Nicht lustig

Der Aprilscherz ist tot. Weil in Zeiten des allgegenwärtigen Internet-Humors von Postillon, Jan Böhmermann oder Jimmy Fallon jeder Tag zum 1. April gemacht wird. Die wirklich überraschenden Scherze kommen heutzutage von Trump, AfD und Erdoğan.

The same procedure as every year - nur leider kein bisschen lustig: Einmal im Jahr räuspern sich die Moderatoren der Morning Shows im Radio und klingen plötzlich ganz ernst. Jene Herren, die sonst so wirken, als hätten sie ihre Morgendosis Crack mit acht Mass Energydrink hinuntergespült, geben sich betont sachlich, denn es gibt spektakuläre Neuigkeiten, meine Damen und Herren: Nach der Mietpreisbremse tritt nun auch die Bierpreisbremse in Kraft. Die E-Mail-Provider hingegen planen flächendeckend Porto einzuführen. Frauen dürfen bald nur noch mit einer lila Plakette Auto fahren. Und die Bundesregierung plant einen Solidaritätszuschlag, um den Problem-BER endlich fertig zu bauen.

Rofl, lol, grunzgrunz - hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse! Morgenkaffee gurgelt aus Nasenlöchern, Toastbrösel werden hysterisch über den Frühstückstisch gehustet. Heute ist der 1. April. Also der »April, April!«-April, an dem es nur drei vernünftige Regeln gibt:
1) das Radio nicht anschalten.
2) Computer, Smartphone, Tablet nicht anschalten.
3) Zum Lachen in den Keller gehen, wenn es schon unbedingt sein muss. Nicht, dass das sonst irgendein Aprilwitzbold auf sich bezieht und sich bestätigt fühlt.

Das kommt jetzt etwas schlecht gelaunt und miesepetrig daher, schon klar. Aber seien wir doch mal ehrlich: Auch, wenn in den Feuilletons seit Jahren das Ende des ironischen Zeitalters ausgerufen und allgemein befunden wird, dass in Zeiten von Terror und Krise eine neue Ernsthaftigkeit von Nöten ist, passiert in Wirklichkeit das Gegenteil. Jeder und alles ist witzig heute - und schuld daran ist natürlich niemand anderes als das böse, böse Internet.

Wer dort keine Pornos anbietet, macht Witze. Der beste Freund, der Nachbar, der Kollege: Überbieten sich in Sozialen Netzwerken mit ironischen Seitenhieben auf das aktuelle Fußballspiel, den Tatort und das Zeitgeschehen im Allgemeinen, als übten sie für ihre eigene Late-Night-Show. Die Postillions, Böhmermanns und falschen Harald Schmidts machen das sowieso, denn die leben wirklich davon. Hinzu kommt die Humor-Elite aus Übersee, die kräftig verlinkt wird - und im grellen Licht der Jimmy Kimmels und John Olivers wirft der deutsche Gebrauchshumor einfach keine allzu große Schatten, der an Karneval und für den ersten April aus der Mottenkiste geholt wird.

(Fachgebiet Internethumor: Jan Böhmermann / Foto: dpa)

Vor allem aber versuchen sich seit einiger Zeit auch noch jene im humoristischen Fach, die früher dezidiert unlustig waren: Die bisher nicht gerade als Spaß-Guerilla bekannte Münchner Polizei veröffentlicht an Ostern Phantombilder eines Hausfriedensbrechers, der Gartenzäune überhüpft (»leicht abstehende Ohren, auffällig lange Schneidezähne, stark behaart, trug einen Korb auf dem Rücken.«). Die Bundesregierung, die meist ernst meinte, was nach Scherz klang, hat jetzt ein Social-Media-Team, das die Trolle trollt. Und sogar Bodo Ramelow, einziger Ministerpräsident der abgesehen vom großen Gysi eher spröden Linken, treibt seine Späßchen mit Verschwörungstheortikern.

Witzchen zu reißen ist immer besser, als mit Förmchen zu schmeißen oder den anderen Kindern das Schäufelchen ins Gesicht zu klatschen, Humor ist eine tolle Waffe, eben weil er entwaffnend sein kann, schon klar. Doch irgendwie wird es langsam ein bisschen viel der guten Laune. Die letzten Menschen, die in dieser Republik noch ab und an ernst dreinschauen, sind Matthias Sammer, Beate Zschäpe und Sigmar Gabriel (nach Landtagswahlen). Der 1. April findet mittlerweile 365 Mal im Jahr statt, in Schaltjahren wie 2016 sogar 366 Mal (Hier bitte selbsttätig einen Witz dazu einfügen: ____________________________.

Um in diesem endlosen Pointenfeuerwerk überhaupt wahrgenommen zu werden, zünden Morning-Show-Moderatoren, gewiefte Marketing-Fachkräfte und ja, auch Journalisten, humoristische Massenvernichtungswaffen und nehmen dabei keine Rücksicht auf Kollateralschäden. Nicht mal die Torpedos, die auf der Meta-Ebene dahinzischen, machen das Anfang-April-Dilemma nur einen Deut besser: T-Mobile Austria etwa bietet dieses Jahr einen Filter gegen Aprilscherze an (»Für unsere Kunden stellen wir sicher, dass auch Humorzeit möglichst effizient eingesetzt wird.«), die Deutsche Welle zitiert eine Studie, die den volkswirtschaftlichen Schaden durch Aprilscherze analysiert (»Wenn wir an der schwarzen Null festhalten wollen, dann sollte sich die Bundesregierung ernsthaft überlegen, Aprilscherze zu verbieten.«).

Dabei ließe sich sich das Modell Aprilscherz wirklich retten. Wäre gar nicht so schwer. Es müsste nur heute Abend unter folgenden Schlagzeilen des Morgens...
- Türkischer Präsident in den USA: Erdoğans Leibwächter greifen Reporter in Washington an
- Bundestagswahl 2017: AfD-Rechtsaußen Höcke visiert 30 Prozent an
- Atomwaffen für Alliierte:
Trump will die nukleare Aufrüstung
... ein kleiner Hinweis stehen: April, April. Schon wäre ich versöhnt.

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