man schon Resultate! Botox-Creme kann auch gegen Schwitzen oder Rückenschmerzen helfen.

Würden Sie junge Menschen, die noch keine Falten haben, mit Botox behandeln?
Alastair Carruthers:
Wenn ihre Gründe vernünftig sind, wenn sie dauernd ihre Stirn runzeln und deswegen Falten kriegen…warum nicht? Ich behandle Teenager mit Botox gegen übermäßiges Schwitzen, weil es ein großes Problem für sie ist, das sie leicht in Verlegenheit bringt.

Herr Carruthers, war Ihnen die Schönheit Ihrer Frau wichtig, als Sie sie zum ersten Mal trafen?
Alastair Carruthers:
Mir gefiel das ganze Paket! Ich habe mir eine gleichgestellte Partnerin an meiner Seite gewünscht.

Sie arbeiten im selben Hochhaus in Vancouver, warum sind Ihre Arztpraxen getrennt?
Jean Carruthers:
Weil wir verheiratet bleiben möchten.

Können Sie auch etwas Positives über das Altern sagen?
Alastair Carruthers:
Es sind die gesammelten Erfahrungen, die das Leben interessant machen.
Jean Carruthers: Stimmt. Aber ich glaube trotzdem, dass man den körperlichen Verfall nicht einfach hinnehmen muss. Ein gewisser Aufwand ist nötig, das gilt für das Gesicht und den Körper genau wie für ein Fahrrad oder ein Auto.

Leider kann Botox das Gehirn nicht verjüngen.
Jean Carruthers:
Aber durch Bewegung bilden sich neue Gehirnzellen. Ich habe mein Auto verkauft, radle oder laufe zum Bus. Wir schnorcheln und haben Surfen gelernt.

Wie sind Sie so bodenständig geblieben?
Alastair Carruthers
: Ich habe als Hautarzt zwanzig Jahre lang Patienten mit Hautkrebs behandelt. Und Jean hat die Augen vieler Kinder gerettet.

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