Schaumsterben

In der Badewanne lag man früher in Schwaden von Seifenbläschen. Und heute? Regiert auch da die Effizienz.

Ein Bad zu nehmen, sollte sich anfühlen, wie nach den Wolken zu greifen.

Als neulich Wetten, dass . . ? eingeschläfert wurde, stand in vielen Nachrufen ein ähnlicher Absatz. Es ging darin um die bundesweit genormte Kindheitserinnerung an das samstägliche Baden und um die vertraute Trockenheit von Bademänteln und Salzstangen, die zwingend mit der Show verknüpft waren. Nun, damit ist es vorbei. Nicht nur, weil es kein Wetten, dass . . ? mehr gibt und Salzstangen ein Imageproblem haben. Nein, die Badewanne selbst ist auch anders geworden, genauer gesagt, das Bad. Denn was das Baden in der alten BRD ausmachte, war mehrheitlich ein Badezusatz, der in einer großen grünen Flasche am Rand der Wanne zu stehen hatte und auf dem man schon als Erstklässler die Buchstabenfolge Ba-de-das entziffern konnte.

Die große Flasche hatte einen Schraubdeckel, und der war wichtig. Einmal vollgemacht, war es die Portion, die einer Badewanne voller Kinder zustand. Die Eltern mussten nur das dicke grüne Zeug aus der Flasche in den Deckel füllen und effektvoll in den Wasserstrahl kippen, gleich ließ sich die Verwandlung bestaunen: Geheimnisvolle Schlieren erst, und drei Sekunden später war das ganze Badewasser grün, ein unergründliches, sattes Grün. Es machte die Wanne um drei Meter tiefer. Das Wunder ging aber noch weiter. Wo das Wasser einplätscherte, bauschte sich ein Schaumberg auf, der ganz bestimmt an die Badezimmerdecke reichen würde, wenn es nur lange genug draufplätscherte. Und der Geruch! Als Kind hatte man keinen Namen dafür, aber es roch, wie Baden riechen musste: sauber, heilsam, nach Wald. Das Badezimmer war voll davon, Schwaden von Grün waberten durch die warme Luft, und ein kleines bisschen davon blieb hinterm Ohr bis tief in die nächste Woche.

Das war Badedas. Entwickelt wurde es als »erstes Markenschaumbad der Welt« 1957 in der Fabrik von August Fischer in Bühl. Fischer hatte sich zuvor bereits als Erfinder des UHU in die Geschichtsbücher geklebt. Seine Söhne lieferten mit Badedas ihren Beitrag zum sauberen Wirtschaftswunder ab, der Badeschaum entstand auf Basis von Rosskastanien und mit dem Versprechen, keinen Rand an Haut und Wanne zu hinterlassen.

War man von Badedas zu Duschdas gewachsen, dann war die Kindheit vorbei. Und irgendwann war es auch mit Badedas vorbei. Marke und Rezept wurden von einem Konzern an den anderen verkauft, zuletzt ging es an Unilever, die machen auch Tütensuppen. Unilever baut seit den Neunzigerjahren die Duschdas-Marke aus, die Neunziger und Nullerjahre waren ja eher Duschjahrzehnte. Vielleicht ist es auch deswegen nicht gleich aufgefallen, dass das alte Badedas eine neue Rezeptur verpasst bekommen hat. Die Flasche mit den Riffeln an der Seite ist bis heute annähernd die gleiche geblieben, nur das, was drin ist, hat nichts mehr mit dem drei Meter tiefen Grün von früher und mit Wetten, dass . . ? zu tun. Es ist ein zähes Gel, das die Wanne zu einem trüben, graugrünen Tümpel macht, der nach nichts riecht als ein bisschen Seife. Die Rosskastanie steht noch auf der Flasche, aber sie ist irgendwie verlorengegangen in der Zeit. Unilever sagt, die Rezeptänderung sei notwendig gewesen, »um ein einheitliches, dunkelgrünes Farbkonzept anzubieten«. Außerdem sei lediglich eine »Optimierung der Tenside vorgenommen« worden. Das mag sein, aber in den optimierten Tensiden liegt es sich leider nicht mehr wie in einem verwunschenen Quelltopf, man treibt einfach nur in schwach parfümiertem Wasser. Der Schaum zartknistert auch nicht mehr, er steht großporig herum.

Das wäre nicht so schlimm, wenn es andere Retro-Badezusätze gäbe, die einem das einflüsterten, was man auch als Erwachsener in der Badewanne hören möchte: Schaum drüber, alles wird gut. Gibt’s aber nicht. Stattdessen steht man im Drogeriemarkt vor zwei Metern Funktionsbad, mit eher wenig Schaum, aber viel Botschaft. Roter Mohn und Patchouli versprechen eine »glückliche Auszeit« und »Tiefenentspannung«, alles ist Gesundheitsbad, alles hat tieferen Sinn. Als ob ein therapeutischer Befund vorliegen müsste, ehe man sich ein Bad einlässt. Als ob man auch dabei noch was erfüllen müsste! Nein, das alte Badedas muss her, es war für das Seelenheil mindestens so wichtig wie Grießbrei. Es war ein Familienbad, ein Universalreiniger und vor allem: etwas Besonderes. Duft, Schaum, Farbe – alles war verschwenderisch üppig. Wenn man sich heute, gegen alle Einwände, die so einem Vollbad anhaften, eines einschenkt, dann will man doch bitte wieder in diese ganze herrliche Unvernunftspackung tauchen. Nicht in irgendwas Optimiertes.

Es ist also kein Wunder, dass Menschen aus der ganzen Welt bei Amazon seit Jahren erboste Rezensionen unter die geriffelte grüne Flasche schreiben, mit sehr dürftigen eineinhalb Sternen ist der Klassiker heute bewertet. Furios vernichtende Kritiken liest man da, entworfen von rundum nackten und enttäuschten Menschen. Und bei jedem, der da schreibt, geht es um mehr als nur ein bisschen Schaum. Wetten?

Foto: Wyne Veen

Artikel teilen: