Eine Liebeserklärung an die »Politische Korrektheit«

Die Mehrheit der Deutschen beklagt, es gebe zu viele sozial verordnete Redeverbote. Kann es also sein, dass viele Menschen gar nicht wissen, was »Politische Korrektheit« eigentlich ist? Unser Autor kann es mit ein, zwei Worten erklären.

Schild am Fußballstadion in Braunschweig, das zu höflichem Umgang miteinander gemahnt. Damit ist ein wichtiger Aspekt der »politischen Korrektheit« schon ziemlich gut beschrieben.

Foto: Geogif/istockphoto.com

Politische Korrektheit hat einen eher hässlichen Namen, und den Deutschen reicht es langsam damit. Der Name kommt aus dem Englischen, ist außerordentlich vielsilbig und vereinigt einiges, das irgendwie unappetitlich und anstrengend ist: Politik! Korrektes Verhalten! »Politisch« klingt bestenfalls nach stundenlanger Diskussion in der Bürger-Ini und schlimmstenfalls nach Korruption und Gulag. »Korrektheit« haben wir doch endlich hinter uns gelassen, Korrektheit, wo kommen wa denn da hin, wir sind doch Freigeister, Querdenker*innen, Korrektheit, das klingt nach Schrebergartenverein und Mülltrennung, wir lassen uns doch nicht vorschreiben, wie wir uns zu verhalten haben, Herrschaftszeiten.

Prof. Dr. Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach hat folgerichtig im Auftrag der FAZ abgefragt, dass 41 Prozent Deutschen kritisieren, »political correctness« werde übertrieben. 63 Prozent finden, es gebe »zu viele ungeschriebene Gesetze, welche Meinungen akzeptabel und welche tabu sind«, 59 Prozent finden, man könnte sich eigentlich nur noch unter Freunden »frei äußern«. Woraus die FAZ wohl nicht zu Unrecht die Überschrift ableitet: »Mehrheit beklagt ›politische Korrektheit‹«.

Das ist seltsam und schade. Schade, weil das, was dieser Kampfbegriff bezeichnet, eine wunderbare Sache ist, die man eigentlich nur lieben kann. Vielleicht sollten wir sie anders nennen. Menschenfreundlichkeit. Gutes Benehmen. Respekt.

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Dass solche schönen Verhaltensweisen unschön »politische Korrektheit« genannt werden, ist ein Verdienst US-amerikanischer Neonkonservativer, die mit dieser Wortschöpfung Ende der Achtzigerjahre auf neue Entwicklungen an Colleges und in der Gesellschaft reagierten. Frauen sprachen offen über »date rape«, gesellschaftlich bis dahin tolerierte sexuelle Gewalt in scheinbar mehrdeutigen Situationen. An Colleges wurden Regeln für einvernehmlichen Sex formuliert. Marginalisierte Bevölkerungsgruppen wollten nicht mehr mit den alten Unterdrückungsbezeichnungen belegt werden, sondern selbst entscheiden, wie sie sich nennen und angesprochen werden. Wissenschaftler*innen fingen an, vielfältigere Lehrpläne durchzusetzen. Eine Reihe von Schimpf- und Alltagswörtern verloren ihre scheinbare Unschuld, weil Menschen darauf hinwiesen, dass die Wörter herabwürdigend und ausgrenzend waren. Es gab also einen gesellschaftlichen Trend, der eigentlich recht begrüßenswert klingt: gegen Gewalt, für Vielfalt, gleiche Rechte, mehr Rücksichtnahme. Man könnte fast denken, das wären Ziele, auf die eine Gesellschaft sich würde einigen wollen. In etwa so steht es ja auch im deutschen Grundgesetz, dessen 70. Jahrestag wir dieser Tage feiern.

Wer »politische Korrektheit« ablehnt, lehnt im Grunde ur-konservative Tugenden ab: gutes Benehmen, Höflichkeit im Umgang miteinander, Respekt vor anderen, Eigeninitiative und Verantwortung

Aber immer wieder sagen die Gegner*innen dieser Entwicklung hin zu mehr Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller, ihre Freiheit sei bedroht. Um dieses Gefühl zu einem Akt der politischen Gegenwehr zu erhöhen, kamen US-Neokonservative auf die Idee, all diese Entwicklungen als »political correctness« zu bezeichnen, so, als ginge es um strikte Verhaltensregeln in einer Diktatur, gegen die man sich wehren müsste, um die »freie Rede« zu verteidigen. Also demonstrieren sie im Namen von »free speech«, sobald eine Universität oder ein anderer Veranstaltungsort jemanden aus- oder nicht einlädt, den sie gern gehört hätten, oder sobald Twitter ausnahmsweise Rechte sperrt, die gegen die Regeln der Plattform verstoßen. 

Das Etikett »politische Korrektheit« ist in diesem Sinne ein Geniestreich politischer Propaganda. Ich akzeptiere, dass dieses Etikett vorerst nicht mehr abzukriegen ist, darum sage ich: Ich liebe politische Korrektheit. Denn sich »politisch korrekt« zu verhalten, bedeutet nichts anderes als nett zu sein. Nett im eigentlichen Sinne von: freundlich, zugewandt, rücksichtsvoll. Jene Mehrheits-Deutschen, die laut FAZ die »politische Korrektheit« beklagen, beklagen in Wahrheit ein gesellschaftliches Klima, in dem diese grundpositiven Eigenschaften sich in gewissen Bereichen langsam durchsetzen. Sie beklagen, dass an den Rand gedrängte Menschen für sich selbst sprechen, Aufmerksamkeit und Selbstbestimmung fordern. Sie beklagen, dass sie dafür kritisiert werden, wenn sie Menschen beschimpfen und herabsetzen. Sie beklagen, dass es anstrengend und aufwendig ist, sich an neue Wörter und Bezeichnungen zu gewöhnen und da ein bisschen auf dem Laufenden zu bleiben.

Ich finde das eine merkwürdige Vorstellung von Freiheit. Wer sich gegen »politische Korrektheit« wehrt, will einfach nicht freundlich sein. Wer »politische Korrektheit« ablehnt, lehnt im Grunde ur-konservative Tugenden ab: gutes Benehmen, Höflichkeit im Umgang miteinander, Respekt vor anderen, Eigeninitiative und Verantwortung. Denn das, was ihre Gegner*innen »politische Korrektheit« nennen, kommt ja entgegen ihrer Andeutungen nicht von oben, aus Erlassen und Verordnungen, sondern man muss sich diese Art von Verhalten selber erarbeiten. Indem man anderen zuhört, ihnen Raum lässt, ihnen zugunsten auch mal die Klappe hält, zuhört. Traurig, dass das für so viele Menschen eine so große Zumutung ist.

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